Frau Witteks Hühner

Unsere Ostertage waren voller als geplant, wenngleich schön. Nur dem Kleinen Fundevogel war alles zuviel und er konnte die Abende nicht ohne mich an seiner Seite sein. Deshalb erscheint die Ostergeschichte jetzt ganz zum Ende von Ostern und eine ABC-Etüde gab es gar nicht bzw. sie wird vielleicht noch nachgereicht.

Frau Wittek und ihre Hühner ist eine der ältesten Geschichten aus der Sammlung „Mareike“. Weitere Geschichten aus dieser Sammlung finden sich hier und hier.

Die verschrobene Frau Wittek wuchs mir so ans Herz, dass ich sie schließlich zur Hauptperson meines Romans Zwischenzeit machte, dort erfährt man auch, wo sie die Nächte verbringt. Wen das jetzt neugierig macht, lade ich ganz herzlich ein, noch an der Verlosung teilzunehmen.

Ich hoffe, alle hier Lesenden haben schöne Ostertage gehabt und kein Hase liegt erkältet im Bett.

025

Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze, für Hausaufgaben oder so etwas, schaue ich in einen riesigen Garten. Darinnen steht ein ganz kleines Haus mit schwarzem Dach und Efeu an allen Wänden. Der Block, in dem wir wohnen, wirkt daneben wie aus einem Science-Fiction-Film entlaufen.

„Extrem renovierungsbedürftig“, sagt Mama und meint damit, dass das Gartenhäuschen kurz vor dem Zusammenbruch steht. Trotzdem, ich würde nirgendwo lieber wohnen. Am Zaun steht ein Stall, auch extrem renovierungsbedürftig und von elf Hühnern bewohnt. Tagsüber scharren sie zwischen den Beeten. Während ich eigentlich Gleichungen lösen sollte, gleiten meine Blicke immer wieder aus dem Fenster. Ich gebe den Hühnern Namen und träume von eigenen Hühnern in meinem eigenen Garten.

„Das ist doch was für dich Mareike!“, hatte Mama beim Einzug ausgerufen. „Mit den Leuten solltest du dich befreunden.“

Ich würde Frau Witteks Hühner und ihr Haus wirklich gerne näher kennen lernen. Nur will Frau Wittek nicht kennen gelernt werden. Sie grüßt nie zurück. Mein schüchternes: „Guten Tag“, kann man vermutlich überhören, aber auch als Mama sich kurz nach unseren Einzug in Frau Witteks unmittelbarer Nähe aufgebaut und „Guten Tag! Mein Name ist Rabe. Wir sind die neuen Nachbarn“, getrötet hatte, hob Frau Wittek ihren Kopf nur kaum merklich an und murmelte ein paar unverständliche Worte.

Später unternahm Mama einen zweiten Anlauf und versuchte, ihr ein paar Eier von glücklichen Hühnern und ökogesundes Gemüse abzukaufen. Dieses Ansinnen schmetterte unsere Nachbarin mit drei Worten ab: „Brauch ich selbst.“

Stets trägt Frau Wittek einen langen Rock, dazu Botten, viel zu große T-Shirts und im Winter einen unförmigen lila Anorak. Ihre Waschmaschine scheint auch extrem renovierungsbedürftig zu sein.

Meine kleine Schwester Adele sagt, Frau Wittek ist eine Hexe. Das ist bestimmt nicht wahr, sonst hätte sie uns längst Warzen oder etwas anderes Garstiges an den Leib gewünscht. Wenn ich Frau Wittek abends ihre Hühner einsperren sehe, starrt sie unser Haus an und mir kommt es vor, als stoße sie dabei übelste Verwünschungen aus.

„Verständlich ist das schon“, sagt Mama. „Bevor die Birkensiedlung gebaut wurde, hat sie auf Wiesen und Pferdekoppeln geschaut. Wie ich sie einschätze, hat ihr das besser gefallen als Läden, Ärzte und eine Bushaltestelle direkt vor der Haustür.“

„Wenn sie eine vorschriftsmäßige Hexe wäre, bräuchte sie eine schwarze Katze oder wenigstens einen Raben auf der Schulter. Vielleicht ist sie noch in der Hexenausbildung“, mutmaßt Jonas, mein Bruder. Frau Wittek ist keine alte Frau, auch wenn meine Beschreibung so klingt. Ihr Gesicht ist jünger als Mamas, die ja mit ihren 38 Jahren auch nicht alt ist.

