Letztjährige Sommergeschichte zum Ende des diesjährigen Sommers (Teil1)

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Die Sommerpause der von mir so geliebten ABC-Etüden neigt sich dem Ende zu. Mein diesjähriger Sommer zeichnete sich dadurch aus, ein Sommer ohne nennenswerte Pausen gewesen zu sein und geht nun langsam inhaliergerätrauschend in einen ebensolchen Herbst über. Ich spüre, dass es so nicht weitergehen kann und habe dieses und jenes angeschoben, damit ich mit meinem geliebten Nest kein Schiffbruch erleide.

Aber noch sind wir nicht ganz so weit und im Moment kommt immer noch alles mögliche dazu, bitte noch ein Bericht für das Jugendamt hier und das Finanzamt hätte gern … ach, und im weiteren Umkreis des Fundevogelnests da liegt eine im Sterben viel zu langsam und doch zwei, wenn nicht drei Generationen zu früh, auch das beschäftigt mich – innerlich – sehr und den ohnehin schon schwankenden Großen Fundevogel noch viel mehr.

Zu kurz bei alledem ist mal wieder das Etüdensommerpausenintermezzo gekommen. Da ist eine Geschichte und ich mag sie gern. Nur veröffentlichen mag ich sie jetzt noch nicht, sie ist noch nicht gut. Und ich mag mir jetzt gerade nicht noch mehr Zeitdruck antun. Sie kommt, wenn sie fertig ist.

Stattdessen stelle ich nun die letztjährige Sommerpausenintermezzogeschichte, das erste was ich für die Etüden schrieb, auf meinen Blog, den ich damals noch nicht hatte. Manchem wird die Geschichte also schon bekannt sein, aber es gibt ja auch viele, die bei Christiane nicht lesen.

Die Illustration ist etüdenvertraut von Ludwig Zeidler Aus der Graphik sind auch die vom Kreis der Etüdenverrückten gespendeten Wörter zu entnehmen, die in einem beliebig langen Text, in dem Regen eine Rolle spielen sollte, untergebracht werden mussten

2017_31_intermezzo_3

Um in diesem Urlaub überhaupt ein wenig Ruhe zu bekommen, steige ich jeden Morgen um fünf möglichst lautlos über den anklagenden Haufen nutzlos mitgeschleppter Badelatschen, Schwimmflügel und Plastikorcas. Mit Fleecejacke und Decke kuschele ich mich in einen Liegestuhl und lausche dem prasselnden Regen, während die Nacktschneckenscharen unter mir flanieren.

Ich liebe verregnete Sommer, Sprühregen im offenen Haar, anarchisch wucherndes Grün statt gelblich darbender Rasenflächen und wer nie während eines Schauers in einem See geschwommen ist, hat nicht richtig gelebt. Ich liebe auch die Explosion der Nacktschneckenpopulation, dieser außerirdisch anmutenden Daseinsform, die spießig zugerichtete Gärten dem Wildwuchs zurückgibt. Regensommer sind ein Fanal gegen billiges Fernsehreklameglück, ein regelverletzendes Festival.

Man sollte meinen mit dieser Einstellung würde ich den diesjährigen Sommerhausurlaub mit meinen beiden Freundinnen und unseren insgesamt sechs Kindern moralisch retten, aber das Gegenteil scheint zuzutreffen.

Das Haus war teuer, viel zu teuer für drei Alleinerziehende. Hauptsaison halt. Eigentlich hatten Elisabeth und ich Jessica in erster Linie deswegen gefragt, ob sie nicht Lust hätte mit uns zu fahren. Ein richtig gutes Gefühl hatten wir beide nicht, ich noch nicht mal bei dem Gedanken Elisabeths zarte Tochter Josephine mit meinen drei kleinen Monstern zwei Wochen lang zusammenzusperren. Aber wer denkt bei einem Sommerhaus schon an einen Mutter- und Kindpferch? Endlose Dünen, Meer und Strand lagen vor uns, wir planten allenfalls die Mittagsstunden von der Hitze gebändigt im Haus verbringen, während der an alte Filme gemahnende, riesige Ventilator sich über uns drehen würde. Die letzten Wochen vor Ferienbeginn waren heiß und trocken gewesen. Dauernd hatte ein Kind zur Unzeit vor der Haustür gestanden und „hitzefrei“ geträllert. Ich bin keine Wetterrassistin. Ich freute mich an heißem Sand unter nackten Füßen genau wie am barfüßigen Pfützenplanschen.

