Stolperstein (ABC-Etüde)

Dieser Text enthält Links zu Websites, denen ich vertraue. Dass auch dort Daten von Ihnen gespeichert werden, ist Ihnen sicherlich bewusst.

Bettina, deren Blog den wunderbar poetischen Namen Wortgerinnsel trägt, spendete

die Wörter

Knirps

grotesk

notieren

die mit maximal 297 weiteren Wörtern zu einem Text beliebigen Genres zusammengefügt werden sollen.

Alle Texte, zu denen Wortgerinnsels Spende inspirierte, und die genauen Regeln finden sich unter der Obhut der Etüdenpflegerin Christiane. Mitmachen geht übrigens auch ohne eigenen Blog in Christianes Kommentarstrang.

Seit dem Sommer schafft Christiane auch die Illustrationen selbst. Und ich finde, sie werden von Mal zu Mal kreativer!

Christane, wie immer großen Dank für die viele Mühe.


Zum Stolpersteinprojekt (ist, denke ich, allen Lesenden bekannt, sonst befragen Sie die Suchmaschine Ihres Vertrauens) habe ich keine eindeutige Meinung. Ich kann Befürwortende und Ablehnende gleichmaßen verstehen, was bei so einem sensiblen Thema wohl auf Ablehnung rausläuft.

 

2018_4546_1_300Sie legen großen Wert darauf, dass wir Insassen nicht aus der Zeit fallen. Wir sollen nichts vergessen. Täglich werden aktuelle Kalenderblätter in den Flur gehängt, mit handgroßen Lettern und ein paar neckischen Drachen und Wolken daneben. Falls das nicht ausreichen sollte, steht da noch deutlich HERBST.

Da ich nicht vergessen darf, bleibe ich wie alle Jahre zuvor an diesem Datum im Bett. Solche Sperenzchen haben sie hier nicht gern, erst redet die Aushilfspflegerin auf mich ein „gucken Sie doch, die Sonne scheint“, dann die Oberpflegerin, dann der besonders kräftige Pfleger und der holt die Ärztin.

Zum Glück schneit da gerade mein Enkel in einer Vorlesungspause rein. Seit er ein winziger Knirps war, hängt er mit großer Zärtlichkeit an mir und ich an ihm.

„Meine Großmutter bleibt immer am 9. November im Bett“, erläutert er mit ruhiger Stimme. „Am besten notieren Sie das schon mal für kommendes Jahr“.

„Ach, und warum ausgerechnet am 9. November?“ fragt die Oberpflegerin und es klingt wie immer diese Extrawürste.

„9. November 1938, Progromnacht, schon mal gehört?“, fragt mein Enkel. Obwohl ich mein Gesicht zur Wand gedreht habe, sehe ich, wie er die Augenbrauen hochzieht und sie allesamt als Idioten dastehen lässt. Ich bin stolz auf ihn.

„Oh, sind Sie etwa … ich meine, das wussten wir gar nicht“, stammelt der kräftige Pfleger.

„Sie hat gar nicht so eine Nummer am Arm wie der Herr Schäfer aus der 43“, quäkt die Aushilfspflegerin und in einer grotesken Visite suchen alle Augen verdächtige Zeichen an mir.

Nein, ich bin nicht. Ich bin das Mörderkind. Elf war ich in jener Nacht, als ich sah, was ich nicht sehen sollte. Achtlos getretene Stolpersteine liegen nun vor dem Haus, für die Nachbarin und auch für das Baby. Ich verlegte gern einen, auf dem steht, was mein Vater in jener Nacht verbrach.

