Eine fast zu häufig gestellte Frage und die Gnade der Bindung

Kann man ein angenommenes Kind lieben wie ein selbstgeborenes?

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(die Eier hatte sie nicht selbst gelegt…)

Wie oft mir diese Frage schon gestellt worden ist? Ich weiß es nicht.

Oft. Sehr oft. Manchmal zu oft.

Die Antwort wäre eigentlich einfach: Ja!

Oder ein klein wenig differenzierter: In meinem Fall (ein selbstgeborenes, zwei angenommene Kinder) ja.

Leider habe ich diese Frage oft als Angriff auf mein Lebensmodell und vor allem auf die Fundevögel verstanden und entsprechend schnippisch reagiert, musste vielleicht nicht immer sein.

Mit dem Spruch Blut ist dicker als Wasser konnte ich nie etwas anfangen. Ich habe lange gebraucht, um überhaupt zu verstehen, was die Aussage dieses Sprichworts sein sollte und immer ziemlich eklige Assoziationen dazu gehabt. Das dünne Wasser schneidet im Kopfkino eindeutig besser ab.

Ich fühle mich Freundinnen und Freunden, mit denen ich schon ein langes Stück des Weges gehe, nicht weniger loyal verbunden als meiner Familie und möchte ihnen auch in Stunden des Leids, der Krankheit oder im Alter zur Seite stehen, da reicht die verachtete Wasserbindung allemal.

Ein Mensch, den ich mittlerweile sehr schätze, erzählte ziemlich am Anfang unserer Freundschaft: Sie ist meine Cousine, na ja, nicht meine richtige Cousine, sie ist adoptiert. Eigentlich habe ich keine Cousine.

In jenem Moment hatte ich große Zweifel, ob ich mit diesem Menschen auf Dauer viel zu tun haben wollte. Eine junge Frau, die fast ihr ganzes Leben mit dieser Familie verbracht hatte, die de facto keine andere hatte, die die Freuden und Dramen ihrer Adoptivfamilie ungefragt teilen musste, wurde mit wenigen Worten zur Verwandten zweiter Klasse degradiert, nicht durch die sachliche Info „adoptiert“, sondern durch das Verneinen einer Verbindung (ich habe keine Cousine). Wir sind trotzdem noch Freunde geworden, aber alles Geschwätz über die Bedeutsamkeit des Blutes (wenn es nicht gerade um Erbkrankheiten geht) erinnert mich nicht nur an die unsympathischsten Charaktere bei Harry Potter, sondern es riecht für mich auch immer ein bisschen nach der braunen Suppe, der wir ja eigentlich glaubten entronnen zu sein.

Das mag übertrieben scheinen und ist den Fragenden gegenüber ungerecht, aber ein sich aufdrängendes Bild, das ich schwer zur Seite geschoben bekomme und mich an schlechten Tagen pampig oder ironisch werden lässt, an guten vielleicht nur sanft spötteln lässt.

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Manchmal werde ich von der Pflegeelternschule eingeladen, um Menschen, die sich um ein Pflegekind bewerben, von meinen Erfahrungen zu berichten. Da bekam die Frage: Kann man ein angenommenes Kind lieben wie ein selbstgeborenes? für mich einen anderen, einen bangen Klang, einen um das Wohl des angenommenen Kindes fürchtenden, und ich ließ mich endlich auf die Frage ein.

Der Anfang ist anders, natürlich, denn der Anfang mit einem angenommenen Kind fängt nicht mit dem Anfang an.

Wer kennt nicht die Wucht der Gefühle, die ein neues, eben erst in diese Welt katapultiertes Kindchen auslöst? Das Arglose, Unverletzte, zumindest scheinbar Ungeprägte rührt zutiefst, weckt das Bedürfnis es immer und überall vor allem Bösen zu beschützen. Heutzutage ist es glücklicherweise üblich geworden auf diese Instinkte zu hören und Neugeborene bedürfnisorientiert zu versorgen, sie nicht schreien zu lassen, ihnen Nahrung und Nähe zu geben, wann immer sie ihrer bedürfen.

Am Anfang sollte keine Erziehung sein, am Anfang geht es um Beziehung.

Wenn das Herzenskind später anfängt mit Bauklötzen zu werfen und seine liebenden Eltern als Pipi-Kaka-Wurst zu bezeichnen, wenn also die Zeit doch mal zu erziehen gekommen zu sein scheint, ist die tiefe Bindung schon da. Wenn nicht ganz gewaltig etwas schief läuft, wissen Eltern und Kind bei allen Streits, was sie verbindet und spätestens abends beim Kuscheln sollte alles wieder gut sein. Das hat die Natur ganz gut eingerichtet mit dem instinktiven Bindungsaufbau, den Hormonen und alledem.

