Etüdensommerpausenintermezzo mit Seeungeheuern und Kolibris

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Die Etüden haben Sommerferien, diese Runde dürfen beliebig viele Sätze ins Blaue hinein geschrieben werden, innerhalb von zwei Wochen statt wie sonst in einer und mit zehn (aus insgesamt fünfzehn auswählbaren) vorgegebenen Wörtern statt dreien.

Als Extra soll noch eine Zeile aus einem Lied oder einem Gedicht in dem Text vorkommen.

Die zwei Wochen Zeit ließen mich waghalsig ein anspruchsvolles Geschichtenprojekt, mit dem ich schon lange liebäugele, in Angriff nehmen. Hätte ich das bleiben gelassen, hätte einen nicht erfüllten Anspruch weniger zu bejammern gehabt.

Ein andern Mal bestimmt, wenn auch nicht unbedingt mit diesen Wörtern, die so harmlos einher spazieren und mich nicht so recht verführen mochten.

So ist es ein Blogtext im ursprünglichen Sinne geworden, ein Tagebuchtext mit zehn schwierigen Wörtern in einem schwierigen Sommer.

Meine lyrische Wahl fiel auf Silvio Rodriguez. Alle kursiv gesetzte und von mir unprofessionell übersetzten Zeilen stammen aus den Liedern Sueño con serpientes (Ich träume von Schlangen) (hier eine literarisch mich nicht überzeugende Übersetzung.) und Ala de Colibrí Für dieses Lied konnte ich leider keine Übersetzung ins Deutsche oder Englische finden. Herr Zeidler war trotz Sommerpause fleißig und hat wie immer mehrere Illustrationen zur Auswahl gespendet.

Ihm und Christiane gebührt Dank für ihre Zuverlässigkeit.

Den Strand im Rücken, weg vom Kreischen, vom Schaulaufen der Tattoos und aufblasbaren Objekte. Das Kind und die Mutter zurücklassen. Zwanzig Minuten werden sie miteinander genießen, zwanzig Minuten — das geht auf jeden Fall. Eintauchen. Die Ostsee ist warm in diesem Sommer, warm und beplanscht wie ein Baggersee. Ein Plastikflamingo dümpelt vorbei. Ein luftmatratzengroßes Eis, ein von begeisternd giggelnden Mädchen gerittenes Einhorn und weiterer Firlefanz ziehen vorüber. Wasser umhüllt den Leib, schottet ihn ab, eine echte Möwe, noch im Federkleid ihrer Jugend paddelt auf backbord. Ein eleganter Reigen Quallen dreht sich unter den Schwimmenden, als habe ein freundlicher Unterwasserkönig sie zum Tanztee geladen.

Das Gekreisch vom Strand wird Geräusch. Ungeheuer werden zu Schemen. Vielleicht hat der freundliche Unterwasserkönig einen Job als Inspektorin der Wasseroberfläche zu vergeben, als Bestatterin ertrunkener Plastikflamingos. Als Quallenzählerin. Als Qualle. Ich nehme alles.

Wasserwesen vergeben keine Stellen an eine, die mit dem Zeh tastet, ob der Grund nicht endlich zu spüren ist. Zwanzig Minuten Ablenkungsmanöver waren abgesprochen. Wer dann nicht umkehrt, bekommt die Ungeheuer auf See zugestellt. Sueño con serpientes, con serpientes del mar, ich träume von Schlangen, von Seeschlangen, garstigen Kreaturen, lang und durchsichtig versuchen sie Stücke aus den Lebenden zu beißen und la mato y parece aparece una major und wenn ich sie töte, erscheint eine größere. Jede Strophe gebiert größere Ungeheuer bis der Sänger schließlich verschlungen ist, wenn auch der Vers quer im Magen der Schlange verbleibt

Die Ungeheuer an Land sind wenigstens vertraut. Und keine Fußfesseln braucht, wer von einem sandigen, quietschenden Wesen umschlungen wird, reine Liebe ist das, pures Glück und Knuddeln bis das Lachen glucksend versiegt. Nein, richtig ernst waren meine Fluchtgedanken nicht.

