Versüßen

Jeden Oktober rollt von der Kirchengemeinde, der der Student der Geowissenschaften einen großen Teil seiner Zeit und Energie widmet, ein Vierzigtonner nach Rumänien. Eine Partnergemeinde gibt es dort, einen Ort an dem viele Familien in großer Armut leben. Roma auch, die sich in einer rassistischen Gesellschaft fast tot arbeiten könnten, ohne je ein Einkommen zu erwirtschaften, das diesen Namen verdiente.

Die Eltern des allerersten Fundevogels, der längst selbst Mutter ist und von dem nie ein Jugendamt je erfuhr, waren aus solchen Gründen aus Mazedonien gekommen, in einer langen Odyssee, während der Deutschland nur eine unerfreuliche Zwischenstation war. Immer suchte der Vater verzweifelt nach Arbeit. In der Gemeinde, in der die Familie im Kirchenasyl war, hat er wie ein Besessener Laub geharkt und Schnee geschaufelt, aus Dankbarkeit, aber auch um sich zu fühlen wie ein Mann, der für seine Töchter sorgt.

Einmal im Jahr also mistet die Kirchengemeinde am Rande einer großen deutschen Stadt ihre Schränke aus, schafft sich Luft, schafft sich die Rechtfertigung für neue Einkaufstouren, schafft sich ein gutes Gewissen wegen des Nächsten im gar nicht nahen Rumänien.

Der Kleine Fundevogel ist in den letzten Monaten mehrere Zentimeter gewachsen. Also halte ich mit gerunzelter Stirn Hosen, Pullover und Jacken Größe 92/98 gegen das Licht. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

Sorgfältig fahre ich mit den Händen in Strumpfhosenfüsschen, ist da auch wirklich nichts fadenscheinig? Da hat es doch wenigstens ein Gutes, dass ich, als der Winter im März im vollen Ornat zurückkehrte, noch ein paar schöne Exemplare gekauft hatte, von denen ich gedacht hatte, sie würden diesen Winter noch passen. Die kann ich ganz guten Gewissens verschenken und man braucht bei kleinen Kindern im Winter immer so viele Strumpfhosen. Also doch die etwas fragwürdigen Modelle einpacken? Nicht die mit Löchern, nein die nicht, aber vielleicht die etwas ausgeleierten, die mit Filzstift bemalten?

Nein, kann ich nicht, es soll doch ein Geschenk sein. Gut, viel zu gut, erinnere ich mich an pralle Plastiktüten, die Freundinnen von Freundinnen, Nachbarinnen oder sonstwer mir, der armen, alleinerziehenden Mutter aufgedrängt haben.

Manches war wirklich, wirklich schön, nützlich, brauchbar. Danke. Danke den Nachbarn, die uns kaum kennen und uns ohne einen Cent zu verlangen letztes Jahr Laufrad und Roller überlassen haben und es sich nicht nehmen ließen, die Teile noch rasch auf Fundevogelgröße einzustellen.

Aber woher kommt das Verlangen, zerlöcherte Strumpfhosen, Jacken mit defekten Reißverschlüssen und einzelne Socken weiterzugeben? T-Shirts, die ich umgehend als Putztücher zerschnitten habe, am liebsten all diese Grauslichkeiten komprimiert in einem Plastikbeutel, in dem Weichspüler und alter Zigarettenrauch eine üble geruchliche Liason eingegangen sind? War der Weg zur Mülltonne zu weit oder noch Bedarf am Gefühl Nächstenliebe geübt zu haben?

Schön sind auch solche Kommentare: Das hat zwar Löcher, aber zum Draußenspielen geht’s ja noch oder die Hose wird ihm zu kurz sein, aber mit einer geringelten Strumpfhose drunter geht das doch noch.

Ja, geht alles, doch zu kleine und kaputte Sachen hat man in der Regel genug. Vermutlich auch in Rumänien, wenn die Kirchengemeinde beim Aufruf fettdruckt, es ginge um gut erhaltene, saubere Kleidung.

Wenn man arm ist, braucht man was besonders Cooles, sagt der Große Fundevogel, der von Außenseitertum und Coolsein so seine Ahnung hat. Mama, denkst du, das finden die gut, das ist von … (setzen Sie hier einen beliebigen Markennamen ein, Hauptsache er hat für Jugendlich einen messianischen Klang). Ich denke mal, dass rumänische Menschen zwischen zwölf und zwanzig genauso irrational begeistert auf Kleidung reagieren, die nichts als großformatige Werbung darstellt, wie hiesige Jugendliche und nicke.

Dann bügeln wir. Wir bügeln. Mit dem Bügeleisen, das sonst ausschließlich die kirchlich benötigten Oberhemden des Studenten der Geowissenschaften zu sehen bekommt und an Heiligabend und Ostern das gute Tischtuch, handbestickt und ererbt. Aber heute geht es ja um Geschenke und Geschenke sollen aussehen wie Geschenke und nicht wie Losgewordenes.

Haltbare Lebensmittel möchte der LKW bitte auch noch mit an Bord haben, für die, die wirklich ganz arm sind. Reis, Nudeln, Gemüsekonserven lauten die Empfehlungen. Schokoaufstrich, interveniert der Große Fundevogel, unbedingt Schokoaufstrich, nicht nur Reis und so, die brauchen unbedingt etwas Süßes.

