Wespengeschichten

Falls Sie einen Bienenschwarm sichten – völlig ungefährlich! — oder es Probleme mit unseren Bienen geben sollte… (es folgen drei Telefonnummern)

Dieser Text hängt an unserer Gartenpforte. Haustiere, die nicht zu Hause bleiben, bringen eine gewisse Verantwortung für die Nachbarschaft mit sich.

Noch ist uns kein Schwarm entkommen. Das wäre auch schade, nicht nur, weil ein Bienenschwarm für gutes Geld zu verkaufen ist und ein heimatloses Bienenvolk in einer Großstadt vermutlich keine geeignete Baumhöhle finden würde und stattdessen irgendwann von einem Kammerjäger aus einem Rollladenkasten oder sonst einer ungeeigneten Notunterkunft zwangsgeräumt werden müsste.

Jedem Menschen wünsche ich, wenigstens einmal im Leben inmitten eines schwärmenden Bienenvolks zu stehen. Es hat seinen ganz eigenen Zauber, wenn sich die alte Bienenkönigin – meistens irgendwann im Mai- mit einem Großteil der flugfähigen Bienen innerhalb von Minuten aus dem Stock ergießt und die Luft voller summender, flirrender Wesen ist, die einen umfließen wie ein Element. Da sie in diesem Moment heimatlos sind, keinen Stock und keinen Honig zu verteidigen haben, stechen sie nicht.

Nun ist aber gar nicht Mai. Jetzt im August klingeln die Telefone.

Sind Sie sich sicher, dass es keine Wespen sind?, frage ich.

Man ist sich sicher oder erkennt den Unterschied nicht oder sagt, ist das nicht das Selbe?, auf jeden Fall erscheine ich zuständig. Ich bin ein höflicher Mensch und ich weiß, es geschehen ununterbrochen Dinge, die ich mir nicht vorstellen kann — doch bis jetzt waren es bei jedem Anruf Wespen.

Jeden März beobachte ich die Wespenkönigin auf der Suche nach einem Platz für die nächste Generation. Sorgfältig inspiziert sie jede Spalte. Die Einschlupfmöglichkeiten am Essplatz der Laube habe ich mittlerweile mit Schaumstoff verstopft. Meistens wählt sie sich einen Platz im Dach und konstruiert dort aus dem Holz zernagter Äste und Gartenmöbel vermengt mit ihrem Speichel ihr einzigartiges papierenes Nest. Wäre es nicht Wespenwerk, ich bin sicher, es würde jede Menge Designerpreise abräumen.

Am Ende des Sommers ist aus der stillen Königin, die kaum jemand bemerkte, eine schwaz-gelb geringelte Horde geworden.

Das Wespennest im Geräteschuppen meines Nachbarn fegte ich in meiner Imkerinnenkluft vorsichtig ab. Er machte kein Hehl aus seinem Unbehagen, als Mann, der doch retten sollte, mit meinem Kind an seiner Seite aus sicherer Entfernung einer Frau bei der Ungeheuerjagd zuzusehen. Mein Bedauern dieses schöne Kunstwerk zu zerstören erschien ihm absurd, genau wie der Vorschlag, es wie mein Schwager zu halten, dem wir nur die Gartengeräte aus dem Schuppen bargen und der ihn dann den Rest der Saison den in ihm hausenden Hornissen zur Verfügung stellte. Frau Fundevogel, wo kämen wir denn dahin?

Die Nachbarsschuppenwespen hatten Stehvermögen: Dreimal fingen sie, nachdem ich ihr Nest jeweils vollständig abgeschabt hatte, wieder bei Null an. Aller Mühen Lohn war ihr Tod durch Wespenspray.

Als ich ihn freundlich darauf hinwies, dass Wespen unter Naturschutz stünden und auf das Töten eines Wespenvolks hohe Geldstrafen verhängt werden könnten, erwiderte der Nachbar charmant, alle seine Vorfahren seien bei der Mafia gewesen, seine Töchter würden von keiner Wespe gestochen, da sei er vor.

Seine Vorfahren sind nicht der Grund, aus dem ich ihn nicht angezeigt habe. Wie legal mein eigenes Tun war, sei dahingestellt, ich hätte nur gern verhindert, was am Ende trotzdem geschah.

