Mich gruselts

Während ich versuche diesen Text, der nichts ändern wird, in Kladde zu schreiben, spielt der Kleine Fundevogel mit ein paar ausrangierten Kochtöpfen und Keksdosen im Bach. Er füllt Wasser ein, er füllt Kiesel um, lässt die Töpfe mit der Strömung schwimmen, spritzt, planscht.

Es tut ihm gut. Er ist im eiskalten, knöcheltiefen Wasser ganz bei sich und den Elementen, zerstört nichts, ärgert niemanden, spricht leise. Das gelingt ihm selten, sein traumatisiertes Selbst versucht viel zu oft alles Ruhige zu überschreien.

Ein paar Romakindern aus den Hochhäusern, die hinter den Gebüschen aufragen, tut das Spielen im flachen Wasser anscheinend auch gut. Auf jeden Fall haben sie Spaß.

Unwillkürlich muss ich an die Familen denken, die ich nicht kenne und die weder Sie noch ich je kennenlernern werden, wenn sie wirklich demnächst in Transit-Zentren weggeräumt werden, damit das Auge der Wählerschaft sie nicht ertragen muss.

Hinter den Zäunen der Transit-Zentren werden sie ihre Kinder nicht mal eben auf den Fahrradgepäckträger werfen und zum nächstgelegenen Bach zu radeln können. Ob ein paar rotlackierte Wackelpferdchen, die vor mit Natodraht gesicherten hohen Zäunen auf ihren Spiralen stehen (das habe ich auf Fotos von einem Abschiebegefängnis gesehen) und Filme geguckt auf Mamas Smartphone seelische Verletzungen reduzieren können? Oder was ist für Kinder in Transit-Zentren vorgesehen? Das Recht auf Schule wird vielen Flüchtlingskindern schon lange verwehrt.

Was als Rettung der Regierungskoalition, wenn nicht gleich des Vaterlandes hochgejubelt wird, wird die Welt zu keinem besseren Ort machen, sondern zu einem mit noch mehr Trauer und Verletzung belasteten Planeten. Es geht denen, die gerade irgendwie ihre Koalition retten natürlich gar nicht um eine bessere Welt, es geht ihnen um ein möglichst leicht zu bedienendes Deutschland.

Ich behaupte nicht, dass das Zusammenleben mit Menschen, die Krieg, Verluste, massive Angriffe auf ihre Integrität und eine möglicherweise jahrelange Flucht überlebt haben komplikationslos ist. Ich lebe mit zwei traumatisierten Menschenkindern unter einem Dach und kann jede Menge Kompliziertheiten bezeugen.

Im Alltag in der Kinderklinik erlebe ich schwer zu entwirrende Missverständnisse sprachlicher und komplizierter Natur. Der Vater, der etwas nicht verstanden hat und in Panik den Brutkasten, in dem sein Baby liegt, zerlegt. Die Mutter, die mir hastig und für mich nicht nachvollziehbar ihr winziges Frühchen samt Atemhilfe in den Arm drücken will, dann so überstürzt aufspringt, dass alles außer dem Kind klappernd zu Boden geht und diverse Gerät anfangen zu alarmieren. Sie fängt an zu schreien, weil sie glaubt, das Baby ist auch runtergefallen, drückt es hysterisch an die Brust, das empfindsame Wesen reagiert mit Herzfrquenz- und Sauerstoffsättigungsabfällen, noch mehr Alarm und die Mutter schlägt sich schluchzend ins Gesicht. Irgendwann halte ich beide verstört im Arm und bekomme nie raus, was eigentlich los war.

Und da sind auch die, die grenzenlos unerträglich geworden sind, weil sie nur noch auf  Bekommen und sich so viel wie möglich Nehmen fixiert sind, vielleicht weil sie schlecht erzogen sind, vielleicht weil sie sich nicht mehr vorstellen können etwas einfach so zu bekommen

Ehe Sie jetzt glauben, ich hielte alle Geflohenen für durchgeknallt: Ich weiß es zum Glück besser. Hier im Stadtteil leben viele Geflüchtete. Es gibt eine große Erstaufnahmeeinrichtung, zwei Containerdörfer, Heime, eine Einrichtung für unbegleitete Minderjährige und das Leben hier am Rande der Stadt plätschert weiterhin im Großen und Ganzen unspektakulär vor sich hin.

Dass in diesen Jahren so viele Menschen auf der Flucht sind, ist ein Problem. Die Kriege, die Verteilungskriege, die Konfliktlinien zwischen Religionen und Ethnien, zwischen Arm und Reich. Das sind doch neben der Gefährdung der Biosphäre die wirklichen Herausforderungen.

