Free at last (ABC-Etüde)

Diese Woche habe ich endlich wieder genug Freiraum, um Christianes Schreibeinladung zu folgen. Wortspenderin ist dergl, die gleich zwei von mir hochgeschätzte Blogs schreibt: Widerständig, verletzlich, aber nie verletzend, genau beobachtet und immer wieder überraschend sind die Fädenrisse und Die Tintenklekse sehen aus wie Vögel.

Das trifft auch für dergls Wortspende zu:

Seder

mäandern

metallisch

Die Graphik stammt wie immer von Ludwig Zeidler.

Free at last, free at last, thank God almighty I’m free at last ist der Epitaph auf Martin Luther Kings Grab. Er wurde am 4. April 1968 ermordet und war auch mein Idol. (Oder ist? Nein, die Zeit der Idole ist vorbei, aber seine Philosophie schätze ich nach wie vor.)

2018_14_2_zwei

 

Irina hatte mir ihre Freundschaftsanfrage über Facebook geschickt, nichts Algorhythmengeneriertes, sondern echte, warmherzige, versöhnliche Worten nach fast vierzig Jahren. In der Grundschule waren wir das, was meine Töchter heute BFF nennen, best friends forever, wobei „forever“ auch ohne Angriffe wie Irina und ich sie erleiden mussten, nicht allzu wörtlich zu nehmen ist.

Meine Mutter hatte uns an diesem regnerischen Tag kurz nach Ostern Kakao gekocht und dazu einen Teller mit unseren letzten Schokoladeneiern hingestellt. Irina schwatzte munter wie es ihre Art war von der kommenden Feier des Seder, von bitteren Kräutern, in Salzwasser getunkten Eiern, einem Hühnerhals, den keiner aß und einem Nachtisch, den man suchen musste. Ich lauschte hingerissen, durchaus neidisch auf solch geheimnisvolle Rituale gegen die Ostereiersuchen einfach nur kindisch war, trotzdem entging mir nicht der Abscheu im Gesicht meiner Mutter, als schmecke ihr Kaffee auf einmal metallisch oder das Osterei nach Bitterkraut.

„Schlimm genug, dass sie Russin ist, und nun auch noch das“, sagte meine Mutter, nachdem Irina gegangen war, ohne zu erklären, was das um Himmels Willen sein mochte. Fortan trieb sie einen Keil zwischen Irina und mich, behauptete ihre Eltern wollten mich nicht in ihrem Hause haben, Irina sei überhaupt nur mit mir befreundet, weil ihre guten Noten neben meinen mittelmäßigen glänzten und außerdem hätten schließlich die Russen meinen Opa ermordet, ein bescheuertes Argument, das sich dennoch bösartig wuchernd in meine Kinderseele fraß. Ich kam nach Klasse vier auf die örtliche Realschule, Irina auf ein Gymnasium, vor dem stets ein Polizeiwagen Wache schob, und wir verloren einander endgültig aus den Augen.

Als ich mit meiner Mutter längst gebrochen hatte, hielt ich eine Akte in den Händen, aus der hervorging, dass ihr Vater mitnichten an der Wolga gefallen, sondern 1946 für seine Verbrechen in Treblinka gehenkt worden war und ich verstand endlich ihr mäanderndes Drumherumgerede von damals.

Auf der Fahrt zu Irina vernahm ich im Autoradio, es war der fünfzigste Todestag Martin Luther Kings und das Gedenken an das Idol meiner inneren Befreiung trieb mir ein paar Tränen in die Augen, doch überwältigender war die Freude am Leben zu sein, übervoll mit aus der Knechtschaft der Familienehre befreiten Worten, free, free at last.

 

7 Gedanken zu “Free at last (ABC-Etüde)

    • fundevogelnest April 5, 2018 / 11:44 pm

      Es ist eine ausgedachte Gescichte, die die gewesene Geschichte als Resonanzboden nutzt und deshalb klingt, als könnte sie wahr sein.
      Natürlich haben auch meine Großeltern sich irgedwie zu Naziherrschaft und Shoah verhalten und natürlich klingt das in meinem Leben nach, aber es war anders.
      Natalie

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  1. Christiane April 5, 2018 / 2:38 pm

    Die ist großartig, deine Geschichte, voller Kraft.
    Ketten beginnen im Kopf – und enden auch dort.
    Liebe Grüße
    Christiane

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