Es verstößt gegen das zurzeit so beliebte „allgemeine Rechtsempfinden“ an einer Kaffee- oder Grilltafel zu erklären, Wespen seien geschützt und es sei ganz und gar nicht in Ordnung, sie massenhaft in Bier oder Apfelschorle zu ersäufen oder sie mit diesem modernen Elektrofliegenklatschen lustvoll zu Tode zu brizzeln.

Unter Naturschutz? Die sind eine Plage!

Wär doch super, wenn die endlich aussterben.

Ich bin ja für Insekten, aber bei denen hört es auf.

Von wegen, nur wenn sie bedroht werden, die stechen einfach so. Denen macht das Spaß.

Die sind ja mal rein zu gar nicht nutze.

Es ist ja so, der seltsam trockene Schmerz, wenn eine Wespe zusticht, macht, dass sich die Haut am ganzen Körper zusammenzuziehen scheint, hinterher fängt die Einstichstelle an gellend zu jammern und jucken tut sie tagelang. Jedes Jahr sterben Menschen an Wespenstichen, weil sie allergisch reagiere oder weil sie einen Stich in die Atemwege bekommen haben. Ich habe einmal einen anaphylaktischen Schock nach einem Bienenstich miterlebt und dieses Erlebnis hängt mir noch immer nach, auch wenn am Ende alles gut ausging. Seitdem habe ich beim Imkern immer mein Telefon in der Tasche.

Zwischen den Bienen und den Wespen toben gerade heftige Auseinandersetzungen. Überall rollen kleine Bälle herum, je eine Wespe und eine Biene im Kampf Frau gegen Frau, bis eine ablässt oder tot am Boden liegen bleibt, denn die ewig hungrigen Wespen sind scharf auf den Honig, auf das Zucker-Wasser-Honig-Gemisch der Winterauffütterung.

Das eine, das mickernde Bienenvolk scheint den Kampf zu verlieren. Sie schaffen nicht mehr das auf kleinstmögliche Größe verengte Flugloch zu verteidigen. Stattdessen sehe ich eine dick mit Pollen beladene Biene, die ihre Brut füttern will und der von Wespen der Zugang zum eigenen Stock verwehrt wird. Das zerreißt einem das Herz. Mein spontaner Gedanke ist: Kein Fußbreit den Faschisten. So fühlen sich wahrscheinlich die Schäfer, deren Schafe von Wölfen gerissen werden, die stehen ja auch unter Naturschutz.

Weder Wespen noch Wölfe sind Faschisten. Sie sind Tiere. Tiere, die uns nichts nützen oder  — ehe jetzt die Biologen unter Ihnen schreien–  deren Nutzen nicht leicht vermittelbar ist.

Das Zusammenleben mit Wespen im August macht Arbeit: Jeder Bissen muss achtsam betrachtet werden, bevor er in den Mund gelangt. Kinder müssen angeleitet (nicht schlagen, nicht pusten, immer gucken), Fleisch und Süßspeisen abgedeckt werden, wer allergisch ist. muss permanent sein Notfallpack griffbereit haben. Sehr bewährt hat sich bei uns, den Wespen bevor noch irgendetwas auf dem Tisch steht, eine kleine Süßigkeit (überreifes Obst, Marmelade ) ein paar Meter vom Menschenessen entfernt hinzustellen, das beschäftigt sie. Und etwas gegen Stiche parat zu haben, schadet auch nicht, ich mache an dieser Stelle mal Werbung für Sticherhitzer (bei Interesse eine Suchmaschine befragen).

Allem Ärger zum Trotz : Die gravierenden Schäden auf dem Planeten Erde richten immer noch die Menschen an, nicht die Wespen.

Wäre ich ein gläubige Mensch, würde ich vielleicht sagen: Gott hat uns die Wespen geschickt, damit wir auf Erden lernen, das Störende auszuhalten, das Andere anders sein zu lassen, auch wenn es uns nichts bringt.

Ich glaube aber weder an Gott noch daran, dass Wespen uns gegenüber irgendeine Aufgabe zu erfüllen haben. Von ihnen lernen kann man trotzdem

Und wer hinsieht, darf sich an ihrer Eleganz weiden.

