Regenbogenschlange, ein Abklatsch (ABC-Etüde)

Der Wortspende der schon wieder vorigen ABC-Etüdenwoche, stammt von Viola, deren berührend ehrlichen Texte ich sehr mag.

Die für mich verwirrend heitere Illustration ist von Ludwig Zeidler.

Mit

Kernschmelze

grün

wegwerfen

hat Viola mich an einem ganz besonderen Punkt erwischt. War doch meine Sozialisation als junge Erwachsene und grüne Aktivistitin entscheidend vom Reaktorunfall in Tschernobyl und der Inbetriebnahme des AKW Brokdorf geprägt. Eine ganze Meute von Ideen trampelte über mich hinweg, stand sich gegenseitig im Wege und jede wollte mehr als zehn Sätze für sich allein.

Aber schließlich habe ich doch eine Wahl getroffen:

Vor Jahren da nähte ich eine Schlange, sieben Meter lang, als Demozubehör und die Beste Freundin, die so etwas gut kann, verlieh ihr ein sanftmütiges grünes Gesicht. Regenbogenschlange nannten wir unser neues Maskottchen, nicht wegen seiner Farbenfreude – tagelang hatte ich alte Bettwäsche gefärbt – sondern in Anlehnung an uralte Aborigine-Legenden.

Sie geben es selten zu, aber die meisten Anti-Atom-Bewegten lassen sich zu gern einfangen von Mythen und Legenden, ganz zu schweigen von dem Sagenstoff, den sie im Strahl der Wasserwerfer selbst produzieren oder zumindest produzieren möchten. Die Regenbogenschlange dagegen gehört in die uralten Geschichten aus der Traumzeit, hier spielt sie eine vielfältige Rolle, und an ihren Kraftplätzen, so erzählen die Mythensammler, da dürfen die Menschen sie nicht stören, und es war gut für die Menschen, sich an dieses Gebot zu halten, denn an diesen wohl seit Menschengedenken bekannten Wirkungsorten der Regenbogenschlange liegen die gigantischen Uranvorkommen Australiens.

Uran macht normalerweise nur 0,1 -0,5 Prozent eines Gesteins aus, Natururan enthält weniger als ein Prozent des spaltbaren Isotops Uran-235 und muss dann in einem komplizierten Prozess auf etwa drei Prozent angereichert werden, um in einem Reaktor verwendet werden zu können, weshalb hundertausende Tonnen Gestein bewegt oder chemisch ausgelaugt werden müssen, um für ein Atomkraftwerk wie z.B. das in Brokdorf die 250 Tonnen Uran jährlich ranzuschaffen, die es baucht, um seinen Job zu tun. Durch den natürlichen radioaktiven Zerfall des Urans strahlt dieses ausgeerzte Gestein, Minenarbeiter erkranken an Lungenkrebs, Wind verweht den strahlenden Staub von den Abraumhalden, manchmal werden sie deswegen geflutet, was 1979  — medial fast unbeachtet im Schatten der partiellen Kernschmelze in Harrisburg  — zu einem der schwersten Nuklearunfälle der Geschichte führte: In New Mexico (USA) brach der Damm eines Abfallbeckens, 335.000 Kubikmeter radioaktives Wasser strömten in den Rio Purco, einziges Trinkwasserreservoir vieler indianischer Gemeinden. Der entstandene Schaden wurde nie wissenschaftlich untersucht, nie wurden Entschädigungen gezahlt, da die Betroffenen keine Lobby hatten, „National Sacrificied Area“ nennen sie das in den USA ganz offiziell, nationales Opfergebiet.

Da die Opfer des Uranabbaus vergessene Opfer sind, hat unsere Schlange als Hingucker und Gesprächsaufhänger auf Demos gute Dienste geleistet, aber jetzt beim Schreiben ist da ein mulmiges Gefühl,  leichtfertig einen fremden Mythos, den Mythos einer marginalisierten, fast vernichteten Menschengruppe für eigene politische Zwecke zu verwenden, mit grinsendem Gesicht und Glöckchen am ewig abknickenden Schwanz. Ich werde die Schlange deswegen nicht wegwerfen, doch in mich hören, ob ich meine Hochachtung für Menschen, die vor vielen Generationen, Jahrhunderte vor der ersten Kernschmelze verstanden, dass Uran am besten in der Erde verbleibt, auch anders darstellen kann.Regenbogenschlange

Menschenkette vom AKW Krümmel zum AKW Brokdorf am 13.04.2010 (Foto Christine Conrad)

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8 Gedanken zu “Regenbogenschlange, ein Abklatsch (ABC-Etüde)

  1. Myriade Juli 26, 2018 / 11:11 pm

    Also von außen sieht die Regenbogenschlange um nichts weniger heiter aus als die Illustration zu den Wörtern. Aber du siehst sie natürlich mit anderen Augen ….

