Warum regt es dich auf?

Warum regt es dich auf, warum verwickelst du mich in endlose Diskussionen, warum zeigst du mir deine gesammelte Missbilligung? Nur, weil ich einem Menschen, der an der Straße sitzt und bettelt fünfzig Cent, vielleicht einen Euro gebe und ein Lächeln dazu?

Wenn ich einen Schokoriegel kaufe, weil ich das Gefühl habe jetzt und sofort einen zu brauchen, sagst du nie etwas, nichts wegen der Ausbeutung der Kakaobauern, nichts zum Landraub für Zuckerrohrfelder oder über die fragwürdigen Machenschaften des Nestlé-Konzerns, den ich mit meiner Gierschnabligkeit unterstütze.

Am ehesten fallen Worte über Zucker, Fett, Kalorien, aber du kannst dir das ruhig gönnen bei deiner Figur. Auch ein Würstchen, aus einem Tier, das in einer Mastanlage gefoltert wurde, missgönnen wenige, obwohl es da einiges zu hinterfragen gäbe.

Aber gönne ich einem Mitmenschen einen Euro, legst du los:

Mir schenkt auch keiner was.

Wirklich nicht? Niemand? Das ist traurig. Menschen sollten einander beschenken. Wenn wir uns schon länger kennen, habe ich dir bestimmt schon etwas geschenkt. Und du mir. Bestimmt. Denk mal nach. Möchtest du ein Eis?

Wenn das alle täten.

Das ginge in der Tat nicht. Genausowenig wie es ginge, dass alle Menschen den nützlichen Beruf der Krankenschwester ausübten. Wer büke dann das Brot, schmiedete den Stahl und räumte den Müll weg? Die Vorstellung einer Welt, in der niemand sich gezwungen sähe zu betteln, gefällt mir allerdings besser als die einer ohne Krankenschwestern und Müllabfuhr.

Der kauft sich da nur Alkohol von.

Ja, so wie er aussieht, kann das wohl sein. Vielleicht auch Futter für den struppigen Köter zu seinen Füßen? Wer will das wissen? Ob er vom Alkohol ließe, wenn niemand ihm hier etwas gäbe? Der Alkohol war vermutlich das Taxi, mit dem er hierher gelangte.

Lieber ein belegtes Brötchen, eine Tasse Kaffee oder eine Dose Hundefutter zu verschenken, ist natürlich eine gute Idee. Mach es doch. Ich gestehe, mir ist das fast immer zuviel.

Wenn ihnen niemand etwas gäbe, müssten sie endlich etwas anderes tun als betteln und schnorren.

Ja, aber was? Was für eine Alternative hatte ein Mensch, der bettelt? Wie immer die Geschichte war, die ihn letzlich in diese Fußgängerzone gesetzt hat, sie endete zumindest vorläufig in einer Sackgasse. Hoffst du vielleicht einfach dieser Mensch möge sich in Luft auflösen, damit du nicht an die Armut um dich herum denken musst, damit du nicht an die Drogen- und Alkoholprobleme oder an das Elend der Papierlosen erinnert wirst, an diese Laufmaschen im Netz, das uns halten soll? Du findest mich gemein, weil ich sage, das erinnert mich an jene, die so tun, als verschwänden Terror, Krieg und Verfolgung aus der Welt, wenn sie die Menschen, die davor fliehen, in abgelegenen Lagern verstauen oder gleich vom Mittelmeer verschlucken lassen.

Ich weiß, so denkst du nicht, aber bedenke alles Verdrängte neigt zum Wiedergängertum.

An dieser Stelle eine kleine Geschichte aus dem Fundevogelnest:

Zu Beginn seine Lebens wohnte der Große Fundevogel in einer Mutter-Kind-Einrichtung, später in einer Bereitschaftspflegefamilie und seitdem hier. Zwischen der Mutter-Kind-Einrichtung und der Bereitschaftspflegefamilie klafft eine zeitliche Lücke, da lebte der noch sehr kleine Große Fundevogel mit seiner Mutter auf der Straße und erlernte das Misstrauen fürs Leben. Vertrauenswürdig erschienen dem kleinen Kind nur fusselbärtige ältere Männer, nach Fusel und Schlimmerem riechend. Wenn es in einem U-Bahn-Waggon unerträglich ungewaschen roch und die Fahrgäste angeekelt umstiegen, sagte das Kind erfreut, das riecht hier aber gut. Deswegen denke ich manchmal, wenn ich einen Euro in einen schmuddeligen Pappbecher lege, einer von euch muss mal gut zu meinem Kind gewesen sein.

