Und was wünschst du dir zu Weihnachten?

Die ABC-Etüden gibt es zurzeit in einer besonderen Adventsedition, für die Christiane einen allgemeinen Adventswörterspendenaufruf gestartet hatte.

Aus 24 von ihr erwählten Wörtern galt es sich drei rauszupicken, um den üblichen Zehnsatztext zu basteln, für alle Weihnachtsgestressten mit drei Wochen Zeit.

Die Versuchung war zu groß- yep, es passen 24 Wörter in zehn Sätze, die zugegeben zum Teil recht lang geraten sind.

Die Illustration stammt natürlich vom getreuen Ludwig Zeidler.

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Überfallartig wie ein böser Zauber brach der Schrei aus einer unbemerkten Kammer der Finsternis in ihr, entsetzlich peinlich, wo Frau Wohlers doch so eine Nette war. Lichterketten, damals noch nicht allgegenwärtig, sondern etwas Besonderes, schmückten die Physiotheraperiepraxis, in die Nora zweimal die Woche verschleppt wurde, auf dem Tresen flackerten drei Kerzen am Adventskranz, die Tresenfrau bot Dominosteine an, die Nora wegen des innewohnenden Schleims nicht wollte und an den Fenstern klebten aufwendig gestaltete Sterne, doch dem ganzen Weihnachtsaufgehübsche gelang es nicht den vertrauten Geruch nach Angst aus den Räumen zu vertreiben.

Frau Wohlers hatte sich ganz schön erschrocken, wahrscheinlich hatte sie alle Patienten unter zwölf heute lächend gefragt und was wünschst du dir zu Weihnachten?, aber nur ein Kind weit und breit hatte hysterisch zu schreien begonnen: Nichts, immer fragen das alle, niiiiichts!

Nach der Therapie hatten sie auf den Weihnachtsmarkt gewollt, Schmalzkuchen für Nora, Glühwein für Mama, Kuschelsocken für Oma, die ewige Frostbeule, zu Weihnachten kaufen und vielleicht noch ein paar Lose für die Geschenklotterie erwerben, denn die unterstützte schließlich die, die es Weihnachten nicht so gut hatten wie wir, aber nun war Mami böse, blamiert und lenkte das Auto heimwärts.

„Nora, das war eine ganz normale Frage, die kriegen alle Kinder gestellt, nur du führst dich wieder mal völlig unmöglich auf, Frau Wohlers kann ja nicht wissen, dass du so abartig bist, hättest doch einfach „ein Buch“ sagen können oder meinetwegen „Schnee an Weihnachten“, das wünschst du dir doch sogar wirklich.“

Nora blieb nach außen verstockt und schämte sich in aller Einsamkeit nicht so sein wie sein sollte und wollte, es war keine Absicht, sie hatte wirklich Angst vor Geschenken, vor den Stofftieren, die sie mit glasigen Augen anstarrten und die sie nicht so innig lieben konnte wie die Stofftiere und Puppen, die schon hatte, vor Kleidung, die nicht so roch wie sie riechen sollte, vor fremden Büchern und Spielen, die in ihre gute Ordnung nicht einfach so hinein zu quetschen waren. Und an allem klebte Schuld, unterm armen abgehackten Tannenbaum wurde betont, welch Überfluss das alles mal wieder sei und andere Kinder haben gar nichts, allen Spendenaufrufen zum Trotz, Noras Hoffnung, die Erwachsenen würden es schaffen, die Geschenke endlich richtig  zu verteilen wurde Jahr um Jahr enttäuscht.

Mami regte sich wieder ab, Nora fühlte sich noch immer gehäutet, aber es gab an diesem Abend Christstollen im Kerzenschein, der heißgeliebte Kater schnurrte tröstlich auf ihrem Schoß und sie durfte ausnahmsweise mit den Eltern fernsehen, die „Feuerzangenbowle“ , aber sie mochte den maßlosen Mann, den alle so lustig fanden, nicht

Ach verflixt, der allweihnachtliche Blues hat mich wieder, dachte Nora während sie Backbleche schrubbend über diese mehr als vierzig Jahre zurückliegende Begebenheit nachsann, dabei hatte sie sich befreit, ein gutes Essen mit zwei Freundinnen, das zum Kaffee gern in eine kleine Zuckerorgie ausarten durfte, ergreifende Musik, Gedichte, eine liebevoll gestaltete Krippe, kein hingemetzelter Nadelbaum, kein geschlachtetes Tier, keine Geschenke, das Weihnachtsgeld diskret gespendet, kaum Stress, nur der nöhlende Sound ihrer Mutter, wenn sie Noras auch im sechsten Lebensjahrzehnt nicht endenden Absonderlichkeiten beklagte.

