Nachtfahrt (ABC-Etüde) und Wuseliges aus dem Fundevogelnest

Das Fundevogelnest ist ein wuseliger Ort. Einen erheblichen Teil meiner Zeit verbringe ich mit Wuselfolgen und fragwürdig endenden Versuchen Wuselfolgen vorzubeugen. Ich wische auf, fege Scherben, klebe, schraube, wechsle Steckdosen aus, kämpfe mich durch scheinbar experimentell geschriebene Gebrauchsanweisungen und suche, denn der Wuselnde wirft. Er wirft geübt im hohen Bogen Schlüssel, Brillen, Geschirr und was-weiß ich in Gebüsche, vom Balkon oder hinter die Waschmaschine. Ich erkläre, ich schimpfe, ich beschwichtige Wuselgeschädigte…

Struktur heißt die gern empfohlene Zauberformel gegen die wuselige Wirrnis im Nest, dazu Achtsamkeit, permanente Aufmerksamkeit. Und die Wohnung sollte bitte funktional und minimalistisch umgestaltet werden, damit auch sie Struktur ausstrahle und nebenbei nicht so viele Wurfgeschosse bereithalte.

Das klingt überzeugend, ich gebe mir Mühe und fühle mich wie ein Pferd, das schwimmen soll. Eine Weile geht es ganz gut, aber es strengt an dieses Leben im fremden Element. Gedeihe ich doch eher im Wildwuchernden, im unstrukturiert Wachsenden, Mehrdeutigen, Zwielichtigen, im Wuseligen halt. Die blitzsaubere Garde hat mich immer verschreckt.

Genug der Ausreden – es gibt mal wieder eine nachgereichte Etüde, zur Schreibeinladung für die 23. Kalenderwoche.

Die Wörter

Schräge

köpfen

brennend

stammen von Gerda Kazakou, die ihre eigenen Kunstwerke auf faszinierende Weise weiterverwandelt. Ein Besuch auf ihrer Website lohnt auf jeden Fall.

Die Spielregeln und alle anderen entstanden Etüden finden sich in der Schreibeinladung unter der Obhut der Etüdenpflegerin Christiane.

Den Rätsel aufgebenden Frosch verdanken wir Ludwig Zeidler.

Und wer jetzt glaubt, dass da ein Zusammenhang besteht zwischen der angedeuteten Erschöpfung oben und dem Text unten, dem sei gesagt: Ich kann nicht Auto fahren.

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Unvermutet wie ein Reh, das sich scheinbar zum Greifen nah im Licht der Scheinwerfer manifestiert, springen Worte in den Kopf: Glück muss nicht unbedingt sein, wispern sie. Innehalten, langsamer fahren, denn da könnten wirkliche Rehe sein im sommernächtlichen Dunst, dem subversiven Wispern lauschen, ein Bild vor Augen haben: Stehend in einer Menschenmenge, die sich angewidert und fasziniert die Hälse verdreht, um Zeuge zu sein, wenn der ewige Diktator geköpft wird und von nun an niemand mehr im Schweiße seines Angesichts sein eigenes Glück wird schmieden müssen. Übertrieben dramatische Assoziationen sind das, vermutlich der Uhrzeit geschuldet, aber verführerisch bleibt das verschwörerische Wispern von einer Welt, in der unglücklich Altern kein Versagensbeweis mehr sein wird: Niemand wird mehr im dauernden Wechsel Schrägen erklimmen und abstürzen, im Rennen um Jobs, Partner, Schwangerschaften, gelungene Texte oder wenigstens inneren Frieden, der auf einer anderen Ebene ohne all‘ diesen Tand auszukommen behauptet. Wenn du nämlich nicht mal den hinbekommst, weil die Fähigkeit entfernte Kriege auszublenden oder aussterbende Vögel, steigenden CO²-gehalt oder bloß eigene Unzulänglichkeit nicht mitgeboren wurde, dann stehst du da, Spieglein, Spieglein an der Wand, du größte Glücksversagerin im ganzen Land

Wäre Glück nur noch Kür, würde Liebe vielleicht noch motivieren, Hunger bestimmt und all‘ die Notwendigkeiten, aber es gäbe keine neuen Gewänder mehr für Geld, das nicht da ist und auch keine fragwürdigen Literaturpreise. Talentshows, Sehnsuchtsdestinationen, brennende Selbstmordattentäter, Fruchtbarkeitskliniken und likehungrige Blogs lägen nutzlos herum und der CO²-Gehalt der Atmosphäre würde schneller sinken, als man Trump aus dem Amt jagen könnte.

Verdammt, das ist ein Reh, schlingern, bremsen; und unversehrt bleiben das Reh, das Auto, das Wirrniskarussell —  Glück gehabt, ach was für ein Glück.

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4 Gedanken zu “Nachtfahrt (ABC-Etüde) und Wuseliges aus dem Fundevogelnest

  1. gkazakou Juni 16, 2018 / 11:17 am

    Wunderbarer Text, wie aus dem Gedankengewusel Lichtfäden und schließlich ein Reh sich manifestieren. Und es dich großäugig anblickt, unversehrt.

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  2. Christiane Juni 17, 2018 / 11:24 am

    Innerer Frieden, „nicht mal der“ (super!), was sind wir alle bloß bescheuert in der ewigen Suche nach dem Glück, dem goldenen Kalb. Aber sind „wir“ wirklich so, oder erzählt uns bloß die Werbung, die Massenmedien, das Internet vor, dass wir so zu sein hätten, und wir laufen nach?
    Und ja, das mit dem Reh, dieser atemlose Moment, wo alles stockt, ja, das ist Glück. Auch.
    Liebe Grüße
    Christiane

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    • fundevogelnest Juni 22, 2018 / 11:33 am

      Liebe Christiane,
      das Glück im Diesseits und Jenseits haben Menschen wohl schon immer gesucht. Moses hätte Israel nicht aus der Knechtschaft geführt (das goldene Kalb…)Kolumbuus wäre nicht in See gestochen und vor allem wären ihnen nicht Tausende Namenlose nachgerannt..
      Ich fürchte mehr als einer ist in freiwillig in den Krieg gezogen, um weniger unglücklich zu sein.Überhaupt halte ich weniger unglücklich zu sein für eine größere Motivation als wirklich glücklich zu sein.Eher neu scheint mir der Rechtfertigungsdruck, wenn das Glück sich halt nicht wie geplant einstellt, da folgen dann rasch von allen Seiten Parolen wie „Mach was, gib‘ nicht auf, Krönchen richten weitergehen“, nur nie nachlassen im Rennen nach dem Glück, niemals aushalten – sonst müssten die anderen das ja auch aushalten.
      Ich nehme mich davon nicht aus, bin auch zu oft meine eigene Motivationstrainerin oder anderer und habe dann am Ende zu allen Problemen das schlechte Gewissen im Glücksrennen mal wieder versagt zu haben obendrauf.
      Merke gerade, das wäre auch mal was für einen längeren Text.
      Liebe Grüße
      Natalie

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      • Christiane Juni 22, 2018 / 2:45 pm

        „Glück – ein unglückloser Zustand“ war laut Herrn Tucholsky die Definition Schopenhauers. Und ja, bitte, schreib doch mal was dazu! (Ich hatte schon verschiedentlich und immer mal wieder ansatzweise, bevor ich mich nur noch auf/in die Etüden zurückgezogen habe.) Glück ist interessant, jede*r scheint seinen/ihren eigenen Zugang dazu zu haben.
        Liebe Grüße
        Christiane

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