…und baute mir eine Wohnung zuäußerst im Meer (ABC- Etüde)

Letzte Woche fiel die ABC-Etüde im Fundevogelnest wegen Krankheit und anderer Katastrophen aus, ich dachte eigentlich diese Woche auch, aber nun ist mir zu Nina Bodenlosz — wie ich fand –  extravaganten Wortspende

Sonnenkollektoren

pürieren

bräsig

etwas eingefallen.

Die Regeln sind immer dieselben: Die drei Wörter müssen in höchstens zehn Sätzen zu einer Minigeschichte verarbeitet werden. Ludwig Zeidler spendete die diesmal zu meinem Text farblich wunderbar passende Illustration.

2018_09_1_eins

Das kleine graue Haus zwischen Felsbrocken und salzgestählter Küstenvegetation wirkte wie die perfekte Filmkulisse, Rosamunde Pilcher oder so. Einzig die Sonnenkollektoren und die Satellitenschüssel hätten der Regie Punktabzug beschert und verorteten sie als Vogelwartin dieser Insel im Jahr 2018.

2017 und 2016 hatte sie bis auf die zweimonatige Winterpause auch schon hier verbracht, dabei war eigentlich nur eine mehrwöchige Auszeit nach dem Tod ihrer Mutter geplant gewesen. Alles in ihr hatte damals nach Luft und Weite gebrüllt — nach Abstand vom jahrelangen Pürieren liebevollst bereiteter Speisen zu einer fast immer verschmähten bräunlichen Pampe, von den ungezählten vergeblichen Versuchen ihrer Mutter abzugewöhnen, ihre gebrauchten Inkotinenzvorlagen auf dem Heizkörper aufzutrocknen, vom pausenlosen Gezeter und wütigem Ziehen an ihren Haaren ganz zu schweigen.

Hier gab es nur die Vögel und sie, manchmal blasende Wale am Horizont und alle sechs Wochen das Schiff. Mochte sein, dass sie langsam bräsig hier wurde, zum Sonderling mutierte, wie ihr eine der letzten verbleibenden Freundinnen in einer Mail mit allerhand „unschlagbaren Beweisen“ untermauert dargelegt hatte. Doch so einsam wie mit ihrer dementen Mutter würde sie sich unter Alken, Seetölpeln, Eissturmtauchern und Hochseemöwen nie fühlen, selbst dann nicht, wenn sie sich während der Herbst-und Frühlingsstürme im klammen Bett die Ohren zuhielt, weil die Orkanböen dröhnten, als schliefe sie neben einem unablässig befahrenen Gleis.

Niemand glaubte ihr so recht, aber sie hatte auf der Insel am Rande der Welt schon mehr Besuch gehabt als in der nach Ammoniak riechenden Wohnung, die sie mit ihrer Mutter geteilt hatte.  Und welch einfältige Behauptung, sie bekäme nichts mehr mit von der Welt: Wie ein Seismograph der fernen Zivilisation registrierten sie und die Vögel jeden Ölaustritt, den Anstieg des Meeresspiegels, den Wandels des Klimas, die Migration der Arten, das Verschwinden der Arten — einfach alles.

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Eine Anmerkung zum Titel: Er stammt in einer eher unüblichen Übersetzung aus dem 139. Psalm. Mir ist dieser Vers zum ersten Mal in Astrid Lindgrens Buch Ferien auf Saltkrokan begegnet und so in meinem Gedächtnis haften geblieben.

Die Insel hier in der Etüde ist erfunden, irgendwo weit westlich im nördlichen Atlantik müsste sie sein. Ob so weit von der Küste entfernt Vogelwarte eingesetzt werden, habe ich nicht recherchiert – ich fand die Vorstellung gerade verlockend.

6 Gedanken zu “…und baute mir eine Wohnung zuäußerst im Meer (ABC- Etüde)

  1. Anna-Lena März 4, 2018 / 7:45 am

    Ein Befreiungsschlag, der mir imponiert. Manchmal erfordert das Leben radikale Veränderungen.
    LG Anna-Lena

    Gefällt 2 Personen

  2. Christiane März 4, 2018 / 11:00 am

    Wie immer bin ich von deiner Etüde begeistert – natürlich auch, weil mir ein Leben als Vogelwart unglaublich fremd und sehr faszinierend erscheint. Noch dazu liebe ich Aussteigergeschichten.
    Vielen Dank also hierfür!
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

  3. Elke H. Speidel März 5, 2018 / 8:58 am

    Das Gefühl, als Aussteigerin nach dem unwiderruflichen Ende einer Lebensetappe neu beginnen zu wollen, kenne ich gut. Als Vogelwartin sich zugleich zu verstecken und weit, weit weg zu rennen ist vielleicht eine gute Möglichkeit, die Bedürfnisse zu kombinieren, die häufig nach dem Tod eines geliebten Menschen in Widerstreit zueinander stehen. Falls man die Vögel mag, natürlich, und sich diese Chance bietet. Eine schöne Geschichte ist es auf jeden Fall!

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  4. Nina Bodenlosz März 5, 2018 / 4:26 pm

    Ich kann mich gut einfühlen in deine Protagonistin. Freiheit! Gerade wäre ich auch gerne auf so einer Insel 🙂
    Danke für die Geschichte!

    Gefällt 1 Person

  5. fundevogelnest März 7, 2018 / 8:44 pm

    Danke euch für all die schönen Kommentare.Sie tun wie immer gut
    Ein Teil von mir wäre zurzeit wirklich gern weit weg – und würde es da nicht aushalten, weil mein Platz gerade hier und nirgends anders ist.
    Eine Zeit als Vogelwartin zu arbeiten ist einer meiner Wunschträume, vielleicht ehrenamtlich als Rentnerin, aber nicht sooooo weit weg.

    Gefällt 2 Personen

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