Gefiederte Fundevögel (Teil 1 — Vorgeschichte)

Zuerst die Skrupel:

Denn wahrscheinlich ist es in diesen Zeiten ein Verbrechen über gerettete Hühner zu schreiben, weil es das Schweigen über so viele nicht gerettete Menschen mit einschließt. (Muss ich dazuschreiben, dass dieser Satz mehr oder weniger bei Brecht abgeschrieben ist? Das Originalzitat ist Allgemeingut, oder?)

Vorgeschichte:

Wer hier öfters liest, weiß vermutlich von meinem Hühnerfimmel. Ich träume und schreibe von Hühnern seit meiner Kindheit, und als das neue Jahrtausend gerade ein paar Tage alt war, kaufte ich auf einer Geflügelaustellung Olga und Susi, zwei Zwergwyandotten und lernte die Rote Vogelmilbe, die Kalkbeinmilbe und die Geflügelpestverordnung kennen (Die Geflügelpest heißt im allgemeinen Sprachgebrauch Vogelgrippe).

Und dass Hühner an Kummer sterben können.

In der ersten Hühnerzeit lebte ich mit meinem Sohn in einen Gartenhaus auf dem Grundstück der liebsten und besten Vermieter der Welt. Der Hühnerfimmel erwies sich als infektiös und der Hausherr baute einen Stall, der sich sehen lassen kann.

Wir wohnen inzwischen nur noch in der Nähe, die Hühner blieben bei den Hausherren zurück und werden von ihnen und mir arbeitsteilig versorgt. Im Gartenhaus wohnt die  Beste Freundin.

Viele warme Gründe täglich reinzuschauen und noch mehr Hühnergeschichten zu schreiben. In meinem Roman Zwischenzeit spielen Hühner, die aus einer Massentierhaltung befreit wurden, eine entscheidende Nebenrolle. So entstand der Kontakt zum Verein Rettet das Huhn, zu deren Gunsten man das Buch übrigens erwerben kann (das war die Werbeeinlage, hüstel). Diese Leute retten wirklich Hühner statt Geschichten darüber zusammenzufabulieren. Sie entführen sie nicht, wie ich mir das vorgestellt hatt, mitternächtlich in waghalsigen Aktionen aus Ställen, sondern übernehmen sie ganz legal und wahrscheinlich deutlich effizienter nach Ende der Legeperiode. Die Hühner sind zu dem Zeitpunkt etwas 16 Monate alt, es lohnt sich nicht sie über die Mauser zu bringen und mehr Eier als in ihrem ersten Lebensjahr legen sie niemals wieder. Mit einem Wort sie sind vom kapitalistischen Standpunkt gesehen nichts mehr wert. Auf sie wartet nur noch der Transport auf einen Geflügelschlachthof, vermutlich in Belgien oder in den Niederlanden. Das Fleisch der nur aufs Legen gezüchteten und durch ihre Hochleistung ausgemergelten Tiere ist praktisch Abfall, vielleicht noch Katzenfutter. Für den Hof ist der Gewinn aus dem Fleisch unerheblich, wenn Rettet das Huhn die Arbeit der Ausstallung unentgeldlich verrichtet kommt es aufs Gleiche raus.

In Bezug auf ihren frühen Tod ist es für Hühner übrigens egal, ob auf dem Eierkarton, Bodenhaltung oder Bio-Freiland steht.

Im letzten Winter, als ich mir einbildete, das Leben im Fundevogelnest geriete langam in ruhigeres Fahrwasser, habe ich mich um zwei dieser aussortierten Hühner beworben. Mir erschien das konsequent. Nach dem Tod unseres Hahnes war mit natürlicher Vermehrung nicht mehr zu rechnen, und so herzallerliebst Küken sind — zwangsläufig stellt sich Monate später die Frage: Wohin denn nun mit den jungen Hähnen? Mehr als ein Hahn geht nicht, geht wirklich nicht, die bringen sich gegenseitig um. Haben will sie auch keiner, höchstens als Schlangenfutter. Und Schlachten ist ein, nun ja, schwieriges Thema (dazu vielleicht ein andern Mal mehr).

Ich habe die Qualfikation zur Pflegemutter durchlaufen, musste ein erweitertes Führungszeugnis und einen ärztlichen Attest vorlegen, es gab Hausbesuche und viele Gespräche. So muss das auch sein bevor ein Menschenkind in fremde Hände gegeben wird.

Ich habe ein bisschen spöttisch gegrinst, als ich mitbekam, dass Rettet das Huhn zwar keine Führungszeugnis anfordern kann,  aber sehr detaillierte Vorgaben macht, wie die Hühner unterzubringen, zu behandeln, zu ernähren sind. Quadratmetervorgaben macht das für Menschenkinder zuständige Amt interessanterweise nicht.

