Der skrupulöse Mann (ABC-Etüde)

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Die Wörter zur aktuellen Etüdenrunde durfte Gerda Kazakou spenden

Genuss

skrupulös

schneiden

sollten mit höchstens 297 weitern Wörtern zu einem Text beliebigen Genres verarbeitet werden.

Ich hatte diesmal das Glück nicht nur in virtueller, sondern auch in realer Gesellschaft schreiben zu dürfen, da ich mit der Herzensfreundin in Urlaub war und sie sich beherzt auf das Projekt einließ. Es hat mich getröstet, dass auch sie, im Gegensatz zu mir studiert, das Wort skrupulös noch nicht kannte. Beim Schreiben mit der Hand war es etwas schwierig die Wortzahl im Blick zu behalten, in dem Fall wären zehn Sätze einfacher gewesen. Ich musste etwas kürzen im Nachhinein. Meine Freundin ist auch bei 320 Wörtern und möchte über ihre Geschichte noch mal drüberschauen und dann darf ich sie hier einstellen.

An Christiane geht der Dank für die getreue Organisation und das Bild. Alle bei ihr eingetrudelten Etüden finden sich unter dem obigen Link.

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Skrupulös nennt Großmama den Mann, der jetzt in der vorderen Mansarde wohnt. Der Mann davor ist ausgezogen, weil er eine Wohnung gefunden hat. Said hieß er und ich vermisse ihn sehr. Er kochte oft für uns, obwohl Großmama vor Peinlichkeit darüber fast verging. Singend hatte er in der Küche gestanden, geschnitten, gerührt, abgeschmeckt und wenn jemand das Essen nicht zu mögen schien, zauberte er während der Mahlzeit schnell noch eine kleine Beilage.

Said, Ihre Küche ist der vollendete Genuss, hatte Papa einmal ausgerufen und Said hatte glucksend gelacht.

Der neue Mann in der Mansarde kocht nicht, singt nicht, lacht nicht. Wie ein Gespenst huscht er zur Türe hinein, die Treppe hinauf und schließt hinter sich ab. Seine blitzblank geputzen Schuhe stehen am Treppenabsatz, so ordentlich nebeneinander, als hätte er ihre Stellplätze mit Lineal auf den Fußboden gezeichnet.

Ich frage mich, ob es weh tut skrupulös zu sein, weil er immer so gequält aussieht. Und ob er daran sterben wird, frage ich mich, denn wenn in Büchern Leute tuberkulös sind sterben sie fast immer. Der skrupulöse Mann tut mir leid, ein bisschen unheimlich finde ich ihn aber auch.

Es ist unsere Christenpflicht und den Platz haben wir auch, hatte der Papa zur Frau Steffen gesagt, als sie wissen wollte, warum nach Said noch der skrupulöse Mann in die Mansarde gezogen war. Da hat die Frau Steffen, die noch viel mehr Platz hat, nichts mehr gesagt.

Großmama schickt mich hoch meine Schwester, die mit ihren stolzen zwölf Jahren in der hinteren Mansarde wohnt, zum Essen zu holen.

Da winkt uns der skrupulöse Mann in sein Zimmer und schenkt uns jeder ein Bild. Die Bilder sehen aus wie gemalt, doch sie sind aus allerwinzigsten Papierschnipselchen auf Pizzakartons geklebt. Meine Schwester bekommt eine Rose und ich einen Fuchs. Er sieht aus wie lebendig.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert und verarbeitet. Ich selbst nutze die so erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

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17 Gedanken zu “Der skrupulöse Mann (ABC-Etüde)

    • fundevogelnest Oktober 16, 2018 / 10:46 am

      Ja, besonders bei sehr verschlossenen Menschen. Angst machte dem Kind ja auch das Wort skrupulös, ich hatte es vor Gerdas Wortspende nicht gekannt und meinen Assoziationen dazu freien Lauf gelassen. Auf die richtige Bedeutung wäre ich ohne Duden nicht gekommen.
      Liebe Grüße
      Natalie

