Ressource auffälliges Kind

Zur Vorgeschichte:Dabei sein kostet extra

Dreitausendsechshundertsiebenundneunzig.

So viel Geld bekommt die Kindertagesstätte von nun an monatlich für die Betreuung des kleinen Fundevogels. Ein externer Gutachter bestätigte den Bedarf, den der Kindergarten sah und wir erhielten einen neuen Kita-Gutschein. Die Kündigung vom letzten Jahr ist hinfällig.

Der „Familienanteil“ dieser stolzen Summe beträgt lächerliche fünf Euro, alles andere bezahlt die „öffentliche Hand“, also auch viele meiner geschätzten Leserinnen und Leser, recht herzlichen Dank an dieser Stelle dafür.

Und was bekommt der kleine Fundevogel für das viele Geld?

Erstmal eine ganze Menge: Es gibt ab jetzt eine zusätzliche Betreuerin in der Gruppe. Dadurch können die  Erzieherinnen den kleinen Hampelvogel überwiegend in Kleingruppen betreuen, nah an ihm bleiben, das Weglaufen, das andere Schlagen, das sich selbst Schlagen und allen anderen unangepassten Müll möglichst im Vorfeld verhindern.

Und warum macht die Fundevogelmama jetzt keine Flasche Sekt auf und lobpreist auf ihrem Blog den funktionierenden Sozialstaat, in dem sie lebt?

Das wäre doch mal was.

Ich bin ja dankbar: Dafür stundenweise entlastet zu sein, dafür wie liebevoll die Erzieherinnen mit dem Fundevögelchen umgehen, dass sie nicht den bequemsten Weg wählen, sondern ihn trotz seines Talents einen Wimpernschlag später ganz woanders zu sein, mit auf Ausflüge nehmen. Sie lassen ihn mit Werkzeug hantieren, mit Wasser spielen, lauter feine Dinge tun und das nicht erst seit es mehr Geld dafür gibt. Das ist einfach wunderbar.

 

septemberküken 3

kleiner Vogel in hoffentlich guten Händen

 

Trotzdem fühle ich mich unbehaglich.

Ich bin nach wie vor verärgert, wie der ganze Prozess von der Kitaleitung angeschoben wurde – mit einer Kündigung, ihrer Aussage nach die erste seit Bestehen der Kita, weil das als Druckmittel mal sein musste.

Der Druck kam an. Nicht nur bei den zuständigen Ämtern, sondern vor allem hier im Fundevogelnest. Das Gar-nicht-wissen wie es weitergeht hat Kräfte gefressen und von denen verschleißt der Fundevogel eigentlich schon genug.

Alles, was ich unternommen habe, um den Gutachter zu seinem zweiten Einsatz zu bewegen, hätte ich auch ohne Kündigung im Nacken getan. Wie sehr hätte ich mir aber ein „was können wir tun?“ von der Kita gewünscht, statt ständiger Appelle an mein Verständnis für die Nöte der Kitaleitung, die ja schon so vieles täten, ohne es vergütet zu bekommen.

Alternativen boten sich in dieser großen Stadt nicht viele, also zur Einschulung 2018 schon, aber nicht jetzt. Eine Kündigung ist kein ein Empfehlungsschreiben.

Wie war es wohl für den kleinen Fundevogel eine Kita nach der anderen zu besichtigen? Er sollte stets mitkommen, um seinerseits besichtigt zu werden, vordergründig fand er es spaßig, Hauptsache, die hatten ein paar Türen zum Knallen und natürlich möglichst viele Schalter in seiner Höhe. Ich taxierte nebenbei die Höhe und Qualität des Zauns.

Eine Einrichtung, die mir gut gefiel, und deren Leiter den Fundevogel „spannend“ fand, will sich dieser Tage melden. Da ich den Fundevogel nicht bei der Kitaleitung, sondern bei den von uns beiden geschätzten Erzieherinnen abgebe, habe ich jedoch entschieden, meinen Groll auf die Kitaleitung langsam absinken zu lassen und mein Vögelchen da zu lassen wo es ist.

Denn selbst die entgegenkommendste Kitaleitung wird am Grundproblem nichts ändern können. Egal was auf den Websites steht: Keine Kita ist ausreichend ausgestattet, um Kinder so zu nehmen, wie sie kommen. Jede Kita ( wie jedes Altersheim, jede Pflegeeinrichtung, jedes Krankenhaus…. ) bräuchte deutlich mehr Geld, um die ihnen Anvertrauten so zu betreuen, wie es dem Berufsethos der dort Arbeiten entspräche. Mehrbedarf ist nicht vorgesehen, für den muss jedes betroffene Kind seine Ressourcen selbst mitbringen.

Und da wird es spannend.

Nur ein bisschen Auffallerei bringt nicht viel, schließlich sind alle gehalten wirtschaftlich zu denken – unabhängig davon wieviel Stress und graue Haare dieses Bisschen den Erzieherinnen verursacht. Also muss das Auffälligste an der Auffallerei möglichst auffällig betont werden, zur Not schaut man mit ein wenig zusammengekniffenen Augen hin.

Dann wird der Zehenspitzengang zum „Gleichgewichtsproblem“.

Ich kenne das von der Frühgeborenstation: Es werden prinzipiell keine Babys mit einem Geburtsgewicht von 1510g geboren, die wiegen 1490g, basta, so genau sind Säuglingswaagen auch wieder nicht. Für die Therapie oder für das Wohlergehen der Kleinen macht das keinen Unterschied, für das Budget des Krankenhauses ist die Antwort auf die Frage über oder unter 1500g? enorm.

Es mag in diesem Bereich kriminelle Machenschaften geben, bestimmt, von denen spreche ich hier nicht, ich rede von denen, die versuchen irgendwie das notwendige Geld für eine vernünftige Arbeit zusammenzukratzen.

