15 Jahre Großer Fundevogel – die zweite Liebeserklärung

Lieber Großer Fundevogel,

Vor ziemlich genau fünfzehn Jahren trat ich aus einem Fahrstuhl. Übel vor Aufregung war mir dabei, denn dort erwartete mich eine Frau, neben ihr ein Buggy mit einem wohlverpackten Kind. Das Kind war nicht besonders gut zu erkennen, war der größte Teil doch durch einen dunkelblauen Schneeanzug verdeckt. Was noch rausguckte, verschwand unter einer Mütze mit rotem Rand und hinter einem Schnuller, der falsch herum im Mund saß.

Nur zwei große braune Augen schauten mich fragend an und ich guckte vermutlich ebenso fragend zurück.

Wer bist du, wollte das Kind wissen, spürte vielleicht etwas. Nahm mit feinen Antennen wahr, dass sich da eine auf den Weg zu ihm gemacht hatte. Weit über ein Jahr zuvor hatte ich einer U-Bahn ein Plakat gelesen: Wir suchen Menschen, die einem Kind ein Zuhause geben, Familien, Paare, Alleinstehende…

Alleinstehende stand da, fürwahr, aber ich konnte kaum damit gemeint sein, oder doch? Der Anruf bei der Nummer auf dem Plakat führte mich auf verschlungenen Wegen genau zu diesem Fahrstuhl.

Die Frau am Fahrstuhl war deine Bereitschaftspflegemutter. Wer Bereitschaftspflege macht, nimmt sich Hals über Kopf, auch Weihnachten, mit Kopfschmerzen und mitten in der Nacht der Kinder an, die das Jugendamt aus was für Gründen auch immer in Obhut genommen hat. Und versorgt sie bis sie zu ihrer Familie zurück können oder woanders hin untergebracht werden, manchmal sind das Monate, wenn es ganz schlecht läuft Jahre, in denen ein Menschlein nur Luftwurzeln schlagen darf.

Das Kind warst du.

Sechs Wochen später zogst du bei uns ein, mit einer kleinen  Reisetasche, einem Plüschpferdchen und einem Puppenbuggy, dem Weihnachts- und gleichzeitig Abschiedsgeschenk deiner liebevollen Eltern auf Zeit. Gemeinsam hatten wir beschlossen, den Umzug erst nach Weihnachten stattfinden zu lassen, um dieses hochemotionale Fest nicht für dein Leben zu belasten.

In den sechs Wochen davor bahnten wir an, wie das im Jugendamtssprech so heißt. Im vergangenen Sommer war der Mitarbeiterin eines Frauenhauses dein beklagenswerter Zustand aufgefallen, der deiner leiblichen Mutter war noch um einiges beklagenswerter und innerhalb von Stunden ward ihr, die ihr aneinandergeschmiedet ein wechselvolles, dramatisches, oft bedrohtes Leben geführt hattet, getrennt. So brutal sollte es nicht wieder laufen. Wir sollten uns in Ruhe kennenlernen, du solltest begreifen dürfen. Die Sprache hattest du dir noch kaum erobert, du musstest auf anderen Kanälen verstehen, was über dich beschlossen worden war. Das mit dem umgedrehten Schnuller begriff ich schnell, auch deinen grenzenlosen Wunsch nach Süßem, es war ja Weihnachtszeit und die Schmalzkuchen an der Bude gehörten zu unseren Treffen dazu.

Ein Karussell gab es auch auf diesem Mini-Weihnachtsmarkt an der U-Bahn, altmodisch, mit wiegenden Holzpferdchen an langen Stangen und ich dachte, das wäre was für dich, aber du warst entsetzt als ich dich auf das Pferdchen neben mir setzen wollte, also schwang ich mich kurzentschlossen hinter dir in den Sattel und plötzlich schmiegtest du dich an mich, lächeltest und gemeinsam ritten wir in einen milchigen Wintertag und jeder noch so kleine Spalt in mir füllte sich mit unbändiger Freude.

Nach deinem Einzug erwies sich, wie ausgehungert du warst, nicht nur von so kleiner und zarter Gestalt, dass ich dich beim ersten Blick das verpackte Wesen im Buggy für einen Säugling hielt und mich fragte und wo ist „mein“ Kind?, sondern ausgezehrt in jeder Beziehung, du brauchtest immer Essen und wenn es zuviel wurde, erbrachst du und aßt beharrlich weiter. Du brauchtest unglaublich viel Schlaf, wie ein Baby ein Vor-und ein Nachmittagsschläfchen und immer viele wärmende Hüllen um dich herum. Immer einen Schnuller, noch jahrelang. Du brauchtest volle Zuwendung mindestens von einem Erwachsenen, gern auch von mehreren. Deine Eifersucht auf alles und jedes, dem ich meine Aufmerksamkeit schenkte, war in den ersten Jahren grenzenlos.

Und da lebte doch auch ein Achtjähriger im Haus, einer, der sich so sehr auf eine kleine Schwester gefreut hatte, ihr Geschenke machte, sie süß fand und keine zehn Minuten nach dem Einzug das erste Mal blutig gebissen wurde.  Jahre hieltest du durch, nicht mit deinem neuen Bruder zu sprechen.

Liebe ist zwischen euch beiden nie gewachsen, eine meiner schamhaft verdeckten Narben, aber einen recht stabilen Waffenstillstand gibt es mittlerweile, Verantwortung, Anteilnahme, Respekt. Immerhin.

