Beziehung ohne Vorbild

Aus vielerlei guten Gründen äußere ich mich nur im aller-allervertrautesten Rahmen über die Eltern der Fundevögel oder über die Gründe der Inpflegegabe.

In Büchern und Filmen wimmelt es von Kindern, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen, Waisen wie Oliver Twist und Harry Potter; geraubte, verwechselte, verschwiegene, auf der Flucht verlorene Kinder. Vielleicht liegt es historisch auch am bedrückenden Schicksal der Verdingkinder, dass literarische Pflegekinder häufig bei habgierigen Unmenschen landen, die ihre leiblichen Kinder bevorzugen. Das gute Ende der Geschichte ist die Errettung der armen Waisen aus diesen Umständen.

Manchmal gibt es auch die umgekehrte Rezeption, in der die aufnehmende Familie als das All-Rettende dasteht und von der Herkunft nichts Gutes bleibt, bezeichnenderweise besonders häufig, wenn es um die Schilderung von Auslandsadoptionen geht,  à la Angelina Jolie nimmt sich eines armen verstoßenen Würmchens aus dem Slum an.

Ein literarisches Beispiel für ein gelungenes Pflegeverhältnis ist übrigens Die Bücherdiebin von Markus Zusak, ein herzzerreißendes Buch.

Was nie vorkommt, wofür ich kein Rollenmodell, schon gar kein positives finde, ist die Beziehung zwischen abbgebender und aufnehmender Familie, zwischen ihnen scheint in der Literatur keine Kommunikation vorgesehen zu sein.

In Pflegeelternschulungen dagegen hallt es wider von Empathie, gegenseitigem Respekt, vom Recht des Kindes auf Herkunft, von wertschätzender Kommunikation auf Augenhöhe, bei gleichzeitiger Wahrung der professionellen Distanz.

Ich tu mich schwer diese gefälligen Formulierungen mit Leben zu füllen

Wenn leibliche Eltern Besuchskontakte einklagen (bei uns hat das bis jetzt zum Glück immer via Absprache funktioniert), legen Familiengerichte Maßstäbe an, die sich an Besuchsregelungen nach Scheidungen orientieren. Dabei sind die Vorraussetzungen ganz und gar anders. Wer ein gemeinsames Kind hat, muss zuvor eine wie auch immer geartete und sei es noch so rudimentäre Beziehung gehabt haben. Wenn ein Kind in eine Pflegefamilie kommt, haben unter Umständen Menschen, deren Lebenswelten sich nie berührt haben, von jetzt auf gleich ein gemeinsames Kind.

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Diese Gemengelage macht unsicher. Ich bin nicht die Instanz, die die Kinder aus der Familie genommen hat und es gab sehr gute Gründe. Trotzdem bleibt ein diffuses Gefühl von … ja was eigentlich … Schuld ist ein gar zu mächtiges Wort … eher Beschämung, wenn ich vor den Müttern der wunderbaren Kinder stehe, die ich aufwachsen sehen darf, während sie alle paar Wochen eine Stunde „Besuchskontakt“ zugesprochen bekommen

Es bleibt ein beklemmendes Gedankenspiel mir mein leibliches Kind in einer Pflegefamilie vorzustellen. Abwegiges Kopfkino? Mein Sohn wurde unehelich geboren, sein Vater hielt sich illegal in Deutschland auf, ich war zu der Zeit politisch sehr aktiv auch in Form zivilen Ungehorsams —  in einer anderen Zeit, unter einem anderen Regime hätte mein Leben sehr anders weitergehen können.

Und wer ist sich wirklich sicher, niemals zu denen zu gehören, die ihr Leben nicht mehr bewältigen können?

Ich weiß, es gibt Menschen ohne Empathie und Liebe, Menschen, die ihren Kindern unvorstellbar Grausames antun, sie foltern und sexuell ausbeuten. So werde ich niemals sein, so werden die meisten Menschen niemals sein. Zum Glück. In diesen Fällen bleibt nur auf Richter zu hoffen, die dafür sorgen, dass das Kind diese Peiniger niemals wieder sehen muss.

Häufiger sind Eltern wie die der Fundevögel, die ihre Kinder lieben und denen alles entglitten ist, durch psychische Krankheit, Sucht, Schiksalsschläge, eigene Vernachlässigung in der Kindheit.

Man merkt, die Empathie gelingt einigermaßen, die Wertschätzung fällt immer dann schwer, wenn man versucht ein vor Wut und Verzweiflung um sich schlagendes Kind zu trösten, dessen Mutter schon wieder einen vereinbarten Termin nicht einhalten konnte. Wenn man irgendwo wartend steht, friert und Handyanrufe mit idiotisch klingenden Entschuldigungen entgegennehmen muss.

Mache ich übrigens nicht mehr, soviel professionelle Distanz habe ich mir im Lauf der Jahre tatsächlich angeeignet. Ich kann auch einen Schritt zurücktreten und mir sagen, wenn sie jede Vereinbarung reibungslos einhalten könnten, müsste das Kind nicht in einer Pflegefamilie leben. So einfach ist das. Leider nicht für das betroffene Kind, das ich schützen muss und dessen Recht „nein“ zu sagen, ich verteidigen muss, auch dann, wenn ich weiß, in was für tiefes Elend dieses „nein“ die betroffene Mutter stürzt. Manchmal liegt das „Komm mach‘ deiner Mutter doch die Freude“,  recht verführerisch auf der Zunge, wird dann aber runtergeschluckt.

Soviel Respekt muss sein, gegenüber dem Kind, um die Mutter sollten sich andere kümmern, was von Seiten der Jugendämter nur sehr sparsam geschieht.

Am meisten belastet mich trotz allen Stresses mit Eltern die Fundevogelmutter, die den Kontakt abgebrochen hat. Eine irritierender Leerraum in unserem Leben, von dem ich nicht weiß, was in ihm noch heranwachsen wird. Ich taste ich mich deutlich lieber durch Begegnungen, die vor beiderseitiger Unsicherheit vibrieren.

Und ich freue mich, wenn die eine Fundevogelmutter und ich uns jedes Jahr gegenseitig per SMS zum Geburtstag gratulieren.

Sie hat damit angefangen.