6 Gedanken zu “Und was wünschst du dir zu Weihnachten?

  1. Christiane Dezember 16, 2017 / 4:58 pm

    Ha! Mir tat nicht nur als Kind der arme, abgehackte Weihnachtsbaum auch immer leid, und ich habe mit ihm gesprochen und ihm erklärt, was jetzt passiert … Danke fürs Erinnern!
    Und ja, es passen alle Wörter in 10 Sätze, unbedingt, ich weiß – aber meine Terminplanung war letzte Woche größtenteils dahin … ach, was solls.
    Danke schön für diese besondere Etüde
    Christiane

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    • fundevogelnest Dezember 16, 2017 / 9:55 pm

      Ich habe meist heimlich um ihn geweint und als Erwachsene auch keinen Baum mehr angeschafft.
      Wir haben unsere mittlerweile exorbitante Krippe, die mit Zweigen aus dem Garten und Lichterketten auch immer sehr stimmungsvoll aussieht. Allem Atheismus zum Trotz mag ich die Geschichte vom Neugeborenen im Stall sehr und auch die Wurzeln des Krippenbrauchs.
      Ehe sich hier jetzt jemand Sorgen macht: Geschenke bekommen meine Kinder natürlich, wenn finanziell und logistisch realisierbar, das, was sie sich wünschen.
      Und Zuckerorgien zelebrieren wir hier immer wieder gern.
      Natalie

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      • Christiane Dezember 16, 2017 / 10:09 pm

        Ich mag die Geschichte von der Wiedergeburt des Lichts, von der das Christentum eine Menge adaptiert hat („Light of the World“).
        Und Geschenke, ach, es gibt Geschenke und Geschenke. Dass du eine Materialschlacht auffährst habe ich eigentlich ebensowenig erwartet wie das komplette Gegenteil.
        Liebe Grüße
        Christiane

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  2. dergl Dezember 16, 2017 / 6:02 pm

    Sehr schön. Ich habe früher übrigens auch immer „Nichts“ gesagt. Das war nämlich so, dass ich in meiner Abartigkeit Anziehsachen geschenkt bekam, die ich selber nie freiwillig anziehen wollte (in der Oma-Abteilung gekauft oder arg kindisch) oder solche, die ich anziehen wollte, weil ich sie mir selber ausgesucht hatte, die mir dann weg genommen wurden, weil ich das ja nicht tragen könne.

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    • fundevogelnest Dezember 16, 2017 / 10:09 pm

      Dergl,das klingt nach einer schmerzlichen Erinnerung und wenig Empathie.
      Noras Eltern wollen Freude machen und sind von der Wunschlosigkeit ihres Kindes,die sie nicht verstehen können oder wollen, schwer irritiert.
      Ähnlich ist es, dass fast jede sexuelle Präferenz — in fortschrittlichen Kreisen — Verständnis finden kann,aber wenn Menschen gar nicht möchten, wird ihnen ihr freier Wille häufig abgesprochen.
      Natalie

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      • dergl Dezember 17, 2017 / 9:39 am

        Wer bei mir so irritiert wie Noras Eltern dastand waren meine Paten. Nachdem mein Vater diverse Neidanfälle bekommen hatte, weil sie mir Sachen schenkten, die ich mir wünschte sagte ich da nämlich immer nur Geld. Es kam auch vor, dass ich als Kind Spielsachen bekam, die ich mir ausgewählt hatte und Verwandte mir sagten, ich soll den Eltern nicht verraten was gekauft wurde, weil ich sonst sofort hätte an meinen Bruder hätte abgeben müssen. Ich erinnere mich lebhaft an das Klack-Spiel. So eine Art Taschencomputer aus dem Fernsehen. Was auch dazu führte, dass die Familie meines Vaters mir sogar nur noch heimlich Geld zusteckte. Meine Nimm2-Oma hat sich bis zu ihrem Tod 1999 lebhaft über meinen Geburtstag 1988 aufgeregt als meine Mutter vom Kaffeetisch weglief um für meinen Bruder – 2 Jahre damals – das gleiche zu kaufen was ich damals von der Schwester meines Vater geschenkt bekommen hatte, weil ich mich weigerte ihm das abzugeben.

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