Wenn der Sommer sich endgültig geneigt hat, werden sie sterben, ganz ohne Wespenspray, Elektroschocker und Apfelsaftfallen. Nur die begattete Königin wird überwintern. Wenn ich sie im März das erste Mal wieder sehen werde, werde ich lächeln.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert und verarbeitet. Ich selbst nutze die so erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

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16 Gedanken zu “Wespengeschichten

  1. Geschichten und Meer August 17, 2018 / 1:35 am

    Ich mag die kleinen Biester eigentlich. Aber an einem Abend fünfmal aufstehen, um eine Wespe, die sich in die Wohnung verflogen hat, an die frische Luft zu befördern, kann auch lästig sein. (Ich glaube sogar, das war immer dieselbe.)

    Was Bienen betrifft, habe ich diesen Sommer etwas sehr Schönes gesehen und gehört. In einem Garten in meiner Nähe gibt es einen sehr alten Birnbaum, an dem sich ein fast genauso alter Rosenstrauch hochrankt. Der war eines Tages voller Bienen. Das war ein Gesumme und Gewusel!

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  2. violaetcetera August 17, 2018 / 7:03 am

    Unsere Stammeisdiele legt mittlerweile sogar Fliegenklatschen aus, damit die Gäste sich gegen die Wespen zur Wehr setzen können.
    Wir haben uns still und heimlich nach innen gesetzt, und es kam zu keinerlei Konfrontation 🤗

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  3. Elke H. Speidel August 17, 2018 / 8:03 am

    Ich wusste nicht, dass Wespen unter Naturschutz stehen, ziehe es aber trotzdem vor, sie aus der Wohnung zu verjagen. Mögen sie bitte draußen ihr Leben fristen, die Wohnung ist MEIN Lebensraum.

    Selbst wenn sie hübsch anzusehen sind, muss ich sie ebensowenig mögen, wie ich erwarte, von ihnen gemocht zu werden. Und obwohl ich, anders an du, ein gläubiger Mensch bin, halte ich es für unangemessen menschzentriert zu meinen, dass Gott die Wespen geschaffen habe, damit WIR (Menschen) irgendwas von ihnen lernen. Vielleicht sollen SIE (die Wespen) etwas von uns lernen? Oder weder noch, was ich für wesentlich wahrscheinlicher halte.

    Stehen auch Stechmücken und Stubenfliegen unter Naturschutz? Weißt du das zufällig? Stubenfliegen jage ich aus der Wohnung, genau wie Wespen, Bienen, Motten und Schmetterlinge.

    Stechmücken dagegen, ich bekenne mich schuldig, ermorde ich eher brutal mit einem Schlag meiner flachen Hand, besonders solche, die mich bereits gestochen haben. Wenn sie noch herumschwirren, versuche ich, sie zu verscheuchen, aber eine Mücke, die auf meinem Arm sitzt, stechend, da schlägt mein Instinkt gemeinsam mit der Hand zu.

    Wie lange würde die wohl überleben, wenn ich sie ruhig mein Blut saugen ließe? Denn natürlich würde sie sterben. Wir Lebewesen sterben alle, ausnahmslos, es ist nur eine Frage der Zeit.

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    • fundevogelnest August 17, 2018 / 10:20 am

      Also was IN der Wohnung ist, wird von mir rausgeworfen. Auch das possierliche Eichhörnchen, das neulich morgen im Kinderzimmer herumspaziert ist . Da wohnen wir.Das sehe ich wie du. Manchmalist es das einfachste einfach drinnen zu essen. Aber in unserem Schrebergarten haben wir dafür keine Möglichkeit. Wir haben zu Hause auch solche Fliegengitter am Fenster, um nachts nicht verspeist zu werden.
      Leben und leben lassen
      Mich irritiert der blanke Hass der geäußert wird.
      Liebe Grüße Natalie

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  4. Elke H. Speidel August 17, 2018 / 10:26 am

    Nun, nein, für „blanken Hass“ (gegen Wespen, Hummeln, Bienen etc.) bin ich zu sehr Imkerstochter. Und für „blanken Hass“ (oder vermenschlichende Affenliebe) gegenüber anderen Tieren bin ich zu sehr Tierarztkind. Mein Vater war erst Imker, bevor er Veterinärmedizin studierte, soviel zum Hintergrund. Tiere sind Mitlebewesen, aber keine Menschen. Leben und leben lassen – du sagst es sehr treffend.

