Der mit der Geige (ABC-Etüde)

In der fünfzehnten Etüdenwoche des Jahres spendet ihr Erfinder und getreuer Illustrator  Ludwig Zeidler die Wörter

Frühlingserwachen

Kunstschnee

dummdreist

Sie sollen in einem höchstens zehn Sätze langen Text vorkommen.

Was andere daraus gemacht haben, findet sich wie immer in der Obhut der Etüdenpflegerin Christiane.

Nach meinen letzten beiden Etüden wurde ich gefragt, ob es wahre Geschichten seien. Nein, sie waren erfunden. Aber den mit der Geige, den gibt (oder gab? Ich weiß es leider nicht) wirklich.

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Frühlingserwachen nennen sie es, als hätten Pflanzen und Tiere nicht ausgezehrt den Winter überlebt, sondern bloß ein Nickerchen gehalten und räkelten sich nun nach erquickendem Schlaf. Prall blühend wird die nächste Generation in den Überlebenskampf geschickt, Huflattich sehe ich, Buschwindröschen, Lungen- und Scharbockskraut und in einer kaum wahrnehmbaren Ritze zwischen Treppenstufen den ersten wohlgestalten Löwenzahn, der mich für immer an den Mann mit der Geige erinnern wird.

In der Nähe des Atomkraftwerks Brokdorf lebte er, keine Ahnung wo genau oder wovon, nie gefragt, ob mit Frau, mit Kindern, mit Kühen oder allein. Suchmaschinen kennen ihn nicht, was mich nicht erstaunt, weil sie zu ihm passen wie Kunstschnee zu lebendiger Natur. Wenn er noch lebt, muss er uralt sein, denn er erzählte mir sehr eindrücklich, wie er 1945 als Fünfzehnjähriger im  „Volkssturm“  verheizt werden sollte.

Wer je in Hamburg oder Schleswig-Holstein auf einer Demonstration gegen Krieg oder Atomkraft gewesen ist, erinnert sich vielleicht den Herrn mit dem Elbsegler auf dem Kopf, mit aus zerfleddernden Pappkartons selbst gebastelten Protestplakaten, dem altertümlichen Fahrrad und dem Geigenkasten auf dem Gepäckträger. Virtuos spielte er sein Instrument nicht, eher schauderhaft, trotzdem hörten viele ihm zu, denn in seiner sanften, berührend einsamen Art war er irgendwie Kult. Allen —  vom zufälligen Passanten bis hin zum Ministerpräsidenten — hielt er seine das Gruseln lehrenden Löwenzahnfotos unter die Nase, erläuterte gnadenlos die flachen, wie plattgewalzten bis zu zwei Zentimeter breiten Stängel , die gespaltenen, gedoppelten und sonstwie fehlgebildeten Blüten, wie man sie nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auch in Hamburg fand, aber um Brokdorf waren und sind sie häufiger.

Er nervte mit seinen Löwenzähnen, blieb wissenschaftliche Erklärungen schuldig, trieb mit seinem unbeirrten Dauererkläre die Gutwilligsten in die Flucht, stand bei Aktivisten in weit entfernten Orten plötzlich unangemeldet vor der Tür und war schwer wieder loszuwerden, wurde als Sonderling empfunden, als dummdreist, als harmloser Spinner, aber seine verstörende Wahrnehmung der Welt, war nicht einfach so abzutun. Und egal, wen ich frage, erinnerst du dich an den Herrn F., ich ernte stets ein wie von der Sonne beschienenes Lächeln.

9 Gedanken zu “Der mit der Geige (ABC-Etüde)

  1. Christiane April 13, 2018 / 4:30 pm

    Und ich lese das und seufze und jammere im Stillen um einen, der ihn gekannt hätte haben können, weil er auf vielen dieser Demos war und viele gekannt hat.
    Ja, ich versteh das mit dem Lächeln, ich glaube, ich würde auch lächeln, wenn ich mich an so jemanden erinnere. Und hey, auch ein Nachruf, dies Lächeln, und gar kein schlechter …
    Liebe Grüße
    Christiane

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    • fundevogelnest April 14, 2018 / 3:46 pm

      Ach Mensch, traurig machen wollte ich dich nicht.

