26.April 1986 – ein persönliches Gedenken

 

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Gedenkstein am AKW-Brokdorf. Hier halten die Basisgemeinden Wulshagenerhütten und Schulau-Wedel seit 1986 jeden Monat eine Mahnwache

Am 26.April 1986 geriet im Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine – damals noch eine Sowjetrepublik — eine Notfallübung außer Kontrolle. Die Leistung im Reaktor stieg um das hundertfache an, es kam zu einer Explosion, die das Dach des Reaktors zerstörte und Teile des geschmolzenen Reaktorkerns in die Atmosphäre schleuderte.

Der radioaktive Fallout verbreitete sich über halb Europa. Die Folgen sind bekannt und schwer fassbar zugleich, denn es handelte sich nicht um eine Katastrophe mit „massenhaft Toten und Verletzten“. Der Unfall von Tschernobyl war kein medial aufbereitetes Nine-Eleven-Event und da war nicht nur die sowjetische Zensur vor.

Am schwersten belastet waren bestimmt die rund 200.000 sogenannten Liquidatoren, die den Reaktorbrand mit improvisierten Mitteln löschten und mit dem eiligst errichteten Sarkophag einen Kontinent vor Schlimmeren bewahrten.

Allen, die mehr über die Liquidatoren und das Schicksal der Menschen dort in jener Zeit wissen wollen, lege ich das Buch Tschernobyl. Eine Chronik unserer Zukunft und das Hörspiel Gespräche mit Lebenden und Toten beides von Swetlana Alexijewitsch ans Herz. Das sind weder trockene Sachtexte noch Betroffenheitskitsch. Die Autorin hat ihren 2015 erhaltenen Nobelpreis für Literatur wirklich verdient.

Manche werden sich an die hektische Betriebsamkeit erinnern, die in Deutschland damals ausbrach: Kindern wurde das Draußenspielen verboten, Kühen auch. Erde wurde von Beeten abgetragen, Milch und Pilze wie Sondermüll behandelt.

Ich hatte im April 1986 weder Kinder, noch Garten, noch Tiere. Eigentlich hatte ich nicht mal einen richtigen Haushalt, denn ich war erst drei Wochen vorher aus meinem Elternhaus ausgezogen, um meine Ausbildung zu beginnen und teilte mit einer anderen Frau ein Wohnheimzimmer.

Vielleicht bewahrte meine ganz private Aufbruchsstimmung mich davor, mit in den Strudel der Endzeitstimmung gezogen zu werden. Ich fühlte mich einfach nicht ernsthaft bedroht, zu unversehrt erschien mir die Welt um mich herum, aber das zum Beispiel meine Mitauszubildenden sich kaum Gedanken über die Katastrophe zu machen schienen, befremdete mich denn doch.

Mir erschien es eher folgerichtig, auch an dieser Stelle aufzubrechen und meinen Teil zur Abkehr von der Atomenergie beizutragen. Gut hundert Kilometer elbabwärts meines neuen Zuhauses wurde gerade das Atomkraftwerk Brokdorf fertig gestellt und im Oktober 1986 als erstes AKW weltweit nach dem Tschernobylunfall neu in Betrieb genommen.

Am letzten Wochenende bin ich nach längerer Zeit wieder in Brokdorf gewesen und kam mir schon ein wenig irre dabei vor, auf der Straße neben einem Atomkrafwerk von Heimatgefühlen überschwemmt zu werden, aber es ist nun einmal so: Ohne das  „Ding am Deich“ wäre mein Leben anders verlaufen. Ich vermute mal: Einsamer.

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Im gewaltfreien Spektrum der Protestefühle fühlte mich weniger anders als woanders. Fast alle meine Herzensfreundinnen und -freunde habe ich in diesen Zusammenhängen gefunden, das Nest ruht bis heute auf diesem Fundament

Im Protest gegen die Atomkraft war die Lust auf Lebensformen abseits der scheinbar vorgegebenen Normen inbegriffen, nicht nur in Sachen Energiegewinnung. Ich habe nie ganz den Sprung in ein Wohnprojekt oder selbstverwaltetes Arbeiten gewagt, aber die Idee, dass vieles geht, was angeblich nicht geht, ist in mich reingewachsen. Die Hühner in der Stadt sind nur ein Bespiel dafür.