Unser Stall bzw. die Größe unserer Auslaufflächen genügten haarscharf, aber auch nur wenn die Hühner regelmäßig in den Garten gelassen werden (werden sie!).

Hm, wenn man Leben retten will, möglichst viele Leben retten will – und die Geretteten müssen ja irgendwo hin- sollte man da nicht etwas pragmatischer sein? Andrerseits gefällt mir diese Kompromisslosigkeit, diese Haltung, wenn die Tiere schon so viel durchgemacht haben, dann soll es ihnen hinterher richtig gut gehen. Manches Jugendamt sollte sich an dieser Haltung ein Beispiel nehmen.

Nachdem wir also – um im Jugendamtssprech zu bleiben – anerkannt waren, kam irgendwann eine Mail: Am 1. Juli wird es so weit sein.

Als ich auf mein erstes Pflegekind wartete (das zweite kam völlig unerwartet), pflegte ich einen Gedankengang, der seitdem zum üppigen Fundus meiner Albträume gehört: Irgendwo da draußen, wahrscheinlich hier in der Stadt, vielleicht sogar ganz in meiner Nähe — da ist ein kleines Kind, das wird vernachlässigt, kann sein, es wird geschlagen, missbraucht, gedemütigt – und noch kann ich ihm nicht helfen, noch muss es das aushalten, noch wird das kleine Leben Stunde um Stunde mehr beschädigt, nur weil es niemand gemerkt hat, was los ist, nur weil noch keiner eingegriffen hat.

Das Leiden, das die Juli-Hennen und ihrersgleichen bis zu ihrer geplanten „Ausstallung“ in einer kommerziellen Massentierhaltung aushalten mussten, ist dagegen bekannt, was es für mich nicht besser aushaltbar machte, auch wenn Hühner keine Menschen sind.

Die meisten Eierkonsumenten und der Großteil der Politik finden diese Zustände ganz in Ordnung. Weil man nämlich Eier, wie sie in der Fundevogelnestkuschelhaltung gelegt werden, nur geschenkt bekommen kann. Bezahlbar sind sie nicht. Ich habe nie ernsthaft versucht, den buchhalterischen Gegenwert unserer Eier auszurechnen – aber im Winter wird kaum gelegt, iwährend der Mauser gar nicht, wer nicht mehr legt, bekommt das Gnadenbrot, aber gefressen wird immer. Und wer krank wird, sieht einen Tierarzt.

Eine wirtschaftliche liebevolle Hühnerhaltung ist ein Widerspruch in sich.

(Fortsetzung folgt)

Teil 2

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Fundevögel unter sich

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7 Gedanken zu “Gefiederte Fundevögel (Teil 1 — Vorgeschichte)

  1. violaetcetera Juli 19, 2018 / 7:14 pm

    Diese Geschichte musst du auf jeden Fall weiter erzählen. Mir hast du jedenfalls die Augen ein Stück weiter geöffnet was Tierleid angeht.

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    • fundevogelnest Juli 21, 2018 / 10:32 pm

      Liebe Viola,
      Ich bin gerade noch dabei deine Etüdenwortspende zu bändigen. Danach geht es mit den Hühnern weiter.
      Natalie

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  2. Christiane Juli 20, 2018 / 9:54 am

    Ach. ALLE Hühner werden mit 16 Monaten ausgemustert, auch in der industriellen „Bio“-Haltung? Wusste ich auch nicht.
    Danke für die Vorgeschichte, auch ich freue mich über mehr dazu.
    Liebe Grüße
    Christiane

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      • fundevogelnest Juli 21, 2018 / 10:47 pm

        Liebe Christiane. Liebe Gerda,
        Ja so ist es.
        Wobei das Bio-Freilandhuhn noch die „Chance“ hat als Suppenhuhn zu enden und nicht als Abfall und deshalb kurz vor seinem Tod besser behandelt wird.
        Das Problem ist wohl die erste Mauser, die in dem Alter unweigerlich kommt und in der Zeit legen sie nun mal wochenlang nicht.
        Ich habe ja sonst Zwerghühner, verschiedene Rassen bzw. Mischlinge , die werden der Regel so acht bis zehn Jahre alt und legen auch jahrelang Eier, aber halt nicht jeden Tag, nicht im Winter (was man mit Beleuchtung ändern könnte) und schon gar nicht während der Mauser.
        Vielleicht wird irgendwann das nicht mausernde Nackthuhn, das im beheizten Stall leben muss, gezüchtet…
        Natalie

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