Feuergeschichten

IN GIRUM IMUS NOCTE ET CONSUMIMUR IGNI

„Wir gehen im Kreise bei Nacht und werden vom Feuer verzehrt“

Die Quelle für dieses Zitat scheint unbekannt zu sein. Wenn jemand den Verfasser oder die Verfasserin weiß, würde ich mich freuen, es zu erfahren. Danke.

Waldbrände beherrschen die Nachrichten. Jederzeit und überall im vertrockneten Europa können neue aufflammen. In der Nähe von Athen wurden sie im Zusammenspiel mit einem schweren Sturm zur Katastrophe. Viele Menschen starben einen grauenhaften Tod. Nicht nur, weil ich weiß, dass die von mir sehr gemochte Bloggerin Gerda Kazakou dort in der Nähe zu Hause ist, gehen diese Nachrichten mir immer noch nach.

Hier in Hamburg vermischt sich die Berichterstattung über die aktuellen Feuer mit dem Gedenken an den 75. Jahrestag der Operation Gomorrha, massive über Tage dauernde Angriffe der britischen und US-Luftwaffe auf das Stadtgebiet. Die Wetterlage muss damals wie heute gewesen sein, Temperaturen über 30 Grad Celsius und staubtrocken. Die Explosionen lösten unter diesen Bedingungen einen Feuersturm aus, der ganze Stadtviertel vernichtete, besonders hier im Osten der Stadt. Auch ich wohnte ein paar Jahre in einem der vielen Backsteinblocks, an deren Eingang eine Tafel hängt: Zerstört 1943, wiederaufgebaut 19xx.

34.000 Menschen sollen in diesem Inferno einen schrecklichen und sinnlosen Tod gestorben sein. Manchmal liest man auch andere Zahlen, aber bei diesen Dimensionen ist das Begreifen ohnehin schon lange ausgestiegen.

Nie kann ich über diesen Schrecken (und eine ganze Menge verwandter Themen) etwas sagen oder auch nur davon lesen, ohne anzufangen zu schluchzen. Gerade stelle ich fest: Beim drüber Schreiben ist es auch so.

Jahrelang war mir das peinlich. Denn erlebt habe ich die Angrife auf Hamburg nicht, ich wurde schließlich erst eine Generation später geboren und hatte mich da mal nicht so anzustellen.

Erst als ich mich aufmachte, um das Dickicht zu durchdringen, in dem der Große Fundevogel verloren zu gehen schien und mich mit dem Thema Traumatisierung beschäftigen musste, lernte ich, dass Traumen von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden können. Ich trage die Todesangst meiner fünfjährigen Mutter in mir, die auf dem Schoß ihrer Großmutter in einem Luftschutzkeller in Hamburg-Altona sitzt.

Mit dem Wissen nahm ich die Situationen bewusst wahr, in denen meine sonst so robust und überlegen wirkende Mutter fast unbemerkbar verletzlich wurde, Signal, die ich als Kind sehr wohl empfangen habe.

Einer muss die ganzen Tränen weinen, wenn es jemals Heilung geben soll, bemerkte die wunderbare Mitarbeiterin der Erziehungsberatungsstelle, die mir beim Zusammenleben mit dem verletzten Großen Fundevogel so weiterhalf und an deren Hand ich unerwartet tief in mein eigenes Dickicht vorgedrungen bin.

Seit ich das weiß, kann ich mit meiner Heulerei gelassen umgehen.

Andere Feuergeschichten:

Zu Ostern waren wir als Kinder meistens bei Oma und Opa. Hier in Hamburg entzündet man die Osterfeuer in der Nacht vom Karsamstag auf den Ostersonntag, in der Heimat meines Vaters erst am Sonntagabend. Wir fuhren zum Osterfeuer immer auf ein Gut, dessen Besitzer irgendwie mit uns verwandt sind. Eine Tante kam nie zum Osterfeuer auf ihrem eigenem Land. Auch sie war eine Traumatisierte, denn als sie Kind war, hatte es auf dem Hof gebrannt. Und die Tiere, erläuterte meine Oma immer mit gewichtiger Stimme, die Tiere rennen ins Feuer.

Rennen Tiere aus Panik wirklich ins Feuer? Nachlesend stelle ich fest: Normalerweise nicht. Sie können aber wie Menschen völlig kopflos werden und versuchen dann in ihren vertrauten Stall zu kommen, besonders Schweinen scheint das zu passieren. Vielleicht waren es damals Schweine gewesen, denn später war der Hof eine Schweinemassentierhaltung. Heute sind die Ländereien verpachtet, Tiere gibt es keine mehr.