„Das würde allerdings erklären, warum sie offensichtlich nie aus dem Haus geht. Selbst eine Arbeitslose muss doch mal zum Amt“, sagt Mama, die sich mittagessenlang darüber Gedanken machen kann, wie und wovon Frau Wittek wohl lebt.

034

Seit gestern Abend werden Sturmwarnungen im Radio ausgegeben. Man soll möglichst zu Hause bleiben und auf gar keinen Fall in einen Wald gehen. So eklig wie das Wetter ist, hat man da sowieso keine Lust zu. Wir bemalen lieber Ostereier, denn es ist Karfreitag, auch wenn sich das bei diesem Wetter anhört wie eine Lüge.

Später wird der Sturm schlimmer, man kann Frau Witteks Garten kaum noch erkennen, so dicht fällt der Regen. Dunkel wird es früher als im Advent. Der Sturm jault um unseren Balkon, die Katzen hocken platt unter Mamas Bett wie sonst nur während der Sylvesterböllerei. Jonas bekommt Angst um seine Chinchillas, die in einer Voliere auf dem Balkon hausen. Also holen Mama und er zwei ausrangierte Käfige aus dem Keller und starten eine Rettungsmission für Theodor, Koks, Ritter Rost und Radiergummifuß. Alle sechs kehren vom Balkon zurück, als seien sie in einer Waschanlage gewesen, wobei die Chinchillas erst im Laufe ihrer Rettung pitschnass geworden sind. Empört fiepend lecken sie sich im geheizten Wohnzimmer trocken.

Abends kann ich nicht einschlafen. Alles heult, klappert, scheppert. Schlecht befestigte Gegenstände schlagen gegen Balkonbrüstungen. Von der Kastanie im Hof werden Zweige losgerissen und klatschten gegen die Scheiben.

Erst als mich ein gewaltiges Krachen hochreißt, merke ich, dass ich doch eingeschlafen gewesen sein muss. Rosalie, Mamas Kakadu, kreischt hysterisch. Adele nicht minder: „Maaaamaaaa! Da ist ein Gespeeeenst!“.

„Ach Mäuschen, das ist nur der Sturm, hoffentlich ist unsere schöne Kastanie nicht umgefallen… Um Gottes willen – was ist das denn?“

Etwas Helles, aber vollkommen Undurchsichtiges klebt wie ein vorschriftsmäßiges Gespenst an meiner und offensichtlich auch an Adeles Fensterscheibe.

„Muss eine Art Folie sein“, murmelt Mama, die nicht an Gespenster glaubt. Sie stemmt das Fenster auf Kipp. Das Gespenst rutscht auf unseren Balkon. Bevor sie es dort inspizieren kann, donnert das nächste Gespenst heran, noch unheimlicher als das vorige. Es hat die Größe eines Fußballs, prallt gegen die Scheibe und ehe es auf den Balkon fällt, starrt es uns mit einem orangefarbenen Auge an. Adeles Gespensterangst wird übermächtig. Wir anderen glauben an eine vom Sturm verwehte Eule und stürzen zur nächsten Rettungsmission auf den Balkon. Keine Eule, ein Huhn liegt regungslos neben dem Chinchillastall auf dem Foliengespenst. Mama nimmt es in den Arm. Seine Augen sind nun geschlossen.

„Schnell Jonas, ein Badelaken“.

Mama rubbelt das Tier ab und hält es an ihr Ohr.

„Ich glaube, es lebt. Fragt sich nur, wie lange noch. Wir müssen Frau Wittek benachrichtigen“.

Sie übergibt mir das arme Huhn und schnappt sich das Telefonbuch.

„Weiß jemand wie sie mit Vornamen heißt? Natürlich nicht. Zwanzig Witteks und kein einziger im Helster Auweg 9. Wahrscheinlich hat die gar kein Telefon.“

„Frau Wittek! Brauchen Sie Hilfe?“, brüllt Mama vom Balkon herunter in die tobenden Elemente. Unsere Nachbarin hat anscheinend nicht mitbekommen, dass ihre Hühner durch die Luft fliegen.