Bei alle Bedürftigkeit warst du auch ausgesprochen unternehmungslustig und ausgelassen, wild auf Toben und Fußball spielen. Schwimmbad war in unserem ersten Winter das Größte.

Schon bevor du ganz eingezogen warst, lerntest du unsere Hühner und mit ihnen den Hausherrn kennen. Schon beim ersten Besuch ließt du dich auf seinem Schoß wieder und bliebst dort gewissermaßen sitzen. Ich bin so dankbar für all‘ die Liebe und Zuwendung, die du von deinem Opa aus Leidenschaft bekommen hast.

Als du zu der gebrechlichen, altersmüden Katze krabbeltest, liebevoll dein Gesicht an ihr Fell schmiegtest und die Katze es sich wohl gefallen ließ, schmolz mein eigener Vater dahin. Er, der die Katze für einen unnötigen Spleen seiner Frau und deine Aufnahme für ein Wahnsinnsprojekt meinerseits hielt. Du hast überhaupt tiefe Beziehungen zu den neuen Menschen um dich aufgebaut, zu meinen Freundinnen, meinen Eltern – allem Misstrauen, das du dem Leben entgegenbringst, zum Trotz.

Misstrauen, für das es gute Gründe gibt, schmerzhafte Gründe, über die nicht alle Welt en detail Bescheid wissen muss.

Das Schicksal oder wer auch immer hat dich mit ziemlicher Wucht zwischen alle möglichen Stühle geworfen, zwischen mich und deine leibliche Mutter, die ob an-oder abwesend immer Aufruhr mit sich führt, zwischen zwei große Familien mit sehr unterschiedlichen Werten, zwischen Nationalitäten. Als Deutsche leben, als ausländisch wahrgenommen werden, zwischen als behindert etikettiert werden und was soll an der denn bitte schön behindert sein, stets mit dem falschen Alter geschätzt und noch längst sind nicht alle Spalten aufgezählt … einen Schritt zurückgetreten scheint dein widersprüchliches Verhalten, dein kaninchenartiges Springen von einer Position auf die entgegengesetzte eine folgerichtige Antwort zu sein.

Mich verwirrt es trotzdem, manchmal macht es mich wütend, bestimmt auch ungerecht, immer wieder lässt es mich verzweifeln.

Irgendwann kaufte ich eine Postkarte, auf der stand:

Ihr müsst mich nicht verstehen, Liebhaben reicht.

Eigentlich sollte ich mir die rahmen lassen oder die Worte in einen Armreif gravieren lassen, auf den mein Blick mehrmals täglich fällt.

Denn lieb habe ich dich, dich meinen hilfsbereiten, tierlieben, fürsorglichen, leidenschaftlich Bus fahrenden, gefühlsbetonten Fundevogel.

Um deiner selbst Willen, aber auch wegen all‘ der Kuchen, die du für uns gebacken hast. Weil du alle Notleidenden beschenken willst, das Mitgefühl in dir überkochen kann, du dir überhaupt viele Gedanken um eine Welt machst, die dich Tag für Tag verwirrt.

Als der Kleine Fundevogel in unser Leben trat, quollst du über vor Fürsorglichkeit, Berge an Kleidung und Spielzeug wolltest du herbeischaffen, hast mutig mit klopfendem Herzen ein paar Nächte allein zu Hause geschlafen, damit ich bei dem Kleinen im Krankenhaus sein konnte. Tagsüber hast du mit ihm auf der Brust im Liegestuhl Freundschaft geschlossen, gemeinsam seid ihr eingeschlafen und so viel Frieden sah ich selten in deinem Gesicht.

Nun strebst du langsam aus dem Nest, traust deinen Flügeln noch nicht so recht, aber ich voller Zuversicht, du wirst sie auf deine ganz einmalige Weise entfalten. Und an mir ist es ein Netz zu knüpfen, ein Netz, das wir während deiner ersten Flüge ganz unauffällig entfalten können.

Mein großer, vielfarbiger Fundevogel, ich bin so dankbar für den Tag, an dem ich aus jenem Fahrstuhl trat.


Eine Liebeserklärung an den Kleinen Fundevogel gibt es auch.

Und eine an den hart geprüften großen Bruder.

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19 Gedanken zu “15 Jahre Großer Fundevogel – die zweite Liebeserklärung

    • fundevogelnest November 20, 2018 / 3:24 pm

      Ja, es liegt viel Rettendes in dieser Einstellung.
      Wobei man sich ja weiterhin ums Verstehen bemühen kann.

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  1. Myriade November 19, 2018 / 4:15 pm

    Ich dachte immer, es wäre ein „er“, aber es ist eine Vögelin. Und eine, die viel Glück hatte, dass du aus diesem Fahrstuhl ausgestiegen bist. Ein sehr schöner Text in jeder Hinsicht

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    • fundevogelnest November 20, 2018 / 2:23 pm

      Zwischen dem Stuhl „er“ und dem Stuhl „sie“ lauert auch eine Schlucht, in der man leben kann.

      Nichts ist eindeutig hier, jetzt war wohl das Wort „Schwester“ das verratende.

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      • Myriade November 20, 2018 / 10:13 pm

        Ja, es war das Wort „Schwester“. Aber wie nennt man nun jemanden, der/die in dieser Schlucht zuhause ist? Die deutsche Sprache hat keine Bezeichnungen für geschlechtlich unklare, undefinierte Zwischenzustände …

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  2. Anna-Lena November 19, 2018 / 10:42 pm

    Da geht mir das Herz ganz weit auf 🙂 .

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