Friedensnobelpreis und eine sehr verspätete Etüde

Heute mittag nahm die Generalsekretärin von ICAN (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons) in Oslo den Friedensnobelpreis entgegen.

Ich war voller Freude, ein wenig stolz, gerührt und bei den Worten der Hiroshimaüberlebenden Setsuko Thurlow habe ich geweint, wie immer.

Wenn es nicht so sinnlos wäre, würde ich unsere amtierende Bundesregierung an dieser Stelle auffordern, Mut zu beweisen und den UN-Vertrag zum Verbot aller Atomwaffen zu unterzeichnen.

Das Fundevogelnest lässt mir seit Jahren wenig Raum für politische Aktivitäten und das, was ich in der letzten Zeit überhaupt in dieser Hinsicht getan habe, hatte andere Schwerpunkte. Dennoch fühle ich mich dieser Bewegung für immer verbunden, viele meiner Erinnerungen und einige Lebenszeit gehören den Kampagnen gegen Atomwaffentests und Uranabbau mit seinen furchtbaren Folgen für die Natur und die Menschen in seinem Umfeld.

Ich weiß nicht, inwiefern ich überhaupt nützlich war, ich hoffe zumindest ein bisschen; belohnt wurde ich für weniges im Übermaß,  mit Begegnungen, die in meinem Leben nicht besonders wahrscheinlich waren und es so viel reicher gemacht haben.

Im Publikum in Oslo saß heute auch meine Freundin Marion, bei der die Worte „ihr Leben der Sache gewidmet“  keine Phrase sind, die immer unterwegs ist, die vom materiellen Minimum lebt, um immer Zeit für ihre Lebensaufgabe zu haben.

Marion, du hast diese besondere Stunde so verdient. Du und so viele andere, ob ihr noch lebt oder schon tot seid wie Renate, Gisa und Bill Rossee, ihr Unermüdlichen, ihr Belächelten, Verlachten, Verseuchten, Verleugneten, die ihr uns nach Kräften vor einer Katastrophe beschützt, die wenn sie denn einträte all‘ unsere anderen Sorgen unerheblich machen würde.

Ihr alle seid heute geehrt.

Danke.

P1040873

an der Nevada Test Site 1989

 

Und weil es thematisch dazu passt, habe ich meine angefangene ABC-Etüde mit Myriades (auf ihrer Website schneits!) ansprechender Wortspende

langwierig

klöppeln

Flussbett

doch noch fertig gestellt:

Drehen, kreuzen, drehen, kreuzen, neun Paar Klöppel, sonst nutzt sie mehr, doch heute friert es und sie will pünktlich zu Hause sein, bald werden ihre Finger ohnhin streiken, noch geht es es mit Pulswärmern und Wärmflasche unterm Klöppelkissen, kreuzen und drehen, bloß nicht inne halten, das Transpa davor gespannt schützt ein wenig vorm Wind.

Sie braucht etwas in den Fingern, sonst hält sie es so sichtbar nicht aus, schon damals nicht als sie jung war, jung und verliebt, im selben Sommer eine Freundin fürs Leben gewonnen, später dann mit einem Kind unter dem glühenden Herzen. Sogar ins Gefängnis war sie gegangen, schwanger und voller Inbrunst, verurteilt vom Landgericht Ellwangen nach Paragraph 240 StGB. Mit dem kleinen Malte hatte sie den Knast dann vermieden, vermeiden konnte man, ein Riesen-Privileg, an den Flüssen erst hat sie das verstanden, kreuzen, drehen und nachsichtig den Kopf schütteln, Nachsicht mit ihrem früheren Ich.

In Mutlangen hatte sie noch nicht geklöppelt, da hatte sie stricken gelernt. Die Pershing 2 wurden mittlerweile verschrottet, Malte ist Lehrer und Familienvater, Simon für medico international in Afghanistan, Frederick studiert in Jena, ihr Mann hat schon lang eine neue Frau, neue Kinder obendrein, in Büchel hält die US-Army bis heute zwanzig Atombomben zum Abschuss bereit und die Freundin ist ihr geblieben.

Die Freundin müht sich noch immer ab auf dem langwierigen Weg gegen den Atomtod, sie selbst ist zur Flussfrau geworden, nach ihren Reisen zur Narmada, zum Xingu, zum Rancheria. Als die Jungen groß waren hatte sie teilgenommen an Protesten und Märschen gegen Staustufen, Kohleminen und Verlegung ganzer Flussbetten, hatte andere, grausamere Polizeigewalt gesehen und begriffen, körperlich begriffen, dass Flüsse Leben sind, ohne sie wird nur Hunger und Wüstenei sein, ganz ohne atomaren Winter.