Und die sollen weggehen, wenn wir die Tür nicht mehr auf machen? Diese Politik erinnert an hoch Verschuldete, die einfach nicht mehr die Rechnungen öffnen, weil der Weg der Entschuldung mühsam wäre und erfordert eigenes Versagen zu benennen.

Solange es der Menschheit nicht gelingt, Kriege, Armut und Ungerechtigkeit zu überwinden, wird sie aushalten müssen, das es welche gibt, die darunter leiden und auch welche, die das Leiden nicht unbeschadet ertragen haben.

Ich weise jeden zurecht, der über meine traumatisierten Kinder sagt: Stell dich nicht so an, so schlimm war das nicht, nur weil das Angucken des Schlimmen so schwer auszuhalten sind. Ich lasse mir nicht weismachen, dass niemand mehr ertrinkt, wenn man die Rettungsschiffe beschlagnahmt und die, die es auf sich nehmen, hinzuschauen und auszuhalten, kriminalisiert. Brülle trotzdem nicht no nation, no border, bin schon dafür, dass Asylgründe dargelegt werden müssen, Menschen hinterfragt werden sollten. Denn nichts ist einfach, alles erfordert Hinsehen, Aushalten, Zeit, Menschlichkeit in schwierigen Zeiten.

Ich fühle mich ja selbst hilflos diesen viel zu vielen Schicksalen gegenüber, bin vollkommen absorbiert von den Wechselfällen im kleinen Fundevogelnest, mit seinen Kindern, Hühnern und Bienen und trage nichts zur Rettung der Menschheit bei, denn der Fundevogel am Bach braucht fast alles, was ich geben kann, auch etwas, was ausgehalten werden muss.

Es gibt keine einfachen Lösungen. Ich fürchte mich vor denen, die so tun, als hätten sie sie.

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12 Gedanken zu “Mich gruselts

  1. Myriade Juli 4, 2018 / 6:49 pm

    Eindrucksvoll, die Szene mit dem Baby, der Mutter und dem Brutkasten! Du gehörst offenbar zu den Menschen, die mit dem Flüchtlingsthema leben und differenzierte Meinungen dazu vertreten. Darüber freue ich mich

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  2. Elke H. Speidel Juli 4, 2018 / 10:13 pm

    Du sagst es sehr treffend. Ich habe hier keine „Fundevögelchen“ – und trotzdem keine Minute übrig, um die Welt zu retten. Geht neben der Betreuung einer Dreijährigen und eines Einjährigen schlecht, auch nicht, wenn es die eigenen Enkelkinder sind.

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    • fundevogelnest Juli 4, 2018 / 11:48 pm

      Und kennst du das auch, dass es einen plötzlich innerlich zerreißt, obwohl man genau weiß, wo der eigene Platz ist?
      Liebe Grüße
      Natalie

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      • Elke H. Speidel Juli 5, 2018 / 8:04 am

        Weiß man das aber jemals? In den Momenten, in denen ich mich innerlich zerrissen fühle, weiß ich es nicht, fürchte ich. Ich weiß es oft nicht. Vielleicht gibt es das gar nicht wirklich, etwas wie den „eigenen Platz“.

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  3. gkazakou Juli 5, 2018 / 3:41 pm

    Am Anfang erwähnst du die Roma-Kinder. Ich sah vor ein paar Tagenein Video, aufgenommen von ukrainischen Fasxhisten, die uniformiert und mit Vorschlaghämmern ausgerüstet, in Reih und Glied und gut trainierter Muskulatur in einen Wald schritten, um eine Roma-Siedlung auseinander zu nehmen. Sie waren sehr systematisch bei der Sache, krochen in die mit Planen abgedeckten Holzgestelle hinein, beförderten heraus, was sich darin befand, bevor sie die Roma-Behausungen zertrümmerten. Zwei Frauen warennoch da, sie hatten ihre arme Habe auf Karren gepackt …
    Mich verfolgen die Szenen. Noch ganz verstört kaufte ich beim erstbesten Roma in Kalamata einen Flechtkorb, den ich später an unsere Ausbildungsstätte für Behinderte verschenkte. Warum ich das erzähle? Weil grad neue Flüchtlinge geschaffen werden, für die sich niemals Asyl finden wird. Die Ukraine wird ja grad vom Westen gehätschelt, egal wie faschistisch sie sich aufführt. Es ist zum Weinen.
    Mit besten Grüßen aus Neapel, einer 4-Milionenstadt -Region mit sehr großen Problemen, die, wenn Italien weiterhin unter ökonomischen Druck gesetzt wird, ebenfalls faschistisch werden kann. Es ist einfach kein Platz und keine Kraft mehr da für noch mehr arme Menschen. Dasselbe gilt für Griechenland, auffassen Inseln somancher Deutsche die „Auffanglager“ fest installieren möchte.

