Die Pissnelken des Viertels

Es gibt so wunderbar poetische Blognamen.

Wortgerinnsel zum Beispiel, Mrs. Bettina Postmann, die hinter diesem schönen Blog steht, hat für die ABC-Etüden der Woche  drei Wörter aus ihrem Gerinnsel gefischt:

Pissnelke

verdrehen

krümelig

Die Pissnelke zu googeln ergab für mich ein sehr überraschendes und inspirierendes Ergebnis.

Die Illustration spendete getreulich der Etüdenerfinder Ludwig Zeidler

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Von allein wird der Rücken rund, will sich iglig machen, Zazie lacht, kein gemeines Lachen, nie ist sie gemein zu ihr, aufmunternd ist sie und macht sie doch nicht gerader, Rücken warum bist du nicht wie Zazie, wie Jo oder wenigstens wie Genieferah?

Pissnelken, Spaßbremsen, Zwitter, Lesben, immer wieder Lesben, online, offline, auf der Straße, im Park, auf Facebook und Instagram, in der Schule sowieso, immer wieder Lesben und seit in paar Tagen Pissnelken, Pissnelken online, Pissnelken offline, sie stellt sich ein armselig Blümlein vor, pipifarben, Bodenkriecher, Hunde kacken drauf, Füße zertreten es.

Zazie und Jo leuchtend gelbe Königskerzen, Genieferah unscheinbarer und dennoch gezeichnet, Storchenschnabel vielleicht, die Pissnelke – eindeutig sie.

„Diese Mädels haben ihr den Kopf verdreht, wenn sie bloß von diesen kleinen Lesben ließe, furchtbare Gören, diese hochmütige Schwatte, und dann die Schuleschwänzerin, du weißt, die mit dem Lama und diese arme Kleine mit der Narbe im Gesicht, soll ja ein Adoptivkind aus Russland sein.“

Haben ihr den Kopf in die richtige Richtung gedreht und sind keine Lesben, haben nicht nötig etwas zu sein, sind jung, sind dazwischen, füllen die kleinste Lücke, durchbrechen Regeln wie Löwenzähne Asphalt.

Nachricht von Zazie Pissnelke googeln!

Sind zu anders, um etwas zu sein, brauchen keine Eltern, brauchen keine Zensuren, keine Likes, keine Smiles, keine Männer, keinen Sex, keinen Flirt, keinen Spiegel, keine Zukunft, die Zukunft sind sie selbst, jedes Wort mit Erwachsenen verplemperte Zeit.

Smartphones brauchen sie nur während schmerzhafter Trennung, wenn sie nicht mit nackten Füßen in langen Röcken – Zazies stolzer Afrolook nun ihr aller Stolz – nah beieinander sitzen, schwitzend auf krümeligen Laken, lesen, wirklich lesen, begreifen, in Worte kriechen, in Welten tauchen, Universen gebären sehen, sich einander in Gedichtform offenbaren, zaghaft und tollkühn zugleich.

Nanu, die Pissnelke ist ein Löwenzahn – bittere Blätter, unverwechselbar der herbe Geruch, der schwebende Samen, ihre fliegenden Worte, bereit in jeder Spalte zu erblühen, sofort stolz zum Wappen erkoren, schmierende Sträuße in Haargummis gesteckt, was sind das für eklige Flecken, mein Kind, was tuscheln diese schrecklichen Mädchen, schädliches Unkraut bricht durch jeden Asphalt.

Wenn sie wieder rufen und posten, Pissnelken und Lesben, ists noch immer schwer gerade zu bleiben, unverwundbar zu werden wie Zazie, wie Jo, zum Glück ist da Genieferah und sie, sie ist noch immer dabei.

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Die obige Pflegetochter

Mein Blog ist eine Chimäre, eine Promenadenmischung, ein Cross-Over-Projekt. Beobachtungen aus dem Fundevogelnest mische ich dreist mit dem, was sich in meinem Kopf abspielt und tobe mich nebenbei in meinem neues Hobby ABC-Etüdenschreiben aus.

So kommt, was kommen musste: Eine Pflegefamilienetüde.

Die Inspiration lieferte Petra Schuseil, deren Blog den herausfordernden Namen Wesentlichwerden trägt.

Ihre Wortspende war nicht minder herausfordernd:

Stilblüte

jodeln

banal

Die inspirierende Stilblüte mit den faszinierenden Abkürzungen verdanke ich einem mittlerweile pensionierten  Amtsvormund, der bestimmt gern anonym bleibt. Die reale obige Pflegetochter ist noch nicht 18, wärs aber gern.

An Ludwig Zeidler wie immer Dank für die Graphik.