Ich darf ja hier nicht vergessen.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert und verarbeitet. Ich selbst nutze die so erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

11 Gedanken zu “Stolperstein (ABC-Etüde)

  1. Christiane November 8, 2018 / 2:02 pm

    Ich bin ein Trotz-allem-Befürworter des Projekts. Wenn ich im Grindelviertel unterwegs bin, sehe ich kaum einen, der „achtlos“ auf die Stolpersteine tritt, und du weißt, da liegen viele. Die meisten machen einen großen Schritt drüber.
    Was du aber darüber hinaus ansprichst, das macht mir auch Bauchschmerzen. Was ist mit den Kindern von Tätern, nicht nur von denen aus dem Nationalsozialismus, die mit der Familienschuld beladen sind und, wie du schreibst, nicht vergessen dürfen? Wirklich nicht? Wer bestimmt das? Was ist mit Loyalität der Familie gegenüber, im Guten wie im Bösen? Schwierig.
    (Ach, und danke, dass du meine Illustrationen magst. Die sind alle etwa zum selben Zeitpunkt entstanden, ich „verbrauche“ gerade nur.)
    Sehr nachdenkliche Grüße
    Christiane

    Gefällt 4 Personen

    • fundevogelnest November 8, 2018 / 10:32 pm

      Liebe Christiane,
      Ich glaube nicht, dass man irgendwem Vorschriften machen kann und sollte, wie er oder sie mit ererbter Schuld umzugehen hat. Wie Trauer ist das ein ganz persönlicher Weg
      Ich denke die Frau in der Etüde kann nicht vergessen, sie würde gern, aber sie hat Schreckliches mitangesehen begangen von ihrem Vater. Der Wunsch den verstorbenen Vater anzuprangern ist ungewöhnlich, kommt aber vor.
      Die Generation dieser fiktiven Frau hatte nur in den seltensten Fällen die Möglichkeit über Erlebtes zu reden, es gar therapeutisch aufzuarbeiten. Ich merke das besonders an meiner bestimmt stark kriegstraumatisierten Mutter (andere Geschichte als in der Etüde), die vor sechs, sieben Jahren erst begann sich damit auseinanderzusetzen, vorher hielt sie aus und ihre Lieben mussten mitaushalten.
      Das ist keine Schuldzuweisung, sondern eine Akzeptanz der Tatsachen.
      Zu den Stolpersteinen weiter unten.
      Danke übrigens nicht nur, dass du den Etüdenboden bereitest, sondern dich auch mit jeder einzelnen auseinandersetzt.
      Natalie

      Gefällt 3 Personen

      • Christiane November 9, 2018 / 9:21 am

        Ich möchte nicht einfach nur zustimmen (= „liken“), obwohl ich es tue, sondern schnell noch ein Wort zu dem Auseinandersetzen sagen.
        Es gibt viele Etüden (zum Glück), die mir aus dem Herzen sprechen, und mit manchen laufe ich tagelang herum, aber manche berühren mich weniger. Sei es, dass die Thematik einfach nicht meine ist, sei es, dass sie mich rein sprachlich oder von den Formulierungen her nicht ansprechen. Ich glaube (und fürchte), das kann man auch aus meinen Kommentaren herauslesen, abgesehen davon, dass auch ich manchmal besser und manchmal schlechter drauf bin.
        Aber immer bin ich mir bewusst, dass am anderen Ende jemand mit Herzblut schreibt, um sich an einem Projekt zu beteiligen, das ich zufällig hoste, und dass der- oder diejenige sich über Resonanz freut, denn mir geht es ja genauso, ich freue mich umgekehrt ja auch. Und weil es „meine“ Etüden sind, belasse ich es eben bei keinem Like, sondern schreibe irgendwas Kluges, Doofes, Albernes, was mir spontan einfällt, weil ich finde, das muss so … 😉
        Liebe Grüße in den Hamburger Norden
        Christiane

        Gefällt 3 Personen

        • gkazakou November 9, 2018 / 9:53 am

          Fundevogels Dank schließe ich mich hier ausdrücklich an und ja, es ist schön, sich drauf verlassen zu können, dass du die Etüden wirklich liest – alle, auch die, die dir nicht so liegen. Bei dir sind sie wundervoll aufgehoben. also nochmal Dankeschön!

