Die obige Pflegetochter

Mein Blog ist eine Chimäre, eine Promenadenmischung, ein Cross-Over-Projekt. Beobachtungen aus dem Fundevogelnest mische ich dreist mit dem, was sich in meinem Kopf abspielt und tobe mich nebenbei in meinem neues Hobby ABC-Etüdenschreiben aus.

So kommt, was kommen musste: Eine Pflegefamilienetüde.

Die Inspiration lieferte Petra Schuseil, deren Blog den herausfordernden Namen Wesentlichwerden trägt.

Ihre Wortspende war nicht minder herausfordernd:

Stilblüte

jodeln

banal

Die inspirierende Stilblüte mit den faszinierenden Abkürzungen verdanke ich einem mittlerweile pensionierten  Amtsvormund, der bestimmt gern anonym bleibt. Die reale obige Pflegetochter ist noch nicht 18, wärs aber gern.

An Ludwig Zeidler wie immer Dank für die Graphik.

2017_46-17_eins

Es war noch ordentlich was zu tun, doch stattdessen vertiefte sie sich in die kleine Erinnerungskiste auf ihren Knien, da lag die Kleidung, mit der sie vor vierzehn Jahren hier eingezogen war, ein ausgewaschenes Kinderkleid Größe 86 und Gummistiefel Größe 22, daneben ihr damals einziges Spielzeug, ein schmuddeliges Plüschmurmeltier, das als die Batterien es noch taten, auf Knopfdruck jodelte.

Außerdem gab es einen kleinen Stapel amtlicher Briefe, in denen sie sich nun festlas: „Sehr geehrte Famile Müller, absprachegem. übersende ich Ihnen anlieg. die von Ihnen heute erbetende Einverständniserklärung zur Impfung obiger Pflegetochter“ .

Diese exquisite Stilblüte hatte ihr erster Amtsvormund verfasst, er war angeblich in Rente gegangen ohne sie je persönlich in Augenschein genommen zu haben. Seine Nachfolgerin war gewissenhafter gewesen und wie hatte sie diese Frau gehasst, alle drei Monate stand ein Hausbesuch an, vor dem ihre Pflegemutter immer unausstehlich den Putzlappen schwang und wo dann doch nur banaler Kram beredet wurde. Keine ihrer Freundinnen hatte solche peinlichen Termine, zur Vormünderin kam noch die Tussi vom Pflegekinderdienst und die dauernd wechselnden Typen vom Amt für Soziale Dienste, man lebte als Pflegekind wie im Zoo und zwar auf der Tierseite des Gitters.

Ey, ihre Pflegeeltern waren völlig normale Leute, manchmal super, manchmal unnötig anstrengend, eindeutig zu öko, aber auf jeden Fall imstande ohne Dauerobservation Eltern zu sein. Jedes Jahr war sie die Einzige, die nicht das unterschriebene Zeugnis am letzten Schultag parat hatte, weil das erst wieder dieser Stalkerin unter die Nase gehalten werden musste, ein Zeugnis war mal glatt im Jugendamt verloren gegangen.

So, nun musste sie aber ranrauschen, zur Party an ihrem Achtzehnten morgen musste alles picobello sein.

Die Zeit der Amtsvormundschaft war vorbei, yeah!

 

 

5 Gedanken zu “Die obige Pflegetochter

  1. Petra Schuseil November 16, 2017 / 8:25 am

    Super geschrieben.
    Mir einer echten Stilblüte!! Die zum Weinen ist.
    Danke dass du mitgeschrieben hast.
    Herzlich Petra

    Gefällt 1 Person

  2. Christiane November 16, 2017 / 9:25 am

    Alles ganz normal, alles ganz anders. Danke für deine Einblicke.
    Liebe Grüße
    Christiane, nachdenklich

    Gefällt 2 Personen

  3. fundevogelnest November 17, 2017 / 9:17 pm

    Der Stilblütenspender war der erste Amtsvormund mit dem ich in meinem Leben zu tun hatte. Das Schreiben fand ich so beeindruckend, dass es ich es seit 2004 nicht weggeworfen hatte. Später war ich erleichtert doch auf recht verständlich kommunizierende Menschen zu treffen.

    Mich selbst belastet die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt kaum, gerade in der Auseinandersetzung mit Schulen und Kitas und vor allem wenn es Probleme mit den Fundevogeleltern gibt,kann diese Unterstützung auch sehr hilfreich sein.

    Für die Etüde habe ich – inspiriert vom mich umwabernden Gemotze- versucht es aus Sicht der Hauptbetroffenen zu sehen, die im Gegensatz zu ihren Pflegeeltern nicht aus freier Entscheidung in einer Pflegefamilie leben.
    Natalie

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