Dabei sein kostet extra

Aus dem Kindergarten geflogen. Nach gerade mal drei Monaten. Von einem Integrationsplatz. Wegen „Fremd- und Eigengefährdung“. Mit drei Jahren.

Das können wir nicht leisten!“, sagt die Kitaleitung. Das ist das jüngste Fundevögelchen.

Mein heißgeliebtes, lautes, widerspenstiges, experimentierfreudiges, gefühlt nie schlafendes, haarereißendes, eigenwillig seiner Wege gehendes Kind. Seiner Wege gehend ist nicht metaphorisch gemeint: Der kleine Unruhegeist lässt sich selten von Türen und Zäunen aufhalten, von Verboten und Erklärungen eigentlich nie. Wirksam sind bislang nur Schlösser, unsere Wohnung gleicht einer Burg. In der Kita passen Schlösser nicht ins Konzept. Damit begründet sich die Eigengefährdung.

Mit einer Höherstufung des Förderplatzes, also mit deutlich mehr als den gut 1600 Euro monatlich, die sie zurzeit für sechs Stunden täglich (von denen das Kind vier Stunden in Anspruch nimmt) erhalten, würden sie das vielleicht doch leisten können.

Inklusion, dieser pädagogische Kampfbegriff, Inhalt vieler Wahlkampfreden läuft anders als gedacht. Ich stellte mir Kitas und Schulen mit Räumlichkeiten und vor allem einem Personalschlüssel vor, der die Teilnahme betreungsintensiver Kinder ermöglicht.  Stattdessen muss jedes Kind seine finanziellen Ressourcen selbst mitbringen bzw. die Erwachsenen, die für das Kind sorgen, müssen die Gelder mehr oder weniger mühsam dem Kinder-und Jugendpsychiatrischen Dienst abringen. Wehe denen, die nicht oder nicht auf deutsch ihr Gegenüber zuquatschen können, denn es handelt sich (siehe oben) um Summen, die kaum ein Haushalt privat aufbringen kann.

Falls ich das System endlich durchschaut haben sollte, gibt es  — zumindest in Hamburg — fünf Förderstufen, jede höhere geriert mehr Geld. Je mehr Geld – sprich Personal – die Kita braucht, desto mehr Probleme müssen beim Kind benannt werden. Bei körperlich und geistig behinderten Kindern ist die Benennung eventuell einfacher, nicht laufen können ist offensichtlicher als weglaufen. Womit ich jetzt nicht behauptet habe, dass schwerbehinderte Kinder leicht einen Kitaplatz finden. Das Gegenteil ist der Fall, im Zweifelsfall findet sich keine Kita, die das leisten kann. Bis zum Sommer besuchte das Fundevögelchen einmal die Woche eine Gruppe der Frühförderung. Aus dieser Gruppe ist kein Kind wie geplant zum dritten Geburtstag problemlos in eine inklusive Kita gewechselt.

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Das Fundevögelchen präsentierte sich bei der ersten Begutachtung als gar nicht förderbedürftig. „Jedes Kind läuft mal weg“. Ach, Herr Gutachter, das weiß ich auch. Seit über fünfundzwanzig Jahren lebe und arbeite ich mit Kindern. Dieses ist das erste, für das ich einen Schlosser bestellte. Sonst verstand ich mich mit dem Gutachter nicht schlecht. Wir waren uns einig, es ist ein schiefes System, das Kinder pathologisiert, um die fatale Betreuungssituation selbst in den inklusiven Kitas irgendwie aufzufangen.

Das ist nicht des Fundevögelchens Schuld, mit diesem moralischen Argument gab es dann doch knurrend Stufe Eins. Jene Einstufung, die der Kita nicht reicht. Zu zweit oder dritt siebzehn Kinder einschließlich des Fundevögelchens zu betreuen ist vermutlich wirklich anstrengend und geht zu Lasten jener Kinder, die nicht dauernd gesucht und beaufsichtigt werden müssen, und die trotzdem gesehen werden wollen, die Zuwendung brauchen, Konzentration, Zeit.

Ich kann das alles verstehen.

Was mir fehlt, ist der Wunsch eine für alle brauchbare Lösung zu schaffen. Warum kriege ich die Problematik in Form einer Kündigung um die Ohren geschlagen? Drei, vier Wochen vorher zu sagen: „Hallo Frau Fundevogel, wir müssen uns was überlegen“, wäre eine freundliche und obendrein lösungsorientierte Variante gewesen. Ein Widerspruch gegen die Einstufung lief zu dem Zeitpunkt schon. Aber der Gutachter fühlte sich in seinen Kompetenzen verkannt, die Kita auch und fürchtete um ihre Gelder, die Sorgerechtsinhaberin (das Fundevögelchen steht unter Amtsvormundschaft) war sauer wegen der Kündigung und suchte mal eben einen komplett ungeeigneten Kitaplatz.

