Von Faltern bewacht (ABC-Etüde)

Oh, wie aufregend: Ich selbst bin diesmal die Etüden-Wortspenderin der Woche. Dauernd luschere ich in die Schreibeinladung, um zu sehen was die anderen aus

Pfauenauge

schlendern

versiegelt

so alles machen. Wie jede Woche fasziniert mich die Vielfalt der Texte.

Und als würde er mich kennen, hat Ludwig Zeidler diesmal eine Illustration geschaffen, die mir von Motiv und Farbe her ganz besonders gut gefällt

2018_11_1_eins

Peregrin schnorchelte und grunzte im Tragetuch, während sie mit ihm zwischen gerade erblühten Apfelbäumen, kunterbunten Wagen und pickenden Hühnern umher schlenderte. Jedenfalls sollte es aussehen wie beiläufiges Schlendern, in Wirklichkeit war es rastloses Tigern, denn sie hatte Angst vor der Frau, die da kommen sollte, auch wenn das eigentlich lächerlich war.

Sie kam und sah genauso aus, wie sie sie sich vorgestellt hatte, mit kurz und praktisch geschnittenem grauen Haar, in einem Rudolf-Steiner-mäßigen Kleid und mit einer gesichtslosen anthroprosophischen Puppe unter dem Arm. Irgendwie gelang es ihr, die Dame von der heilpädagogischen Frühförderung für behinderte und von Behinderung bedrohte Säuglinge zu begrüßen und das Treppchen zu ihrem Zirkuswagen hochzukomplimentieren.

„Aber den Winter werden Sie hier doch nicht mit dem Kleinen verbringen, oder?“

Volltreffer, alles sah sie schlagartig mit den Augen dieser Frau – die dünnen Wände, den kleinen eisernen Ofen, der so gar nicht kindersicher war, die stets drohende polizeiliche Räumung, ihre eigenen zerissenen Hosen und selbst gestochenen Piercings, das fehlende Kinderbett, das Inhaliergerät, das über eine Verlängerungsschnur, die aus dem geöffneten Fenster baumelte, mit einer Kabeltrommel verbunden war, ihr selbst gebautes Bett, der einzigen Fläche, die sie für diese ach so notwendige Förderung anbieten konnte. Die Angst etwas zu sagen, das gegen sie verwendet werden konnte, versiegelte ihren Mund, also händigte sie ihren Sohn wortlos aus und lauschte den Kinderliedern, die die Frau sang, während sie Peregrins stets zu Fäusten geballten Händchen behutsam massierte. Ein Pfauenauge flatterte über die beiden hinweg, die Frühförderin sah ihm lächelnd nach.

„Sie übernachten bei uns, manchmal hängen hundert an der Decke, so um vier werden sie wach und fliegen hinaus.“

„Oh wie schön Peregrin, du schläfst von Faltern bewacht“, rief die Frühförderin aus und Peregrin lächelte, was er selten tat.


Als mein erstes Kind geboren wurde, lebte ich in einem Gartenhaus – mit Heizung und fließend Wasser –  im Sommer übernachteten Scharen von Pfauenaugen an unserer Decke und wollten in der Früh nach draußen entlassen werden. Es ist eine meiner liebsten Erinnerungen zwischen erwachenden Faltern zu sitzen und mein Baby zu stillen.

Leider wurden sie im Laufe der Jahre immer weniger (zunehmende Flächenversiegelung in der Umgebung, nehme ich an).

Von heilpädagogischer Frühförderung hatte ich damals noch nicht gehört. Der musste ich mich erst in einer ganz normalen Wohnung stellen Trotzdem hatte ich unterschwellig immer Sorge, diese fremde, von mir nicht ausgesuchte Frau, mit einer nicht näher definierten Macht, würde irgendetwas ominöses entdecken, was negativ auf mich zurückfallen würde. Durch Gespräche und aus Blogs weiß ich inzwischen, dass es vielen so geht, wenn Therapeuten und Pflegedienste ins Haus kommen.

