Hommage an eine Unermüdliche (nachgereichte ABC-Etüde)

Ganz viele Ich-müsste-eigentlich-ganz-dringends wuchern von allen Seiten auf mich zu, beinahe schneller als der Sauerampfer in meinem Garten. Die ominöse DSGVO, der Bloggerschreck, gehört natürlich auch dazu. Zurzeit löst sie weniger Angst, als ein genervtes um-was-soll-ich -mich eigentlich-noch-alles-kümmern bei mir aus.

Und so kommt es, dass hier tagelang eine dreiviertel fertige Etüde vor sich hinkompostiert mit Anna-Lenas sehr inspirierender Wortspende von letzter Woche:

Michmädchenrechnung

untertreiben

dingfest

Die Regeln und alles Schöne, Witzige, Anrührende und Überraschende, was diese Worte anregten, findet sich wie immer in den Kommentaren der Schreibeinladung.

Die Illustration ist ebenfalls wie immer von Ludwig Zeidler (hei, genauso eine orangefarbige Schreibmaschine hatte ich auch mal!)

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Anrührende Milchmädchenrechnung hätten manche voll überheblicher Nachsicht mit der Analphabetin lächelnd kommentiert, wenn sie die Geschichte vor ihrem Ende gehört hätten. Nur hätten sie ohne das Ende, das alle, die darüber schreiben, ein Wunder nennen, niemals von Yin Yuzhen, der Bäuerin aus der Inneren Mongolei gehört oder gelesen.

Sie und ihr von den Medien nicht so gehätschelter, nicht mit Preisen überhäufter Mann verwandelten mit Jahrzehnte währender Beharrlichkeit mehr als 4000 Hektar Wüste in Wald.

Mit achtzehn Jahren wurde Yin Yuzhen in diese Wüste verheiratet, in der ihr Mann im Auftrag der Regierung verendete Tiere einsammelte, wo die Winter lang und eisig und die Sommer bis fünfzig Grad heiß sind, und wo die Einsamkeit die junge Frau angeblich fast in den Selbstmord trieb. Mit einem Rest trotzigen Lebensmuts gab Yuzhen 1985 ihr einziges Geld, ihr Brautgeld, für Setzlinge aus, pflanzte und wässerte seitdem unermüdlich im Schutze der Nacht, ertrug Rückschläge und lernte dazu.

Sie experimentierte mit über dreihundert Pflanzenarten, schuf mit ihrem Partner Oase um Oase und das, was alle ein Wunder nennen, weil jedes andere Wort untertreiben hieße, geschah: Zuerst kam der Tau zurück, dann der Regen, Schmetterlinge tauchten auf, Bienen und schließlich Vögel.

Es erleichtert, nie gehört zu haben, dass man versucht hätte, sie wegen irgendwelcher Lappalien dingfest zu machen oder ihr Schlimmeres anzutun, wie es so vielen Umweltschützerinnen in autoritären Regimes widerfährt. Aber Yin Yuzhen beklagt, dass ihr einzigartiges Wissen, angesammelt in so vielen Jahren, staatliche Stellen nicht interessiert, noch immer werde Aufforstung mit Baumarten vorgenommen, die für die Papierindustrie lukrativ sind, anstatt das Ökosystem zu stabilisieren. Davon abgesehen soll es Yin Yuzhen heute materiell gut gehen, Touristen kommen in ihren Wald, Lernende auf ihren Spuren, sie hat viele internationale Preise erhalten —  ein seltener Fall von umfassender Gerechtigkeit.


Was ich über Yin Yuzhen weiß, habe ich im Wesentlichen aus einem Artikel in der taz vom 5.Dezember 2009, den ich sorgfältig aufbewahrt habe, weil diese Geschichte mich so glücklich macht. Für diese Etüde habe ich noch ein bischen im Internet recherchiert, es gibt sogar einen Film, allerdings auf Chinesisch.

4 Gedanken zu “Hommage an eine Unermüdliche (nachgereichte ABC-Etüde)

  1. violaetcetera Mai 3, 2018 / 8:02 am

    Diese Hommage ist trefflich gelungen, wahrscheinlich hätte sie noch viel mehr verdient. Eine beeindruckende Frau, mutig und hartnäckig.

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  2. Christiane Mai 3, 2018 / 9:14 am

    Du hast recht, das sind Mutmacher-Geschichten, „Geht doch!“-Geschichten, die glücklich machen. Trotz allem und gerade deswegen. Danke fürs Teilen.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

  3. Anna-Lena Mai 3, 2018 / 10:03 am

    Was für eine tolle Umsetzung, das baut mich irgrndwie gerade so richtig auf!

    Lieben Gruß
    Anna-Lena

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  4. gkazakou Mai 3, 2018 / 10:35 am

    deine nachgereichte Geschichte hat mir das Herz erwärmt. ich fühle förmlich, wie sich Tau auf von regenlosen Tagen vertrocknetes Land legt – zumal uns auch hier (in Athen) der Regen sehr fehlt.

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