          Gefällt 3 Personen

  2. Mrs Postman November 8, 2018 / 2:37 pm

    Ich befürworte die Stolpersteine ebenfalls. Ich bleibe eigentlich immer stehen und lese kurz, denke kurz und gehe dann weiter. Eigentlich, das muss ich gestehen, verstehe ich die Kritiker des Projektes nicht. Ich meine, ich weiss, was sie kritisieren. Aber ich kann es nicht nachvollziehen. Natürlich werden die Steine nicht immer beachtet. Es wird sicher auch drauf bzw drüber getreten. Das liegt aber in der Natur der Sache, da sie ja nunmal zwischen anderen Pflastersteinen liegen. Wenn Menschen absichtlich drauf treten, sie vielleicht bespucken oder beschmieren, ist das ein ganz anderes Thema.

    Gefällt 3 Personen

  3. Anna-Lena November 8, 2018 / 7:24 pm

    Deine Zeilen gehen unter die Haut und das ist gut so, einen Tag vor dem 9.11.

    Liebe Grüße von einer, die das Projekt ohne Wenn und Aber befürwortet

    Gefällt 1 Person

  4. fundevogelnest November 8, 2018 / 11:28 pm

    Liebe Christiane, liebe Bettina, liebe Anna-Lena,
    Wie gesagt ich bin mir in Sachen Stolpersteine nicht einig mit mir selbst. Mich haben diese Gedenksteine immer sehr berührt, diese Bewusstmachen, dass während der Shoah Persönlichkeiten ermordet wurden und kein gesichtsloser Sechmillionenblock. Außerdem sind Stolpersteine ein im wahrsten Sinne des Wortes niedrigschwelliges Ansprechen, sogar der Große Fundevogel, dem das Konstrukt „Geschichte“ nicht zugänglich ist, lässt sich von ihnen anrühren, allerdings auch verängstigen.
    Lange kannt ich Kritik nur von der nun-muss-aber-endlich-mal-gut-sein-damit Seite.
    Aber in letzter Zeit habe ich einiges gehört/ gelesen, was mich ins Grübeln gebracht hat.
    Wie ist es mit den Angehörigen, Nachfahren der Ermordeten, warum haben sie kein Mitspracherecht, wenn es um das Gedenken IHRER Toten geht? Es gibt Angehörige, die bewusst an einer Stolpersteinverlegung teilnehmen, gar aus Israel anreisen, dann ist es ja gut, aber was, wenn dem nicht so ist?
    Wenn keine öffentliche Trauer gewünscht wird, wenn um Intimität gebangt wird. Wenn das Gefühl da ist, die Namen der Opfer werden auf die Straße gezerrt, auch denen preisgegeben, die vielleicht mit einer gewissen Befriedigung Stolpersteine zählen, blöde Bemerkungen machen … Was ist, wenn Familien, die sich bewusst assimiliert haben auf ihr jüdisch sein reduziert werden …während die Namen der Nachbarn, die vielleicht Täter waren (oder Widerstand leisteten, oder sich schämten) in gnädiger Anonymität verbleiben.
    Nein ich bin nicht dafür massenhaft „hier wohnte SA-Mann Müller “ auf den Gehweg zu schreiben, aber dieser Widerspruch ist da und brachte mich auf die Idee.

    Liebe Grüße
    Natalie

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou November 9, 2018 / 10:06 am

      Liebe Natalie, mir ging es wie dir: ich lese immer bei Redskiesoverparadise die dürftigen Stolperstein-Daten, sorgfältig, und versuche mich hineinzuversetzen in die Situation derer, deren Leben auf so abscheuliche Weise beendet wurde. Ich versuche sie vor mir zu sehen, die jungen Menschen und die Alten, oder die, die vielleicht 56 ist und aus ihrem geschützten Alltag hinausgerissen wird, nicht wissend wohin, um schließlich hingebracht zu werden, wo man sie umbringt. Diese Art der Beschäftigung ist mir jedenfalls eher möglich als mich dem Gesamtbild zu nähern.
      Nun stolperte ich kürzlich bei Fräulein read on https://readonmydear.com/2018/11/02/kennnen-sie-den-ein-jude-und-ein-deutscher-kolumnist-treffen-sich/, wie sie, als Enkelin, diese Aktion findet. Und kam ins Grübeln.
      Wie man es macht, macht man es falsch. Auch die Erinnerung an die Eltern- und Großelterngeneration der Täter-Enkel hilft ja überhaupt nicht weiter. es nützt auch nichts, die vorzuführen, die sich der Geschichtserinnerung entziehen. Am besten, man dreht sich zur Wand wie die Oma der Geschichte, und weint, wenn man kann.
      Liebe Grüße Gerda