Mit süßen Dingen kennt das Kind sich nämlich auch aus. Nicht nur, weil es Kuchen backen kann, Waffeln und Törtchen, die Gaumen und Herz zum Singen bringen, sondern weil es die ganz tiefe Magie der Süße kennt, den unsichtbaren Schutzschild, den im Mund zerfließende Schokolade zwischen der Seele und der feindlichen Außenwelt heraufbeschwören kann. Wie Siegfried im Blute des Lindwurms suhlte sich die kleine Seele in Süßigkeiten, um beschützt zu sein, vor den bösen Worten, den Handgreiflichkeiten und Gefühlsausbrüchen, die um das zerbrechliche Wesen herumflogen wie Pfleile in einer altertümlichen Schlacht. Wenn es auch mehr als ein Lindenblatt gab, half die süße Schicht doch beim Überleben. Lange mochte das Kindlein so gar nichts anderes essen und hatte jemand ein Gummibärchen fallen lassen oder stand ein halb ausgetrunkener Kakao in Pappbecher auf einem Mäuchern, so konnten diese Gaben nicht verschwendet werden. Wegen dieses Kakaos hatten wir unseren ersten großen Streit.

Und tut sich die kleinste Bedrohung am Horizont auf, hebt der Stress sein drohendes Haupt, muss bis heute das Bad im Zauberwald wiederholt werden. Und nur gegürtet und gepanzert mit viel Süße wagt man sich — an guten Tagen  — an eine halbe Stunde Addition und Subtraktion. Zustände, von den allgemein erwartet wird, dass eine gute Pflegefamilie sie im Lauf der Jahre abtrainiert – auch das ein Lindenblatt.

Nein, das Kind ist nicht fett.

Wir laden reichlich Schokaufstrich in den Wagen. Und dürfen es wirklich nur Bohnen- oder Erbsenkonserven sein? Ananas, beschließt der Große Fundevogel. Ananas ist gut. Jetzt ist Schluss, sage ich, bedenke, wir haben kein Auto.

Wir sehen aus, wie die, die mit so einem Wägelchen rumfahren und Sachen aus den Müllcontainern holen. Ja, das tun wir mit unseren großen, notdürftig auf ein Wägelchen gezurrten Platiktaschen. Es tut so gut den Großen Fundevogel mal wieder aus vollem Halse lachen zu hören. Ein kostbarer süßer Moment.

Wollen wir noch eben einen Kaffee trinken?

Ich möchte lieber einen Kakao und ein Schokbrötchen.

Wie du möchtest.

Und den ganzen Krempel nehmen wir mit ins Café?

Nein, wir fragen ihn.

Er steht fast immer vor dem Supermarkt, jeder kennt seinen eintönigen Singsang Hinz und Kunzt – das Hamburger Straßenmagazin. Immer ist er bereit für ein kleines Trinkgeld auf Roller, Puppenwagen und anderen Plunder aufzupassen, den die Fundevogelfamilie so mit zum Einkaufen schleppt.

Na, Großes vor?

Sozusagen. Möchten Sie auch einen Kaffee?

Ja, gern. Mit vier Stück Zucker, wenn es geht.

Wir verstehen.

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5 Gedanken zu “Versüßen

  1. Myriade Oktober 21, 2018 / 1:08 am

    So richtig menschlich warme Zustände sind das rund um die Geschenkelieferung nach Rumänien

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  2. Christiane Oktober 21, 2018 / 9:12 am

    Die Magie der Süße. Wie recht dein Fundevogel hat. Ich lese und nicke.
    Danke dafür!
    Liebe Grüße
    Christiane

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  3. Elke H. Speidel Oktober 21, 2018 / 11:21 am

    Vor ein paar Jahren brauchten die Menschen in Rumänien vor allem Speiseöl. Weil es dort fast unbezahlbar teuer war. Wie es heute ist, kann ich nicht sagen. Ich war jetzt jahrelang nicht mehr dort. Buntstifte sorgten bei den Kindern vor ca. zehn Jahren auch für strahlende Augen. Und Kinderbücher zum Lesen und Vorlesen (allerdings in rumänischer Sprache). Das achtjährige Mädchen, das damals barfuß auf seine sechs Geschwister aufpasste und nicht dazukam, die Hausaufgaben zu machen, ist jetzt 18. Und vermutlich (vielleicht sogar mehrfache) Mutter. Sehr wahrscheinlich ohne qualifizierten Schulabschluss. Ich habe selten ein sozial so hoch kompetentes, fürsorgliches Kind erlebt, aber meine Hoffnung, dass es ihr besser gehen möge als ihrer Mama, halten sich in engen Grenzen.
    Danke für diesen einfühlsamen Bericht!

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    • fundevogelnest Oktober 21, 2018 / 8:02 pm

      Speiseöl kam im Spendenaufruf nicht explizit vor.
      Das Projekt ist recht umfangreich, es gibt auch Schulpatenschaften für Kinder, Sommerferienprogramme, Unterstützung für Künstler und eine Wohngruppe für geistig behinderte Frauen, besonders letzteres scheint in Rumänien noch recht revolutionär zu sein.

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  4. violaetcetera Oktober 21, 2018 / 8:22 pm

    Ich habe zu meinen Zeiten bei einem kirchlichen Arbeitgeber bei Weihnachten im Schuhkarton mitgemacht. In welches Land die Pakete gehen, wussten wir nicht, wir mussten aber angeben, ob das Geschenk für einen Jungen oder ein Mädchen sein sollte, und die Altersgruppe. Für mich war das natürlich schwierig, so ohne Kindererfahrung. Aber ich habe immer etwas Süßes und etwas zum Spielen eingepackt. In der Hoffnung, dass so etwas den schwierigen Alltag einfach schöner macht.

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