Wenn Mio, mein Jüngster, zu quaken beginnt, werde ich ihn mit auf die Terrasse nehmen,um den anderen ein noch ein wenig Schlaf zu gönnen.Gegen sieben werde ich den Kaminofen anheizen. Leider ist auch das Feuerholz feucht, sodass es wieder reichlich Qualm, Gestank und Klagen geben wird. Jessicas Jungs werden entgegen der Absprachen schon beim Frühstück auf ihren I-Pads herumwischen, was meine Kinder, die keine haben, maximal unfair finden werden. Mein Ältester wird Josephine ärgern, die ihm jedes Mal den Gefallen tut, in Tränen auszubrechen. Noch unangenehmer wird mir das Kreischen des Kleinen sein. Den Frauen geht es höllisch auf die Nerven, schlimmer ist, dass Josephine wirklich leidet. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten sitzt sie elend da und mag kaum noch essen. Egal, was die anderen von mir verlangen, ich kann gegen Mios Kreischen nichts tun. Genauso wenig kann ich ihm abgewöhnen jeden an den Haaren zu ziehen und ausgerechnet Josephines roten Locken scheinen die attraktivsten zu sein. Ich bin genauso zermürbt wie sie, weshalb ich Elisabeths Vorwurf, ich würde Mio alle durchgehen lassen und Josephine sei mir egal, unerträglich finde.

Bevor wir Kinder hatten, sind Elisabeth und ich jedes Jahr gemeinsam verreist. Ich kann mich an keinen ernsthaften Streit erinnern, weder bei Sonne noch bei Regen. Einmal trampten wir Regenschauern trotzend den halben Tag, nur um in der Nähe von Zürich eines der berühmten Höhenfeuer zur Bundesfeier zu sehen. Entgegen aller Vorhersagen klarte es zum Abend hin nicht auf, sondern ein Unwetter mit Starkregen, Orkanböen und Erdrutschen setzte ein, sodass das Feuer zum ersten Mal seit Menschengedenken abgesagt werden musste. Verfroren in klammen Kleidern landeten wir in einer abgewirtschafteten Pizzeria und verfassten ein geniales Gedicht über unser Pech. Aufgetrocknet und nicht mehr ganz so besoffen stellten wir fest, dass es eher nicht genial war, aber es hatte den Humor und die Leichtigkeit, die wir im diesjährigen Urlaub vergessen haben einzupacken.

Die Elisabeth überhaupt in den letzten Jahren abgewöhnt worden ist, Josephine ist ihre Nichte. Sie hat sie im Alter von drei Jahren zu sich genommen, nachdem Elisabeths Bruder und seine Frau bei einem grauenhaften Unfall ums Leben gekommen waren. Die Kleine sieht aus wie eine Elfe, grünäugig, rothaarig, milchfarbener Teint, fast ganz ohne die erwartbaren Sommersprossen und das kreativste Kind, das mir je untergekommen ist. Sie singt, tanzt, spielt Querflöte und vor allem malt sie, mit Filzstiften, Wachskreide, Wasserfarbe – immer bezaubernd. Auf einem Kleinkindgeburtstag plante ich mit den Kindern mit Wasser auf der sonnenbeschienen Terrasse zu malen, das hatte ich als ultimativen Tipp in einer Elternzeitschrift gelesen. Meine Kinder planschten wie die Irren und dachten nicht daran sich als Wassermaler zu betätigen. Allein Josephine tupfte hingebungsvoll eine Libelle auf die Platten. „Schnell ein Foto, ehe die Sonne alles ausradiert“, gerade hatte ich die Kamera scharf gestellt hatte, da kippte meine Tochter den Wassereimer um. Und Josephine nimmt sich immer alles so zu Herzen, nach Monaten noch erwähnte sie die tragisch ersäufte Libelle. Alles Unkontrollierte ist ihr zu viel, dies‘ ist die erste Reise, die Elisabeth mit ihr wagt.