      Gefällt mir

  1. Christiane Oktober 15, 2018 / 9:20 pm

    „Christenpflicht“ habe ich schon lange nicht mehr gehört. Der skrupulöse Mann tut mir leid, du lässt ihn wirken, als ob er immer noch auf der Flucht wäre, und dann frage ich mich, vor welchen Erinnerungen er wohl fliehen mag. Dennoch durchzuckte mich beim Lesen auch Erleichterung, als die Geschichte keine Wendung in die von Elke angedeutete Richtung nahm.
    Nachdenkliche Grüße
    Christiane, die auch Füchse mag …

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Oktober 16, 2018 / 11:20 am

      Liebe Elke, liebe Christiane,
      Oh, habe ich in meine kleinen Mädchen leichtfertig in Gefahr gebracht? Haben Männer ihren Ruf mittlerweile so ruiniert, dass Untervermietung oder Obdachgabe an Männer für Eltern nicht mehr verantwortbar ist?
      Bei uns wohnten zeitweilig Studenten zur Untermiete, auch Männer, auch Ausländer.
      Ich empfand sie als Bereicherung.
      So wichtig, so unverzichtbar, so überlebensnotwendig ist die Sensibilisierung für sexuelle Gewalt – doch auch hier scheint manches Kind mit dem Bade ausgeschüttet zu werden.Auch, dass so viele Kinder, Grundschulkinder, keine Kleinkinder, nicht mehr unbeaufsichtigt draußen spielen dürfen (deswegen!),schützt sie vielleicht und nimmt ihnen so viel.
      Die Balance wie immer unendlich schwer, auch riskant.
      Der Mann hätte natürlich auch Terrorist sein können, eine Pflegefamilie in Süddeutschland beherbergte einen unbegleiteten Flüchtling, der zum Mörder wurde.
      Kein Mensch sollte so etwas grauenhaftes erleben müssen, aber sich deswegen komplett einigeln? Allen, die Hilfe brauchen, Hilfe versagen?
      Ich lasse meinem geistig eingeschränkten Mädchen, die Freiheit endlos durch den norddeutschen Regionalverkehr so gondeln. Mich würgt oft die Angst , wem sie da begenen könnte, aber ich sehe, wie sehr sie diese Freiheit bracht.
      Nichts ist eindeutig. Die Gefahr fehler zu machen lauert überall.
      Ich hoffe, dass meine Mädchen (also die in der Etüde) durch ihre offensichtlich große fürsorgliche Familie und innere Stärke geschützt sind .Wenn sie nicht bald zum Essen erschienen wären, hätte doch ein Erwachsener schauen gehen sollen… ich täte es.

      Natalie, nun auch nachdenklich

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      • Christiane Oktober 16, 2018 / 12:19 pm

        Weißt du, liebe Natalie, „in Wirklichkeit“ ist das alles wahrscheinlich völlig harmlos und deine Mädchen vermutlich nicht im Geringsten in Gefahr. Aber in der zugespitzten, isolierten Situation der Etüde wartet man als Leser darauf, dass etwas passiert – und da wappne ich mich innerlich schon dagegen, vielleicht, oh, hoffentlich nicht, wieder „so eine“ Geschichte lesen zu müssen. Der Fehler liegt also in der Erwartungshaltung des Lesers und NICHT bei dir, in den Umständen, die du schilderst. Ich bin von der Buchmesse mit einer Postkarte heimgekehrt, auf der steht: „Vertrauen ist die stillste Form von Mut.“ Ich finde diesen Satz atemberaubend gut (ein Autor ist übrigens nicht genannt), und er drückt das aus, was ich zu sagen versuche: Nein, deine Personen in deiner Geschichte machen alles richtig, nur ich als Leser erwarte/fürchte einen schlimmen Höhepunkt.
        Liebe Grüße
        Christiane

        Gefällt 4 Personen

        • fundevogelnest Oktober 16, 2018 / 8:46 pm

          Oh ja, das Postkartenzitat ist sehr treffend, werde ich mir merken. Danke dafür.
          Ich finde es irgendwie bedrückend, dass wenn in einer Geschichte, ein Mann, ein ausländischer Mann, ein seltsamer Mann, Kontakt zu zwei Mädchen aufnimmt, sofort diese Assoziation da ist.
          Und ehe jetzt eine schreit, das sei die „Schuld“ von #metoo und Co, es ist die Schuld derer, die über Jahrhunderte viel zu viel Präzedensfälle schufen, ihr ganzes Geschlecht in Misskredit brachten.
          Das führt dann dazu, dass ich in der Nachtschicht, nicht wissend was ich zu erst tun soll, den Hernn Kinderarzt zu einer frisch operierten Vierzehnjährigen begleiten muss, wo ich während der Untersuchung dumm rumstehe (für Smalltalk ist das Kind zu müde), nur damit keiner hinterher sagt … Dass ich die halbe Nacht mit einem gleichaltrigen Jungen allein bin, interessiert niemanden. Vielleicht ist diese Überpräsenz von sexuellem Missbrauch in Geschichten ein Schritt zur Heilung, denn darüber reden ist wichtig.
          Natalie, immer noch nachdenklich

          Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Oktober 16, 2018 / 9:15 pm

      Ein wenig auch das.
      Meine erste Idee war mir zu kompliziert zu beschreiben, sie geht auf eine Begenung zurück, die ich als Kind mit einem wohl ebenfalls skrupulösen Mann hatte. Ich versuch es mal hier zu beschreiben: Wir waren als ganze Familie wegen irgendwelcher Zugausfälle recht spät in Hannover gestrandet und haben in einem Bahnhofslokal etwas Warmes getrunken.
      In unserer Nähe saß ein älterer Herr, einen gewaltigen Bart hatte er, meine Mutter meinte, als wir später darüber sprachen, es war ein Obdachloser. Er kritzelte hingebungsvoll mit Kuli auf kleinen Zetteln. Auf den ersten Blick sah es wie ein Barcode auf Waren aus.Wenn man die Zettel aber direkt waagerecht vor die Augen hielt, also aus einer Art Froschperspektive drauf guckte (ich versuche es gerade, so kann man normalerweise nichts entziffern), sah man, dass es perspektivisch verzerrte Buchstaben waren und konnte sie lesen. Auf meinem Zettel stand „Einen schwarzen Hund kann man nicht weiß waschen“, ich hatte ihn noch lange, irgendwann ging er verloren, aber die Geschichte ist noch da.
      Liebe Grüße
      Natalie

      Gefällt 3 Personen

      • Myriade Oktober 16, 2018 / 11:08 pm

        So ein faszinierendes Erlebnis, an dem man als Kind lange rätseln kann ….. Was „skrupulös“ betrifft, so ist das für mich einfach ein Synonym für „besonders sorgfältig“ . Du hast es hier aber, glaube ich, etwas anders verwendet.

        Gefällt 3 Personen

        • fundevogelnest Oktober 16, 2018 / 11:22 pm

          Wie gesagt, das Wort war mir neu, in der Etüde bin ich es dann auch so angegangen, dass das erzählende Kind das Wort nicht kennt und daran rumrätselt. Die Großmutter hat sich in ihrer Bemerkung vielleicht ja auf die akkuraten Schnipselbilder berufen.
          Die Buchstaben des Herrn vom Hannoveraner Hauptbahnhof warwn sowas von sorgfältig, das kannst du dir gar nicht vorstellen …

          Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest Oktober 17, 2018 / 7:57 pm

      Ohne Füchse?
      Das wäre ja fast wie ohne Igel, schreckliche Vorstellung.
      Mit dem Großen Fundevogel, der damals aber eher klein war, habe ich mal morgens um vier von einem Hochsitz aus einen Babyfuchs beobachtet, der mit einem Wegerich spielte wie eine Katze.
      Es war absolut magisch, selbst das kleine Hampelkind neben mir war absolut still und andächtig.
      Irgendwann kam die Fuchsmutter mit etwas Blutigem im Maul angerast und auch ohne füchsisch zu beherrschen, verstanden wir die Standpauke, die wohl alle Mütter dieser Welt in petto haben und die beiden berschwanden unter der Erde.
      Deinen Fuchs und seinen Schatten finde ich ganz wunderbar.
      Aber warum landet dein Kommentar bei mir im Spamordner…, seltsam, gab’s noch nie.
      Liebe Grüße
      Natalie

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      • gkazakou Oktober 17, 2018 / 11:30 pm

        danke, Natalie, auch für die schöne Erinnerung. Warum etwas im Spam landet? Ein Rätsel. Gestern fand ich 60 Mails im Spam meines Yahoo-accounts, zum Glück merkte ich es bald. Bei WP gucke ich immer mal wieder nach, ob was im Spam hängt, was immer mal wieder passiert.

        Gefällt 1 Person

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