Meine Tochter

Eine tröstliche Erkenntnis dieser Woche: Wenn ich gefühlt gar nichts schaffe, geht noch eine ABC-Etüde. Die gespendeten Wörter hüpfen durch den Kopf und formen sich in einer Art Hintergrundprogramm zu einer Geschichte.

Die Etüden erweitern meinen Wortschatz auf ungeahnte Weise. Nie hätte ich erwartet jemals Geschichten zu schreiben, in denen Knutschkugeln, Honigpumpen und Quadratscheißer eine Rolle spielen.

Genausowenig geläufig war mir bislang der

Hyperknall !

Wanderdüne und

pudelwohl

habe ich schon mal gehört (aber geschrieben? weiß ich jetzt grad‘ gar nicht…)

Spenderin dieser erstaunlichen Worte ist Rina P., die Geschichtenzauberin.

Trotz der Überschrift und der Ich-Form:  Es ist mal wieder alles erfunden.

Die Graphik zur Etüde stammt wie immer von Ludwig Zeidler.

2017_44-17_eins1

In unserem Vorgarten grast ein Lama.

„Es sollte eingeschläfert werden, ohne medizinischen Grund, deshalb habe ich es in Obhut genommen“, teilt meine Tochter mir in der ihr eigenen Selbstverständlichkeit mit.

„Aber, hör‘ mal du, du kannst hier nicht einfach ohne mich zu fragen ein Lama in den Garten …, ich meine … da muss man … bedenke …“

Sie guckt mich an wie einen interessanten Pilz und zieht weiter ungerührt Heubüschel aus ihrem Rucksack. Viele meiner Freundinnen haben Kinder in ihrem Alter, Jugendliche, die melodramatisch werden, wenn das Meerschweinchen nur einmal niest oder oder ein Klassenkamerad skeptisch guckt, die über den plattesten Mist stundenlang wiederkäuend kichern, ihre Babyspeckbeine in seltsam geometrisch gemusterte Leggins quetschen und dann jammern, dass sie sich hässlich finden, die stundenlang  eingeschnappt sind und hin und wieder die Schule schwänzen. „Zwischen dreizehn und siebzehn haben sie einen Knall“, sagt meine Cousine, die vier Töchterpubertäten überlebt hat.

Meine Tochter hat den Hyperknall.

Sie ist nie unsicher, himmelhochjauchzend oder gar zu Tode betrübt, seit ihrer Geburt scheint sie sich pudelwohl in ihrer Haut zu fühlen und walzt mit der weichen Unerbittlichkeit  einer Wanderdüne über meine Ambitionen sie zu erziehen hinweg. Sie geht fast nie zur Schule, sondern forscht, dichtet, rettet Tiere und hat ihr in meiner pädagogischen Ratlosigkeit gestrichenes Taschengeld längst geräuschlos durch Haustiersittingjobs und gewonnene Schreibwettbewerbe ersetzt. Sie bringt mich zur Verzweiflung, ihr Eigensinn hetzt uns das Jugendamt und diverse Amtspsychiater auf den Hals, als nächstes vermutlich irgendein ein Haustiervorschriftenamt und dass ich mir seit meiner Kindheit ein Lama gewünscht habe, verrate ich ihr jetzt einfach mal nicht.

 

 

 

 

 

9 Gedanken zu “Meine Tochter

  1. dergl November 3, 2017 / 11:57 am

    Ich finde das Mädchen gut. Und Lamas spucken so weit ich weiß nur, wenn sie verhaltensgestört sind, vielleicht ist dieses Tier ganz freundlich.

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  2. Christiane November 3, 2017 / 12:03 pm

    Das mit den Wörtern geht mir auch so ähnlich 😉
    Und deine Geschichte finde ich toll, es scheint mir nicht so viele Kids zu geben, die so konsequent ihr Ding durchziehen, oder?
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

  3. Mrs Postman November 3, 2017 / 2:08 pm

    Dieses Mädchen wird mindestens den Nobelpreis gewinnen. Wofür, wird man abwarten müssen 😉

    Gefällt 1 Person

  4. Menschin November 4, 2017 / 8:15 pm

    Ich musste erstmal suchen, weil der Hyperknall so gut versteckt ist, dass ich ihn nicht gefunden habe.
    Super Geschichte. Erst heute habe ich zum Mann gesagt, dass wir dringend ein Lama brauchen. Ich weiß aber nicht mehr warum.