Ich habe bei jedem Osterfeuer auf diesem Hof an Kühe und Pferde gedacht, die ins Feuer rennen, später auch an im aufgeschichteten Holz verkrochene Igel. Wie die Tante wäre ich lieber woanders gewesen.

Die Tante hatte eine jüngere Schwester, eine sonderliche Frau, zumindest als sie alt geworden war. Sie lebte auf den Ländereien ihrer Familie und hielt mitten im Wald Hühner, Katzen und Pferde, darunter den gelben Ottokar, der immer freundlich war und auf dem ich reiten durfte. Als ich das Therapiepferd, das den Fundevögeln so gut tut, das erste Mal sah, dachte ich spontan ach Ottokar.

Das Anwesen war komplett verwahrlost, die Pferde standen meistens im ziemlich dreckigen Stall, die Hühner immer, weil es zu kalt war, sagte sie; vermutlich war sie mit dem Rein-und Rauslassen völlig überfordert, es war die reinste Tierquälerei. Geliebt hat sie die Tiere und ich habe sie geliebt.

Nur nachts war sie nicht bei ihren Pferden, da schlief sie bei ihrer Familie. In einer Nacht feierten junge Leute heimlich in ihrer Scheune. Betrunken wie sie waren brannten sie alles nieder. Ottokar war mal wieder eingesperrt und hatte nicht mal die Chance sich für eine Fluchtrichtung zu entscheiden.

Die Achtjährige mit der großen Klappe und dem ausgeprägten Sinn für Humor hatte auch keine Chance, denn sie schlief, als junge Neonazis in der Nacht zum allerersten Einheitsfeiertag Molotowcocktalis durch das geöffnete Fenster des Asylbewerberheims warfen und sie und ihre Schwester schwer verletzten.

Als sie damals aus der Narkose erwachte, war ihr erstes Wort Beirut, denn von dort kommend hatte die Familie vermeintlichen Schutz gesucht. Ich frage mich, ob sie noch in Deutschland lebt und was sie durchleidet, in einer Zeit, in der Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte (Asylbewerberheim sagt heute niemand mehr) wieder en vogue sind.

Abteilung für Neonatologie, pädiatrische Intensivmedizin und Schwerstbrandverletze nennt sich das, wo ich nun schon so viele Jahre arbeite. Die allermeisten „Brand“verletzungen im Kindesalter verursachen allerdings Heißwasserkocher, Kaffeetassen und Teekannen bzw. deren ausgekippter Inhalt.

Trotzdem, beiben Sie mir weg mit Ihren Lagerfeuern, Grills, Osterfeuern und vor allem mit Feuerwerken. Ich komme gern zur Party und suche mir dann aber ein Plätzchen etwas weiter entfernt, da fühle ich mich schon wohl. Jedenfalls tat ich das bis der Kleine Fundevogel laufen konnte – der kriegt nämlich vom Kokeln so schnell nicht genug.

Manchmal zeigt das Feuer auch mir sein freundliches Gesicht. Als ich mit der Besten Freundin auf Reisen war und wir im strömenden Regen auf einem offenen Pick-Up trampten und nachher durchgefroren, den Tränen nahe in ein Lokal taumelten, plazierte uns die mitleidige Wirtin direkt am flackernden Kaminfeuer, selten wärmte etwas so gut.

Und als ich zusah, wie der Sarg mit meinem toten Vater darinnen ins helle Feuer geschoben wurde, fühlte sich das wie eine Übergabe in gute Hände an. Wäre es möglich gewesen, hätte ich bis zum Ende dabei gestanden, doch die Türen des Krematoriums schlossen sich rasch.

Und natürlich schätze ich die Weiterentwicklungen der Gabe des Prometheus, wenn im Winter die Heizung wärmt und ich diesen Text im Lampenlicht auf dem Computer schreiben und ins Internet stellen kann.

Die Menschheit ist ohne Feuer kaum ausmalbar, weder im Guten noch im Schlechten. Vielleicht wäre sie feuerlos im Laufe der Evolution ziemlich schnell draufgegangen, für alle anderen Irdischen wäre das nicht der schlechteste Ausgang gewesen.

Ich bin nun mal ein Mensch und als solcher ans Feuer gebunden.

