Am Zaun (ABC- Etüde)

Die Wörter zur Schreibeinladung der 21. Kalenderwoche spendet die von mir sehr gern gelesene Elke Speidel, deren Blog sich zurzeit im geschützten Modus befindet

Maikäfer

schreien

leise         möchte sie in höchstens zehn Sätze verpackt wiederfinden.

Eine weitere Inspiration kam für mich diese Woche beim Frühstück mit meiner nach Lebensjahren ältesten Freundin —  91 ist sie mittlerweile — hinzu. Diese fiktive Etüde hat also einen wahren Hintergrund, der mich bewegt und mit einem Berg vorerst ungestellter Fragen (z.B. Wie alt warst du eigentlich?) zurückgelassen hat. Und mit tiefer Dankbarkeit, dass es solche Menschen zu allen Zeiten gab und geben wird.

Wie immer 1000 Dank an die Etüdenpflegerin Christiane (Link siehe oben), bei der sich alle Etüden, die diese Woche entstehen, finden werden und Ludwig Zeidler, den Illustrator.

Eure Verlässlichkeit wärmt mein Herz.

„Schrei‘ nicht so“, zischt Helga, während sie vorsichtig den Zaundraht nach oben biegt. Inge hat nicht geschrien, allenfalls leise gejammert hat sie, und das, obwohl ihre Hände von den spitzen Drahtenden schon ganz zerpiekst sind und sie in der feuchten Abendluft erbärmlich fröstelt. Wenn jetzt doch bloß ein gütiger zauberkräftiger Zwerg des Wegs geschritten käme und sie beide in Maikäfer verwandeln täte, die vortrefflich ohne Drahtbiegen durch den Zaun der Apfelplantage kämen und als große, kräftige Käfer gewiss die kleinen Päckchen bewegen könnten. Helga verschweigt sie solch Tagträumerei, denn sie weiß, was ihre Schwester antworten wird: Ingelein, gibt doch keine Zwerge, Dummerlein, wer hat je von Maikäfern im September gehört, außerdem sei leis‘, denk an die Wächter mit den Gewehren.

Immerfort denkt sie an die Wächter mit den Gewehren, auch wenn Mutti gesagt hat auf Kinder schießen sie nicht. Einfältig Mutti, auf den Anstand von Männern zu vertrauen, die Frauen zum Schuften zwingen und ihnen so wenig Essen geben, dass sie dankbar sein müssen für Muttis eingepackte Brotreste, für kalte Kartoffeln und Weizenkörner, die Helga und sie ebenfalls heimlich, heimlich aus dem Innern duftender Kornpuppen gezupft haben. Unsere Schwestern nennt Mutti die mageren, von Morgengrauen bis Dunkelheit pflückenden Frauen in den grauen Kleidern, Fremdarbeiterinnen sagt die Lehrerin, verlauste Polackenferkel heißen sie in der Nachbarschaft. Weit weg auf der anderen Seite der Plantage lachen die Wächter, sie werden die Mädchen in der Dämmerung so wenig bemerken wie einen in den September vertriebenen Maikäfer im Grase. Im Gehen sehen Helga und Inge noch die schmale Frauengestalt, die sich aus dem Schatten der Apfelbäume löst, aber sie warten ihr Finden nicht ab.

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10 Gedanken zu “Am Zaun (ABC- Etüde)

  1. violaetcetera Mai 24, 2018 / 10:33 pm

    Wahrscheinlich wird deine Geschichte gerade irgendwo auf der Welt (wieder) Wirklichkeit. Sehr eindringlich, deine Etüde.

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    • fundevogelnest Mai 25, 2018 / 8:33 pm

      Da ist der Zusammenhang interessant, in dem sie erzählt wurde: Meine Freundin erzählte zuerst von einem Foto, auf dem einem farbigen Mann durch Stacheldraht etwas gereicht wird, erst dieses aktuelle Foto setzte die Erzählung aus der Vergangenheit in Gang

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  2. Anna-Lena Mai 25, 2018 / 8:22 am

    So tragisch diese Erlebnisse auch sind, wer wird solche dunklen Zeugnisse aus der Vergangenheit in Zukunft an die nächsten Generationen weitergeben?

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  3. Elke H. Speidel Mai 25, 2018 / 8:57 am

    Liebe Natalie, ich werde morgen meine Blogs wieder scharf stellen. Ich will nur brav und gesetzestreu sein und keine 20 Millionen Euro Bußgeld riskieren, vor allem. Sagt, leise grinsend wie ein Maikäfer, obwohl sie viel eher schreien möchte, Elke. Danke fürs Mitmachen!

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    • fundevogelnest Mai 25, 2018 / 8:41 pm

      Elke, das freut mich sehr, denn du weißt, ich bin ein Fan von dir.
      Ich habe auch versucht brav zu sein, ich finde die DSGVO sogar sinnvoll. Nur eine kleine Info-Kampagne mit Gebrauchsanweisungen für Dummies hätte die EU bitte springen lassen dürfen, dieser Wettbewerb der Mutmaßungen macht mich ganz kirre.
      Natalie

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      • Elke H. Speidel Mai 26, 2018 / 1:57 pm

        Danke dir. Ich habe jetzt die Blogs wieder eingeschaltet. In der Hoffnung, dass alles passt. Datenschutz ist schön und gut, aber die Tatsache, dass im Fall der Fälle die Unschuldsvermutung nicht mehr gilt, finde ich wenig demokratisch. Just my 2 cents. „Umkehrung der Beweislast“ hat, speziell wenn sich, wie im Fall von uns bloggenden Normalmenschen, lediglich zwei Privatpersonen gegenüberstehen, eben auch ihre Schattenseiten.

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  4. Christiane Mai 25, 2018 / 10:34 am

    Beklemmend. Ich schließe mich Viola und Anna-Lena an. Und ja, die, die es wussten, wovon sie sprachen, als sie „Nie wieder Krieg!“ gefordert haben, sterben aus, und die Geflüchteten, die es uns erzählen könnten, die wollen wir nicht hören, jedenfalls viele nicht.
    Liebe Grüße, ich danke dir für deine Etüde,
    Christiane

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  5. fundevogelnest Mai 25, 2018 / 8:49 pm

    Nochmal drüber gelesen ist die Etüde beklemmender als das, was mir da eigentlich ganz munter und abgeklärt, auch mit berechtigtem Stolz erzählt wurde. Die bewaffneten Wächter erwähnte meine Freundin nur in einem Nebensatz. Beim Schreiben wurden sie riesengroß.
    Meine Freundin hat übrigens vor Jahren eine Ausstellung über die deutsche Belagerung Leningrads betreut und auch so gegen das Vergessen gekämpft… und vor ein paar Wochen ist sie mit dem Rollator den Ostermarsch mitgegangen.

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    • Elke H. Speidel Mai 27, 2018 / 10:12 am

      Das finde ich ungeheuer beeindruckend. Mit dem Rollator zum Ostermarsch! Hut ab!

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