Wie der Oktober roch (inspiriert von Fräulein Read On)

Das geschätzte Fräulein ReadOn führt ihre wunderbare Suche nach Gerüchen weiter. Schon ist auf ihrer Seite wieder ein wahres Zauberkästchen zum Schnuppern und Festlesen zusammengetragen worden. Weil es hier in den ersten Novembertagen nach der Salzlösung im rauschenden Inhaliergerät, nach dem Salbei, der meine Halsschmerzen tatsächlich fortnehmen konnte und dem Schnupfenatem eines kleinen Kindes roch, kommt mein Beitrag erst jetzt.

Dem Oktober gehört der Apfelduft. Von Äpfeln, die unter Bäumen im Grase liegen oder überreif an ihnen hängen, er steigt aus Tüten und Stiegen, die an Zäunen stehen, zu verschenken laden handgeschriebene Pappschilder ein, in der Küche riecht es nach Apfelmus in brodelnden Töpfen und mir wird inwendig warm, denn es gab ein Haus, schon lang nicht mehr, da roch es immer nach Äpfeln, wenn liebende Arme das kleine Mädchen umhüllten, wenn das Haus selbst es ganz fest in Arme aus altem Holze schloss. Alle, die Sichtbaren und die Unsichtbaren, haben in diesem Haus bis heute ihren sorgsam eingerichteten Platz, fast ein bißchen eng ist es in den vielen Zimmern geworden. Meine Großeltern dagegen hatten zuviel Platz, hatten ernsthaft ein Apfelzimmer, in dem neben diesem und jenem Gerümpel die Apfelernte auf Lattenrosten militärisch aufgereiht lagerte, jederzeit durften wir Kinder uns welche nehmen. Auf geheimnisvolle Weise war das Apfelzimmer die Seele des Hauses.

Als ich das Haus längst nicht mehr betreten konnte, gab es einen Bauwagen auf einer Wiese voller reich tragender Apfelbäume und eine Liebe, die mehr Traum als Leben war und den Winter nicht überstand, aber eine Freundschaft hinterließ, die blieb.

Wie seine Geschwister im Reigen zuvor hat der Oktober mit Wasser gegeizt. Kein Geruch nach feuchten Mänteln und durchnäßten Hunden. Kein pilziger Moder, der den Erlkönig beschwört. Beim Laubharken auch kein moddriges Laub, sondern beinahe Stroh, nur nachlässig scharren die Hühner darin, wohl zu wenig Krauchen und Krabbeln.

Ob ich jemals erfahren werde, warum es beim Harken von Walnusslaub so intensiv nach Pfefferminz riecht, auch wenn da keine Minze wächst weit und breit?

Tändelnd wie ein Sommermond schenkte uns der Oktober warme Ostseetage, in denen es nach Seeluft roch und dem geheimnisvollen Seegrasmodder des Spülsaums, nach der fischigen Krebsschere, die der Kleine Fundevogel ein paar Sekunden fasziniert betrachtete und dann in der Hand zerdrückte, nach dem feuchten Sand, den man findet, wenn man ein tiefe, tiefe Löcher in den Strand buddelt, nach übersüßtem Tütencapuccino, an dem die Herzensfreundin und ich unsere Hände wärmten, während die Fundevögel unser Geld auf dem Trampolin neben der Seebrücke unermüdlich verhüpften. Die Frau, die den Capuccino verkauft und bei der es nach Duftkerzen riecht, sagt der neue Strandkassierer stammt aus Syrien under wird mit rassistischen Kommentaren auf Facebook beworfen, nein, nicht von den Touristen, von den anderen, die an diesem Strand ihr Geld verdienen, sie allein nähme ihn in Schutz, denn ihre Freundin, die hat ja so süße Adoptivkinder aus Indien und sie kann ja gar nicht glauben, dass der große Fundvogel kein Adoptivkind aus Indien ist … und plötzlich riecht übersüßter Tütencapuccino nach der Frage, wie mit solchem Redeschwall umzugehen ist.

Und dann doch der staubige Geruch, wenn die Heizung das erste Mal wieder aufgedreht ist, der Geruch nach frisch geschnittenem Ingwer, Zitrone und Honig, um die durchgefrorenen Glieder zu erwärmen. Kürbissuppe und Sopaipilla, chilenische Kürbisküchlein, die Freundschaft, die daran hing ist verstörend zerfallen, das Rezept ist geblieben.

Mein Oktober roch auch nach dem lauten Fotokopierer der Sozialarbeiterin, zu der ich gegangen bin, um mir bestätigen zu lassen, dass Schwerbehindertenausweis und Pflegegrad in unserem Fall nun wahrhaftig übertrieben sind und die mir nun ein Antragsformular nach dem anderen kopiert. Noch liegt der Stapel neben mir wie frischkopiert. Daneben steht ein Kästchen mit oktobergeerntetem Basilikumsamen, immer wenn ich mit dem Finger darin rühre, verbreitet sich in der ganzen Stube sommerwarmer Basilikumduft.

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