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Es war noch ordentlich was zu tun, doch stattdessen vertiefte sie sich in die kleine Erinnerungskiste auf ihren Knien, da lag die Kleidung, mit der sie vor vierzehn Jahren hier eingezogen war, ein ausgewaschenes Kinderkleid Größe 86 und Gummistiefel Größe 22, daneben ihr damals einziges Spielzeug, ein schmuddeliges Plüschmurmeltier, das als die Batterien es noch taten, auf Knopfdruck jodelte.

Außerdem gab es einen kleinen Stapel amtlicher Briefe, in denen sie sich nun festlas: „Sehr geehrte Famile Müller, absprachegem. übersende ich Ihnen anlieg. die von Ihnen heute erbetende Einverständniserklärung zur Impfung obiger Pflegetochter“ .

Diese exquisite Stilblüte hatte ihr erster Amtsvormund verfasst, er war angeblich in Rente gegangen ohne sie je persönlich in Augenschein genommen zu haben. Seine Nachfolgerin war gewissenhafter gewesen und wie hatte sie diese Frau gehasst, alle drei Monate stand ein Hausbesuch an, vor dem ihre Pflegemutter immer unausstehlich den Putzlappen schwang und wo dann doch nur banaler Kram beredet wurde. Keine ihrer Freundinnen hatte solche peinlichen Termine, zur Vormünderin kam noch die Tussi vom Pflegekinderdienst und die dauernd wechselnden Typen vom Amt für Soziale Dienste, man lebte als Pflegekind wie im Zoo und zwar auf der Tierseite des Gitters.

Ey, ihre Pflegeeltern waren völlig normale Leute, manchmal super, manchmal unnötig anstrengend, eindeutig zu öko, aber auf jeden Fall imstande ohne Dauerobservation Eltern zu sein. Jedes Jahr war sie die Einzige, die nicht das unterschriebene Zeugnis am letzten Schultag parat hatte, weil das erst wieder dieser Stalkerin unter die Nase gehalten werden musste, ein Zeugnis war mal glatt im Jugendamt verloren gegangen.

So, nun musste sie aber ranrauschen, zur Party an ihrem Achtzehnten morgen musste alles picobello sein.

Die Zeit der Amtsvormundschaft war vorbei, yeah!

 

 

Beziehung ohne Vorbild

Aus vielerlei guten Gründen äußere ich mich nur im aller-allervertrautesten Rahmen über die Eltern der Fundevögel oder über die Gründe der Inpflegegabe.

In Büchern und Filmen wimmelt es von Kindern, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen, Waisen wie Oliver Twist und Harry Potter; geraubte, verwechselte, verschwiegene, auf der Flucht verlorene Kinder. Vielleicht liegt es historisch auch am bedrückenden Schicksal der Verdingkinder, dass literarische Pflegekinder häufig bei habgierigen Unmenschen landen, die ihre leiblichen Kinder bevorzugen. Das gute Ende der Geschichte ist die Errettung der armen Waisen aus diesen Umständen.

Manchmal gibt es auch die umgekehrte Rezeption, in der die aufnehmende Familie als das All-Rettende dasteht und von der Herkunft nichts Gutes bleibt, bezeichnenderweise besonders häufig, wenn es um die Schilderung von Auslandsadoptionen geht,  à la Angelina Jolie nimmt sich eines armen verstoßenen Würmchens aus dem Slum an.

Ein literarisches Beispiel für ein gelungenes Pflegeverhältnis ist übrigens Die Bücherdiebin von Markus Zusak, ein herzzerreißendes Buch.

Was nie vorkommt, wofür ich kein Rollenmodell, schon gar kein positives finde, ist die Beziehung zwischen abbgebender und aufnehmender Familie, zwischen ihnen scheint in der Literatur keine Kommunikation vorgesehen zu sein.

In Pflegeelternschulungen dagegen hallt es wider von Empathie, gegenseitigem Respekt, vom Recht des Kindes auf Herkunft, von wertschätzender Kommunikation auf Augenhöhe, bei gleichzeitiger Wahrung der professionellen Distanz.

Ich tu mich schwer diese gefälligen Formulierungen mit Leben zu füllen

Wenn leibliche Eltern Besuchskontakte einklagen (bei uns hat das bis jetzt zum Glück immer via Absprache funktioniert), legen Familiengerichte Maßstäbe an, die sich an Besuchsregelungen nach Scheidungen orientieren. Dabei sind die Vorraussetzungen ganz und gar anders. Wer ein gemeinsames Kind hat, muss zuvor eine wie auch immer geartete und sei es noch so rudimentäre Beziehung gehabt haben. Wenn ein Kind in eine Pflegefamilie kommt, haben unter Umständen Menschen, deren Lebenswelten sich nie berührt haben, von jetzt auf gleich ein gemeinsames Kind.