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    • Elke H. Speidel Juli 6, 2018 / 7:37 am

      Ich möchte nicht „gefällt mir“ klicken, liebe Gerda. Ich stimme deinem Kommentar zu, aber – es gefällt mir nicht, wohin die Welt gegenwärtig zu driften scheint, so wenig wie dir. Übrigens habe ich mal für ein Romanprojekt, an dem ich seit ewig arbeite (grins) mal recherchiert, dass die Einzahl von Roma „Rom“ (ja, wie die Stadt) oder „Rrom“ für Männer und „Romni“ für Frauen sei. „Romanes“ heißt demnach die Sprache. Ob es stimmt, mögen Berufenere entscheiden. Die Info stammt aus der Pressestelle des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma.

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      • fundevogelnest Juli 8, 2018 / 12:50 am

        Liebe Elke, soviel ich weiß stimmt das so.
        Von Romanes sind bei mir nur ein paar Worte hängen geblieben.
        Natalie

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      • fundevogelnest Juli 8, 2018 / 12:58 am

        Liebe Elke,
        Mit meinem Platz meine ich die Verpflichtungen, durchaus freiwillig und nie bereut eingegangenen Verpflichtungen, die ich nicht einfach lassen könnte, ohne Leid zu erzeugen, auch wenn ich vieses sehe, was auch wichtig wäre.
        Natalie

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    • fundevogelnest Juli 8, 2018 / 12:47 am

      Liebe Gerda,
      Was für eine gruselige Geschichte!
      Die Roma sind eine Volksgruppe, die eigentlich überall rassistisch verfolgt werden – und die zumindest hier immer nur als „Wirtschaftsflüchtlinge“ nicht anerkannt werden, sich von Duldung zu Duldung hangeln und selten ankommen, auch das Hochhaus in dem die planschenden Kinder wohnen ist hier nicht sehr beliebt.
      Anfang der Neunziger hatte ich engen Kontakt zu einer Romafamilie, die jugendliche Tochter lebte eine Weile bei mir. Die Geschichte der Familie ist von Unerwünscht sein, Untertauchen und irgendwie möglichs „unter Radar“ leben geprägt.
      „Mein Mädchen“ hat inzwischen das Glück gehabt einen Rom französischer Staatsangehörigkeit kennen und lieben gelernt zu haben und lebt nun also mit Mann und Kindern in Frankreich, auch der Rest der Familie lebt dort.Der Kontakt hat sich verloren, aber diese Zeit hat mich schon sehr geprägt.
      Ach, danke, dass du den Korb gekauft hast, auch wennes eine hilflose Geste war.
      Natalie

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  4. www.wortbehagen.de Juli 8, 2018 / 2:24 pm

    Ein guter Text, den ich interessiert und betroffen gelesen habe.
    So nahe wie Du bin ich nicht, aber so nahe an hilf- und ratlosen Menschen, wie es menschlich möglich ist und das kann viel sein.
    Doch ich sehe auch die Probleme und weiß, die Transitlager sind niemals eine gute Lösung und jegliches Schließen von Grenzen erzeugt neues Leid und neue Gewalt.
    Eine echte und menschliche Lösung müßte ganz und gar anders aussehen, wie, weiß ich leider auch nicht. Und das macht mich sehr hilflos.

    Bruni

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  5. fundevogelnest Juli 10, 2018 / 10:25 pm

    Liebe Bruni,
    Es ist eine schwierige Situation, für die es vermutlich keine allseeligmachende Lösung gibt,solange die Kriege auf diesem Planeten nicht endlich ein Ende finden.
    Aber genau diese Ratlosigkeit zuzugeben, das Zwiespältige, die Probleme benennen find ich so wichtig in einem Diskurs , in dem immer mehr Seiten so tun, als seien ihre simplen Vorschläge die richtigen oder auch überhaupt nur irgendetwas das zu irgendeiner Verbesserung der Lage beitrüge.
    Wenn wir uns vorschreiben, wir dürften nur dagen halten, wenn wir die perfekte Lösung im Ärmel hätten, überlassen wir die Diskussion denjenigen, die keine Skrupel haben unmenschliche Behauptungen und Vorschläge in die Welt zu setzen.
    Natalie

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