Hätten doch nur die Ungeheuer der Vergangenheit nicht diesen Sommer das Fundevogelnest zu ihrem Feriendomizil erklärt. Es gibt Erklärungen, warum sie diesen Sommer wählten und nicht den Sommer davor oder den Winter danach, doch das Auseinandersortieren des Wieso und Warum wird immer mehr zum Luxusproblem. Sie sind da und sie zehren uns aus, Räumungsklagen prallen an ihnen ab. Sie gehören zu diesem Sommer wie Eis, verdorrtes Gras und stundenlanges Baden mit Plastikflamingos.

Der eine Fundevogel reagiert auf die Ungeheuer der Vergangenheit wie die Deutsche Bahn auf eine Unwetterwarnung: Der Betrieb wird vorsichtshalber komplett eingestellt, inklusive Körperpflege. Der andere Fundevogel hängt der Erstschlagtheorie an, ganz US -Falke ist er , „Shock and Awe“, bloß nicht einlenken, Zähne und Klauen bei jeder Gelegenheit und das sind keine literarischen Umschreibungen.

Bei soviel Ungeheuerlichkeiten vor Ort krabbeln auch Frau Fundevogels Ungeheuer  abenteuerlustig aus der Versenkung, in der sie gefälligst bleiben sollten und schwenken ihre kleinen Transparente: Hallo!Wir sind auch da! Die Macht ist mit uns!

Kennen Sie diesen Schurken aus einem Kinderbuch, ich weiß nicht mehr welchem … ich glaube von Roald Dahl ( würde zumindest passen). Der, dessen ganze Schurkigkeit darin bestand zu sagen: ICH HABE ES DIR JA GESAGT (dass du das allein mit den Kindern nicht schaffst, dass du weder Geschichten schreiben noch bekloppte Hühner erziehen kannst). der steckt mit den Ungeheuern der Vergangenheit seit jeher unter einer Decke, ach was sag ich, im selben Kampfanzug.

Rauh ist die ungeheueraufgewühlte See, rauher wird der Ton, mürber die Geduldsfäden,  Fahrigkeit übernimmt das Ruder, aus der Hand gelegte Dinge verschwinden sofort aus dem Bewusstsein. Ein verlorener Ohrring genügt, um mit dem Tränen zu ringen, Kleinkram provoziert hysterisches Geschrei, um den Ich-weiß-dass-du-nix-kannst-Schurken Zähne bleckend triumphieren zu lassen.

Geschlagen wird hier nicht, jedenfalls nie von erwachsener Hand, soviel Macht werden die Ungeheuer niemals erlangen. Doch allein die Versuche der Raserei Einhalt zu gebieten, Schlimmeres zu verhindern, einzugreifen im wahrsten Sinne des Wortes sind nicht schön. Sie sind grob, fast brutal, schmerzhaft, laut, zu laut, überschlagende Stimme. Erschöpft. La mato y parece aparece una major, ich töte eine und eine größere erscheint. Auch was zwischen den Fundevögeln läuft, kann das Fürchten lehren.

Einst war von den talleres donde repara alas de colibríes, die Rede, von den Werkstätten, in denen Kolibriflügel repariert werden, von Behutsamkeit, von Achtsamkeit, von Freundlichkeit und Hingabe.

Jeden Tag aufs Neue den Kolibri heraufbeschwören, liviana y pura, leicht und rein para la cura, für die Heilung, den nur so wird sie kommen, nicht mit Geschrei, Gehässigkeit, Tränen und Gewalt. Es hat keinen Sinn die Ungeheuer zu töten, denn dann erscheint nur ein größeres, nicht einmal auf dem Zenit der Schlacht will ich mich mehr dazu hinreißen lassen.

