Vier Jahre Kleiner Fundevogel — Eine Liebeserklärung

Lieber Kleiner Fundevogel,

Seit vier Jahren lebst du in unserem Nest, acht Neuntel deines Lebens. Wäre mir dein Einzug wenige Wochen vorher prophezeit worden, hätte ich dem Hellseher einen gewaltigen Vogel gezeigt. Ich mit 48 noch ein Baby?

Die Verantwortung für diese Entscheidung, die mich selbst fast so überraschte wie die Menschen um mich herum, trage natürlich ich allein, denn du warst klein, klitzeklein, 2800 Gramm Lebendgewicht mit fünf Monaten, zart, kränklich, pflegebedürftig, ein Vögelchen.

Aber zaubern konntest du schon, mich verzaubern zumindest. Du trafst mich nicht wie ein Blitz, sondern wie Sonne und Regen ein Samenkorn treffen, das daraufhin erst unbemerkt und doch unaufhaltsam zu keimen beginnt.

Dich das erste Mal gesehen, von deiner Existenz erfahren habe ich, als du vier Tage alt warst, dem Tode näher als allem anderen. Du solltest operiert werden, aber da waren keine Menschen greifbar, die eine Einwilligung hätten unterschreiben können, die gehadert, geweint, gebangt hätten und am Ende erleichtert gewesen wären. Keiner von denen, die dein Köpfchen streichelten, hatte dich am allerliebsten. Das berührte mich und blieb doch eine Geschichte unter viel zu vielen, denn ich wusste noch nichts von deinen Zauberkräften.

Du schlichst dich langsam ein. Nachdem ich eine Weile die erfolglose Suche nach Pflegeeltern für dich mitangesehen hatte, fing ich an in Pflegeelternkreisen Werbung für dich zu machen. Du warst nicht das Standardneugeborene, um das sich angeblich alle angehenden Pflegeeltern reißen, sondern eine kunterbunte Wundertüte mit reichlich Spezialeffekten und sie murmelten betreten nach unten schauend erklärende Worte. Sie kannten dich halt nicht. Denen, die dich kannten, wuchst du ans Herz. Und fast alle haben sich für uns gefreut, als wir vor vier Jahren gemeinsam und für die Dienstplan schreibenden Kolleginnen recht ärgerlich Hals über Kopf das Krankenhaus verließen, ich für drei Jahre Elternzeit, du am liebsten für immer, wenn das auch nicht ganz geklappt hat.

Denn nach einer längeren, könnte- etwa, sollte- ich -vielleicht, ist-das -nicht-ein-ganz-schön–unvernünftig -Phase und der Erkenntnis, Kinder kriegen ist grundsätzlich nicht besonders vernünftig, rasten wir mit Riesensätzen aufeinander zu. Der erste Anruf im Jugendamt wurde noch abgewiegelt. Wenige Tage später fiel am Telefon der Satz, der immer einen Ehrenplatz im Poesiealbum der denkwürdigen Sätze meines Lebens haben wird: Er kann dann morgen abgeholt werden.

Morgen erwies sich als zu ambitioniert. So wenig geschlafen, so viel telefoniert wie in den darauf folgenden Tagen habe ich selten. Und so viel eingekauft. An manchen Tagen bin ich eine dieser sentimentalen Frauen, die beim Anblick niedlicher Babykleidung nostalgisch bedauern diese leider mangels reinpassender Kinder nicht kaufen zu können. Und wenn ich dann mal ein Baby habe, gibt es nur seltsame olivgrüne und beige Babysachen, als ob so ein Säugling schon zum Militär müsste, nicht mal die Mädchensachen hatten Farbe. Deinen Dinosaurieranzug und die Jacke, die Kleidung, in der du einzogst und die nun in deiner Erinnerungskiste liegt, hat der Große Fundevogel für dich ausgesucht und alles andere auch. Nie werde ich den Moment vergessen, als wir an der Kasse des Drogeriemarkts standen und ich übernächtigt auf vorbeifahrende Windeln, Schnuller, Flaschen, Lätzchen starrte und mich fragte, ist das jetzt eigentlich wahr?