Wenn es der Mutter nach der Geburt sehr schlecht geht, wenn das Kind weit entfernt von seinen Eltern tief sediert auf einer Neointensiv um sein Leben kämpft, wenn die Geburt auf der Flucht oder unter fallenden Bomben stattfindet (klingt abstrakt? Passiert in Syrien vermutlich jeden Tag) oder eben Eltern und Kind sich erst später auf dem Lebensweg begegnen, dann läuft der Bindungsaufbau nicht so wie er laufen sollte. Zum Glück sind wir Menschen und haben mehr als unsere Instinkte zur Verfügung. Mit Herz und Verstand können wir uns dem Kind nähren, das uns nicht im Sturm erobern durfte. Da Menschen, Kinder zumal, ohne Bindung kaum existieren können, ist ihre Bereitschaft groß, es auch auf dem zweiten, dem holprigen Weg zu versuchen.

Als der Große Fundevogel hier einzog, war er knapp drei Jahre alt. Ich war vom ersten Anblick an in das – sehr hübsche – Kindchen verliebt, ja ich fühlte mich vor lauter Bindungserwartung körperlich fast wie schwanger, aber auf jedes Bedürfnis einzugehen ist keine gute Idee, wenn die Bedürfnisse lauten: Ich renne los, egal wieviele Autos meinen Weg kreuzen. Oder: Ich esse diesen weggeworfenen Hamburger, der da neben der Hundekacke im Rinnstein liegt. Oder: Ich beiße meinen neuen Bruder bis Blut fließt.

Körperpflege war für dieses Kind irgendwie des Teufels. Man merkte, wie übergriffig jeder Versuch sich fürsorglich an seinem Körper zu schaffen zu machen, empfunden wurde. Die Beziehung fehlte, auf deren Grundlage man sagen konnte: Ich mach das jetzt mal eben ganz vorsichtig, auch wenn du das nicht magst, weil ich weiß, dass es notwendig ist. Zum Glück planschte das Kindchen gern im Wasser und ich vertraute darauf, dass ausreichend langer Kontakt mit Wasser und Schaumbad es auch ohne mein Zutun einigermaßen reinigen würden. Doch ich weiß nicht mehr wie viele Wochen oder Monate vergingen, bis mir gelang, die ohnehin schon kariösen Zähne wenigstens oberflächlich zu bürsten. Ich fühlte mich entsetzlich unzulänglich damit.

Auch das Kind selbst kümmerte sich um Halt und Bindung, wo immer diese zu kriegen waren. Jeden freundlichen Menschen nahm es in Beschlag, heftete sich an seine Fersen und wäre ihm vermutlich ohne mit der Wimper zu zucken nach Hause gefolgt. Besonders vertrauenerweckend erschienen ihm ungewaschene, alkoholisierte, fusselbärtige Männer mittleren Alters, bei denen saß es sofort auf dem Schoß.

Der Kleine Fundevogel  war beim Einzug erst fünf Monate alt, wog keine drei Kilo und brachte die überschaubaren Fähigkeiten eines Neugeborenen mit. Trotzdem glich er einem Neugeborenen nur auf den ersten Blick, er hatte in seinem kurzen Leben mehr Operationen und Krankenhaustage angesammelt als manche Achtzigjährigen und mehrfach am Rand des Todes balanciert. Er hatte liebevolle Kinderkrankenschwestern, Physiotherapeuten und die wunderbaren ehrenamtlichen „Besuchsomis“ um sich herum gehabt– aber niemanden, der ihn am allerliebsten hatte.

Das hat ihm gefehlt und mir tut weh, ihm dieser schlimmen Zeit seines Lebens nicht beigestanden haben zu können. Beim Großen Fundevogel genauso: In der schlimmsten, in der gefährdetsten, in der bedürftigsten Zeit kannten wir uns noch nicht. Vielleicht habe ich in dieser Zeit mal eine Horrorgeschichte gelesen, den ein oder anderen Krimi konsumiert und nicht geahnt, dass mein zukünftiges Kind zeitgleich Dinge überlebte, die für mich bis dahin zwischen zwei Buchdeckel gehörten.

In diesen Zeiten keinen Schutz gewährt haben zu können, ist ein Schmerz, den annehmende Eltern, aber vor allem die angenommenen Kindern irgendwie aushalten müssen.

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Inzwischen haben wir gemeinsame Vergangenheit und die Zeit hat die Bindung zwischen mir und den Kindern und natürlich auch die Bindung der Kinder unter einander geschmiedet. Ich kenne ihre Lieblingsessen, ihre Macken, ihre liebenswerten Schrullen, erkenne ihre Signale, wenn sie müde, überfordert oder krank sind, weiß womit ich sie locken und bestechen kann. Sie  wissen genau, womit sie mich zuverlässig auf die höchste Palme bringen, welche Anliegen ich ihnen nicht abschlagen kann und wo Faulheit oder mein Sinn für Albernheiten meine guten Erziehungsvorsätze aussticht.