Es ist eine Frage des Innehaltens, irgendwie auch der Disziplin, wenn Worte und Bauklötze tief fliegen, den zarten Kolibriflügel im Raum weiter wahrzunehmen.

Schwimmen hilft dabei.

Und Schreiben.

Ausreichend Schlafen, auch wenn das Nicht Schreiben bedeuten kann.

Und es funktioniert: die Ungeheuer werden nicht zu Haustieren, sie bleiben was sie sind. Solche Haustieren wollen wir gar nicht, aber sie schrumpfen ein wenig, wie ein Plastikflamingo, wenn das Gummi porös wird oder einer schafft, den Stöpsel zu öffnen.

Den Kindern kann ich ihre Ungeheuer nicht nehmen, ich kann ihnen bloß zeigen, dass ich ihren Ungeheuern keine Macht über mich gewähre, sondern den Kolibri suche, egal wie klein und zerbrechlich er gerade ist.

Im Lied Ala de Colibrí wird eine neue Partei gegründet, die Versammlung der Tage ohne Sonne, der zerbeulten Töpfe, der Fetten, die keine Freunde finden, der hoffnungslos Verliebten, derer, die auf Kindergeburtstagen immer heulen, der Verschwundenen, der Vampire, der Schuldner der Weltbank… esa crítica maza masa de Dios, que no es pos ni moderno, diese kritische Masse Gott, die weder post noch modern ist.

Silvio Rodriguez lädt mehr Gäste zu seiner Parteigründung mit Begriffen für Behinderungen, die für mich ausschlossen, diesen Text selbst zu übersetzen, obwohl ich es erwogen hatte. Sosehr ich seine Lieder liebe, das ist mir zuviel Ignoranz, in Bezug auf die Wahrnehmung von Frauen übrigens auch.

Weniges ist eindeutig nur gut oder nur schlecht. Alles bleibt Tasten.

Bald gibt es auch wieder Geschichten.

Versprochen.

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8 Gedanken zu “Etüdensommerpausenintermezzo mit Seeungeheuern und Kolibris

  1. Myriade August 12, 2018 / 10:41 pm

    Ganz toller Text !! Nur das Spanische …..
    maza=Keule, nicht Masse
    talleres
    la mato y aparece una mayor = ich töte sie und es erscheint eine größere
    parece una mayor= ich töte sie und sie sieht aus wie eine größere

    Gefällt 1 Person

  2. Christiane August 12, 2018 / 10:44 pm

    Es ist eine Entscheidung, den Kolibriflügel im Raum, den zarten und leicht zerbrechlichen, weiter wahrzunehmen, trotz der Müdigkeit, trotz der Widrigkeit … aber es geht nicht anders, das wäre Verrat an sich selbst, und man bereut ihn bitter.
    Ruhigere Fahrwasser wünsche ich dir, und einen Ungeheuer fangenden Unterwasserkönig.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest August 13, 2018 / 3:17 pm

      Danke Christiane, du hast mich genau verstanden, das freut mich.

      Ich fühle mich langsam wieder auf meinem Weg, schreiben, auch das was nie auf einem Blog stehen wird, ist ein guter Kompassdabei.
      Natalie

      Gefällt 1 Person

  3. gkazakou August 13, 2018 / 11:02 am

    Du lebst mit Herausforderungen, liebe Fundevogel-Mutter, du hast dich ihnen gestellt. ich begreife sehr gut beides; die Liebe zu dem, was du tust, aber auch die unendliche Erschöpfung, wenn das Zarte nicht das Harte besiegt – oder vielleicht doch, irgendwann, nach tausend Jahren Geduld. Liebe Grüße! Gerda

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest August 13, 2018 / 10:12 pm

      Ich hege den Verdacht, dass die Seeschlangen – aus Gründen — sich die Zeit der Sommerferien gewählt haben . Die wären Donnerstag zu Ende, mal sehen was dann kommt. Natalie

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