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  5. gkazakou August 17, 2018 / 10:32 am

    Danke für deinen Eintrag, der einige interessante Neuigkeiten über Wespen enthält. Ihr kunstvolles Nest habe ich zwar schon bewundert, aber sonst weiß ich nicht viel über ihr Familienleben.Ich erinnere mich nur, dass sie früher eine echte Plage waren – zB bei einem Jugendlager, wo sie sich auf den Marmeladentellern tummelten und von uns Jugendlichen mit Messern halbiert wurden, bis Marmelade und Wespen einen dicken Brei bildeten.
    Seit wir eine Weinlaube haben, lassen sie uns in Ruhe: sie lieben die Weintrauben mehr als die Zuckerstückchen oder den Honig auf dem Tisch.In diesem Jahr sehe ich freiich kaum mal eine, sie scheinen, seit unsere Putzfrau die Nester entfernte (leider, denn mir gefielen sie sehr), woanders hingezogen zu sein. Oder sie sind tatsächlich selten geworden.

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    • fundevogelnest August 18, 2018 / 9:52 pm

      Hier sind sie dieses Jahr ganz und gar nicht selten, der heiße Sommer muss ihnen gefallen.
      Eine weinlaube stelle ich mir sehr romantisch vor. Kriegt ihr denn noch ein paar Trauben ab?
      Herzliche Grüße
      Natalie

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      • gkazakou August 18, 2018 / 11:12 pm

        doch ja, wenngleich auch anderes Getier zum Naschen kommt, bleiben auch für uns nochTrauben übrig es it ein bisschen wie Schlaraffenland. du streckst die Hand aus.und pflückst dir eine Traube…

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  6. Myriade August 17, 2018 / 1:54 pm

    Ist einfach nett, das einmal jemand etwas Positives über die Wespen schreibt. Ich mag sie zwar auch nicht besonders, trotzdem veranstalte ich auch keine Massaker

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  7. Hauptschulblues August 17, 2018 / 5:53 pm

    Hauptschulblues schützt Wildbienen, Bienen und Wespen. Letztere füttert er an, die anderen bekommen herrliche Pflanzen das ganze Jahr über.

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  8. alterbolschewik August 18, 2018 / 5:43 pm

    Dass es völlig harmlos sei, in mitten eines Bienenschwarms zu stehen, würde ich – selbst Sohn eines Imkers, der auch den einen oder anderen Schwarm eingefangen hat, wenn der Vater nicht da war – so nicht stehen lassen wollen. Wenn sich eine Biene irgendwo verfängt (meine Locken waren immer ein Problem), kann sie in Panik geraten und sticht dann doch. Und nicht alle Völker sind so friedfertig wie die heute üblichen Zuchtbienen. Die Bastarde meines Großvaters waren einfach Killerbienen, die haben gestochen, ob’s einen Grund gab oder nicht. Bei denen hätte ich mich nie ohne Schutzkleidung einem Schwarm genähert. Ein bisschen Vorsicht ist also durchaus angebracht – auch wenn, in der Tat, ein Bienenschwarm ein wirklich beeindruckendes Erlebnis ist, bei dem es keinen Grund gibt, in Panik zu verfallen.

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    • fundevogelnest August 18, 2018 / 8:16 pm

      Ja, das Verfangen in den Haaren ist in der Tat ein Problem, ist mir mal mirt einer >Wespe passiert mit der ich eim Radfahren kollidiert bin.
      Beim reinen Beobachten eines Schwarms habe ich es — noch — nicht erlebt, obwohl die halbe Nachbbarschaft gucken kommt.. Beim Einfangen trage ich schon einen Schleier.
      Herzliche Grüße
      Natalie

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  9. noamik August 18, 2018 / 7:41 pm

    Wespen sind nützliche Tiere. Fragt mal den Förster eures Vertrauens wofür er sie braucht.

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  10. eva August 19, 2018 / 3:07 pm

    Hach, da spricht mir wer aus der Seele! Bei uns werden sie auf dem Balkon versorgt, mit bisschen Obst, und ich hab in der Küche Ruhe. Letzten Donnerstag auf dem Markt sah ich der Metzgerin zu, wie sie freundlich ein kleines Schälchen Restefleisch oben auf der Theke, ganz in der Ecke, wo eh kein Kunde schaut, plazierte, mich ansah und lächelte „für die Wespen“. https://fredaimgarten.blogspot.com/2018/08/raubtierfutterung-draussen.html
    Viele Summsegrüße, Eva

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