Mama schlüpft in Regenzeug und Gummistiefel.

„Ich gehe sie wecken. Wenn das arme Huhn wach wird, könnt ihr ihm ja ein bisschen Wasser anbieten.“

„Neiiiiin. Nicht weggeeeehen, dann kommt ein Gespeeeenst!“

Wenn Adele so schreit, hatte es keinen Sinn mit ihr zu reden. Entweder macht man was sie will, oder man riskiert abgefallene Ohren und sie macht trotzdem nicht, was sie soll.

Mama probiert gar nicht erst Adele zu überreden, sondern stopft sie samt Schlafanzug in ihren Schneeanzug und stülpt ihr Gummistiefel über die nackten Füßchen. Mit unserer besten Taschenlampe bewaffnet verschwinden die beiden in der aufgewühlten Nacht. Trotz der Hofbeleuchtung, die Mama eingeschaltet hat, kann man nicht einmal den Zaun erkennen. Hoffentlich geht das gut, denke ich bange, hoffentlich. Normalerweise würde ich mir vor Aufregung die Finger blutig beißen, aber ich muss ein bewusstloses Huhn festhalten. Sein Kopf hängt schlaff auf meinem Arm, am Kamm blutet es ein wenig. Stöhnend atmet es durch den weit aufgerissenen Schnabel. Ab und zu läuft ein Beben durch den schlaffen, kühlen Körper, Hühnerkacke kleckert auf mein Nachthemd.

„Bitte, bitte nicht sterben“, wispere ich, Tränen laufen über mein Gesicht, die ich mit meinen hühnervollen Händen nicht fortwischen kann.

Jonas presst sein Gesicht ans Fenster bis die Scheibe durch seinen Atem beschlägt. Ungeduldig wischt er die Schlieren fort.

„Hör mal“, sagt er. „Da schreit Adele.“

In diesem Fall ist Adeles schrille Stimme ein Segen, Mama können wir nämlich erst brüllen hören, als wir die Balkontür aufmachen. Ein Regenschwall schwappt mit ihren Worten hinein.

„Kommt raus! Zieht euch an und bringt Behälter für die Hühner mit!“

Genau genommen könnte es auch heißen: „Licht aus! Müht euch ab und bringt einen Teller Flieder mit.“ Aber wir sind ja nicht blöd. Schweren Herzens bette ich das verletzte Huhn aufs Sofa. Jonas holt die Katzentransportbox aus der Kammer. Ich schütte ohne viel Federlesens Adeles Spielzeugkisten aus.

Hastig angezogen rennen wir durchs Treppenhaus. Die Kunststoffkisten ratschen am Geländer entlang.

„Seid ihr nun vollends verrückt geworden!“

Herr Rybacyk aus dem Erdgeschoss hat sich auf der untersten Treppe aufgebaut.

„Um halb vier Uhr morgens so einen Radau zu veranstalten! Kinder haben bei diesem Wetter draußen nichts zu suchen! Wo ist überhaupt eure Mutter?“

„Bitte, lassen sie uns durch. Wir müssen unserer Mutter helfen. Ich glaube, Frau Witteks Hühnerstall ist durch den Sturm zusammengestürzt.“

„Ja und?“, schneidet Herr Rybacyk Jonas das Wort ab. „Ist ja auch ein Schandfleck. Dass das Bauamt da nicht längst eingeschritten ist.“

„Auf jeden Fall sind jetzt die Hühner in Not. Eines ist auf unseren Balkon katapultiert worden“, Jonas lässt sich nicht beirren.

Herr Rybacyk auch nicht: „Und? Was schert mich das? Das Gegacker geht mir eh auf die Nerven. Und ihr mir auch. Ab ins Bett!“

Das gibt es nicht. Hat man je von einer Rettungsmission gehört, die an einem breitbeinigst die Treppe versperrenden Nachbarn scheiterte?

„Her Rybacyk, Sie sind nicht meine Mutter. Bitte lassen sie uns durch.“

Ich wäre gern so mutig wie Jonas. Leider bin ich meistens zu feige, um das zu tun, was mir richtig erscheint. Jonas‘ Courage nützt uns vor Herrn Rybacyk gar nichts, denn er sagt nur: „Sei man nicht so frech“, und lässt uns nicht durch.

