Besondere Zeit Fußballweltmeisterschaft

1978. Sommerferien. Fußballweltmeisterschaft der Herren, wie jetzt, nur nicht umstritten in Russland, sondern umstritten in Argentinien. Schwarz-Rot-Gold war noch nicht allgegenwärtig, vielleicht weil noch nicht ganz so viele Billigplastikartikel zu haben waren und Public Viewing fand überwiegend in Kneipen statt, zur Not vor dem Schaufenster eines Fernsehgeschäftes.

Dass Argentinien damals von einer Militärdiktatur regiert wurde, während der rund 30.000 Oppsitionelle ermordet wurden, wusste ich im Gegensatz zur FIFA nicht. Weder in meinem Elternhaus noch in der Schule wurde darüber gesprochen und ich war noch nicht so gut darin mir selbst Nachrichten anzueignen.

Die Verhältnisse in Argentinien waren vermutlich nicht der Grund dafür, dass meine Eltern am Tag des Endspiels ihre Töchter ins Auto luden und nach Hamburg-Blankenese an den Elbstrand fuhren. Ihnen war Fußball und das Gegröhle aus der Kneipe von gegenüber schlicht zuwider.

Es war ein magischer Sommerabend, einer, an dem sich die Luft wie Seide anfühlte und vom Duft der Heckenrosen durchdrungen war. Der weiche Sand umschmeichelte die nackten Füße und der helle Elbstrand schien im Dämmer zu leuchten. Wir hatten den Strand fast für uns allein und das an einem Wochenende. Nur in den Lokalen klumpten sich Menschen zusammen und starrten in den argentinischen Winter.

Als es dunkel wurde und wir zu unserem Auto liefen, kamen wir an einem Kino vorbei Mon Oncle von Jacques Tati war draußen angekündigt. Unsere sonst nicht so spontanen Eltern befanden: Das ist lustig. Der Kartenverkäufer saß an seinem Schalter vor einem kleinen Fernsehgerät und fragte fassungslos: Wie? Sie wollen ins Kino? Wir wollten und eine Familienlegende wurde geboren: Eine Kinovorstellung nur für uns.

Seitdem liebe ich die geschenkte Zeit außerhalb der Zeit während eines „wichtigen“ WM-Spiels. Ich mag es ungestört durch eine Welt zu spazieren, in der es neben mir nur wenige Auserwählte zu geben scheint, die nicht durch einen Zauberbann gefesselt sind.

Gelegentliche Ausbrüche von Gebrüll, Tuten und das Abbrennen von Knallern signalisieren, dass sie alle noch am Leben sind und ich unbesorgt auch sonderbaren Tätigkeiten in aller Öffentlichkeit nachgehen kann, denn die Öffentlichkeit hat Pause. Niemand ruft an, niemand möchte etwas verkaufen, man kann am helllichten Tag durch den Stadtverkehr radeln wie sonst allenfalls morgens um vier. So gesehen wäre ein Endspiel mit deutscher Beteiligung vermutlich der ideale Zeitpunkt für ein Verbrechen, aber ich möchte gar keines begehen, ich fühle mich außerhalb des großens Stroms einfach am richtigen Platz.

Vor vier Jahren waren auch die WM gesponserten Pausen vom Alltag stark geprägt von der zu diesem Zeitpunkt alles überwuchernden Frage: Kleiner Fundevogel — Soll ich oder soll ich nicht?

Ich kannte ihn, ich mochte ihn und ich hatte monatelang mit angesehen, wie sich keine Familie für ihn fand. Andererseits war ich mir nicht nur meines Alters sehr bewusst. Letztlich war es eine von diesen Entscheidungen, die fast keine sind, sondern ein erstauntes sich selbst Zusehen bei Handlungen, die irgendwie unausweichlich erscheinen.

Nachdem ich also klar war, tauchte plötzlich doch eine Familie auf, die ihn adoptieren wollte. Erleichterung und Bedauern vermengten sich. Dann hatte die Bewerberfamilie einige Informationen über des Fundevogels Vorgeschichte schlecht verdaut, gleichzeitig überlegte sich die erste Fundevogelmutter das mit der Adoption zum wiederholten Male anders. Alles war wieder offen und in der Hand des Jugendamtes.

Am Tag des „Endspiels“ hatte ich den Großen Fundevogel bei Freunden zum Fußballgucken abgeladen und lief im strömenden Regen durch die leergeräumten Straßen nach Hause. Zu WM-Zeiten haben Orakel ja Hochkonjunktur, kleine Winke aus der Zukunft, wenn die Spannung nicht mehr auszuhalten ist. Ich mochte Paul, den kleinen Kraken, der stets zum Futternapf mit den Nationalfarben der siegreichen Mannschaft schwamm. Ich hatte damals spaßeshalber ausgerechnet, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für diese Trefferquote war. Ich weiß das Ergebnis nicht mehr (und kann es auch nicht mehr rekonstruieren, da ich nicht erinnere, wie oft Paul befragt wurde), nur noch dass es mich beindruckt hatte.

An jenem nassen Abend 2014 hielt ich die Spannung kaum mehr aus und machte die Nationalelf zum Kraken: Verlören sie das Spiel, würde der Kleine Fundevogel von dannen ziehen. Holten sie die Trophäe, käme er zu ins ins Fundevogelnest.

Und so kam es.

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Fundevogelnestkultspiel Otterfußball:

Der Kleine Fundevogel und der Otter (assistiert von einem weiteren Familienmitglied)  passen den Ball hin und her.

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7 Gedanken zu “Besondere Zeit Fußballweltmeisterschaft

    • fundevogelnest Juni 26, 2018 / 10:05 pm

      Kommt ein bisschen auf die Intensität des Regens an. Wenn ich allerdings mal die Gelegenheit habe, allein spazieren zu gehen,ist mir das Wetter fast egal….
      Natalie

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    • fundevogelnest Juni 26, 2018 / 10:07 pm

      Eine Nachbarin sagte gerade, sie ginge während der Spiele immer einkaufen, der Laden ist fast leer und die Verkäuferinnen freuen sich, dass sie das Spiel nicht umsonst verpassen.
      Natalie

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      • violaetcetera Juni 27, 2018 / 8:02 pm

        Das ist interessant, aber wahrscheinlich nach dem Ausscheiden der Mannschaft jetzt auch wieder vorbei😄

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  1. gkazakou Juni 26, 2018 / 10:55 am

    „… ein erstauntes sich-selbst-Zusehen bei Handlungen, die unausweichlich scheinen“ – ein Satz der es in sich hat.

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  2. fundevogelnest Juni 26, 2018 / 10:17 pm

    Das freut mich, dass dir der Satz auffällt, denn ich habe lange überlegt, ob ich mich traue das so hinzuschreiben. Ich denke, das passiert, wenn das Herz sich längst entschieden hat und die Vernunft das Ganze noch nicht so recht glauben mag
    Kurz vorm endgültigen Einzug des Vögelchens stand ich nach einer mit Möbelschieben und ähnlichen Dingen verbrachten Nacht am Kassenlaufband eines Drogeriemarkts und starrte auf die Fläschchen, Schnuller, Windeln etc, die ich gerade zu kaufen im Begriff war und fragte mich, ob das da gerade wirklich mein Leben sei oder ob ich nur eine andere spielte.
    Als das Baby da war, wurde es realer.
    Liebe Grüße
    Natalie

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