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  2. Christiane Juli 27, 2018 / 9:35 am

    Was für ein Segen, dass es noch Leute gibt, die sich von Mythen und Legenden inspirieren lassen und das nach außen tragen!
    Okay, es ist immer so eine Sache, ein Symbol herauszulösen und es weit weg vom eigentlichen Kontext zu verwenden. Aber die Regenbogenschlange als Schöpferwesen zu bitten, auch hier auf ihre Erde aufzupassen, gerade auf diesen kritischen Aspekt – warum nicht? Und natürlich, das Symbol des Regenbogens, das auch wir in der westlichen Kultur und Mysterientradition haben, da gibt es meinem Gefühl nach durchaus Brücken.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  3. gkazakou Juli 27, 2018 / 10:57 am

    Hab herzlichen Dank für diesen Beitrag, der wichtige Informationen mit klugen Gedanken und Bedenken paart.
    Mir kam beim Lesen ein anderes Bedenken. nämlich dass die, die die Welt zerstören, über solch „Kinderkram“ wie eine Regenbogenschlange aus eingefärbtem Stoff nur lachen. Will man ihnen entgegentreten, muss man wohl andere, zeitgemäßere Kampfformen wählen. Doch welche? Dabei liegt es mir fern, an der Kraft der Symbole zu zweifeln. (Ich habe mich kürzlich mal ieder mit dem Hakenkreuz rumgeschlagen, dessen enorme Symbolkraft ins Negative gewendet ein ganzes Volk in Marsch versetzte. Auch dieses Symbol stammte aus einem anderen Kulturkreis).

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    • fundevogelnest Juli 28, 2018 / 8:27 pm

      Liebe Gerda,
      Die Adressaten der Schlange waren eigentlich nur indirekt die Uranminenetreiber..
      Die Schlange ist auf vielen Demos mitgelaufen und hat durch ihre Erscheinung und den Schriftzug Aufmerksamkeit gezogen, ist viel fotographiert worden
      Auch viele Demonstranten haben vom Uranabbau keine Ahnung und sind interessier. Und wenn du dann das Glück hast , wegen der auffälligen Schlange von einem Reporter angesprochen zu werden, der die Info weiterträgt, ist es ganz gut gelaufen.
      Gerade die Demos der letzten Jahre hatten oft etwas von Karnevalsumzügen, die ja wenn es gut kommt.auch sehr gesellschaftskritisch sein können.
      Ich mag solche kreativen, einprägsamen Elemente sehr.

      Das Hakenkreuz ist wohl eine andere Liga …

      Natalie

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      • gkazakou Juli 28, 2018 / 9:30 pm

        stimmt, das Hakenkreuz ist eine „andere Liga“ als die Regenbogenschlange, aber die Atomkraft auch, die gehört ja tatsächlich zu den menschlichen Erfindungen, die, gemessen an ihrem Zerstörungspotential, dem Faschismus durchaus ebenbürtig sind. Die meisten Menschen machen sich das ja gar nicht klar.
        Ich bin übrigens auch eine Freundin der erfindungsreichen, meinetwegen auch karnevalesken Protestformen, und es ist schon wahr: wenn auch nur wenige Menschen erreicht und über den Uranabbau informiert werden, ist es ein Gewinn.

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  4. violaetcetera Juli 27, 2018 / 12:53 pm

    Danke für die lieben Worte zu meinem Blog. Und es ist sehr wichtig, immer wieder auf die „Kollateralschäden“ von Atomenergie hinzuweisen. Möge die Regenbogenschlange ungestört bleiben…

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  5. fundevogelnest Juli 28, 2018 / 8:30 pm

    Ja, ich lese jeden Text von dir, oft sehr gerührt.
    Die Regenbogenschlange ist längst nicht mehr ungestört.
    Australien ist eines der Hauptabbauländer.
    Gruß
    Natalie

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