Gefiederte Fundevögel (Teil 2 — Einzug der Riesinnen)

Was der Ankunft der Riesinnen vorausging, steht hier.

Kurz vor dem geplanten Einzug der nun bald ausgemusterten Legehennen, fing November, eine der altansässigen Zwerghennen, an zu hinken. Kein Dorn im Fuß, keine Verletzung, keine dicke rote Entzündung — nur ein humpelndes, offensichtlich leidendes Tier. (November heißt November, weil ihre Schwester September heißt, das nun wiederum, weil beide am 1.September geschlüpft sind und so gegen das Osterkükenklischee verstossen haben).

Der Tierarzt beteuerte ausgiebig von Hühnern wenig zu verstehen, staunte über ihr hohes Alter, wälzte Literatur, bestätigte, dass da da nichts verletzt sei und diagnostizierte als wahrscheinlichste Ursache Gicht bei der betagten Dame. Viel machen könne man dabei nicht. Überalterte Hühner kommen in der Tiermedizin nicht vor, zugelassene Schmerzmittel gibt es auch nicht. Vielleicht war ihm das unangenehm, denn er kassierte 1,20 Euro für ein Beutelchen Natron, das ich versuchsweise dem Trinkwasser beigeben sollte – der Rest seiner umfangreichen Mühen war geschenkt.

Ich dachte schon auf dem Nachhauseweg, wenn das mal keine Schwierigkeiten mit den neue Hühnern geben wird.

Ich will es nicht unnötig spannend machen: Natürlich gibt es Schwierigkeiten.

Zunächst startete am 1. Juli eine frohgemute Expedition bestehend aus dem Hausherrn, beiden Fundevögeln und mir  zum städtisches Tierheim, auf dessen Parkplatz die Hühnerübgabe abgewickelt werden sollte. Im Kofferraum stand ein Kleintierkäfig, etwas extra bestelltes Legemehl, in der Annahme, dass die Neulinge daran gewöhnt seien und eine Flasche Wasser nebst Trinknapf, denn die Tiere würden schon eine lange Reise hinter sich gehabt haben. Schon um vier in der Früh waren 850 Hennen vom Team von Rettet das Huhn aus ihrem bisherigen Stall in der Nähe von Gifhorn abgeholt worden.

Bei der Ankunft war ich überwältigt. Penetranter Hühnergeruch und ein Platz voller Menschen, denen die Erwartungsfreude anzusehen war. Männer, Frauen, Kinder, beinahe jede Altersgruppe war vertreten und alle hatten Käfige neben sich stehen, Hunde- und Katzentransportboxen, selbst gebaute Kisten. Ach wie schön, ich bin nicht die Einzige mit ausgeprägtem Hühnerknall. Zu gern hätte ich links und rechts mit anderen Hühnerbesessenen geplaudert, Hühnergeschichten eingesogen, meine Sorgen geteilt,  versucht rauszukriegen, ob wir auch sonst auf einer Welle schwimmen, seit ich mir auf einer Pflegeelternfreizeit bedenklich Bräunliches anhören musste, bin ich misstrauisch geworden.

Indes ist der Hausherr einer, der die Dinge gern rasch hinter sich bringt und der Kleine Fundvogel wiederum ist einer, den Verschlüsse magisch anziehen. Im Nu fingerte er an allen Käfigen herum, ob noch leer oder schon mit Hühnern besetzt, versuchte nebenbei auf den Hühner-LKW zu klettern, rannte Richtung Straße, kreischte hühnerverschreckend, als ich es ihm verbot. Das alles bestätigte den Hausherrn in seinem Wunsch schnell fortzukommen

Also eilig den Vertrag unterzeichnet, in dem ich zusicherte den Hühnern jegliche Pflege angedeihen zu lassen, sie nie, nie, niemals zu schlachten oder zu verkaufen, eine Spende getätigt (gekostet im eigentlichen Sinne haben sie nichts) en passant erfahren, dass sie 17 Monate alt sind und aus einer Freilandhaltung stammten und schon saßen wir mit zwei Hennen im Kofferraum wieder im Auto.

Puh Freilandhaltung…, dann sind sie vielleicht recht unkompliziert, dachte ich erleichtert. Aber warum haben die beiden und überhaupt alle, die ich gesehen habe, dann so kahle Hälse? Hühner, die sich gegenseitig die Federn abfressen, gelten als verhaltensauffällig, und haben vermutlich Lebensumstände, die sie stressen.

Ich kaufe selten Eier, dann wenn die Hühner nicht legen und ich zu Weihnachten Zimtsterne und Elisenlebkuchen backen will und nochmal im Februar, wenn der Große Fundevogel seinen Geburtstagskuchen bekommt und immer mal wieder, damit er seine Backleidenschaft ausleben kann. Bis jetzt habe ich dazu immer ruhigen Gewissens zum Ei aus Freilandhaltung gegriffen, jetzt kann mir bis zur Mauser überlegen, was ich in Zukunft tun werde.