Bindung wächst in der Zeit, die man miteinander verbringt. Wenn ich überhaupt einen Rat in dieser Sache zu vergeben hätte, dann den: Sich diese Zeit nehmen, den maximal möglichen Erziehungsurlaub beantragen, später Kitabeginn, Förderungen und Therapien hinten anstellen, eigenen beruflichen und sonstigen Ehrgeiz ebenfalls und sich eine gemeinsame Geschichte schaffen. Kleine Anekdoten, Badezimmer-Überschwemungen, unterwegs gestreichelte Pferde, tagelang gesuchte und schließlich wiedergefundene Stofftiere, durchwachte Fiebernächte, gemeinsam entdeckte Lieblingsbücher, erfundene Wesen, die die Hausgemeinschaft bereichern, neue Spazierwege und natürlich familiäre Weihnachts- Geburtstags- und vielleicht auch ganz besondere und einmalige Traditionen schaffen ein unverwechselbares Zuhause und dort gedeiht die Liebe, nach der eingangs gefragt wurde.

Inzwischen haben wir soviel Geschichte(n) angehäuft, dass die alten Bilder von dem vertrauensvollen leiblichen Neugeboren in meinen Armen, von der scheuen, abwehrenden Dreijährigen und dem sich am liebsten wegschlafenden Baby nur noch Einzelstücke unter vielen sind, die irgendwie schon furchtbar weit weg und beklagenswert unerreichbar scheinen. Aber eben auch den schwierigen Anfang nicht mehr so im Mittelpunkt stehen lassen, er ist jetzt eine Geschichte von vielen.

Besonders der Große Fundevogel hat das Misstrauen gegenüber der Welt nie ganz abgelegt. Umso dankbarer bin ich, dass mein Bindungsangebot angenommen wurde, soweit es dem Kind eben möglich war.

Wir mussten es im Fundevogelnest nicht erleben, aber es gibt Kinder, Menschen, deren Bindungsfähigkeit zu großen Teilen zerstört wurde, durch Vernachlässigung, widersprüchliche Bindungsangebote, permanente Betreuungswechsel, Gewalt, sexualisierte Gewalt, seelische Grausamkeiten. Manche ertragen die schützende Nähe einer Familie nicht mehr. Wenn ihre Pflegefamilie sie dann in professionelle Hände gibt, um das Leben lebbar zu machen, verdient das keine abfälligen Bemerkungen und nachträglichen Belehrungen, sondern Hochachtung und Mitgefühl.

Und wenn die Bindung gelingt, ist das ein guter Grund dankbar zu sein.

Danke euch Fundevögeln, dass ihr euch auf mich schräge Vogelmama eingelassen habt! Wir haben uns zueinander gekämpft. Ihr seid die Besten.

9 Gedanken zu “Eine fast zu häufig gestellte Frage und die Gnade der Bindung

  1. maramarin21 März 10, 2018 / 7:25 am

    Ein sehr berührender Beitrag. Es macht glücklich, zu lesen, dass Deine kleinen Fundevögel nun ein Zuhause haben.

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    • fundevogelnest März 11, 2018 / 7:24 pm

      Ja und ich bin tatsächlich auch glücklicher, so im Großen und Ganzen zumindest. Wie in jeder Familie gibt es bei uns auch Zeiten zum die Wände hochlaufen….

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      • maramarin21 März 12, 2018 / 5:56 am

        Das glaube ich Dir. Und trotz der manchmal nicht so leichten Zeiten bringen Kinder etwas mit, das ein unglaublich großer Schatz ist: Ihre Ehrlichkeit und ihr tiefes Bedürfnis, sich emotional zu binden.

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  2. gkazakou März 10, 2018 / 11:26 am

    danke für diesen Beitrag, so voll von gutem Gefüht und Erfahrung. Ich wünsche euren Heim noch viele schöne Tage.

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  3. charlotteweiss März 10, 2018 / 10:07 pm

    Was für ein wunderbarer Beitrag, der mir aus der Seele spricht! Vor allem der Satz „In diesen Zeiten keinen Schutz gewährt haben zu können, ist ein Schmerz, den annehmende Eltern, aber vor allem die angenommenen Kindern irgendwie aushalten müssen.“ hat mich zutiefst berührt. Denn das ist genau das, was ich immer wieder fühle, auch nach Jahren, wenn die Tage einmal nicht laufen und ich spüre, dass die Vergangenheit meine Kinder quält… – Eine gute Bindung und Beziehungsebene aufgebaut zu haben, ist etwas ganz besonderes. Wie großartig, dass Ihr das habt!

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  4. fundevogelnest März 11, 2018 / 7:32 pm

    Das ist ja witzig. , ausgerechnet ei de Satz habe ich endlos überlegt, ob ich ihn im Text lassen sollte oder nicht.Denn das Gefühl etwas versäumt zu haben, wenn man einander noch gar nicht kannte, wirkt ja erstmal etwas verquer …
    Um so glücklicher macht es mich, dass du in einer vergleichbaren Situation diesen Gedankengang verstehst, wahrscheinlich ist die Situation selbst verquer …
    Etwas wackelig empfinde ich besonders die Bindung zu Großen Fundevogel nach wie vor, aber sie trägt uns bislang sogar durch die Pubetrtät, was viel mehr ist als ich zeitweise zu hoffen wagte.
    Natalie

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