Zum Glück kommt Mama mit der durchweichten jammernden Adele im Arm von unten die Treppe hoch.

„Herr Rybacyk! Sie schickt der Himmel! Bitte, rufen Sie die Feuerwehr und dann helfen Sie uns diese armen Hühner einzufangen.“

Hätte jemand anders im Haus seine Wohnungstür um diese Uhrzeit so zugeknallt, hätte Herr Rybacyk auf der Stelle die Polizei gerufen. Das ist mal sicher. Jedoch sind alle anderen Hausbewohner im Osterurlaub. Also retten wir zu viert die Hühner, die nicht besonders scharf darauf sind, gerettet zu werden, jedenfalls nicht von uns. Eisiger Regen fällt von allen Seiten zugleich. Nie hätte ich gedacht wie sehr Regentropfen wehtun können. Adele flennt. Ich versuche, sie zu trösten, zum Dank tritt sie gegen meine Schienbeine. Die Hühner flennen auf ihre Art wahrscheinlich auch und rasen als zeternde Flecken durch die widerwärtige Nacht. Jonas und Mama versuchen sie in einer Ecke zusammen zu treiben, doch sie bohren sich immer tiefer in die durchweichten Gebüsche. Zwei von ihnen unterqueren schon den Zaun zu unserm Grundstück.

Ich habe eine Idee.

„Mama, Adele und ich gehen mal kurz nach oben!“

„Bleibt am besten da. Hoffentlich kommt die Feuerwehr gleich.“

Mama wirft mir ihren Schlüsselbund zu. Sie scheint tatsächlich zu glauben, dieser Knallkopf Rybacyk würde für uns die Feuerwehr rufen. Hoffentlich bemerkt er Adele und mich nicht im Treppenhaus, für alle Fälle halte ich ihr den Mund zu.

In der Wohnung gilt mein erster Blick dem Huhn auf dem Sofa. Es scheint ohnmächtig zu sein. Stoßweise schnappt es mit weit geöffnetem Schnabel nach Luft. Unsere beiden Katzen sitzen vor dem Sofa als sei ein Ufo darauf gelandet. Ich sperre sie ins Bad.

„Armes Huhn“, sagte Adele und setzt sich schlammig wie sie ist neben das Tier. Sanft streicht sie über die Federn.

„Bleibst du bei ihm?“, frage ich. „Ich bringe Mama und Jonas nur schnell was, ja?“

In all seinem Elend muss dieses Huhn mit Zauberkräften gesegnet sein. Niemals hätte ich ein Nicken von Adele erwartet. Ehe sie es sich anders überlegen kann, raffe ich die Tagesdecken zusammen, die zerknüllt an den Fußenden unserer Betten liegen. Ohne meine Schwester noch mal anzusprechen, husche ich die Treppe hinunter.

Meine Idee erweist sich als gut. Jonas scheucht die Hühner einzeln unter den Büschen hervor. Mama und ich ziehen dann rasch eine Decke über das rasende Tier. Wir klauben unsere Gefangene dann unter der Decke hervor und verstauen sie in einer Box. Hühner sind erstaunlich stark und ein Schnabelhieb in einen eiskalten Finger tut unglaublich weh. Sechs rasende Furien kriegen wir mit meiner Methode zusammen. Mehr können wir nicht entdecken, zumal die Batterie in Mamas Taschenlampe den Geist aufgibt. Mit dem Huhn auf dem Sofa haben wir sieben. Frau Wittek besitzt elf.

„Die müssen unter den Büschen übernachten. Hauptsache, sie sehen davon ab sich überfahren zu lassen.“

Mit diesen Worten bricht Mama unsere Rettungsmission ab. Mir zittern die Knie und klappern die Zähne, mir ist schlecht vor Kälte. Die Hühnerkiste in meinen klammen Händen wiegt unendlich schwer. Am liebsten würde ich sie fallen lassen und meine Hände in den Achselhöhlen vergraben.