Drehen, kreuzen, drehen bald ist die wellenartige Arabeske fertig, der Wind zerrt am Klöppelbrief, genug für heute, ein paar Spaziergänger bleiben stehen, guckt nur Leute guckt, hier sitzt eine alte Frau und klöppelt sich hinter einem Transpa Rheumatismus in die Finger, weil sie glaubt so gegen etwas die Ausbaggerung des Flussbettes der Elbe tun zu können, hier können Sie unterschreiben, dort spenden und falls Sie eine handgeklöppelte Arabeske zugunsten der Klägergemeinschaft erwerben möchten…

Aber bitte schnell, sie muss los, im Fernsehen vielleicht einen Blick erheischen auf ihre Freundin, denn die ist in Oslo heute am 10. Dezember 2017.

 

6 Gedanken zu “Friedensnobelpreis und eine sehr verspätete Etüde

  1. Christiane Dezember 11, 2017 / 11:35 am

    Sag, kann es sein, dass du diese deine sehr beeindruckende Etüde nicht verlinkt/kommentiert hast? Magst du sie bei der entsprechenden Schreibeinladung noch nachtragen? Ich finde, sie verdient mehr Aufmerksamkeit!
    (Dass es auf manchen Blogs jetzt schneit, ist eine Einstellung (Dashboard/Einstellungen/Allgemein), da musst du ein Häkchen setzen, dass es bis zum 4. Januar bei dir schneien soll, geht nicht über die App, sondern nur über den Admin) bei WordPress.)
    Liebe Grüße
    Christiane 😉

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Dezember 11, 2017 / 11:43 am

      Liebe Christiane,
      Nein, ich hatte sie nicht verlinkt, da die Woche ja schon etwas länger um ist.
      Aber wenn du esals Etüdenwächterin möchtest, mache ich das gerne noch.
      Nein, bei mir muss es nicht schneien, dann geht der Igel bestimmt sofort in den Winterschlaf und fehlt mir.
      Natalie

      Gefällt 4 Personen

      • Christiane Dezember 11, 2017 / 12:09 pm

        Klar möchte ich das! Ich bekomme gelegentlich mit, dass es durchaus Leute gibt, die von den Schreibeinladungen ausgehend lesen, unter anderem auch die Wortspender, die einem ja vielleicht auch nicht alle folgen oder umgekehrt. Von daher hat in meinen Augen das Verlinken nur Vorteile.
        Bei mir muss es auch nicht schneien, aber ich dachte, falls du es magst, solltest du wissen, dass es nur ein Klick ist.
        Liebe Grüße
        Christiane

        Gefällt 1 Person

  2. mikesch1234 Dezember 11, 2017 / 12:21 pm

    Hat dies auf ilseluise rebloggt und kommentierte:
    … bereite gerade den FRIEDENSLICHT-GOTTESDIENST im Krankenhaus mit den PfadfinderInnen am 20.12.2017 vor, da kommen diese Gedanken zum Frieden gerade richtig … danke

    Gefällt 2 Personen

  3. gkazakou Dezember 11, 2017 / 12:37 pm

    Das ist wieder eine Geschichte von dir, die, wie manche es sagen, voller „Welthaltigkeit“ ist und dadurch anrührt, anrührt aber auch durch die Umsetzung in eine Szene, die sehr zu Herzen geht. danke dafür! Nun sehe ich die alte Frau mit vereisten Händen und einer großen Geschichte am Flussbett sitzen, damit der Fluss am Leben bleibt. ich sehe sie nicht nur, ich höre auch ihr Klöppeln, auch ihre Worte höre ich, und ich möchte eines ihrer Schmuckbänder erwerben.

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest Dezember 13, 2017 / 9:45 pm

      Liebe Gerda,
      Danke für diese schöne Rückmeldung.
      Wenn man die geschichtlichen Hintergründe beachtet, kann sie so uralt gar nicht sein,aber vielleicht fühlt sie sich so. Zurzeit sehe ich viele – vor allem – Frauen,die ich kennenlernte, als ich anfing mich politisch zu engagieren,die damals so alt waren wie ich jetzt und voller Kraft, und die nun sterben, dement sind, pflegebedürftig. Ein ganz natürlicher Prozess, aber es berührt mich sehr,hat ja auch viel mit der eigenen Vergänglichkeit zu tun.
      Natalie

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