Wonach der Juni riecht (inspiriert von Fräulein Readon)

Ich bin verliebt, textverliebt. Es war mal wieder höchste Zeit für dieses aufwühlende Gefühl etwas zu lesen, das so schön ist, dass es kaum auszuhalten ist. Man möchte aufspringen, um jemanden Passagen vorzulesen, einzig damit ein geliebter Mensch keine einzige Sekunde seines Lebens mehr ohne dieses reine Glück auskommen muss. Und dann weiterlesen, weiterlesen ungeachtet des Abwaschs, der zu erledigenden Posts, des Schlafbedürfnisses. Einfach nur mehr lesen, sich ganz ausfüllen mit einem Buch, mit Gedichten oder jetzt gerade mit einem Blog.

Danke, danke liebe Myriade für diesen Tipp.

Und weil das Fräulin Read on heute die Geruchseindrücke des scheidenden Juni sammelt, mache ich einfach mal mit:

Wie der Juni im Fundevogelnest riecht

Der letzte Abend des Juni riecht durch die geöffnete Balkontür des Fundevogelnests nach dieser seltsamen Chemikalie, mit der die Nachbarn unten immer ihren Grill anzünden. Später wird es nach Fleisch riechen und nach der inzwischen vertrauten Zigarettenmarke des Nachbarn. Auf dem ein oder anderen Nachbarbalkon wird gekifft.

Und noch später, wenn keiner mehr auf der Terrasse sitzt, wird die Erde in den Balkonkästen riechen, wenn ich sie mit Wasser tränke, was ich mich erst traue, wenn unter meinen Balkonkästen niemand mehr Gefahr läuft Gießwasser aufs Steak getröpfelt zu bekommen.

Intensiv duften dann auch die Blätter und Stängel der Tomatenpflanze, Basilikum und Koriander wuchern und duften im ersten sonnigen Sommer, den ich in dieser Wohnung erlebe.

In der Wohnung der Schweiß der Pubertierenden und ihre aufdringlichen Deos, die sich mit ihren Körpergerüchen vermischen statt sie zu übertönen, der eigene Schweiß, der in plötzlichen unvermuteten Eruptionen ausbricht, was zu meiner Lebensphase gehören soll wie der Jugendschweiß zur Jugend. Der Schweiß des Kleinen fällt der Nase kaum auf, dafür riecht der Kleine nach Erkältung und dem Gummi seines Schnullers.

In der Stube riecht der Honig, den ich aus dem zusammenbrechenden Bienenstock geborgen habe, er schmeckt zu süß, enthält wahrscheinlich viel Zucker aus der Winterfütterung und wird größtenteils zurückgefüttert werden.

Wegen des Zusamenbruchs und dem schlechten Gedeihen des anderen Bienenvolks muss dieser Geruch für 2018 ausreichen, die Honigernte, die duftende, klebrige Orgie, die sonst zum Juli gehört, wird ausfallen.

Im Juni sind die Bienen noch friedlich, lassen Menschen gelassen vor den Fluglöchern sitzen, ihr Summen hören, das unablässige rein, raus, rein, raus betrachten und einen meiner Lieblingsgerüche einsaugen: Die Mischung aus Holz, Honig, Wachs und ich bilde mir ein auch nach Bienen, denn da ist was, das rieche ich nur am Bienenstand, nicht wenn irgendwo nur Holz, Honig und Wachs sind. Ein ganz kleiner Geruch ist das, ein Unterton bloß, kaum zu beschreiben.

Wenn der Schrebergarten olfaktorisch nicht ganz von Grillgerüchen und Kifferschwaden geflutet wird, riecht es in der Hitze vom Bach her leicht faulig, nach dem vertrocknenden hohen Gras, das die Teile des Gartens überzieht, zu denen ich nicht komme und der den zirpenden Grashüpfern Heimat gibt, weshalb das Nicht-Schaffen auch sein Gutes hat. Auch der Garten riecht nach Tomatenstängeln, die wilden Rosen sind schon vorbei, Beeren gibt es im Übermaß. Jede Sorte ein unverwechselbarer Geruch, das Herbe der Schwarzen Johannisbeere, das auch in den Ästen steckt, die schwere Süße der Himbeere, das Erdige der Blaubeere – und ganz selten schnuppere ich Erdbeeren, die hier nicht gut gedeihen und die paar, die da sind, verschwinden in Schnecken, Amseln, Fröschen, Igeln – Leckermäuler allesamt.

Ach und der Geruch eines abendlich vorbeischnaufenden Igels ist vielleicht kein Duft, aber eine ganz besondere Form von Glück.

2 Gedanken zu “Wonach der Juni riecht (inspiriert von Fräulein Readon)

  1. violaetcetera Juni 30, 2018 / 10:29 pm

    Muss wirklich mal mehr auf das achten, was meine Nase übermittelt. Heute Mittag im Bus war sie allerdings schlicht beleidigt.

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