Splitternde Pfosten

Der Mann einer meiner Herzensfreundinnen ist schwer erkrankt, es ist nicht klar wie es ausgehen wird, aber wahrscheinlich wird er schwere Schäden zurückbehalten. Die Herzensfreundin selbst liebt ihren Mann nicht nur innig, sondern sie ist wegen einer fortschreitenden neurologischen Erkrankung im Alltag in vielen Dingen auf ihn angewiesen. Selbstredend, dass Freunde und Freundinnen neben Trost und Zuspruch spenden nun in diese Bresche springen. Nicht zuletzt der große Fundevogel hat sich die letzten Tage als 1a Einkäufeanlieferin erwiesen.

Einer anderen nicht gerade Herzens- aber langjährigen „Mutti-Freundin“ (sprich man ist befreundet, weil die Kinder befreundet sind) steht nächste Woche eine große OP ins Haus. Ich scheine die Einzige auf der Welt zu sein, die ihre Kinder in der Zeit zu sich nehmen kann (und wird).

Auch hier Drama mit ungewissem Ausgang.

Bis vor drei, vier Jahren hatte ich das sichere Gefühl, das Fundevogelnest ruhe auf soliden Fundamenten. Ein stabiler Verwandten- und Freundeskreis von Menschen, die — bei allen Streits, Misstönen und sonstigen zwischenmenschlichen Kollisionen- füreinander da waren. Meine kleine Welt hatte die Form eines Nestes, wie es der Subcomandante Marcos in einem seiner schönsten Texte für die ganze Welt erträumte (mit Quellennachweis kann ich gerade nicht dienen, irgendeine schmuddelige Kopie in irgendeinem Ordner.) So hatte ich das immer gewollt.

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Irgendwann fing die Erosion an, erst unmerklich, dann immer spürbarer. Kein Zerwürfnis, kein Verrat, sondern  Alter, Schicksalsschläge und vor allem Krankheiten körperliche, psychische, chronische — wie in einer schlechten Fernsehserie. Gefühlt fängt die Zahl der Bedürfnisse an, die Möglichkeiten diese Bedürfnisse zu erfüllen zu übersteigen.

Ich stelle mir vor, ich müsste ein Eichenpfahl werden, stark und unerschütterlich wie die über hundert Jahre alten Pfähle, auf denen die Hamburger Speicherstadt im Elbschlick ruht.

Doch aus diesem Holz bin ich nicht gemacht – mein Körper hat mir für diese Phantasien einen gewaltigen Stinkefinger gezeigt. Aus einer schon länger mitgeschleppten, aber nicht sehr störenden Erkältung wurde als es am allerwenigsten passte eine fiese Bronchitis und Nasennebenhöhlenentzündung, so krank war ich lange nicht mehr. Langsam, sehr langsam wird es besser, vor zwei Tagen habe ich jede fundevogelfreie Minute zum Schlafen genutzt und so getan als ob Haushalt, Garten, Blog und alle möglichen Verpflichtungen nicht existierten. Der große Fundevogel, der schon von Ausziehen uns Selbststädigkeit träumt, reagiert auf mein Kranksein und die anderen Katastophen mit Verhaltensauffälligkeiten, von denen ich dachte, sie lägen längst in grauer Vergangenheit.

Einen Riesendank schulde ich meinem großen Sohn, der den kleinen Fundevogel beschäftigt, an die frische Luft und in die Kita gebracht hat

Gut, meine Krankheit wird vorbeigehen. Ich hoffe möglichst bald.

Trösten tu ich mich bis dahin mit einem schon x-mal  gelesenen Lieblingsbuch Die Entdeckung des Himmels von Harry Mulisch, Was mich an diesem Buch tröstet, ist kaum zu erklären. Es steht ein für mich als Ungläubige eher befremdliches Welt- und Gottesverständnis dahinter, aus feministischer Sicht ist das Buch eigentlich komplett indiskutabel und war das auch schon im Erscheinungsjahr 1992 und tröstlich ist an der Handlung nichts.

Doch eines: Die unverbrüchliche Freundschaft und tiefe Solidarität zwischen zwei sehr unterschiedlichen Charakteren. Das gibt es ohne Erotik drumherum in gar nicht so vielen Büchern, die für Menschen jenseits des Grundschulalters geschrieben wurden.

Und die Freundschaft und Solidarität sind das, was zählt. Wir müssen uns jetzt nur nach ein paar neuen, verlässlichen Pfosten umsehen. Dann versinkt hier niemand im Schlick.

 

 

 

12 Gedanken zu “Splitternde Pfosten

  1. kleinstadtloewen Februar 26, 2018 / 9:35 pm

    Ich wünsche Euch, dass Ihr ganz bald feste Pfosten findet, die Euch unterschütterlich zur Seite stehen! Ich suche hier auch gerade wieder – mit jeder großen Veränderung sortiert sich auch das Umfeld wieder neu.
    Dir wünsche ich gute Besserung!

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    • fundevogelnest Februar 27, 2018 / 10:29 pm

      Danke, das nehme ich mir als Motto für die nächste Zeit.
      Hamburg hat es ja ein bisschen mit Venedig. Der Rathausmarkt ist dem Markusplatz nachempfunden und in jedem popligen Reiseführer steht, Hamburg habe mehr Brücken als Venedig, ich schätze mal absolut und nicht pro Quadratmeter.

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  2. Anna-Lena Februar 26, 2018 / 10:45 pm

    Ganz schön viele Baustellen um dich herum! Ich wünsche dir eine Instandsetzung, möglichst gut, und stabil. Es muss nicht immer alles schiefgehen …
    Viel Erfolg und unzählige Genesungswünsche, die du weitergeben darfst.

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  3. Elke H. Speidel Februar 27, 2018 / 8:43 am

    Klingt alles recht düster – aber nicht hoffnungslos. Ich hoffe, dass für euch alle bald wieder nicht nur im oberflächlichen Sinn des Wortes die Sonne scheint und ihr wieder den Himmel entdecken könnt!

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    • fundevogelnest Februar 27, 2018 / 10:33 pm

      Das Schreiben dieses Beitrags war tatsächlich ein erster Schritt zum poitiv sehen. Hier muss ja alles etwas strukturiert sein,da kann man nicht so winselnd kritzen wie im Tagebuch.
      Natalie

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  4. violaetcetera Februar 27, 2018 / 2:57 pm

    Die Erkenntnis nicht aus unzerstörbarem Holz zu sein hat mich auch schwer getroffen. Und es gibt Zeiten, in denen alles um einen herum zusammen zu brechen scheint. Aber es setzt sich auch wieder alles zu einem neuen Nest zusammen (ein schönes Bild in diesem Zusammenhang). Jetzt musst DU erst mal wieder auf die Beine kommen. Gute Besserung weiterhin!

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    • fundevogelnest Februar 27, 2018 / 10:35 pm

      Ich gebe zu, ich bin in dieser Hinsicht verwöhnt, ich bin eigentlich nie länger als ein, zwei Tage krank. So fehlt mir etwas die Geduld…. wird schon.

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