      Gefällt 3 Personen

      • fundevogelnest November 9, 2018 / 1:39 pm

        Liebe Gerda,
        Das Fräulein ReadOn war in der Tat eine der Stimmen, die mich zum Grübeln brachten, besonders auch ihr Text zum 9.11. 2017.
        Wie man es macht, macht man es falsch, klingt nach einem bitteren Resümee und resigniertem ich-kann-ja -doch -nichts -tun.
        Wie vertraut ist mir dieses Gefühl!
        Aber wenn es gut läuft, dann verliert man nicht die Einzigartigkeit jedes Menschen aus dem Blick, hört hin und nimmt sich auch da mal zurück, wo man sich im Besitz der Wahrheit glaubt. Es ist anstrengend. Ich misstraue mittlerweile fast jeglichen Patentrezept und jeder allein selig machenden Lehre. Die Idee von der Einzigartigkeit eines jeden Menschen stand ja auch am Anfang der Stolpersteinidee.
        Ganz bestimmt ist es falsch, Nachfahren der Täter zwangsvorzuführen, allein der Raum für bösartige Verleumdung, der da geschaffen würde. Den Weg muss man selbst gehen oder gar nicht.
        In einem Teil meiner Familie wurde m.E. schlimme Dingen im Rahmen des Kolonialismus verbrochen.
        (echte Hamburger Kaufmannsfamilie, kann man zynisch sagen).
        Ich merke, dass ich da noch ran will und muss und schiebe es, weil die Kraft nicht da ist. Hinzu kam, da der, der mir dabei gut helfen könnte vor ein paar Jahren recht jung verstorben ist.
        Troz allem freue ich mich über die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung.
        Natalie

        Gefällt 3 Personen

        • gkazakou November 9, 2018 / 5:55 pm

          Nein, ich bin nicht resigniert, überhaupt nicht. Mein Leben knaupsel ich schon dran, weil ich ja nun mal als Deutsche geboren bin, in gewisser Weise ein Rassenzüchtungsprodukt, und habe mich immerhin so weit durchgefressen, dass ich ohne Hass auf mein Geburtsland schauen und dankbar annehmen kann, was es mir anbietet. Und was ist das? Auf jeden Fall das, was Deutsche, die aussortiert, totgeschwiegen oder umgebracht wurden, weil sie irgendwie dem Judentum zugeordnet wurden, mir gegeben haben. Was wäre ich ohne Franz Kafka, ohne Franz Werfel, ohne Walter Benjamin, ohne Sigmund Freud, ohne Karl Marx, ohne Gustav Mahler, ohne Rosa Luxemburg, ohne Erich Mühsam ohne ohne ohne…. Ein Fast-Nichts.
          Und was ist mit all den anderen Kulturen, die über die Jarrhunderte hineingewirkt haben in das, was dann als „deutsche Kultur“ verbucht wurde? Was wäre die deutsche Sprache, das deutsche Denken, die deutsche Kultur ohne das Griechische, ohne das Lateinische, Italienische, Französische, Indische, Chinesische, Russische…. Ein Fast-Nichts. Irgendein wilder Traum von Odin und Soldatenstiefeln, preußigem Drill und Sauerkraut. Und vielleicht nicht mal das. Denn sogar die angeblich so ganz und gar deutschen Kartoffeln und die preußische Korrektheit und der Odin …. sind Hereingenommenes, Assimiliertes.
          Dies also, dies „Deutsche“ hat die Verbrechen begangen? Oder waren es doch vielleicht Menschen, viele Einzelne, die sich in einem mörderischen System einen Platz sicherten und in ihm ihre Ressentiments, ihre Grausamkeit, ihren Hochmut, ihre Feigheit, ihre dunklen Instinkte ausleben konnten? Die genauso als Individuen wahrzunehmen wären wie die Opfer? Diese Frage stellst du ja.

          .

          Gefällt 3 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s