Wenig Zeit für Magie (ABC-Etüde)

Nach der Adventsnummer der ABC-Etüden folgt nun die Weihnachts-und Neujahrsedition der Etüden, mindestens drei Wörter aus dem unten stehenden Fundus, den Christiane gesammelt und Ludwig Zeidler dekorativ aufgelistet hat, müssen in höchstens zehn Sätzen untergebracht werden.

2017weineu_1

Jeden Dezember nahm sie sich vor, die Rauhnächte zu feiern, richtig zu feiern, die vielzitierte Durchlässigkeit in andere Dimensionen selbst wahrzunehmen, statt in Blogs mehr oder weniger wunderliche Rituale zu studieren und dabei Berliner in sich reinzustopfen, allen weiteren Vorsätzen zum Trotz.

Im Jahr des Gelingens saß sie  auf einer verschneiten Lichtung an einem Feuer, dessen Knistern als einziges die Stille durchbrach, am Waldesrand stellten sich pelzige Gestalten ein, die sich vertrauensvoll dem Feuer nährten und einen Blick in ihre unergründlichen Augen gewährten, so stellte sie es sich vor.

Im Stadtwald gab es gar keine richtigen Lichtungen, es regnete bei acht Grad Celsius, ein Feuer hätte sie niemals angekriegt, und wenn hätte der Rentner, dessen wuscheliger Hund sie angekläfft hätte, ihr den Marsch geblasen, Feuergefahr, Zuwiderhandlung, sträflicher Leichtsinn undsoweiter.

Außerdem bestand zwischen den Jahren Urlaubssperre, da gab es keine Hoffnung auf Ausnahmen, wegen der vielen zu besetzenden Feiertage und so.

Die Spätschicht am 25.Dezember war anstrengend, keine Katastrophen,  bloß Notaufnahmen, Verlegungen, Verbandswechsel, unruhige Kinder, Verständnis suchende Eltern, das ganze Programm.

Zum Schichtende kam ein Anruf aus einer Geburtsklinik, ein Neugeborenes, Entzündungszeichen im Blut, bitte einmal abholen, Routinefall.

Im Nachdienst war schon eine Kollegin zu wenig, sie hatte morgen frei, keine Frage, dass sie sich anbot, die Rettungswagenfahrer wünschten munter Fröhliche Weihnacht, ach ja.

Es war ein echtes Christkind, die Mutter, schön wie ein Engel mit Zahnspange, sah tapfer zu, wie ihr Baby in den Transportbrutkasten gelegt wurde für die Fahrt mit weinender Mutter und weinendem Kind, alle vorschriftsmäßig angeschnallt, tröstend wollte sie sagen, das Kind sei gewiss zum Neujahrsläuten schon wieder zuhause, doch keine verstand die Sprache der anderen, sie reichte ein Papiertaschentuch.

Irgendwann öffnete sie das Türchen des Brutkastens, löste den Gurt der Mutter, die sofort aufstand, streichelte, gurrte, die Rettungswagenfahrer schauten demonstrativ weg, und sie konnte Mutter und Kind aller Unveantwortung zum Trotz unversehrt der Säuglingsstation übergeben, ein leises danke mit starkem Akzent, schon gut.

Auf dem Heimweg stand plötzlich ein Reiher im Lichtkegel ihrer Fahrradlampe und blickte sie an, einfach so.

 

 

 

9 Gedanken zu “Wenig Zeit für Magie (ABC-Etüde)

  1. Christiane Dezember 29, 2017 / 11:07 pm

    Gerade ein Reiher.
    Wir werden gesehen, nicht nur in den Rauhnächten, glaubst du nicht?
    Gefällt mir sehr, deine Magie.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

  2. fundevogelnest Dezember 29, 2017 / 11:38 pm

    Liebe Gerda, liuebe Christiane,
    Die rauhnächtliche Begegnung mit dem Reiher hatte ich wirklich mal, vor wohl über 20 Jahren,nach einer Nachtschicht in der Neujahrsnacht bei dichtem Nebel, er stand echt direkt vor mir., ich konnte seine Pupille erkennen
    . Ich hatte gezögert, diese Begenung in der Etüde unterzubringen, da es in dem Fall wohl eher auf Mitternacht zugeht und das reale Vorbild wahrscheinlich so um 6.30 Uhr passiert ist, ich habe wirklich keine Ahnung, ob Reiher mitten in der Nacht auf Wegen rumstehen…oder doch irgendwo schlafen.
    Dein satz „wir werden gesehen“, macht mich nachdenklich Christiane,was meinst du?
    Kommt gut durch diese Rauhnacht
    Natalie

    Liken

    • Christiane Dezember 30, 2017 / 10:13 am

      Wir werden gesehen von der anderen Seite, von denen, die wir rufen, mit denen wir uns verbinden, gerade wenn wir es wollen, wie du in deiner Etüde …
      Das ist nichts, wovor man Angst haben muss …
      Ich würde immer denken, dass Reiher nachts schlafen. Klar ist 6:30 Uhr fast schon Morgen, aber dunkel ist es dann doch auch noch. Ich würde das wie du unter „Geschenk von der anderen Seite“ wegsortieren.
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Dezember 30, 2017 / 10:48 pm

      Dir auch einen wunderbaren Jahreswechsel, ich bi so dankbar,dass ich dieses Jahr in die „Etüdengemeinde“gefunden habe.
      Natalie

      Gefällt 1 Person

  3. Christiane Januar 7, 2018 / 1:58 pm

    Ich habe dir Mitte letzter Woche an deine Kommentaradresse eine Mail geschrieben, liebe Natalie, hast du die gefunden?
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s