Mit diesem Wissen hätte ich das Gutachten über den kleinen Fundevogel leicht nehmen sollen, es wurde schließlich geschrieben, um Geld ranzuschaffen. Aber Dinge, die schwarz auf weiß stehen, sind schwer zu ignorieren. Es steht ja nichts frei erfundenes da, stimmt schon alles irgendwie und die Zweifel an der eigenen Wahrnehmung gingen los: War ich zu verliebt ins Kind? Will ich es einfach nicht wahrhaben? Was soll um Himmels Willen aus dem hier geschilderten Katastrophenkind mal werden?

Das Gutachten brachte mich innerlich zum schwanken, meine mühsam erlangte und zu oft verteidigte Gelassenheit geriet noch nicht in Seenot, aber in heftigen Sturm. Das Boot ruhig zu halten kostete Kräfte, die ich für anderes brauchte.

Spricht er hier der Kita wirklich nur in Zweiwortsätzen? Oder steht das da, um mehr Geld zu bekommen?“, fragte ich, Wörter zählen kann ich auch im verliebten Zustand. Die Antwort blieb ausweichend ist ja schon etwas länger her, alle Kinder sind in der Kita anders als zu Hause…Liebe Leute, kooperieren wäre einfacher, wenn ich wüsste, welches Spiel ich genau mitspielen soll.

Und warum jetzt auf einmal Logopädie? Er spricht den ganzen Tag ohne Punkt und Komma, der Kinderarzt war auch zufrieden. Aber …  wenn die das hier alle für so wichtig halten … andere Gleichaltrige sind schon besser zu verstehen … machen wir doch einen Diagnostiktermin bei der Logopädin, gibt ja eine in der Kita, wie praktisch.

Nein, mein Boot ist noch nicht wieder ganz auf Kurs, schlingert noch.

Über die acht Stunden Betreuungt täglich gab es dann endgültig Streit, im Gutachten steht Fundevögelchen ist in Gruppensituation meist überfordert, aber zu seiner besseren Förderung soll er mehr Stunden bleiben.

Wie passt das zusammen?

Außerdem mag es ja Eltern geben, die ihr Kinder nicht selbst fördern können. Ich kann das aber. Keine Sorge, selbst wenn das mit der Kündigung durchgezogen worden wäre, der Fundevogel hätte nicht ungefördert dagestanden.

Die Mutter braucht Entlastung, ja braucht sie, fünf Stunden reichen ihr aber, jedenfalls wenn sie nicht ununterbrochen Kitas und Gutachter abtelefonieren muss.

Da kam es dann endlich auf dem Tisch: Wir brauchen das Geld, bringen Sie ihn so lange Sie meinen.

Ja, gut, ist okay.

Wie Betrug fühlt es sich für mich noch immer an.

Küken 2012

vielleicht sollt man sich nicht so viele Gedanken machen …

Ist ein Sozialsystem gut, das, um zu überleben, auf so vielen Ebenen auf extremes Überstrapazieren der Realität angewiesen ist? Wie fühlt es sich für Kranke und Behinderte jeglicher Lebensphase an, als hilfloser dargestellt zu werden, um ihre elementaren Bedürfnisse, ihre Grundrechte erfüllt zu bekommmen?

Oder noch schlimmer, ihre Bedürfnisse mit den Worten offensichtlich unbegründet abgesprochen zu bekommen, wenn diese nicht finanziert werden sollen. Ich kenne genug Menschen mit Behinderungen, die einen großen Teil ihrer Zeit damit verschleißen, ihre dringend benötigten Hilfsmittel oder Assistenz zu bekommen (dann fühlt es sich noch seltsamer an, was das Fundevögelchen alles aufgenötigt bekommt)

Pflege und Betreuung sind teuer, sehr teuer, wenn sie gut sein sollen, denn sie hängen an Menschen, die qualifiziert sind, die so bezahlt werden, dass sie eine Familie ernähren können und die durch ihren anstrengenden Job nicht so verschlissen sind, dass sie nur noch auf Sparflamme arbeiten.

Und – man verzeihe mir die antiquierte Wortwahl – das passt nicht ins kapitalistische System. Gewinnmaximierend funktioniert in diesem Bereich nicht.

Frau Fundevogel hat natürlich auch kein Patentrezept parat.

Aber wie wäre es, wenn statt über Pflegeroboter nachzudenken, kostbare menschliche Arbeit nicht mehr mit Lohnsteuer behaftet würde? Wenn die Steuern stattdessen in den Bereichen erhöht würden, in denen wir uns die Dinge bald wirklich nicht mehr leisten können, bei fossilen Brennstoffen, seltenen Erden und sonstigen Rohstoffen?

Wie wäre es, wenn Familien stolz auf ihre Erzieherinnen, Krankenschwestern und Altenpfleger wären, statt ein unausgesprochenes nur davor zu setzen?

Wie wäre es, wenn die Einhaltung der Menschenrechte für alle nicht als etwas, das ganz nett wäre, sondern als grundlegende Voraussetzung für das Funktionieren einer menschlichen Gesellschaft gesehen würde?

Ja, wie wäre es?

 

3 Gedanken zu “Ressource auffälliges Kind

  1. violaetcetera Januar 15, 2018 / 2:36 pm

    Wunderbar geschrieben. Ich kann gut verstehen, dass ein bitterer Beigeschmack bleibt. Wieviel Geld gute Frühforderung später vielleicht spart, ist egal. Und der ganze Stress der letzten Monate ist sowieso nicht wieder gut zu machen. Als hörbehindertes Kind hatte ich das Glück, eine ebenso engagierte Mutter zu haben, wie du eine bist, das ist unbezahlbar. Liebe Grüße, Viola.

    Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.