Weil wir mit den Kisten und ohne Taschenlampe nicht durch die triefende Hecke kriechen wollen, laufen wir außen herum, also nur durch Frau Witteks Garten und ein kleines Stück Straße zur Birkensiedlung, aber ehrlich, nie in meinem Leben bin ich einen weiteren Weg gelaufen. Als die Herren Edmund Hillary und Tenzing Norgay auf dem Gipfel des Mount Everest ankamen, können sie auch nicht erschöpfter gewesen sein als wir. Und kurz vor ihrem Ziel wurden sie nicht von Herrn Rybacyk aufgehalten.

„Die Feuerwehr kann frühestens in drei Stunden hier sein“, sagt er vorwurfsvoll zu Mama, als ob das ihre Schuld wäre. „Nur wenn Menschenleben in Gefahr sind, kommen sie schneller. Aber Sie können versuchen, die Tierrettung zu rufen.“

Er drückt Mama einen kleinen gelben Zettel in die Hand.

„Danke. Das haben wir inzwischen selbst gemacht. Ihre Anwesenheit wäre hilfreich gewesen. Gute Nacht.“

Zum Glück versteht Herr Rybacyk Mama nicht auf Anhieb. Sein Begreifen glimmt langsam wie eine Zündschnur. Die Bombe explodiert erst, nachdem wir die Wohnungstür hinter uns geschlossen haben.

„Unverschämtheit!“, dringt es gedämpft durch die Tür. „Für so was führe ich mitten in der Nacht Telefongespräche! Sie können dieses Viehzeug ja wohl nicht einfach mit in die Wohnung nehmen. Das ist verboten! Schon mal was von Vogelgrippe gehört? Ich hole die Polizei!“

„Aber gerne doch“, ruft Mama, und fügt leise hinzu: „Dann kann er sich gleich selbst festnehmen lassen, wegen unterlassener Hilfeleistung und Beleidigung. Adele!“, unterbricht Mama sich selbst. Unsere Kleine sitzt zusammengesunken auf dem Sofa und wiegt in ihren Armen das Gespensterhuhn. Sein Kopf schlackert hin und her als liebkose sie ein linsengefülltes Stofftier.

Das Huhn ist tot.

Mama möchte es Adele sanft aus den Armen nehmen. Sie bockt. „Ich will es kuscheln!“.

Wenn Mama jetzt kein Tauziehen mit einem toten Huhn veranstalten will, muss sie es ihr lassen. Behutsam nimmt sie Adele samt Huhn in den Arm und streichelt ihr den Rücken.

„Lass dass!“, faucht sie vom Hühnerrücken her. „Mein totes Huhn.“

„Du hast sie ja nicht mehr alle!“, sagt Jonas.

„Lass sie“, mahnt Mama. „Sie versteht das noch nicht.“

Ich verstehe Adele. Wenn sie das Huhn loslässt, wird Mama es beerdigen oder auf andere Weise entsorgen und es wird unwiederbringlich ganz und gar tot sein.

Die Krallen der lebendigen Hühner klackern in den Kunststoffboxen, die Tiere geben trübsinnige Geräusche von sich. Die Boxen haben an zwei Seiten je ein ovales Loch, damit man sie tragen kann. Deswegen ersticken die Hühner nicht, aber davon abgesehen müssen diese Kisten grausige Gefängnisse sein.

Mama bittet Jonas alle Heu- und Sägemehlvorräte aus dem Keller zu holen. Er weigert sich schlankweg noch einmal durchs Treppenhaus zu gehen, aus Angst, Herrn Rybacyk in die Klauen zu fallen. Mich fragt Mama gar nicht erst. Kaum ist sie aus der Tür, schleudert Adele das Huhn auf den Teppich. Jonas wickelt es in die Sofadecke und will es auf den Balkon bringen. Prompt schreit Adele: „Mein totes Huhn“, und macht Anstalten, es wieder auszuwickeln. Jonas fügt sich und legt die Leiche aufs Sofa. Adele legt sich daneben und heult. Ich heule mit und Jonas auch, allein schon die kalten Hände tun scheußlich weh.

Mama macht es den Überlebenden mit Sägespänen, Wasser und Chinchillafutter, das sie in unsere Müslischüsseln füllt, ein bisschen behaglicher. Statt der Deckel legt sie nur Handtücher über die Boxen. Dann schickt sie uns einem nach dem anderen unter die Dusche und wiegt Adele in den Schlaf. Das tote Huhn muss dabei auf dem Bettvorleger liegen. Erst als Adele ganz fest schläft, trägt Mama es in den kühlen Keller.

