Wie der Juli roch (inspiriert von Fräulein Read On)

Weil ich die Idee so bezaubernd finde, folge ich noch einmal etwas verspätet Fräulein Read Ons Aufruf, Gerüche des verstrichenen Monats einzufangen. Filmen und fotographieren kann fast jeder, Geräusche konservieren auch, aber Gerüche müssen noch immer beschrieben oder selbst gerochen werden. Ich wünschte, es würde für immer so bleiben.

Wonach der Juli im Fundevogelnest roch:

Dieser Juli riecht verdorrt, fast jede Pflanze haucht ihren Eigengeruch aus und riecht wie Heu. Nur am Bach, da duften sie noch. Wenn ich den Kleinen beim Planschen bewache, schnuppere ich neben fauligem Schlamm Beinwell, Brennnesseln und Mädesüß. „Marzipanblume“ nannte mein ewiges Besuchskind vor Jahren die Mädesüß und sie hatte recht, Marzipanblume wird sie für mich bleiben und mich an das kleine Mädchen erinnern, das in diesem Sommer sein frisches Abi in der Tasche hat und coolere Leute besucht.

Intensiver duftet die Kiefer. Eine Kiefernschonung scheint Hitze zu brauchen, um ihren überwältigenden Geruch zu entfalten. Ist es das Wissen um die Gefahr, oder warum schnuppere ich in diesen Monokulturen schon immer ein bisschen den Brandgeruch, der die Nachrichten des Julis durchzieht?

Aufdringlicher riecht in der alles umschließenden Hitze auch das Hinterlassene: Die Häufchen im Hühnerstall, die obendrein durch die darauf sitzenden Fliegenversammlungen grün schillernd markiert sind, der Mülleimer, die Komposttonne, die zusammengerollte Einwegwindel beim hastigen Transport durch das Treppenhaus.

Für die Bienen ist der Juli geruchlich eine harte Zeit. Der Geißel der Biene des 21. Jahrhunderts, der Varroamilbe, soll durch die Verneblung mit Ameisensäure Einhalt geboten werden. Ameisensäure beißt in der Nase, beißt in den Augen, in meinen jedenfalls. Wie immer sie sich in den Facettenaugen der Bienen anfühlt, gut geht es ihnen nicht damit. Reizbar und stechlustig sind sie, hektisch versuchen sie den Geruch in den Stöcken mit ihren Flügeln davon zu fächeln und deutlich mehr tote Körperchen als sonst liegen am Boden der Kisten.

Ende Juli regiert wieder die Süße in Bienenstock und Wohnung, Zeit der Fütterung. Jeden Tag rühren wir in der Küche riesige Schüsseln Honig, Zucker, Wasser und Kräutertees zusammen und weil der Kleine Fundevogel eifrig mitrührt, verwandelt sich das Fundevogelnest in ein klebriges Biotop. Süß duften auch die Töpfe mit Himbeermarmelade und Brombeergelee, die vielen, vielen Pfannekuchen, weil die Hühner scheinbar ununterbrochen Eier legen.

Selbst in der eingetrockneten Variante riecht der Juli nach Großzügigkeit und Fülle.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert und verarbeitet, ich selbst nutze die so erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentares im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

Ein Gedanke zu “Wie der Juli roch (inspiriert von Fräulein Read On)

  1. Myriade August 6, 2018 / 10:37 am

    Mir gefällt dir Idee auch sehr gut und deine Überlegungen dazu, dass man Gerüche im Gegensatz zu anderen Eindrücken nur durch Beschreibung vermitteln kann. Gerüche sind obendrein noch ein direkter Zugang zum eigenen Erinnern ….

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s