Mehr noch als der Zustand des Federkleids beschäftigte mich an diesem Tag etwas ganz und gar nicht krankhaftes: Die pure Größe der beiden Tiere. Sie kamen mir vor wie Giganten und waren doch ganz normale Hühner. Die Frau von Rettet das Huhn hatte betont, wie gut die Vergesellschaftung mit Zwerghühnern in der Regel geht — der Anblick der Riesinnen ließ mich zweifeln.

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Größenunterschied

Zuhause angekommen lag das erste Riesenei im Käfig, das Legemehl war verputzt, das Wassernapf umgtreten. Die eine Riesin stand putzmunter da, die andere lag mit geöffnetem Schnabel hechelnd da, als ob sie gleich umkippen würde.

Ausgehungert und vor allem durstig waren sie. Aus Angst, sie könnten uns irgendwas einschleppen, wurden sie mit Kieselgur gegen Insekten eingestäubt. Da saßen sie nun, staubig, matt, kahlhälsig, mit bleichen Kämmen —  und eingesperrt. Ihren ersten Tag sollten sie im Stall verbringen, um sich nachts im Dunkeln dann an ihre neuen Gefährtinnen zu gewöhnen, so lautet der einschlägige Rat zur Hühnervergesellschaftung.

Der Plan ging gründlich schief: Die Alteingesessenen waren höchst ungehalten, ihren Stall nicht betreten zu können und als der Hausherr sich ihrer erbarmte und die Tür öffnete, stürzten die Riesinen heraus und griffen die alten Hühner an. Nach einigen tumultartigen Szenen, die besonders für das Hinkebeinchen nicht gut auszuhalten waren, schliefen schließlich die Kleinen in ihrem Stall und die Großen in einer Hütte, die wir in einem abtrennbaren Teil des Auslaufs stehen haben.

So halten sie es seitdem, ich hoffe für den Winter überlegen sie es sich noch einmal anders.

Langsam, langsam versuchen wir sie aneinander zu gewöhnen, mit der Besten Freundin Kaffee trinkend auf der blauen Bank, innig plaudernd und doch jederzeit bereit besenschwingend zwischen die Hühner zu gehen. Nicht, dass ich sie damit schlagen oder auch nur berühren würde, der Besen jagt ihnen durch seine pure Existenz Respekt ein. Lange bevor ich eigene Hühner hatte, hatte ich vom Besenrespekt der Gefiederten in Die Farm in den grünen Bergen gelesen, in der Alice Herdan-Zuckmayer (also die Frau des Dramatikers Carl Zuckmayer) ihr Exil in den USA beschreibt, ein in jeder Hinsicht inspirierendes Buch, auch wenn man nicht vorhat in die Kleintierhaltung einzusteigen, dann aber ganz besonders.

Namen haben die Riesinnen mittlerweile auch: Malvada heißt die helle, Malvina die dunkle, so nannten die Beste Freundin und die Hausherrin die beiden. Wer wie sie des Spanischen mächtig ist, dem wird das „mal“, „schlecht“ nicht entgehen, wie immer man solche Maßstäbe auf ein Tier anwenden mag. Mit dem Song Ich wollt ich wär‘ ein Huhn, konnte noch nie etwas anfangen, die Hackordnung, die Unterordnung unter den Hahn, das Angreifen geschwächter Tiere – zu fremd wäre mir so eine Existenz.

So gut die restlichen Hühner sich mittlerweile zusammengerauft haben, so fertig mit den Nerven ist November.Verschafften wir ihr nicht täglich Stunden ohne die Riesinnen, sie würde in ihrer Zuflucht im Stall verhungern. Sie verkriecht sich, ehe sie überhaupt gejagt wird, geht kein Risiko mehr ein. Ein sehr schlechtes Gewissen macht das. Es erinnert mich an die erste Zeit mit dem Großen Fundevogel, der meinen damals achtjährigen Sohn in grenzenloser Eifersucht attackierte. Mein Sohn litt und ich mit ihm, er ist daran gewachsen, heute ist es gut. Aber wer konnte das damals wissen?

Doch in diesem wie in jenem Fall sind Entscheidungen gefallen, ein Leben mit Kompromissen und ewiger Hühnersortierung und möglichst viel Gartenzeit für alle. Die Kämme sind mittlerwele rot, die Halsfedern gesprossen, Malvina ist in den Teich gefallen, ich konnte sie gerade noch am Schwanz rausziehen, das hat vor ihr noch kein Huhn geschafft, auch hier ist Obacht Pflicht.

Kaum vorstellbar bleibt, dass die Riesinnen wegen Nachlassen der Legeleistung getötet werden sollten. Wieviel Eier haben sie bitte vorher gelegt? Zwei oder drei Rieseneier liegen Tag für Tag im Nest, wir schwelgen in Pfannkuchen, Waffeln, Rührei.

Ich bin zuversichtlich, wir werden zusammen wachsen.

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Fundevögel unter sich

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