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest November 16, 2017 / 9:17 pm

      Hallo Menschin,
      Ich bin eine Bloganfängerin und so habe ich HEUTE beim Rumspielen mit den Funktionen gemerkt, dass ich deinen Kommentar gelöscht hatte, einfach so, unbemerkt, aus Versehen.
      Und dass wo wir doch alle soooo dringend Lamas brauchen.
      Nimm es bitte nicht persönlich, ich habe mich nun nachträglich gefreut.
      Natalie

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  5. rina.p November 5, 2017 / 12:13 pm

    Hahaha – das hätte ich sein können – aber ich bin ein Stadtkind – da laufen keine Lamas rum –
    Das mit den Worten ging mir sogar selbst so…ich weiss noch nicht mal wie die mir eingefallen sind…hihihi.
    Danke schön

    Liken

  6. fundevogelnest November 6, 2017 / 11:48 pm

    Danke für Eure Kommentare
    Und jaaaa, ich mag meine ausgedachte Tochter, auch wenn ich mir das Zusammenleben mit so einem autonomen Kind plus alles besserwisendem Umfeld anstrengend vorstelle. Vielleicht mag das Mädchen in einer der nächsten Etüden ja mal wieder vorbeikommen
    Meine realen Kinder haben mich bis jetzt nur mit in der Nachbarschaft abgeschafften Meerschweinchen beglückt.Die gewann ich schnell lieb.
    Aber in echtes Lama wäre schon cool. Sie spucken meines Wissens nur, wenn sie angegriffen werden.
    Allen einen schönen Abend
    Natalie

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  7. Frau Taugewas November 9, 2017 / 10:59 pm

    Ich mag Deine Texte mit den drei Wörtern drin 🙂 (kannte ich vorher noch nicht und erst mal fiel es mir schwer, mich auf dieses neue Format einzulassen – also, so ganz erfundenes in Blogform, durchmischt mit realen Texten im selben Blog, dazu noch diese drei Wörter, die mit eingebaut sind, das überforderte die ersten Male zur späten Zeit meinen Kopf 😉 ) aber von Mal zu Mal wird es cooler, sie zu lesen – und ich bin begeistert, wie Du dir diese einfach so „aus den Rippen schneidest“ – habe ich doch in etwa so viel oder wenig Kreativität wie mir mein eigenes Leben bietet.. Mir gefällt auch die knappe Form. Eine schöne Gute-Nacht-Lektüre. Und hier noch ein Schwank aus der Jugend meiner Mutter (noch nicht mal meine eigene..): Sie wurde als Studentin in der Innenstadt von einem Lama angespuckt, das dort mit seinem Besitzer Geldspenden sammelte (für einen Tierhof oder sowas). Es hat sie allerdings nur ein bisschen erwischt, das Schaufenster bekam das meiste ab. Jedenfalls telefonierte sie später mit ihrer Schwester und sagte „Hör mal, mich hat heut in der Stadt ein Lama angespuckt“ – darauf die Schwester: „Wieso? Hast Du dem kein Geld gegeben?“ Sie assoziierte wohl zu erst, dass ein erlahmter Mensch bettelte und darauf hin sie anspuckte !!! Das ganze ist schon ewig her, 70er Jahre, vielleicht entschuldigt das die Reaktion meiner Tante 😉 Liebe Grüße!!

    Gefällt 3 Personen

  8. fundevogelnest November 10, 2017 / 11:12 pm

    Liebe Frau Taugewas,
    Ich habe am Anfang auch etwas gezaudert, Erfundenes und Erlebtes zu mischen. Zumal die meisten Etüden in eher literarischen Blogs erscheinen. Aber ein Blog, ist ein Log, ein Tagebuch und da habe ich auch immer so gehalten.
    Und ich habe mir gesagt,niemand muss beides lesen.
    Um so schöner, dass dir Etüden gefallen.
    Falls du noch mehr Einschlafgeschichten brauchst, kannst du bei Christiane die gesammelten Etüden finden.Da kommen allerdings im Lauf einer Woche soviele zusammen,dass ich eher aufpassen muss, nicht zuwenig zu schlafen (zumal ja nachts immer einer schreit,nicht wahr?)
    Natalie

    Gefällt 2 Personen

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