Alle jammerten (ich auch), alle fühlten sich schlecht behandelt, alle bekundeten Verständnis für meine schwierige Lage und schoben die Schuld auf die jeweils anderen und das von der Politik so schief geschmiedete System.

Nach unendlich vielen Telefonaten. „Ich verstehe ja, dass Sie sich geärgert haben, aber könnten wir nicht im Interesse des Kindes …“, hatte ich irgendwann den Eindruck, dass ich mich auch für den diplomatischen Dienst bewerben können. Doch ein gewisser Wille dem System ein Schnippchen zu schlagen entstand.

Neuester Stand heute: Es gibt einen Termin zur Neubegutachtung der Einstufung.

Warum ich mir keinen anderen Kitaplatz suche?

In den gut zwei Wochen seit der Kündigung habe ich mit etwa fünfzehn Kitaleitungen telefoniert und bestätigt bekommen, was ich ahnte: Mal eben ein neuer Platz ist nicht, vielleicht zur Einschulung 2018. Mit etwas Glück ganz eventuell etwas früher, versprechen können wir aber nichts. Und was soll das bitte heißen, die alte Kita hat den Platz gekündigt???

Außerdem gefällt es dem Kind in der alten Kita gut, mir gefällt das Konzept der Einrichtung, der Weg ist kurz, die Erzieherinnen in der Gruppe sind lieb, zugewandt, ideenreich.

Und warum ich nicht selbst betreue?

Es würde dem Kind vielleicht sogar gut tun – mir ganz bestimmt nicht. Das Fundevögelchen ist nicht so gemeingefährlich wie es sich im Kitabericht anhört, aber sehr anstrengend. Ich möchte keinen Ganztagsplatz, vier Stunden reichen. Inklusive Plätze gibt es erst ab sechs Stunden täglich. Der Vorschlag in Form einer Ausnahme auf vier Stunden zu reduzieren und so ein Drittel des Geldes einzusparen passt leider nicht ins …richtig geraten … System.

11 Gedanken zu “Dabei sein kostet extra

  1. Elke H. Speidel Oktober 25, 2017 / 1:52 am

    „Das System“ ist auch in Köln und auch für Kita- Gründerinnen eine mehr als mittelgroße Katastrophe. Genauer darauf einzugehen käme dem Schreiben eines Romans nahe.

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  2. dergl Oktober 25, 2017 / 7:03 am

    Ein mitfühlendes Arrgh! Kennen wir, wenn auch anders. Der Atelier-Kind-Bruder (3), neugierig, naseweis und quirlig, aber bestimmt nicht mehr als Gleichaltrige, bekommt keinen Kita-Platz, weil ein Gehörloser ja so schwer im Zaum zu halten ist.

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  3. Frau Taugewas Oktober 25, 2017 / 12:43 pm

    Liebe Fundevogelmama,

    das ist ja wirklich unschön 😦 Mir ist diese Einstufung nach „Schweregrad“ neu, denn bei uns in NRW gibt es entweder mit oder eben ohne Förderbedarf und keine Abstufungen.. Aber ich kann nicht verstehen, weshalb es so schwer sein soll.. Ich persönlich profitiere ja sehr doll von dem I-Platz der mindestens sechs, doch bis zu neun Stunden am Tag Betreuung ermöglicht, weil ich ja oft in der Uni bin oder mit dem Großkind bei Therapien. Doch dass es nun daran scheitert, dass du weniger Stunden nehmen möchtest – das ist ja kaum zu fassen! Ich drücke Euch die Daumen, dass die Kita mehr Geld bzw. mehr personelle Unterstützung bewilligt bekommt und Dein jüngstes Kind weiterhin zur Kita gehen darf. Zu Hause betreuen finde ich persönlich gerade mit dem Argument der gesellschaftlichen Teilhabe keine Alternative. Im Kindergarten machen Kinder ganz neue und andere Erfahrungen als zuhause – es geht ja nicht nur um Entlastung der Eltern, sondern um die Teilhabe der Kinder. das mag jeder so sehen wie er möchte, ich kenne auch Eltern, deren Kinder sechs Jahre lang daheim betreut werden, doch wenn Bedarf nach einem Kitaplatz da ist, sollten doch vier Stunden am Tag machbar sein..
    Viel Erfolg bei dem Vorhaben, das durchzukämpfen – und starke Nerven!! Und liebe Grüße 🙂

    Frau Taugewas

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  4. fundevogelnest Oktober 25, 2017 / 9:49 pm