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erster Tag zusammen (Foto: Christine Conrad)

Nachdem deine zukünftigen, völlig verliebten Geschwister und ich schon im Krankenhaus non stop mit dir kuschelten, ging es ein paar Tage später nach Hause, mit der Military-Babykleidung und einem ziemlichen Berg medizinisch-pflegerischer Artikel im Rucksack. Zu Fuß. Weil ich Angst hatte, du holst dir im Bus gleich den ersten Schnupfen, weil ich irgendwelche romantischen Anwandlungen hatte, von wegen den ersten Weg gemeinsam gehen und auch weil ich noch keinen Autokindersitz hatte. Nicht auf dem Zettel hatte ich die Dame vom Pflegekinderdienst, die mich begleiten wollte, weil sie wegen des überstürzten Verfahrens den Punkt Hausbesuch noch nicht abgearbeitet hatte. Klaglos ist sie 4,5 km neben deinem Kinderwagen hergelaufen. Auf die Frage, ob du wenigstens noch ein Fläschchen trinken dürftest, falls der Hausbesuch unbefriedigend ausfalle und ich dich zurückbringen müsste, meinte sie nur, ich hätte einen seltsamen Humor.

In deinen ersten Monaten im Fundevogelnest wirktest du sehr in dich gekehrt, schliefst viel, wirktest verloren zwischen den Welten. Auf dein erstes Lächeln haben wir lange gewartet.

Zaubern konntest du immer noch. Deine neuen Geschwister, mein Sohn und der Große Fundevogel hatten immer eher neben- als miteinander gelebt. Seit du da bist, können sie auch miteinander reden, du hattest uns wirklich noch gefehlt. Allen hast du damals ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, hast sie mit deiner zerbrechlichen Vögelchenexistenz berührt. Viele Geschenke bekamst du in der Zeit, auch ein paar hübsche Strampler.

Langsam wurdest du beweglicher, deine wunderbare Physiotherapeutin hat dir sehr dabei geholfen. Wirklich kein Halten mehr gab es, als du mit zehn Monaten deine erste Brille bekamst, ein Akt der Befreiung war das, als fiele eine Schale von dir ab. Schwierig war nur, dass du den Zusammenhang zwischen der großartigen Aussicht und dem komischen Ding in deinem Gesicht noch nicht verstehen konntest. Wie oft hast du mit der Brille im Mund einen Wutanfall bekommen, weil irgendjemand den tollen Üblick gestohlen zu haben schien. Es dauerte aber nicht lange, da krabbeltest du morgens zu mir ins Bett, in einer Hand deine Brille, in der anderen meine.

Seither bist du nicht mehr zu bremsen, nichts entgeht deiner grenzenlosen Neugier, kein Wagnis ist dir zu groß. Schalter, Schiebetüren und Fahrstühle sind deine größten Leidenschaften. Als wir zwei Stunden wegen eines Weichenschadens auf einen Zug warten mussten, die Kleinkinder auf dem Bahnsteig übermüdet um die Wette plärrten und die Volksseele überzukochen drohte, fuhren wir bestgelaunt Fahrstuhl, rauf und runter, rauf und runter, es war dein schönster Ferientag.

Keine Brandblase, kein Bienenstich, kein blauer Fleck hält dich davon ab Dinge noch einmal zu probieren und nochmal und nochmal. Ahnst du eigentlich, wieviel Angst ich oft um dich habe? Unvergessen wie du mit zwei Jahren durchs Quartier wandertest, barfuß, in Pampers und pinkfarbenen Body, unverdrossen einen Elektrorasenmäher schiebend, einen Eimer mit Putztüchern unterm Arm. Der Rasenmäher sollte mit nach Hause. Als ich wieder Luft bekam, sicher wusste, dass du weder ertrunken noch überfahren worden warst, fand ich die Geschichte auch lustig.