Unter der Dusche höre ich endlich auf zu zittern. Mama, Jonas und ich trinken noch einen Früchtetee, der mich durchwärmt, aber auch endgültig der Müdigkeit preisgibt. Das Gegnurpse und Geraschel aus all den Behältern, die um uns herumstehen, trägt ein Übriges dazu bei, mich in den Strudel des Schlafes zu ziehen. Ich wache von Mamas Versuch mich genauso liebevoll wie Adele ins Bett zu tragen auf.

„Lass man“, murmele ich und tappse in mein Zimmer. Gerade die Schuhe schaffe ich noch auszuziehen.

033

Am Morgen ist der Sturm vorüber. Das Ende der Welt ist wieder durch Wetter ersetzt worden. Die ganze Nacht habe ich den entsetzten orangen Blick des Gespensterhuhnes vor mir gesehen. Ich glaube, ich werde ihn nie vergessen.

Der Hühnerstall ist ein Trümmerhaufen. Es sieht schlimm aus, aber drei wunderbar lebendige Hühner scharren in der Ruine und scheuchen für einen Moment das orange Auge aus meinem Kopf.

Im Wohnzimmer hat es in der Nacht einen Massenausbruch gegeben. Der Deckel des einen Käfigs hatte noch nie richtig geschlossen, deshalb turnt das Chinchilla Koks zufrieden in unserer Yuccapalme herum, während sein Kollege Radiergummifuß auf Mamas Schreibtisch herumstöbert und ihn nebenbei mit einer Köttelschicht bedeckt.

Die ist allerdings nichts gegen den Saukram, den die Hühner auf Teppich, Sofas und Couchtisch angerichtet haben. Die Handtuchabdeckungen haben sie nicht beeindruckt. Orangeäugigen Königinnen gleich bewegen sie sich in unserem Wohnzimmer, als hätten sie dort schon immer geherrscht, Mirabal und Miranda, die Katzen, kauern fassungslos auf dem obersten Bücherregal, ein Zustand der vermutlich Koks und Radiergummifuß das Leben gerettet hat.

Rosalie muss bei Mama im Zimmer sein, sonst hätte sie dieses Treiben mit ohrenbetäubendem Kakadugekreisch begleitet. Mama muss auch bei Rosalie im Zimmer sein, sonst hätte man auch sie schon gehört. Ich denke, sie wird einen neuen Teppich kaufen müssen, mit Pech auch ein Sofa.

Trotzdem zögere ich es Minute um Minute heraus die anderen zu wecken. Mama wird den Zoo im Wohnzimmer nicht mögen. Dass ich das alles großartig finde, kann ich nur allein genießen.

Es klingelt.

So leise wie möglich luge ich durch das Spionierloch. Nicht Herr Rybacyk, Frau Wittek starrt unsere Tür an, als wohnten Hühnerhenker dahinten. Ihr muss ich wohl öffnen.

„Meine Hühner sind hier“, sagt sie anstelle einer Begrüßung.

„Frau Wittek! Haben sie meinen Zettel also gefunden! Wo waren sie denn bloß?“

Mama steht in Nachthemd und Strickjacke im Flur. Erleichtert verkrümle ich mich in die hinterste Ecke. Wortreich schildert Mama unsere Sturmabenteuer. Selbst Hühner hätten ihr interessierter gelauscht als Frau Wittek, die unsere Heldentaten mit mauligem Gesicht und verschränkten Armen über sich ergehen lässt.

„Die, die draußen geblieben sind, sind wunderbar klar gekommen. Kann ich die anderen jetzt wieder haben?“

Mama sagt nichts mehr und führt Frau Wittek ins Wohnzimmer. Dort sagt sie erst recht nicht mehr.

„Ach du Scheiße“, entfährt es Frau Wittek. „Ich hole eben einen Korb.“

„Eines muss ich Ihnen vorher noch sagen“, sagt Mama. „Das Huhn, das auf unseren Balkon geweht worden ist, das ist leider tot.“

Frau Wittek zuckt zusammen. Ihre grauen Augen irrlichtern über die Tieransammlung.

