Im Kastanienmeer

Plötzlich liegt die erste auf dem Gehweg. Wie magnetisch angezogen streckt man die Hand nach ihr, hebt sie auf und lässt die glatte Oberfläche der Hand schmeicheln, fährt wenn keiner guckt seidenweich mit ihr durchs Gesicht, schnuppert kurz, steckt sie in die Tasche und lässt sie im Bus wieder und wieder durch die Hände gleiten und weiß: Der Sommer ist unwiderruflich vorbei.

Bald werden es mehr, die Taschen beulen sich, im Fahrradkorb klackern und kullern sie während der Fahrt herum. Eine frühe und reiche Ernte ist es in diesem Jahr.

Und weil der Kleine Fundevogel nicht mehr im Bach spielen kann und es auch auf dem Spielplatz irgendwann kühl und dunkel wird, tragen wir die Körbe aus dem Keller wieder hoch.

Verheißungsvoll glänzende und in Würde verschrumpelte Kastanien vereinen sich zu einem Strom, der erst das Kinderzimmer flutet und dann den Rest des Fundevogelnests.

In der Frühförderstelle hatten sie eine Kastanienkiste. Und eine noch viele größere Kiste voller getrockneter Bohnen. Der Kleine Fundevogel tauchte voll Wonne in diese geernteten Elemente, liebte es, zu versinken ohne zu ertrinken, die nackten Füße in die Masse zu bohren, sich zu suhlen, zu schippen, zu baggern, zu sein.

Sensorische Integration nennen die Ergotherapeutinnen solche Spiele, die den Körper umhüllen, umfassen, ihn nachspüren lehren, wo er anfängt und aufhört, den Körper im irdischen Raum verankern, auf das Seele und Geist ein sicheres Heim auf Erden haben.

Was dem Kleinen Fundevogel so gut tut, das soll er doch öfter als einmal die Woche fünfundvierzig Minuten lang genießen dürfen, dachte ich mir und fing an zu sammeln. Viele, viele Tüten voll und alle Kastanien, die der Hausherr beim Laubharken fand, stellte er in einer pinken Plastikschüssel für uns beiseite.

Erst war es nur ein Einkaufskorb, dann ein größerer Hundekorb, jetzt steht schon eine kleine Sandkiste aus Kunststoff im Kinderzimmer, das mit dem Eintauchen klappt immer besser und auch ich habe Freude daran mit nackten Füßen durch die Kastanienkiste zu waten. Es hat den gleichen Reiz wie sich am Meer die Schuhe und Strümpfe auszuziehen und im Meeresrand zu laufen. Aber statt Kälte, Kies, gewelltem Sand und Muschelsplittern, sind da Glätte und Hubbel, angenehme Kühle und eine waldartige Feuchtigkeit.

Schnell branden die Kastanien über die Deichkrone ihrer Kiste, sie wogen und rollen durch die Wohnung. Jeder Schritt hat das Echo kullernder Kastanien. Sie finden in unsere Schuhe und Schränke. Morgens bezeugen sie zwischen unseren Laken, dass wir niemals echte Prinzessinnen sein werden. Wenn ich den Backofen öffne, stehen da Schüsseln und Backformen voller Kastanien, manchmal stehen sie auch im Kühlschrank. In der Waschmaschine rumpeln die, die sich in Hosenaufschlägen und Jackentaschen versteckt hatten. Oder ich nehme sie gleich als Waschmittel, die Wäsche wird übrigens wirklich sauber. Regelmäßig angele ich Kastanien aus dem verstopften Schlund des Staubsaugers, letztes Jahr musste eine aus dem Abflussrohr des Waschbeckens geborgen werden, gemeinsam mit einer Kinderzahnbürste. Stofftiere speisen Kastanien und handeln mit ihnen. Andere Kastanien  werden vom Kleinen Fundevogel zerbissen oder durchs Klo gespült. Wenn die Sturmstärke zunimmt, fliegen sie durch die Lüfte wie die Kanonenkugeln bei der Schlacht von Trafalgar. Doch noch nie durchschoss eine das Türglas und noch keine schlug eine Wunde, die ärztlich geklebt werden musste, wie das pädagogisch wertvolle Ostheimer Pferdchen.

Wir seltsame Fische in einem Kastanienmeer leben wir im Herbst.

Früh bin ich heute morgen aufgewacht, im diffusen Licht in die Küche getappt, Kastanien umspielen die Füße wie die allerletzten Ausläufer einer freundlichen Brandung. Auf dem Tisch liegt eine große gestreifte Zucchini und ein Schüsselchen mit den ersten Herbsthimbeeren und ich werde von Dankbarkeit überschwemmt.

Welche Fülle, noch immer und trotz allem. Bald ist Erntedank, das irdischste alle Feste im Jahreskreis.

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4 Gedanken zu “Im Kastanienmeer

  1. Anna-Lena September 26, 2018 / 7:37 pm

    Ich habe schon fleißig Kastanien gesammelt, denn zusammen mit den kleinen orangefarbenen Lampionblüten bilden sie meine Herbstdeko auf allen meinen Fensterbänken …

    Gefällt 1 Person

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