Es ist etwas, über das man nicht gerne spricht, denn eigentlich sollte man ja dankbar sein für all‘ die Hilfe und so, anstatt über subtile Grenzüberschreitungen zu lamentieren

 

 

 

 

 

 

7 Gedanken zu “Von Faltern bewacht (ABC-Etüde)

  1. dergl März 16, 2018 / 2:22 pm

    Dieses Ding mit der Dankbarkeit (warum genau soll man die eigentlich haben, wenn diese Leistungen nur etwas sind, das einem laut der BRK sowieso zusteht?!) hat glaube ich viel mit dem sehr deutschen Bild von (angeborener und früh erworbener )Behinderung als Makel unter dem man zu leiden hat zu tun. Ich kenn das gut. Ich gehöre ja nun eigentlich eher zu der „Ich nehme mir nur das was mir sowieso gehört“-Fraktion [ob nun für mich oder das Kind], aber wenn hier irgendein Gutachtmensch auftaucht und schauen will ob ich nicht doch in Saus und Brause lebe, dann denke ich gelegentlich doch „Scheiße, was sagt der/die/das wenn er/sie/es die improvisierten Möbel etc. sieht?“ (obwohl gerade der Fakt, dass ich mich nach einem Brand nicht komplett neu renoviert frisch möbelieren konnte eigentlich DAFÜR sprechen sollte, dass Saus und Brause hier nicht vorzufinden sind).

    Die Eltern vom Kind bringen mir regelmäßig ihren CD-Spieler wenn bei denen wer kommt, weil sie Angst haben einen Blödmenschen zu erwischen, der noch nicht kapiert hat, dass Musik selbst an Gehörlosenschulen unterrichtet wird und ihnen dann unterstellen könnte sie bekämen mehr mit als als in Wirklichkeit tun. Hatten wir schon. Der Vater trägt ein Hörgerät. Gutachtsmensch (angeblich HNO-Ärztin): „Ja, und wieso antwortet er mir dann nicht?“ Weil Wahrnehmen nicht gleich Hören ist und Hören nicht gleich Verstehen (sollte man als HNO wissen)!

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest März 17, 2018 / 10:57 pm

      Vielleicht ist es bei mir weniger Dankbarkeit als das Bewusstesein unverdienter Privilegien.
      In vielen Ländern dieses Planeten hätte Klein-Peregrin nur Zugang zur Frühförderung, wenn seine Familie oder vielleicht eine Wohltätigkeitsorganisation diese bezahlen würde, einen Rechtsanspruch hätte er nicht.
      Auch wenn er in Deutschland geboren wäre, seine Eltern aber Zahlungen aus dem Asylbewererleistungsgesetz bezögen, würde er keinen Rechtsanspruch haben, sondern vielleicht das Glück, dass -wie bei unserer Frühförderstelle – eine Stiftung die Finanzierung übernähme.
      Fokus der Geschichte ist aber das Gefühl, wie das ist, fremde, von einem nicht selbst ausgesuchte Menschen in sehr intime Sphären einlassen zu müssen.
      Viele haben dann sofort Angst vor Versagensvorwürfen, anstatt ein selbstbewusste Beziehung genau auf der es-steht -mir -gesetzlich-zu Ebene eingehen zu können.
      Der CD-Spieler ist ein schönes Beispiel dafür. Ein selbst erworbenes Musikgerät kann die Familie doch haben, wozu sie wollen, als Deko-Element, für Gäste, um Hörreste zu nutzen
      Über ihn zu urteilen ist nicht Teil des Auftrags der „Behördenmenschen“.
      Aber die Panik davor scheint allgegenwärtig, auch bei mir immer wieder, ungern zugegeben.
      Natalie

      Gefällt 1 Person

  2. Christiane März 16, 2018 / 3:00 pm

    Zauberhaft. Ich bleibe bei dem Bild mit den Schmetterlingen über den Schlafenden hängen und freue mich und staune gleichzeitig. Unglaublich schön.
    Vielen Dank dafür, du beschenkst mich und uns alle.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest März 17, 2018 / 11:01 pm

      Der Versuch meine alten schwarz-weißen (da hatte ich es mal mit), nicht gut belichteten Fotos von den Übernachtungsfaltern digital abbzufotografieren sieht aus wie ein Ultraschallbild oder so …
      Es muss leider bei der Beschreibung bleiben.
      Es war aber wirklich unglaublich schön.
      Natalie

      Gefällt 2 Personen

  3. www.wortbehagen.de März 16, 2018 / 11:37 pm

    Eine eindrucksvolle und sehr liebenswerte Geschichte lese ich hier

    Lieber Gruß zum Abend von Bruni

    Gefällt 1 Person

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