„Ja, die Traumweberin fehlt:“

Die Traumweberin. Als hätte Frau Wittek mich plötzlich gestreichelt. Ich hätte ihr keine Hühnerbenennungen zugetraut, schon gar nicht so schöne. Mama holt die tote Traumweberin aus dem Keller und legt sie ihrer Namensgeberin in den Arm. Zärtlichkeit schleicht sich in Frau Witteks grimmiges Gesicht. Und Zorn. Und Trauer. Wenn Frau Wittek jetzt: „Mein totes Huhn!“, brüllen würde, wäre ich kein bisschen erstaunt. Wie ertappt lässt sie ihr langes Haar ins Gesicht fallen und strebt mit raschen Schritten zur Wohnungstür.

„Äh, Frau Wittek! Ihre anderen Hühner!“, ruft Mama ihr nach.

„Bin gleich wieder da!“, antwortet sie, ohne sich umzusehen. Knapp zehn Minuten später erscheint sie wieder mit einem Deckelkorb, in dem sie jeweils zwei Hühner davonträgt. Auch von ihr lassen die Hennen sich nicht gerne einfangen, aber stellen sich nicht so unmöglich an wie letzte Nacht. Als Frau Wittek das letzte Tier verstaut hat, raffe ich all meinen Mut zusammen und frage nach den Namen der Tiere.

„Die brauchen keine“, sagt sie ruppig, als hätte sie nie die tote Traumweberin gewiegt. Mit einem genuschelten: „Na, denn vielen Dank!“, verlässt sie unsere Wohnung.

Mama explodiert.

„Wo hat die denn ihre Erziehung genossen? So ein nachlässiges Dankeschön hätte ich Adele nicht für ein einziges Gummibärchen durchgehen lassen. Und kein Wort, wo sie eigentlich letzte Nacht gesteckt hat! Die Hühnerscheiße wegmachen darf ich auch allein. Ostern habe ich mir echt anders vorgestellt.“

Egal wie Jonas und ich uns Ostern vorgestellt haben, wir müssen Mama beim Saubermachen helfen, was ewig dauert und besonders auf den Sofas und dem Teppichboden nicht den gewünschten Erfolg bringt. Trotzdem kann ich Frau Wittek nicht böse sein – wegen des Adeleblicks, mit dem sie die Traumweberin in Empfang genommen hat. Wie Mama über sie herzieht, stört mich fast mehr als der Dreck. Und Mama stört komischerweise mehr als der Dreck, dass Frau Wittek ihr nicht erzählt hat, wo sie letzte Nacht gewesen ist, obwohl Mama das eigentlich nichts angeht.

Nach dem sehr späten Mittagessen – Tiefkühlpizza ohne Salat dazu – legen wir uns alle noch ein bisschen hin. Auch nachdem Adeles Protestgeschrei verklungen ist, kann ich nicht einschlafen. Ich klettere auf meinen Schreibtisch und gucke rüber zu Frau Wittek. Sie hat den Vormittag über genauso schwer geschuftet wie wir und aus den Trümmern des Stalles, Latten, Ästen und der Folie, die sie vorhin auch noch abgeholt hatte, eine kleine Notunterkunft gebaut.

Jetzt trägt sie einen Spaten und ein Bündel in einem rosa Tuch zu einer Gruppe Rosen, die wie eine verwunschene Insel in ihrem Gemüsemeer liegt.

Lange kauert sie am Grab der Traumweberin, verborgen hinter ihrem ungepflegten Haar. Ich würde sie gerne trösten, aber das traue ich mich nicht und vermutlich würde sie gar nicht getröstet werden wollen, was ich so traurig finde, dass ich am liebsten selbst getröstet werden möchte. Aber meine Familie schläft. Wenigstens Miranda kriecht zu mir ins Bett.

In der Dämmerung sehe ich Frau Wittek noch einmal. Mit einer prall gefüllten EDEKA-Tüte schlurft sie den Helster Auweg entlang. Nie zuvor habe ich sie mit einer Einkaufstüte gesehen. Die Vorstellung Frau Wittek bei EDEKA zu treffen ist nicht weniger seltsam, als die, dort ein Huhn an der Kasse anstehen zu sehen.

