Der Vogel ist müde (ABC-Etüde)

Die Etüdensommerpause ist vorbei und mein Etüdensommerpausenintermezzobeitrag liegt noch immer auf der Werft …

Aber nun nimmt der reguläre Etüdenbetrieb wieder Fahrt auf.

Christiane, die Etüdenpflegerin, die diese Woche auch Wortspenderin und Illustratorin in Personalunion ist (!) hat neue Regeln aufgestellt. Statt in zehn Sätzen müssen die drei gespendeten Wörter

Kunst

müde

verschwenden

nun in höchsten 300 (wahlweise 250) Wörtern untergebracht werden.

Mit 299 Wörtern habe ich das gerade eben so geschafft und ich habe es genossen. Das Zehnsatzlimit war eine ziemlich Herausforderung für mich, an der ich gefühlt jede Etüdenrunde gescheitert bin.

Kommen Sie gut in den Herbst, wenn es zurzeit einen Ort gibt an dem ich gern wäre bzw. wo ich das Gefühle habe, da sollte ich sein, wäre das der Hambacher Forst.

Aber ich bin nun mal hier.

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Meine Mutter hatte keinen Wellensittich, keinen Kanari und auch keine Zebrafinken. Keine Krähe saß auf ihrer Schulter. Ihr Vogel war einer von denen, die durch Tippen an die Stirne benannt werden. Unsichtbar war er, dabei hätte ich als Kind so gern mit ihm geprahlt. Die Kunst des Vogels machte mich dennoch zu einer gefragten Spielkamaradin, denn was unsichtbar auf Mutters Schulter thronte, erzählte. Und wie es erzählte: Wünsche erfüllende Geschirrspülmaschinen, unter Heizungen versteckte Feen, ein in der Wüste verirrter Klabautermann, eine tragisch in eine Stand-Up-Paddlerin verliebte Qualle. Freigiebig erzählte Mutter des Vogels Geschichten. Auf jedem Spielplatz bildete sich ein Kreis um sie, im Zug, im Wartezimmer der Kinderärztin.

Wenn sie am Infostand von amnesty international ihre ehrenamtlichen Dienste tat, erzählte sie die wahren Tragödien. Uns sie gab sie so wieder, dass man an ihren Lippen hing wie einer modernen Sherezade. Schon die erzählte gegen ein Todesurteil an.

„Schreib‘ das auf“, bettelten die Mütter der Spielplatzkinder. „Schreib‘ das auf“, beschworen die Amnestykollegen.  Als sie die achtzig überschritten hatte, begann ich aufzuschreiben, doch meine Zeilen gerieten zu leblosen Schatten.

So knickrig sie mit Essensresten war, so verschwenderisch erzählte sie. Nie gab es eine Geschichte zweimal, aber endlose Fortsetzungsdramen, in denen der Vogel nie den Faden verlor. Sie sah schließlich kaum noch und der Blutzucker war exorbitant. Selbst mit Rollator dauerten ihre Wege schier endlos, nur der Vogel funktionierte weiterhin einwandfrei.

„Erzählen“, bettelte meine Enkelin heute früh, doch die Uromi schüttelte den Kopf „Der Vogel ist müde, Herzchen. Später“, und sie tippelte mit dem Rollator in den Garten, wo es nach Äpfeln roch und der Sommer seine letzte Hitze verschwendete.

Der Nachbar fand sie, ihr weißes Haar vereinte sich mit dem trockenen Gras. „Ein guter Tod“, sagte der Nachbar. Er drückte meine Hand und ich sah die hellgraue Feder in ihrem Haar.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert und verarbeitet. Ich selbst nutze die so erhobenen Daten nicht, schaue allenfalls mal in die Statistik (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

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11 Gedanken zu “Der Vogel ist müde (ABC-Etüde)

  1. gkazakou September 13, 2018 / 9:48 pm

    Ein so schöner Text. Und wenn das tatsächlich deine Mutter war, dann bist du eine Gesegnete.
    Auch ich wäre heute gern im Hambacher Forst. Aber ich bin hier.

    Gefällt 4 Personen

    • fundevogelnest September 13, 2018 / 9:54 pm

      Meine Eltern haben sehr viel vorgelesen, wofür ich ihnen immer dankbar sein werde.
      Meine Mutter lebt noch und mein Vater hatte einen sehr schweren Tod.
      Die Geschichtenausdenkerin der Familie bin ich.

      Gefällt 3 Personen

  2. Christiane September 14, 2018 / 8:39 am

    Wie schön, der Satz mit der Feder! Ich schaue in deinen Geschichten immer nach dem Punkt, wo die Magie hereinschleicht.
    Freut mich, dass auch dir die Umstellung auf 300 Wörter so gut gefällt.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

    • fundevogelnest September 14, 2018 / 9:16 pm

      Hat nicht allein die Fähigkeit einander Geschichten zu erzählen schon etwas von Magie?Ja ich freue mich da Punkte hinzusetzen wo Punkte hingehören anstatt mir immer irgendwelche Satzungetüme zu basteln.
      Herzliche Grüße
      Natalie

      Gefällt 1 Person

  3. Elke H. Speidel September 14, 2018 / 8:55 am

    Welch eine wunderbare Geschichte! Ich glaube, der Vogel dieser imaginären, verstorbenen Urgroßmutter hat sich bei meiner Enkeltochter eingenistet. Er lebt also definitiv noch. Oder ist es nur seine Zwillingsschwester? Seine Ur-ur-ur-ur…Enkelin? 😉

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest September 14, 2018 / 9:27 pm

      Verehrte Frau Speidel,
      Beim gemeinen Erzählvogel ist die Fortpflanzung nicht endgültig erforscht. Manche Gelehrte vertreten die Meinung, Erzählvögel seien unstreblich und würden nach dem Tod eines Erzählenden einen anderen Menschen zu ihrem Wirkungort machen.
      Eine andere Schule, der ich als Gefährtin eines Erzählvogels anhänge, behauptet der einzelne Erzählvogel sei sterblich und lege seine Eier in denjenigen ab, die ihm mit Hingabe zuhören, wobei nicht jedes Ei zum Schlupf kommt.
      Da wir davon ausgehen sollten, dass Sie Ihrer Enkelin viel erzählen, wäre ihr junger Erzählvogel ein weitere Beleg für diese Theorie.
      Mfg
      N. Fundevogel, Poesieornithologin

      Gefällt mir

    • fundevogelnest September 14, 2018 / 9:38 pm

      Liebe Viola, Wenn du das Talent der Dame meinst, für amnesty zu erzählen, gebe ich dir eindeutig recht. Es gibt viele Romane zum Thema Menschenrechte, die sind einfach zu „gewollt“, der erzählerische Funke springt nicht über .
      Ich versuche mich auch immer wieder daran und finde die Balance zwischen Wahrhaftigkeit, dem Vermitteln einer Botschaft, dem erzählerischen Anspuch und der Würde des Menschen über den ich schreibe zu finden eine hohe Kunst, die ich gern erlernen würde. An dieser Selle mal wieder Werbung für Swetlana Alexijewitsch als hervorragendes Beispiel.
      Schönen Abend noch
      Natalie

      Gefällt 1 Person

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