Doch ich gebe nicht erst, seit der Fundevogel in mein Leben trat, sondern seit ich mich traue. Es gab eine Zeit, da hatte ich zu viel Scheu auf Bettelnde zuzugehen und meine Mutter stand ganz auf deiner Seite.

Geh lieber arbeiten!

Das habe ich weder von meiner Mutter noch von dir je gehört. Diese Aufforderung fällt oft in der U-Bahn oder woanders, doch ihr, die ich mag, wisst, dass es so einfacht nicht ist und dafür mag ich euch noch mehr.

Euer Einwand lautet eher: Damit hilfst du diesen Menschen nicht wirklich.

Das weiß ich doch selbst. Ein Euro wälzt keine Gesellschaft um, ändert keine Biographie und macht mich ganz sicher zu keinem besseren Menschen.

Es ist eine Geste. Eine Geste, die sagen will: Ich sehe dich, und ich sehe, dass die Welt ganz und gar nicht so ist, wie sie sein sollte. Ich sehe dich und für mich gehörst du dazu

Mehr nicht.

Ich freue mich immer sehr über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich das ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert und verarbeitet, ich selbst nutze die so erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentares im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

12 Gedanken zu “Warum regt es dich auf?

  1. gkazakou Juli 18, 2018 / 11:14 am

    du schreibst so schön. ich denke, Bettler sind sehr wichtig, denn sie stören. Bzw die Mitmenschen fühlen sich gestört. Und das ist gut so.
    Es ist gar nicht so einfach, richtig zu geben. Hinschauen – oder besser nicht hinschauen? Lächeln – oder besser neutral gucken? 50 Cents oder doch besseer 2 Euro? Ein Brötchen oder Geld?
    Manchmal denke ich: am besten wäre, sich dazu zu setzen und einfach mal zu fragen, wie es denn heute so geht. Meinetwegen auch zu fragen, wie der Hund heißt, und ihm über den Kopf zu streicheln, denn den Menschen zu streicheln ist vielleicht doch nicht so einfach, und ihn nach seinem Namen zu fragen, geht vielleicht zu weit.
    Kurzum, man hat es nicht leicht mit den Bettlern. Ich habe mir einen Ausweg dadurch geschaffen, dass ich mich auf eine Bettlerin spezialisiert habe und sie nun schon seit 15 Jahren kenne. Ansonsten mag ich Leute, die irgendwas anbieten, was für mich einen Gegenwert darstellt: Musik, Taschentücher, Autofensterscheibe putzen, Kugelschreiber. Das lässt dem anderen seine Würde. Gar nicht mag ich, wenn jemand seine Verstümmelungen zeigt oder sein Kind vorschiebt oder mich aggressiv um Geld angeht. Nun, das ist ein großes Thema.

    Gefällt 5 Personen

    • fundevogelnest Juli 18, 2018 / 10:47 pm

      Liebe Gerda,
      Dein Lob des Störenden teile ich voll und ganz!
      Über dein Lob meines Schreibens freue ich mich .
      An aggressive Bettler hatte ich beim Schreiben gar nicht so gedacht, obwohl ich das auch schon erlebt habe. Nein, da habe ich auch keine Lust drauf, besonders nicht, wenn ein sexistischer Unterton dabei ist.
      Einen Menschen fünfzehn Jahre betteln sehen macht auch traurig, oder?
      Natalie

