Letztjährige Sommergeschichte zum Ende des diesjährigen Sommers (Teil2)

Der erste Teil und ein paar Erläuterungen wie es zu der Geschichte gekommen ist, stehen hier.

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Ich deklamiere so laut ich es mich um diese Uhrzeit traue und wir kichern hemmungslos wie damals nach dem verpatzten Ausflug zum Höhenfeuer.

Danke, das habe ich gebraucht“, japst Elisabeth. Mio lacht ohne zu verstehen schallend mit und das ist natürlich zu laut.

Was hast du gebraucht?“ Wie ein verspätetes Nachtgespenst steht meine Tochter Jona in Nachthemd und Badelatschen hinter meinem Liegestuhl, auch Josephine kommt um die Ecke, misstrauisch beäugt sie den kichernden Mio.

Quatsch“, sagt Elisabeth. „Wir haben gerade ein bisschen Quatsch gebraucht.“

Oh ja“, schlägt Jona vor. „Wir machen heute einen Quatschtag“.

Quatschtag ist genau das, was ich brauche“, stimme ich zu. „Quatschtag und streitfrei“.

Josephine sieht mich durchdringend an. „Heißt streitfrei ein Tag ohne Streit? Oder heißt es, dass wir alle frei haben, weil ihr euch zuviel streitet, also so wie hitzefrei bei zuviel Hitze?“

Ich glaube, ich starre sie mit offenem Mund an. Ich halte weder meinen großen Sohn noch meine Tochter für blöd, aber so etwas gewitztes hat noch keiner von ihnen mal eben so gesagt.

Pfrapp,pfrapp,prrapp… wir schauen verdutzt hinein ins Wohnzimmer … ach ja, der riesige Ventilator, der uns im Katalog so fasziniert hatte. Am Einzugstag hatten wir ihn probelaufen lassen. Er war nicht nur angesichts des Urlaubswetters nutzlos, er war außerdem irre laut und wirbelte gewaltige Staubwolken durch den Raum.

Ey … es ist sechs Uhr, kriegt man denn hier nie seine Ruhe?“, wie eine gereizte Muräne kommt Jessica aus ihrem Zimmer geschossen und schaltet den Ventilator ab.

Heute ist Quatschtag“, versucht Jona sich zu verteidigen.

So ein Quatsch!“, türknallend verschwindet Jessica.

Beim Frühstück beschließt Jona, dass ein Quatschtag mit ausgiebigem Schlammhüpfen im Morast begangen werden muss. Wir haben im Wald einen hervorragenden Platz dafür entdeckt.

Willst du mit?“ frage ich Josephine. „Kommt Mio auch mit?“ , murmelt sie blass unter ihren sparsamen Sommersprossen.

Ehe ich wieder patzig werden kann, sagt Elisabeth: „Soll ich mich euch gehen? Dann kann Mio mal seine Mama für sich allein haben.“

Äh …ja … warum nicht. Sogar die eine Hälfte der I-Pad-Fraktion schließt sich der in kunterbuntes Plastik gewandeten Expedition an.

Ich genieße streitfrei nach Josephines Definition im leichten Nieselregen auf der Terrasse. Bald gesellt sich Tyler, Jessicas dagebliebener Sohn, zu Mio und mir.

Isst der auch Nachtschnecken?“, fragt er und starrt gebannt auf Mio. Die Geschichte mit der Qualle hat Eindruck hinterlassen.

Keine Ahnung, eine mit Gehäuse hatte er schon mal im Mund. Vielleicht hast du Glück.“

Mio scheint heute keinen Appetit auf Nacktschnecken zu haben, er zerkaut unspektakulär einen Schwimmflügel.

Stört es dich, wenn ich eben eine schmöke?“, fragt Jessica.

Nein, mach‘ nur“, sage ich, obwohl der Qualm mich erheblich stört, aber wir wollten heute ja streitfrei haben.

Mio krabbelt unter ein Gebüsch. Tyler folgt ihm und ruft plötzlich ganz aufgeregt: „Mama, komm schnell, der Vogel da ist krank“

Tatsächlich, dort liegt eine junge Dohle, der Flügel hängt in einem beängstigenden Winkel herab. Abgemagert ist sie und wehrt sich kaum.

Während ich hilflos herumstehe – und in Gedanken schon Josephines schreckgeweitete Augen sehe – birgt Jessica das elende Tier im Nu, bettet es in einen Kinderkoffer, erwärmt Handtücher im Backofen, wühlt in meiner Reiseapotheke nach Desinfektionsmitteln und schickt mich mit den Kindern Hackfleisch kaufen, das sie dem entkräfteten Vogel behutsam in den Schnabel portioniert.

Und frag‘ doch bitte bei der Touristenformation,ob es hier irgendwo einen Tierarzt gibt“.

Wenn dieses Vieh eine Überlebenschance, heißt sie Jessica.

Als Elisabeth und die Kinder nass, ausgetobt, mit Kuchen und einer Großpackung Wassermaler im Gepäck zurück kommen, hat unsere neue Mitbewohnerin schon einen wacheren Blick.

Den ganzen Abend beugen sich besorgte Menschen über sie, wird sie von allen Seiten fotografiert und mit liebevollen Worten umhüllt. Tyler sonnt sich in seiner Retterrolle und niemand spricht über das Wetter. Damit Mios Kreischen gefiederte und andere Wesen nicht überstrapaziert, ziehe ich mich ein wenig mit ihm zurück. Bald pocht Elisabeth an die Tür.

Unser Höhenfeuergedicht hat den Tag gerettet.“

In gewisser Hinsicht war es doch genial.“

Wir sollten über den heutigen Tag ein Gedicht schreiben, damit wir den morgigen überleben.“

Tag für Tag ein Gedicht,um den Urlaub zu überleben.Was für ein Konzept!

Mio ist eingenickt, träge liegen wir nebeneinander auf dem Bett und lauschen dem Sound des Regens auf dem Blechdach. Das Gedicht wird uns schon noch finden.


In der Originalversion bekam der Jungvogel noch Katzenfutter zum Aufpäppeln. Via Kommentar lernte ich, dass das für Wildvögel nicht bekömmlich sei, egal wieviele Hühnerküken ich so schon großgezogen habe. Deshalb habe ich das geändert.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert und verarbeitet. Ich selbst nutze die so erhobenen Daten nicht, schaue allenfalls mal in die Statistik (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

Ein Gedanke zu “Letztjährige Sommergeschichte zum Ende des diesjährigen Sommers (Teil2)

  1. Christiane September 7, 2018 / 6:49 pm

    Ach Mensch, Natalie, schöne Idee, die Geschichte noch mal einzustellen, die kann man gut öfter als einmal lesen.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

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