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Diese Gemengelage macht unsicher. Ich bin nicht die Instanz, die die Kinder aus der Familie genommen hat und es gab sehr gute Gründe. Trotzdem bleibt ein diffuses Gefühl von … ja was eigentlich … Schuld ist ein gar zu mächtiges Wort … eher Beschämung, wenn ich vor den Müttern der wunderbaren Kinder stehe, die ich aufwachsen sehen darf, während sie alle paar Wochen eine Stunde „Besuchskontakt“ zugesprochen bekommen

Es bleibt ein beklemmendes Gedankenspiel mir mein leibliches Kind in einer Pflegefamilie vorzustellen. Abwegiges Kopfkino? Mein Sohn wurde unehelich geboren, sein Vater hielt sich illegal in Deutschland auf, ich war zu der Zeit politisch sehr aktiv auch in Form zivilen Ungehorsams —  in einer anderen Zeit, unter einem anderen Regime hätte mein Leben sehr anders weitergehen können.

Und wer ist sich wirklich sicher, niemals zu denen zu gehören, die ihr Leben nicht mehr bewältigen können?

Ich weiß, es gibt Menschen ohne Empathie und Liebe, Menschen, die ihren Kindern unvorstellbar Grausames antun, sie foltern und sexuell ausbeuten. So werde ich niemals sein, so werden die meisten Menschen niemals sein. Zum Glück. In diesen Fällen bleibt nur auf Richter zu hoffen, die dafür sorgen, dass das Kind diese Peiniger niemals wieder sehen muss.

Häufiger sind Eltern wie die der Fundevögel, die ihre Kinder lieben und denen alles entglitten ist, durch psychische Krankheit, Sucht, Schiksalsschläge, eigene Vernachlässigung in der Kindheit.

Man merkt, die Empathie gelingt einigermaßen, die Wertschätzung fällt immer dann schwer, wenn man versucht ein vor Wut und Verzweiflung um sich schlagendes Kind zu trösten, dessen Mutter schon wieder einen vereinbarten Termin nicht einhalten konnte. Wenn man irgendwo wartend steht, friert und Handyanrufe mit idiotisch klingenden Entschuldigungen entgegennehmen muss.

Mache ich übrigens nicht mehr, soviel professionelle Distanz habe ich mir im Lauf der Jahre tatsächlich angeeignet. Ich kann auch einen Schritt zurücktreten und mir sagen, wenn sie jede Vereinbarung reibungslos einhalten könnten, müsste das Kind nicht in einer Pflegefamilie leben. So einfach ist das. Leider nicht für das betroffene Kind, das ich schützen muss und dessen Recht „nein“ zu sagen, ich verteidigen muss, auch dann, wenn ich weiß, in was für tiefes Elend dieses „nein“ die betroffene Mutter stürzt. Manchmal liegt das „Komm mach‘ deiner Mutter doch die Freude“,  recht verführerisch auf der Zunge, wird dann aber runtergeschluckt.

Soviel Respekt muss sein, gegenüber dem Kind, um die Mutter sollten sich andere kümmern, was von Seiten der Jugendämter nur sehr sparsam geschieht.

Am meisten belastet mich trotz allen Stresses mit Eltern die Fundevogelmutter, die den Kontakt abgebrochen hat. Eine irritierender Leerraum in unserem Leben, von dem ich nicht weiß, was in ihm noch heranwachsen wird. Ich taste ich mich deutlich lieber durch Begegnungen, die vor beiderseitiger Unsicherheit vibrieren.

Und ich freue mich, wenn die eine Fundevogelmutter und ich uns jedes Jahr gegenseitig per SMS zum Geburtstag gratulieren.

Sie hat damit angefangen.

Vergänglich

Natürlich ruft Christiane auch in dieser Woche zur ABC-Etüde.

Wortspenderin ist Elke H.Speidel, deren Blog den herrlichen Namen Transsilabia -Wörter auf Litera-Tour trägt. Ihre feinen, freundlichen, oft melancholischen Texte liebe ich sehr. Ihre Wörter der Woche sind:

Ahornblatt

krabbeln

Chinareise

Die Illustration stammt wie immer vom Etüdenerfinder Ludwig Zeidler.

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Konzentriert unter einer kunterbunten Ringelmütze hervoguckend hält mein Sohn das gelbe Ahornblatt mit seinen kleinen Fäusten in den wunderbar klaren Novemberhimmel. Da ich nichts zum Fotografieren dabei habe, schwöre ich mir dieses Bild auf ewig im Herzen zu bewahren. Meine Begleiterin, die mit ihrem Smartphone auf ihre ein paar Meter weiter durchs Laub robbende Tochter hält, mag ich nicht bitten. Aus einem nicht ganz erklärlichen Grund wäre mir das peinlich, außerdem reden wir gerade über etwas anderes.