Nachts irre ich mit der toten Traumweberin im Arm durch meine Träume.

Am Ostermorgen scheint Mamas Groll über Frau Wittek verflogen zu sein. Wir suchen in der immer noch leicht nach Hühnerstall riechenden Wohnung Ostereier und wagen uns dick eingemummelt zum ersten Mal in diesem Jahr zum Frühstück auf den Balkon. Ein Hauch von Frühling schwingt in der Luft. Zehn Hühner scharren in Frau Witteks Beeten, von ihr selbst ist nichts zu sehen. Als es an der Tür klingelt, sehen wir uns alle vier ein bisschen beklommen an.

„Vielleicht will sie sich ja doch noch bedanken“, meint Jonas und klingt nicht überzeugt. Es ist aber nur Herr Rybacyk, der sich über einen Karton im Hausflur beschweren möchte

In dem Karton finden wir eine unglaubliche Torte. Sie ist aus mindestens acht Teigschichten zusammengesetzt, zusammengehalten mit Buttercreme, Schokoladencreme, verschiedenen Marmeladen und Gelees. Gekrönt wird dieses Wunderwerk durch acht Schokoladenhasen, mit Goldpapier, Glöckchen und allen Schikanen. Neben der Torte stehen zwei volle Eierkartons, mehrere Gläser mit hausgemachter Marmelade und eingelegten Gurken.

„Dann wollen wir es mal gut sein lassen“, murmelt Mama und klingt fast ein bisschen beschämt.

030

Beim Wegräumen der Eier finde ich einen Zettel auf dem steht:

Geschichtenerzählerin

Hirtentäschelfee

Seidenglanz

Dreckschweinchen

Lachmöwe

Ausbrecherkönigin

Pfefferminzstreicherin

Sehnsuchtsvoll

Mondhenne

Geheimniswahrerin.

Mamas Frage bleibt unbeantwortet.

© Natalie Berghahn

6 Gedanken zu “Frau Witteks Hühner

  1. Christiane April 2, 2018 / 9:06 pm

    Ach Mensch …..
    Hatte ich schon mal gefragt, ob es eine Geschichte hinter deiner Liebe zu Hühnern gibt?
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest April 2, 2018 / 11:20 pm

      Eine interessante Frage, die ich mir so selbst noch gar nicht gestellt habe.
      Es gibt in der Erinnerung meiner Kindheit einen Garten, in dem auch Hühner lebten, in den ich mich oft träumte wie Mareike in Frau Witteks.Die Besitzer waren allerdings recht biedere, eher konservative Leute, Freunde meiner Großeltern.
      Später habe ich Hühner oft da getroffen, wo mir der Lebensstil gefiel, in alternativen Projekten, bei Menschen,die eher unkonventionell lebten. Ich habe mich viel mit Landwirtschaft hier und den Lebensbedingungen von Kleinbauern weltweit beschäftigt, mit Selbstversorgung, und den Bedingungen der Tierhaltung.
      Ich selbst war über dreißig, als die ersten Hühner in meiner Obhut ankamen und ich gebe zu, sie haben mich oft zur Verzweiflung gebracht, mit ihren Krankheiten, ihren Macken, den Vogelgrippeverordnungen und dem was zwischenmenschlich daran hängt, denn Ich besitze kein eigenes Land, sie wohnen als Gemeinschaftsprojekt bei Freunden.
      Trotzdem das leise Gegacker und der Anblick eines kleinen umherziehenden Hühnertrupps macht mich immer wieder glücklich.
      Ziemlich schräge Geschichten kann man auch mit ihnen erleben.
      Und nicht zu vergessen: Frische Eier von garantiert verwöhnten Hühnern haben auch was.
      Ja danke für diese Frage
      Natalie

      Gefällt 3 Personen

      • Christiane April 3, 2018 / 7:42 am

        Ich hatte mir schon bei dem Lesen von „Zwischenzeit“ gedacht, dass du irgendwas mit Hühnern laufen haben musst, so was schreibt man nicht einfach so.
        Schön, dass ich hier die Gelegenheit für die Frage hatte, danke für die ausführliche Antwort!
        Liebe Grüße
        Christiane

        Gefällt 2 Personen

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