Das eigentliche Anliegen geriet, trotz Blockadeaktionen an jedem sechsten eines Monats inklusive juristischem Rattenschwanz vielleicht etwas aus dem Blick. Bedrohung und Gefahr waren weiterhin nicht erlebbar, auch wenn Mütter mit ihren Kleinkindern nach Mallorca geflohen waren.

Ich habe inzwischen selbst Kinder und weiß ziemlich gut wie hysterisch und engstirnig das Gefühl, den Nachwuchs nicht beschützen zu können, machen kann, vielleicht hätte ich in ihrer Situation auch so reagiert, aber es war auch wieder der Luxus derer, die es sich leisten konnten, die Geld für Mallorcaflüge, unbelastete Nahrung usw. hatten.

Und ganz nebenbei, auch von mir erst spät bemerkt, segelte da noch ein ganz unguter Geist mit: Die Wahrnehmung des strahlengeschädigten Menschen, besonders des vorgeburtlich strahlengeschädigten Menschen als Monster. Das missgebildete Kind, gern plakatiert mit verstörenden Fotos gar nicht lebensfähiger Foeten, wurde zum Inbegriff dessen, was auf uns zukommen würde, ließen wir nicht von der Atomspaltung. Der Publizist Franz Christoph führte die zunehmende Akzeptanz der vorgerburtlichen Diagnostik und Aussonderung sogar direkt auf die Stimmung nach Tschernobyl zurück.

Manchmal fragte ich mich viel wahrnehmbarer Probleme wegen, mache ich hier eigentlich noch das Richtige? Als ein Mensch, der viel draußen ist, nehme ich den Schwund der Arten und Lebensräume sehr schmerzhaft wahr. Ich sehe auch den Rassismus um mich herum und was weiß ich nicht alles.

Mittlerweile hatte ich aber durch das fortlaufende Engagement auch Menschen kennengelernt, für sie übersetzt oder Veranstaltungen organisiert, die wirklich unter den Folgen radioaktiver Strahlung litten: Menschen aus Atombombentestgebieten und aus Gegenden, in denen das Uran, ohne das kein AKW läuft, in oft kolonialer Manie abgebaut wird. Um ein Kilo Yellowcake – der Stoff, aus dem die Brennstäbe sind-  zu gewinnen, müssen rund tausend Tonnen Gestein abgebaut werden, radioaktiver Staub weht von Abraumhalden. Radioaktivität und Schwermetalle verseuchen Gewässer und Böden. Landwirtschaft und Fischfang werden unmöglich, Krankheiten und Armut breiten sich aus. Das sind Katastrophen, die es kaum in die Medien schaffen. In vielen Uranabbaugebieten herrschen Zustände wie um Tschernobyl.

Diese Unmenschlichkeit ist nur einer der guten Gründe sich gegen Atomkraft zu positionieren, auch in Zeiten, in denen es nicht in Mode ist. Ich habe dieses Jahr am Tschernobylgedenktag nur theoretisch ein bißchen die Bühne mit auf- und abgebaut habe, in Wirklichkeit bin ich wie immer pausenlos dem Kleinen Fundevogel nachgerannt, der das viele Wasser sehr verlockend und die Dixiklos sehr spannend fand und zu gern an jedem Kabel der Tontechnik gezogen hätte.

Trotzdem fühlte es sich richtig an, dort gewesen zu sein.

Und ich habe gehört, dass der mit der Geige wohl schon vor ein paar Jahren gestorben ist.

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Ein Gedanke zu “26.April 1986 – ein persönliches Gedenken

  1. violaetcetera April 27, 2018 / 11:36 pm

    Mit Tschernobyl verbindet wohl jeder seine eigenen Erinnerungen. Ich war damals in der achten Klasse und hatte Russisch als Schulfach 🙂
    Traurig finde ich, dass es noch Fukushima brauchte, damit ein wirkliches Umdenken in der deutschen Politik stattfand.

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