Ein bisschen Adventskitsch im Fundevogelnest

In Ratgebern wird betont, wie wichtig gemeinsame Mahlzeiten im Familienkreis für das Gedeihen von Kindern seien.

Ob die nach einer Mahlzeit bei uns ergänzen würden mit gewissen Ausnahmen?

Zum einen gibt es hier den flüchtigen Gast. Freundliches Klopfen an die Zimmertüre „Essen fertig “ wird mit irgendwelchen Gebrüll von wegen unzumutbar beantwortet. Wenn die Mahlzeit gerade begonnen hat, erscheint dieser Gast zuverlässig, schnuffelt und muffelt am Essen herum, kippt, egal was es ist, eine Wagenladung Ketchup darüber, isst und verschwindet wieder.

Der flüchtige Gast kocht übrigens sehr gern und sehr gut für alle, hält sich stundenlang vorbereitend in der Küche auf, um dann während des Essens wie fortgeweht zu entschwinden.

Vielleicht liegt es am Klopfer, der steht sofort parat, wenn es Essen gibt, mag alles (auch ohne Ketchup), versucht sich noch mehr Essen von den anderen Tellern zu nehmen, gießt seine Getränke auf Nachbarteller (das besonders treibt den flüchtigen Gast in den Wahnsinn), greift in jede Schüssel egal wie heiß der Inhalt ist , wirft auch schon mal was quer über den Tisch – und klopft. Klopft mit dem Löffel auf den Teller, mit der Gabel auf das Glas, auf Plastik, auf Porzellan, auf Tischplatte und Stuhlkante. Rhythmisch, monoton, unerträglich.

Nimmt man den Löffel weg, wird rasch Ersatz gefunden oder der ganz große Wutanfall gestartet, Teller mit ohne Essen darauf  fliegen und der Klopfer findet sich außerhalb der Küche wieder …

Adventsdeko auf dem Tisch? Wir sind ja nicht bescheuert.

Nein, ich bin nicht glücklich mit dieser Situation. Ja, ich bin konsequent. Aber andere sind hier konsquenter.

In der Stunde tiefster Ratlosigkeit finde ich mich chattend mit anderen Pflegeeltern wieder. Sehr beruhigend: Gerade unter den alkoholgeschädigten Kindern finden sich manche Exemplare, die dem Klopfer locker den Rang Weltgrößte Krawallschachtel ablaufen.

Das macht schon mal lockerer.

Und erstaunlich viele lassen diese Kinder alleine – unter Aufsicht, aber halt nicht mit der Familie essen.

Hm.

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Davon habe ich meinen beiden Großen heute erzählt. Unsicher. Denn wir genießen es schon jedes Mal , wenn wir zufällig ohne Klopfer essen.

Das werden wir mit unserem Kleinen nie machen, wie würde er sich dabei fühlen?

Wir sind doch seine Familie, Familien essen zusammen.

Was sind das denn für komische Familien? (sagt der flüchtige Gast).

Er gehört zu uns.

Mir kommen fast die Tränen. So einfache, wahre Sätze. Oh wie liebe ich die Fundevögel, sowieso und für diese Worte ganz besonders.

Eine Sekunde lang denke ich, wir schaffen es doch noch zu Weihnachtskitschfamilie. Oder immerhin zu ein paar Tischmanieren so in den nächsten Jahren.

Wäre schön.

Aber wir gehören jetzt schon zusammen.

(Und die Ratgeber hatten recht.)

 

 

 

 

 

4 Gedanken zu “Ein bisschen Adventskitsch im Fundevogelnest

  1. Elke H. Speidel Dezember 5, 2017 / 10:25 pm

    Na, Klopfer und flüchtige Gäste gibt es nicht nur unter Fundevögeln, tröst. Meine Enkeltochter, Pflegekind nur in dem Sinne, dass sie jeden Tag als Tageskind zur Oma kommt (also doch irgendwie … oder?), vereint beides in ihrem Persönchen. Klopft auf alles und jedes, trommelt mit Händchen und Füßchen und Löffeln und Gabeln und Messern und Gläsern und … dann muss sie auf Toilette, ward eine Weile nicht mehr gesehen, muss dringend ihren Bären aus dem Reisebettchen holen, ähnlich dringend ihr Brüderchen knuddeln, und nein, sie ist noch nicht fertig mit essen, aber jetzt will sie vorher – zwischendrin – noch … Und wenn man ihr das Klopfzeug abnimmt und konsequent verlangt, dass sie ihre Mahlzeit im Sitzen auf ihrem Stühlchen verbringt, gibt es ein Riesengeschrei, mindestens so, als würden wir (ihre Mama und ich) sie gar grausamlich misshandeln, jugendamtverdächtig laut, sozusagen. Sie ist halt drei. Dreijährige haben wohl ein Recht auf ein solches Benehmen, und wir haben trotzdem die Pflicht, es ihnen abzutrainieren und ihnen dabei dich Sicherheit zu vermitteln, dass wir sie lieben. Eine Gratwanderung entlang unserer Nervenstränge.

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    • fundevogelnest Dezember 8, 2017 / 8:55 pm

      Liebe Elke,
      Mit einem Lächeln lese ich deine Zeilen. Ja, so sind sie die Dreijährigen, so sollen sie auch sein. Was wäre die Welt ohne Trotzanfall!
      Das ist das eine.
      Wenn ich vom Fundevögelchen erzähle, ist dein Kommentar der gängige Kommentar – und ich selbst würde wohl auch so formulieren. Wenn die selben Leute dann ein wenig Zeit mit ihm verbringen,stellen sie auch fest,dass er sozusagen ein Dreijähriger zum Quadrat ist.
      Ich finde es selbst schwer in Worte zu fassen,es ist so ein NIE aufgeben,eine geradezu unheimliche Autonomie, ein manchmal etwas gnadenloses Durchziehen. Das Gutachten für den Kindergarten hat nun allerdings einen Befund gebracht, bei dem ich mich frage, von welchem Kleinkriminellen handelt das?
      Ich glaube eher , dass in seiner Art eine Riesenstärke liegt, wünschen wir uns das nicht auch für unsere Kinder, niemanden nach dem Mund reden, eigene Wege gehen, Denken ohne Geländer…?
      Viel Freude noch mit deinen Enkeln, ich hoffe, ich werde auch irgendwann Oma
      Natalie

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  2. Christiane Dezember 6, 2017 / 8:45 am

    Wieso ist das „Kitsch“, der Wunsch nach etwas Heilem, nach etwas, „wie es sein soll“? Ich finde, du bist davon meilenweit entfernt, also vom Kitsch. 😉
    Liebe Grüße
    Christiane

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    • fundevogelnest Dezember 8, 2017 / 9:06 pm

      Liebe Christiane,
      Ich war so erfüllt von Freude an diesem Abend,ich sah die lieblichen Zaunkönige auf Zweiglein mit roten Ilexbeerchen im Geiste schon auf unseren Schultern sitzen.
      Das Ganze kam mir so ungemein gewollt zuckersüß weihnachtlich vor und war doch tatsächlich einfach “ log“,Tagebuch.
      Aer wenn es gar nich so kitschig rübberkommt, um so besser,Wahrscheinlich sind die Fundevögel die beste Kitschprophylaxe. Heute hat der Zwerg den Badezimmerschlüssel zu fassen gekriegt, abgeschlossen, den Schlüssel weggeworfen und wusste nicht mehr wohin. Der Große ist fluchend ungeduscht und ungekämmt zur Uni,die Geschwisterliebe troff da gerade nicht vor Süße.
      Natalie

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