      Gefällt 1 Person

      • gkazakou Juli 18, 2018 / 11:49 pm

        Nein, es macht mich in dem Fall nicht traurig, Es handelt sich um eine Zigeunerin aus Albanien, sie kam mit der Grenzöffnung nach Griechenland. Ich lernte sie kennen, als sie zwei Kinder hatte und mit dem dritten schwanger war.ich gab ihr einen größeren Betrag mit der Bitte, die verkehrsreiche Kreuzung zu meiden, da das nicht gut für das Embryo sei. Seither sind wir befreundet. Sie wollte, dass ich ihre älteste Tochter taufte, doch leider durfte ich nicht, da ich nicht orthodox und überhaupt nicht Mitglied irgendeiner Kirche bin. Dennoch habe ich mich seither regelmäßig gekümmert. Alle drei Kinder haben das Abitur gemacht und die griechische Staatsbürgerschaft erhalte (haben dasGeld dafür zusammengespart, es war schwer). Die Mutter geht, sofern sie das gesundheitlich kann, putzen. Der Vater hatte einen Unfall am Bau und kann fast nichts tun. Die Kinder sind wunderbar „gelungen“, sind fröhlich und liebenswert. Die Älteste hat eine Ausbildung als Friseuse gemacht, mit Berufsschule und allem Drum und Dran, verdient aber trotz harter Arbeit nur Trinkgelder, der zweite absolviert grad seinen Wehrdienst und der dritte hat jetzt Abi gemacht.Ich liebe sie alle, nur den Vater kenne ich nicht.
        Warum sie bettelt? Sie kennt es nicht anders. Es ist ihre Art, ihre Familie über Wasser zu halten. Als sie ankamen, war sie sehr arm, vegetierte in einem Betonklotz der Elektrizitätsgesellschaft. An einem Tag hatte sie einen verbundenen Fuß und humpelte. eine Ratte hatte sie gebissen. Sie bettelt vor der Kirche, und dort erhält sie auch Mittagsessen. Von den Wochenmärkten bringt sie Gemüse heim, das bei Schließung umsonst abgegeben wird. Inzwischen hat sie eine Wohnung und eine Arbeitslosenbescheinigung, kann damit umsonst die Verkehrsmittel benutzen und hat damit auch ärztliche Versorgung. Sie ist jetzt müde, erschöpft, aber die Kinder passen auf sie auf und versuchen, Geld zu verdienen, was natürlich nicht leicht ist in unserem verarmten Land mit so vielen Arbeitslosen. Da ist dann auch die Ausbeutung der Arbeitnehmer extrem.
        Man hat nicht die besten Karten, wenn man albanischer Zigeuner und ehrenwert ist. Liebe Grüße!

        Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest Juli 19, 2018 / 3:13 pm

      Liebe Gerda,
      Die Geschichte von dir und der Bettlerin wärmt mich inwendig durch und durch.
      Danke fürs Erzählen.
      Danke fürs Tun.
      Natalie

      Gefällt 1 Person

      • gkazakou Juli 19, 2018 / 6:53 pm

        Für mich ist es eine unerwartete Freude, dass sich die Kinder so gut entwickelt haben. Es ist ein gutes Gefühl, wenn der Einsatz Früchte trägt. Das ist durchaus nicht selbstverständlich. Ich hab’s erzählt, weil ich dich so hoch schätze in dem, was du zu tun versuchst. Herzliche Grüße

        Liken

  2. Myriade Juli 18, 2018 / 2:07 pm

    Das ist ein Thema mit dem ich gar nicht zurechtkomme. In meiner Stadt gibt es eine Menge Bettler, alte Menschen, Behinderte, die von so einer Art Mafia aus Ländern wie Rumänien und Bulgarien in die Wiener Fussgängerzonen gekarrt werden. Die machen oft einen wirklich professionellen Eindruck und irritieren extrem durch ihre zur Schau gestellten amputierten Glieder oder dadurch, dass sie in demütiger Position am Boden liegen.
    Es ist klar, dass jeder Cent, den man ihnen gibt, beim Boss abgeliefert werden muss, trotzdem sind es arme Menschen. Ich kenne auch Leute, die prinzipiell jedem Bettler etwas geben völlig unabhängig davon, was er /sie dann damit macht. Manchmal finde ich das gut, manchmal nicht. Wie Gerda sagt, ein großes Thema

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Juli 18, 2018 / 11:01 pm

      Ja, dieses Betteln in mafiösen Strukturen gibt es in der Hamburger Innenstadt auch, hier in den gänzlich unspektakulären Außenbezirken weniger,
      Eine weitere Frucht der grenzenlosen Ungerechtigkeit in Europa und weltweit. Ein Fall in dem „Essen geben“ vielleicht die menschlichste Reaktion wäre. Aber wirkliche Antworten habe ich auch hier nicht.
      Nichts ist einfach.
      Platzverweise, alle wegsperren und ausweisen, den störenden Anblick entfernen erscheint zu einfach, wird aber hier in der Stadt viel diskutiert – in Wien vermutlich auch.