    Danke für eure mitfühlenden Worte,

    Elke, das glaube ich sofort. Da ich aber nur mit Mühe verstanden habe, wie es hier läuft, wollte ich nicht den Eindruck erwecken, ich hätte in diesem förderalen Staat den Überblick.
    Vor allen, die es wagen eine Kita zu gründen, habe ich großen Respekt, das braucht bestimmt unendlich viele Nerven und Geduld.

    dergl,vor kurzem hätte ich noch geantwortet: Wo ist das Problem? Gibt doch I-Plätze. Mit gehörlosen Zwillingen hat unsere Kita übrigens kein Problem, es ist wirklich keine schlechte Kita. Nur ist leider ausgerechnet an meinem Kind der Konflikt um Einstufungen und Gelder komplett eskaliert.
    Gibt es bei euch im Ort vielleicht einen Interessenverband Gehörloser? Vielleicht kennen die geeignete Kitas.

    Frau Taugewas, oh das habe ich falsch rübergebracht.Die vier Stunden waren als Entgegenkommen meinerseits gedacht, um Geld zu sparen. Wenn ich einen Sechsstundenplatz hätte, dürfte ich dasKind auch kürzer bringen. Und wenn ihm irgendwann sechs Stunden gefallen sollten, bzw, er sie ohne komplettes Durchdrehen genießen könnte, warum nicht?
    Der Platz steht und fällt damit, dass der Gutachter und die Kita sich auf eine Betreuungsstufe einigen. Wenn nicht, ist am 30.11.Schluss.
    Unterstützend haben wir jetzt noch mal umfangreichere Diagnostik angeleiert, wenn alle die Dinge, die vermutet werden, dingfest gemacht werden,ist dem Kind zwar nicht weitergeholfen, aber es erfüllt möglicherweise irgendwelche Kategorien.Und dann ist ihm auf einer schrägen Ebene evtl.doch geholfen.

    Einen schönen Abend euch allen.
    Natalie

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  5. dergl Oktober 26, 2017 / 6:08 am

    Hallo Natalie,

    es geht weniger darum ob es geeignete Kitas gibt, es geht in vorwiegend, auch mit dem Schulplatz vom Großen, darum, dass die Aussonderung auf Gehörlosenkiga oder- schule, die Kostenträger billiger kommt und das ist ein Kollektivproblem für die hochgradig hörgeschädigten Kinder in der Gegend. Wir kennen keinen, der nicht irgendeinen Hickhack hat. Es haben dieses Jahr mehrere ihre Bewilligung verloren und sitzen jetzt zig Kilometer von zu Hause weg in Internaten. Bei dem Großen wird jedes halbe Jahr darum gebangt ob die Assistenz durch Dolmetscher weiter genehmigt wird. Es ist ein Vorwand (von vielen), dass die Kinder so anstrengend wären. Wir haben keine Ahnung was das gibt wenn die Grundschulzeit um ist, wenn der Große Pech hat „darf“ er dann 40km weiter ins Internat…

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  6. fundevogelnest Oktober 28, 2017 / 10:26 pm

    Hallo dergl,
    Das ist wirklich nicht schön.
    Ich hatte mir unter „geeignet“ tatsächlich eine aufgeschlossene integrative Kita vorgestellt, bin davielleicht immer noch zu optimistisch.
    Hickhack und Inklusion scheint es fast nur im Doppelpack zu geben,höre fast nie,dass es einfach so klappt.
    Eine Frage aus echtem Interesse: Bringt der Dolmetscher des Atelier-Kindes dem Rest der Klasse auch die Gebärdensprache bei oder verständigen die Kinder sich auf ihren eigenen Wegen?
    Natalie

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  7. Nelli Oktober 29, 2017 / 5:03 pm

    Liebe Natalie –
    ich wünsche dir ganz viel Kraft für die Kämpfe. Wir haben zwei tolle Pflegekinder – beide mit einigen Verhaltensoriginalitäten und ich habe mir vorher nicht ausmalen können wie viel Kraft mich die Kämpfe mit dem Umfeld kosten.
    VG Nelli

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  8. fundevogelnest Oktober 31, 2017 / 8:09 pm

    Liebe Nelli,
    Vielen Dank für deinen Kommentar.
    „Verhaltensoriginalität“ ist eine nette Beschreibung,die merke ich mir.
    Ich glaube ich habe es in der ersten Jahren als Pflegemutter mit dem Umfeld fast zu einfach gehabt. Das große Kind ist zwar wahrlich verhaltensoriginell. Aber das drumherum – Kita, Schule, persönliches Umfeld – flutschte einigermaßen. Nun lerne ich halt auch anderes kennen.
    Aber die Hauptsache bleibt doch , wir finden unsere Kinder toll.
    Ich wünsche euch alles, alles Gute.
    Natalie

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