Letzten Sonntag wieder, da drehte ich mich einmal um und du warst samt Laufrad veschwunden, nicht ein bisschen vorgefahren, sondern weg, richtig weg. Mal wieder suchte dich die halbe Schrebergartenkolonie. Dein großer Bruder fand dich an der Hand einer ratlosen Eisverkäuferin. Selbstbewusst hattest du dir eine Kugel Schoko mit bunten Streuseln bestellt, und erst als da niemand zum Bezahlen war, fiel auf, huch, der ist ja ganz allein unterwegs.

Sie müssen besser auf ihr Kind aufpassen, mahnen missbilligend die Männer, die immer auf der Brücke am Bach zu stehen scheinen und rauchen während ihre Kinder spielen und nicht weglaufen. Wissen Sie eigentlich, wie viele Kinder gestohlen werden?

Egal, wohin du gehst, wie lange du verschwunden bleibst, du weinst nie, du machst dir keine Sorgen gestohlen zu werden, du glaubst, du hast mit deinen vier Jahren das Leben im Griff, und wehe Erwachsene zweifeln deine Autonomie an, dann gehst du zum Angriff über, schlägst, trittst, beißt. Fünf Monate totale Fremdbestimmung und Schmerzen müssen mehr als genug gewesen sein. Und sage mir jetzt niemand, kleine Kinder trotzen halt, mit solchen Kinkerlitzchen gibst du nicht ab.

Explodiertes Kind, nennt die Frau von der Ergotherapie dich. Auseinandergeflogen und permanent dabei dich selbst wiederzufinden. Klopfend, kreischend, polternd suchst du Widerhall. Ziehst deine Haare, schlägst deinen Kopf, es muss doch alles irgendwie noch zu spüren sein, in immerwährender Bewegung, alles was angefasst wird, verortet dich sekundenlang Raum. I couldn’t feel, so I tried to touch, singt Leonard Cohen in seinem berühmten Hallelujah, und immer denke ich, dieser Satz wurde geschrieben für dich.

Du bist ein Kind, auf das man sich ganz einlassen muss. Wer nah bei dir ist, körperlich nah, den Kopf frei macht und nichts neben her tut, sich nicht irre machen lässt, durchbricht den Wall aus Lärm und Unruhe, der dich umschließt. Du findest dich und dann leuchten dein Witz, deine Phantasie, deine Lust am Singen, deine Leidenschaft für Geschichten, deine stürmischen Liebesbekundungen und dann zauberst du wieder, wieder und wieder.


Eine Liebeserklärung an den Großen Fundevogel gibt es jetzt auch.

Und nun auch eine für den wunderbaren großen Bruder.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert und verarbeitet. Ich selbst nutze die so erhobenen Daten nicht, schaue allenfalls mal in die Statistik (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

 

 

 

14 Gedanken zu “Vier Jahre Kleiner Fundevogel — Eine Liebeserklärung

    • fundevogelnest August 26, 2018 / 11:20 pm

      In der Pubertät wird es vermutlich wegen Umbaumaßnahmen geschlossen werden. Ist ja zum Glück noch etwas hin 😉

      Gefällt 1 Person

  1. charlotteweiss August 24, 2018 / 10:33 pm

    Welch wunderbare Liebeserklärung! Die mich einfach mit Tränen in den Augen sprachlos lässt…Doch zugleich mit Demut und Freude erfüllt, dass der kleine Vogel mit den Zauberkräften ein so umsorgendes Nest gefunden hat.
    Ganz liebe Grüße an die so mutige Fundevogelmutter
    Charlotte

    Gefällt 1 Person

  2. dergl August 25, 2018 / 12:35 pm

    So eine schöne Hommage. Kommt in die nächste Linksammlung, damit der Rest meiner Lesenden, der nicht auch bei dir liest ’ne Chance hat zu lesen, ja?

    Gefällt 1 Person

  3. eva August 28, 2018 / 10:06 pm

    was ein Wuselkind und was eine Hommage, eine Liebeserklärung, eine Lebenserklärung. Eine Fundevogelmutter mit seltsamem Humor und ein Vogelkind mit Zauberkräften. Hachz. Nochmal lesen. Hachz.

    Gefällt 1 Person

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