Ich bekam in meiner schludrigen Art drei Kinder von drei Männern, beim letzten Kind hatte die Biologie leider mitgeschludert und ein kleines Anhängsel an einem Chromosomen vergessen. Erstaunlich was so ein Anhängselchen ausmachen kann. Mio ist als einziger Reiseteilnehmer völlig unempfänglich für die wuchernde schlechte Laune. Nach dem Frühstück werde ich ihn im Rekordtempo in seinen Regenanzug stopfen und die „unfair, die dürfen I-Pad, und wir …“ , lamentierenden Geschwister aus dem Haus scheuchen, auf dass die anderen sich von uns erholen können. Das Gejammer wird erfahrungsgemäß schnell nachlassen, meine Kinder finden Zauberdrachen im modrig riechenden, flechtenüberzogenen Wald und Piratenschätze zwischen den schwellenden Prielen am Strand, ihr ewiger Lärm verhallt in der unendlichen Weite. Als Mio gestern zufrieden eine Qualle zerkaute, gab es niemanden weit und breit, der sich darüber hätte aufregen können..

Aber irgendwann werden wir nass und verfroren sein, Mio in der Rückentrage wird von Minute zu Minute schwerer werden und die Sehnsucht nach I-Pad, Kartenspielen und Büchern vorm Feuer übermächtig. Und ich will nicht auch noch die sein, die sich immer vor dem Kochen drückt

Der Abend wird auch so schon hart genug. Jessica eingeschnappt vor dem Fernseher. Elisabeth und ich mit Wein im Schlafzimmer. Josephine ist am Ende ihrer Kräfte, das Kreischen, das Wetter, die Vorstellung der aufgefutterten Qualle, die meine Tochter natürlich genüsslich hinterbringen musste, meine Schnapsidee Jessica mit ihrer ordinären Wortwahl und der I-Pad süchtigen Brut mitzunehmen … und ich, ich würde die ganze Zeit so tun als sei das alles nicht so schlimm und mein Kleiner sei eben so. Kein bisschen Einfühlungsvermögen.

Mio ist wach, kaum habe ich ihn in zu mir in den Liegestuhl bugsiert und drehe geduldig Fingerchen aus meinen Haaren, steht plötzlich Elisabeth auf der Terrasse, angewidert schiebt sie die Nacktschnecken mit ihrem Schuh zur Seite.

Er schreit doch gar nicht mehr“, ich merke selbst wie vorbeugend patzig das klingt. Aber ich ertrage jetzt noch kein Krisengespräch.

Sag ich ja gar nicht. Aber du … ich habe Josephine gestern von unserer Schweizreise erzählt … du weißt schon, das verhagelte Höhenfeuer … hast du das Gedicht noch irgendwo?“

Ich kann es auswendig.“

Echt jetzt?“

Sie schiebt einen zweiten Liegestuhl neben meinen und sieht mich erwartungsvoll an, gedankenverloren streichelt sie Mios Hand in meiner Hand.

Fortsetzung folgt

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3 Gedanken zu “Letztjährige Sommergeschichte zum Ende des diesjährigen Sommers (Teil1)

  1. Christiane September 7, 2018 / 6:51 pm

    Ich erinnere mich gut. Ich weiß, dass ich sie damals schon ganz zauberhaft und irgendwie magisch fand. Hat sich nicht geändert.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

  2. violaetcetera September 7, 2018 / 10:31 pm

    Mit verregneten Urlauben bin ich aus meiner Kindheit auch bestens vertraut… nicht immer einfach, da die Stimmung aufrecht zu erhalten. Mir gefällt vor allem der Ausdruck „Wetterrassistin“ ausgesprochen gut!

    Gefällt 1 Person

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