IN GIRUM IMUS NOCTE ET CONSUMIMUR IGNI, wir gehen im Kreise bei Nacht und werden vom Feuer verzehrt. Eigentlich hatten sie uns diesen Spruch in der Schule als bloßes Kuriosum beigebracht, weil man ihn vorwärts und rückwärts lesen kann, aber ich hatte mein Synonym für Verzweiflung gefunden.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert und verarbeitet, ich selbst nutze die so erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentares im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

9 Gedanken zu “Feuergeschichten

  1. Myriade Juli 29, 2018 / 11:24 pm

    Geprägt sind wir doch alle nicht nur von unserer eigenen Geschichte, sehr gering ist eigentlich die menschliche Freiheit ……

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Juli 30, 2018 / 8:26 pm

      Liebe Myriade,
      Das ist eine Schlussfolgerung auf die ich nun gar nicht gekommen bin – aber du hast recht, selbst ausgesucht habe ich mir diese Geschichten wirklich nicht.
      Natalie

      Gefällt mir

  2. gkazakou Juli 30, 2018 / 10:27 am

    Du arbeitest im Bereich Brandverletzungen, lese ich? Welch eine mutige Berufswahl bei solchen inneren Verletzungen. Wie gut, dass du noch heulen kannst. Meine Tränen sind anscheinend versiegt, nachdem ich vor ca zehn Jahren gleich drei Monate hintereinander weinte (wegen der Bombardierung Jugoslawiens). Ich zähle die Toten des letzten Brandes schon fast mit Gleichmut: Achtundachzig. Auch die 8jährigen Zwillingsmädchen, nach denen ein verzweifelter Vater suchte und meinte, sie seien auf dem rettenden Boot gewesen, wurden gefunden, verkohlt mitsamt ihren beiden Großvätern.Und immer noch ist kein Ende abzusehen, denn viele sind vermisst, andere liegen mit schweren Verbrennungen im krankenhaus. Inzwischen kennt man wohl auch den Verursacher: einen ca 60jährigen Mann, der oben im waldigen Gebirge hauste und immer wieder trockenes Gras verbrannte. Er war den Nachbarn und Behörden bekannt, er wurde verwarnt, aber er war einer dieser uneinsichtigen Menschen, deren es viele gibt. ZB kannst du dem Bäuerlein hundertmal erklären, dass das Roundup, das er in Mengen auf seinem Olivenfeld versprüht, ihn und uns alle samt den Insekten umbringen wird. Er tut es trotzdem. Und deinem kleinen Fundevogel kannst du hundertmal die Gefahren des Kokelns erklären – er wird es dennoch tun. Oder weißt du eine Rezeptur?
    Liebe Birgit, ich bin so froh, dass es Menschen wie dich gibt. (Und nun heule ich auch)

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou Juli 30, 2018 / 10:29 am

      Bitte verbessere den Namen von Birgit auf Natalie.

      Gefällt mir

    • fundevogelnest Juli 30, 2018 / 8:42 pm

      Und nun heule ich auch schon wieder.
      Für den Beruf der Feuerwehrfrau wäre ich ungeeignet, als Krankenschwester kann ich gut arbeiten. Ntatürlich gibt es Schicksale, die einem nahe gehen, da kann die Ursache aber vielfältig sein.
      Wie gesagt, die meisten unserer brandverletzten Patienten sind eigentlich heißwasserverletzte Kleinkinder, denen wir in der Regel gut helfen können.
      Kennst du Jugoslawien gut? Ich nicht, außer, dass meine ertse Pflegetochter aus Skopje gebürtig war,doch auch mir ging der Krieg dort sehr nahe.
      Dem Kleinen Fundevogel das Kokeln abgewöhnen. Darauf hoffe ich nicht. Die Flammen faszinieren ihn ohne Ende und ganz typisch für alkoholgeschädigte Kinder tut er sich mit Regeln extrem schwer, kann sie aufsagen, aber nicht einhalten.
      Ich werde es halten wie bei der Großen und versuchen einen vernünftigen Umgang mit Feuer zu lehren, damit er nie aus Dummheit einen Wald anzündet.Wir haben eine winzige Feuerschale, da können Feuer gar nicht groß werden, mit der kokel sogar ich manchmal ganz gern …
      Liebe Grüße
      Natalie

      Gefällt mir

  3. violaetcetera Juli 30, 2018 / 10:33 am

    „Einer muss die ganzen Tränen weinen“ lässt mich weinen, es gibt so viel Leid, das nicht aufgearbeitet werden kann. Interessant auch die Verschiebung, die von Asylbewerberheimen zu Flüchtlingsunterkünften stattgefunden hat. Deine scharfsinnigen Betrachtungen bringen mich oft zum Nachdenken.

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest Juli 30, 2018 / 10:19 pm

      Was mir nur nicht klar ist, was hinter dieser „Umbennenung“ steckt. Ich finde, dass „Flüchtling“ oder „Geflüchtete“ irgendwie menschlicher klingt als „Asylant“, nur der Geist dahinter hat sich ja nicht so sonderlich geändert.

      Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.