      Und ist ein gewärmtes, verzaubertes Lächeln eine angemessene Erinnerung, an einen, dem es um ausgesprochen ernsthafte Dinge ging, der sie nur auf eine selbst in alternativen Kreisen unkonventionelle Weise rüberbrachte? Ein Clown wollte er bestimmt nicht sein.
      Das frage ich mich nun die ganze Zeit…
      Ach, ich weiß schon, warum ich am liebsten über fiktive Leute schreibe, da habe ich Einfluss drauf, ob sie von meiner Darstellung verletzt sind oder nicht.

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      • Christiane April 14, 2018 / 10:16 pm

        Standardantwort: Du lächelst nicht über ihn, du lächelst mit ihm.
        Meine Antwort: Liebe ist Liebe. Ernsthaftigkeit, die auf ein empathisches Lächeln trifft, wird dadurch nicht verletzt.
        Und ob dein Lächeln in der Erinnerung angemessen ist, kannst nur du entscheiden – aber mir kommt es, siehe oben, nicht unangemessen vor.

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  2. violaetcetera April 13, 2018 / 5:15 pm

    Eine schöne Geschichte. Dass Mutationen an Pflanzen rund um Brokdorf auftreten, zeigt nur, wie sehr er recht hatte.

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    • fundevogelnest April 14, 2018 / 4:02 pm

      Liebe Viola,
      Wie extrem gefährlich oder harmlos radioaktive Niedrigstahlung ist — und um die geht es hier — ist hochumstritten und wird von der Forschung ausgesprochen stiefmütterlich behandelt.
      Die Löwenzähne machen zumindest nachdenklich.
      Handfestere Argumente gegen die Nutzung der Atomkraft sind die nach wie vor ungeklärte Entsorgungsfrage, die verheerenden Folgen, wenn es denn zu einem Unglüch wie in Fukushima oder einem Terroranschlag auf Nuklearanlagen oder -transporte kommen sollte und – recht unbekannt – die unglaublichen Zustände im Uranbergbau, der riesige radioaktive Abraumhalden, verseuchte Flüsse nach Dammbrüchen und strahlengeschädigte Minenartbeiter ohne Lobby hinterlässt.
      Natalie

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  3. gkazakou April 13, 2018 / 5:37 pm

    schade, dassdas Lächeln erst erscheint, wenn die Gefahr gebannt ist, dass man ihn beherbergen muss. Gefällt mir mal wieder sehr, deine Geschichte.

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    • fundevogelnest April 14, 2018 / 4:07 pm

      Liebe Gerda,
      Eine meine häufigsten Erfahrungen ist, dass genervt und innerlich
      lächelnd bei mir parallel laufen kann.
      Dass das Lächeln in der Erinnerung die Genervtheit stark relativiert, sollte ich mir öfter in genervten Situationen klar machen. 😉
      Ein schönes Wochenende noch
      wünscht
      Natalie

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  4. Werner Kastens April 15, 2018 / 1:00 am

    Wer sich noch einmal genauer an die Hilflosigkeit bei Eintritt der Katastrophe will: in einem ZEIT-Beitrag ist das recht anschaulich beschrieben, auch mit Grafiken, wie sich die radioaktive Wolke ausgebreitet hat:

    http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2016-04/tschernobyl-gau-wolke-1986-deutschland

    Wir haben damals (1986) einen 1-jährigen Nachkömmling gehabt. Wie unsere Nachbarn auch haben wir die oberste Schicht seiner Sandkiste in Panik abgegraben und gehofft, dass wir ihn dadurch vor Schaden bewahren können. Frische Milch, die ja auch zunächst als belastet galt, mochte er Gott sei Dank nicht. Darüber waren wir froh.

    Aber die Betroffenheit verflüchtigte sich mit den Beteuerungen der Regierung, dass ja alles nicht so schlimm sei. Wir waren auch wohl zu technik-gläubig, dass man alles unter Kontrolle habe.

    Im Nachhinein muss ich sagen, dass wir damals mit auf die Strasse hätten gehen sollen. Und ich bewundere diejenigen, die sich damals so engagiert haben.

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