Erster Ferienabend (ABC-Etüde)

Diese Woche bin ich selbst Etüdenwortspenderin und stöbere aufmerksam durch die Etüdengemeinde, was sich mit

Fledermaus

schwül

verraten

alles zusammenfabulieren lässt. Bei Christiane, der Etüdenpflegerin, sind unter der Schreibeinladung alle Texte sowie die Spielregeln zu finden. Die schöne Zucchini-( oder Kürbis?-)blüte, die auch in die Geschichte wollte, stammt vom getreuen Ludwig Zeidler.

Seit heute hat das ganze Fundevogelnest Urlaub, Zeit für lange Gartennächte mit hoffentlich vielen Fledermäusen.

Nach alter Fundevogelnesttradition wurde heute gemeinsam die Ferienlektüre eingekauft:

Wie immer ein Kochbuch für den Großen Fundevogel, der es mit der Belletristik nicht so hat.

„Kasimir hat einen Platten“ von Lars Klinting für den Kleinen Fundevogel.

„Aus Neugier und Leidenschaft“ von Margaret Atwood für mich.

Der Große meinte, er habe erstmal genug zu lesen.

2018_28_2_zwei

Es ist heiß, alle schwitzen und alle hacken auf mir herum, ich soll wenigstens einen von vier Pullis ausziehen, aber das mache ich nicht, das schafft ihr nie, dass ich das tu, denn das könnt mich verraten und so komisch feucht ist die Luft. Schwül heißt das Wetter, sagt Nela, aber schwül klingt wie schwul, und ich mag das nicht, wenn die Leute schwul sagen, denn dann reden sie von dem, wovon ich nicht reden will, ganz egal ob mit Männern oder Frauen oder beiden zusammen, ich will da nicht dran denken, will solche Wörter nicht hören.

Wenn es schwül ist oder schwul, ist die Luft voll mit diesen ekligen Tieren, mit Mücken und Wespen und komischen Faltern und diesen großen da, die Nela so toll findet, bei denen man nie weiß, was sie tun und die in der Klasse, die sagen, die fliegen in die Haare. Nela sagt, das mit den Haaren ist Unfug und Fledermäse fressen die Mücken, die ich nicht mag, aber immer sagt Nela, das ist nicht gefährlich, auch wenn es gefährlich ist. Und Nela sagt, sie ist gern eine Frau, dabei weiß jeder, Frauen sind die, die vergewaltigt werden, und wenn sie das nicht merkt, können Fledermäuse auch in die Haare fliegen und diese Falter stechen und vielleicht tut das weh.

Nela sagt, sie hat mich lieb so wie ich bin und DAS ist Unfug, richtiger Unfug, alle finden mich komisch, Nela bestimmt auch, die sagt das nur nicht, weil sie will, das ich auf die neue Schule gehe. Ich will da nicht hin, ich will die Ausbildung, aber es ist zu gefährlich, einer könnt‘ mich verraten und dann wissen sie auch mit vier Pullis, dass ich zu denen gehöre, die man vergewaltigen kann oder sie sagen ich bin schwul oder ich soll mich umoperieren lassen und das will ich auch nicht, ich mag solche Worte nicht, die sollen sowas nicht sagen.

Schon wieder so eine Fledermaus und ich frage Nela, ist das eine Mann oder eine Frau, und sie sagt, das kann man bei denen nicht sehen. Da finde ich sie fast ein bisschen niedlich da über den gelben Blumen, die im Dunkeln schimmern, diese Blumen, aus denen unsere Zucchinis werden, aber ich passe auf, ich passe immer auf. Mir fliegt keiner in die Haare, auch nicht wenn es schwül ist oder schwul, mir nicht.

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10 Gedanken zu “Erster Ferienabend (ABC-Etüde)

  1. Christiane Juli 14, 2018 / 7:21 am

    *schluck* Ach, Mensch.
    Und jetzt?
    (Bücher für die Ferien: schöne Tradition. Und schöne Wörter hast du uns da gespendet.)
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. dergl Juli 14, 2018 / 9:27 am

    Durchaus realistisch, chapeau! Die Alternative zu vier Pullis wäre ein „Binder“, ich weiß nicht ob die offiziell anders heißen, ich kenn das nur so, aber die sind schwer zu bekommen, gerade für Jugendliche, tun nach einer Zeit weh und scheuern bei Hitze wohl auch nicht unerheblich.

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    • fundevogelnest Juli 14, 2018 / 3:56 pm

      Ich glaube Nela kennt das gesamte Angebot auf diesem Markt, hat viel Geld ausgegeben und sich darüberhinaus nächtelang mit scheußlichem Miederstoff an der Nähmaschine rumgequält – half alles nix.

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      • dergl Juli 14, 2018 / 4:55 pm

        Gibt es auch. Mein Bruder hat als Kind einen Freund gehabt, dessen älteres Geschwister (ich sage das bewusst so, weil ich nicht weiß wo die Person sich letztlich eingeordnet hat) – dürfte heute Anfang 40 sein – hieß Melanie, hat sich auch so vorgestellt und hat von sich immer gesagt „Ich möchte lieber ein Junge sein“, hat sich auch nur so gekleidet, nur männlich besetzte Interessen gehabt, hat versucht tief zu sprechen, war also vermutlich statt einem Mädchen ein Transjunge. Ich erinnere mich, dass Melanie Vorteile aus der Skatermode Anfang der 90er gezogen hat um zu kaschieren (ob wirklich verschleiert werden sollte weiß ich nicht). Ein Junge, der mit mir in die Oberstufe ging und biologisch da noch rein weiblich war hat sich Fett en masse angefressen, damit „das aussieht wie Biertitten“. Der hat es später noch mit Bindern probiert, hatte aber wohl viele Schmerzen, so dass er das Futtern als die bessere Alternative empfunden hat.

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  3. Elke H. Speidel Juli 14, 2018 / 10:22 am

    Traumata konstruieren ihre eigenen Realitäten. Realitäten sind subjektiv, existieren immer nur in der Wahrnehmung derjenigen, die sie durchleben. Ich hoffe, Nelas bedingungslose Liebe hilft dabei, die wahrgenommene Realität positiv zu verändern. Sodass irgendwann vielleicht sogar ein Bikini möglich wird, ohne Angst, oder doch zumindest ein ganzteiliger Badeanzug.

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    • Elke H. Speidel Juli 14, 2018 / 7:31 pm

      Immerhin. Nicht ganz so erstickend wie vier Pullis übereinander. Und vielleicht, irgendwann, in zehn Jahren oder so …? Ich wünsche gute Erfolge auf dem Weg dahin, Schrittchen für Schrittchen, auch wenn er noch SEHR lang sein mag.

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  4. Nina Bodenlosz Juli 16, 2018 / 11:43 am

    Wow. Ich mag die Sprache von Nela und ihren eigenen Blick auf die Welt. Sehr stark. Auch wenn ihre Welt bedrückend ist – beim Lesen hoffe ich, dass das nicht so bleiben muss.

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