„Sie hat sich gemeldet, eine spontane Chinareise, stell dir vor, geschäftlich, auch in ganz entlegene Gegenden muss sie“, fabuliere, nein, lüge ich und verfluche innerlich den weichen Moment, in dem ich meiner Spielgruppenbekanntschaft vom Verschwinden meiner ältesten, seit Grundschultagen vertrauten Freundin erzählt habe.

Nach Wochen der Sorge, rief  sie mich vorgestern mit unterdrückter Nummer an, aus einem nicht näher definierten Ausland, wohl eher Europa als China und verabschiedete sich nach zwanzig intensiven Jahren für immer. Ehe sie sich zu Tode saufe, wolle sie alles hinter sich lassen, ihr Elternhaus verkaufen, ihren Namen ändern,  keine Spuren hinterlassen; die Schläge, den Missbrauch und die Verlogenheit vergessen. „Es ist nicht deine Schuld, aber du als Zeugin und Vertraute triggerst mich immer wieder“ schloss sie und legte auf, bevor ich ihr alles Gute wünschen konnte.

Ich starrte auf den Hörer und fand kein Gefühl in mir.

„Na dann ist ja alles gut“, sagt meine Bekannte leichthin und unsere ziemlich neuen Kinder krabbeln weiter durch raschelnde Vergänglichkeit.

Meine Tochter

Eine tröstliche Erkenntnis dieser Woche: Wenn ich gefühlt gar nichts schaffe, geht noch eine ABC-Etüde. Die gespendeten Wörter hüpfen durch den Kopf und formen sich in einer Art Hintergrundprogramm zu einer Geschichte.

Die Etüden erweitern meinen Wortschatz auf ungeahnte Weise. Nie hätte ich erwartet jemals Geschichten zu schreiben, in denen Knutschkugeln, Honigpumpen und Quadratscheißer eine Rolle spielen.

Genausowenig geläufig war mir bislang der

Hyperknall !

Wanderdüne und

pudelwohl

habe ich schon mal gehört (aber geschrieben? weiß ich jetzt grad‘ gar nicht…)

Spenderin dieser erstaunlichen Worte ist Rina P., die Geschichtenzauberin.

Trotz der Überschrift und der Ich-Form:  Es ist mal wieder alles erfunden.

Die Graphik zur Etüde stammt wie immer von Ludwig Zeidler.

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In unserem Vorgarten grast ein Lama.

„Es sollte eingeschläfert werden, ohne medizinischen Grund, deshalb habe ich es in Obhut genommen“, teilt meine Tochter mir in der ihr eigenen Selbstverständlichkeit mit.

„Aber, hör‘ mal du, du kannst hier nicht einfach ohne mich zu fragen ein Lama in den Garten …, ich meine … da muss man … bedenke …“

Sie guckt mich an wie einen interessanten Pilz und zieht weiter ungerührt Heubüschel aus ihrem Rucksack. Viele meiner Freundinnen haben Kinder in ihrem Alter, Jugendliche, die melodramatisch werden, wenn das Meerschweinchen nur einmal niest oder oder ein Klassenkamerad skeptisch guckt, die über den plattesten Mist stundenlang wiederkäuend kichern, ihre Babyspeckbeine in seltsam geometrisch gemusterte Leggins quetschen und dann jammern, dass sie sich hässlich finden, die stundenlang  eingeschnappt sind und hin und wieder die Schule schwänzen. „Zwischen dreizehn und siebzehn haben sie einen Knall“, sagt meine Cousine, die vier Töchterpubertäten überlebt hat.

Meine Tochter hat den Hyperknall.

Sie ist nie unsicher, himmelhochjauchzend oder gar zu Tode betrübt, seit ihrer Geburt scheint sie sich pudelwohl in ihrer Haut zu fühlen und walzt mit der weichen Unerbittlichkeit  einer Wanderdüne über meine Ambitionen sie zu erziehen hinweg. Sie geht fast nie zur Schule, sondern forscht, dichtet, rettet Tiere und hat ihr in meiner pädagogischen Ratlosigkeit gestrichenes Taschengeld längst geräuschlos durch Haustiersittingjobs und gewonnene Schreibwettbewerbe ersetzt. Sie bringt mich zur Verzweiflung, ihr Eigensinn hetzt uns das Jugendamt und diverse Amtspsychiater auf den Hals, als nächstes vermutlich irgendein ein Haustiervorschriftenamt und dass ich mir seit meiner Kindheit ein Lama gewünscht habe, verrate ich ihr jetzt einfach mal nicht.