      Gefällt 1 Person

      • Myriade Juli 19, 2018 / 9:36 pm

        Essen geben, oder Dinge, die jeder Mensch braucht, das würde ich auch gut finden. Ich mache das, wenn Bettler vor dem Supermarkt sind, aber sonst schleppe ich natürlich nicht ständig Lebensmittel mit mir herum. Bei uns haben die zum Betteln mitgenommenen Kinder viel Empörung hervorgerufen und die sind tatsächlich völlig aus dem Straßenbild verschwunden

        Liken

  3. violaetcetera Juli 18, 2018 / 8:44 pm

    Ja, das ist nicht einfach. Im kalten Winter habe ich nur wenige Bettler gesehen, im Frühling schossen sie dann aus dem Boden. Ich gehöre zu denjenigen, die gerne geben würden, aber sich nicht trauen. Gebe ich wirklich jemandem, der es braucht? Wie gebe ich, ohne großkotzig rüberzukommen? Ein schwieriges Thema.

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest Juli 18, 2018 / 11:14 pm

      Ja, es ist schwierig.
      Genau deshalb reizte es mich drüber zu schreiben .
      Ich denke ein Alltagslächeln, das du auch dem Kassierer im Supermarkt oder der Busfahrerin zukommen lässt, kommt nicht großkotzig rüber. Natalie

      Gefällt 2 Personen

      • Geschichten und Meer Juli 19, 2018 / 6:02 am

        Man muss sich einmal vorstellen, was es für eine Überwindung kosten muss, auf der Straße zu sitzen und die Hand aufzuhalten. Ich täte das sehr ungern. Die wenigsten würden es wohl tun, wenn sie es nicht müssten. Wenn ich mir das überlege, dann treten alle anderen Bedenken in den Hintergrund. Die Roma in meiner Stadt schaffen es, sogar beim Betteln noch ihre Würde zu behalten. „Gottes Segen“ ist oft schon der größere Teil ihres deutschen Vokabulars, und sie danken immer mit einem Lächeln. Da muss man das Lächeln einfach zurückgeben. (Und der kleine Fundevogel, zu dem einmal ein Bettler gut gewesen sein muss, rührt mich sehr.)

        Gefällt 2 Personen

  4. fundevogelnest Juli 19, 2018 / 3:33 pm

    Liebe(r) Geschichten und Meer (schöner Blog übrigens),

    Die Vorgeschichte des Großen Fundevogels liegt weitgehend im Zwielicht. Sie selbst konnte noch kaum sprechen, hat also keine sprachlich verankerten Erinnerungen.
    Und die Mutter ist sehr bemüht sich reinzuwaschen und die Kommunikation mit ihr ist ohnehin ein Stochern im Nebel.

    Einige Wochen lang begegneten wir auf dem Weg zur Kita immer einem Obdachlosen, der offensichtlich in der Parkanlage nächtigte.Der Fundevogel liebte ihn und wollte immer auf seinen Schoß.Ich wollte das nicht, weil das von all dem Geschehenen verstörte Kind mit jedem, der nett zu ihm war, mitgegangen wäre.
    Also erklärte ich dem Herrn die ganze Geschichte, und er zog von da an so sehr mit mir an einem Strang, da hätte sich mancher studierte Pädagoge eine Scheibe von abschneiden können. Er hielt die ideale Balance zwischen Distanz und Freundlichkeit.
    Leider verschwand er von einem Tag auf den anderen und wir haben ihn nie wieder gesehen.
    Selbst zu betteln wäre für mich auch eine riesige Überwindung,ich finde schon Flugblätter verteilen Horror.
    Natalie

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s