Die kleine Schwester der Zauberei

Auf meinen Text von vorgestern über den Großen Fundevogel und auch auf den über den Kleinen vom Sommer bekam ich schöne und herzwärmende Kommentare.

Dafür noch einmal den allerherzlichsten Dank.

Und mag es sich auch ein wenig verrückt anhören, nicht nur die Kommentare, auch die Texte erwärmen mein eigenes Herz, das sich nach Wärme sehnt, denn auf meinem Herzen lässt die Schwere sich gerade gern nieder, sitzt da immer mal wieder wie eine riesige, klamme, schleimende Nacktschnecke.

Ich schrieb vorgestern nicht über die erbitterten Kämpfe einer lebensgeschichtlich schwer belasteten Siebzehnjährigen mit der Frau, die nun mal nicht die Mutter ist und trotzdem Vorgaben machen muss.

Ich schrieb nicht ausführlich über ein kleines Kind, das eigentlich nicht eine Minute unbeaufsichtigt sein darf, weil sonst garantiert irgendetwas in Scherben liegt. Heute splitterte vor neun schon der Deckel des Staubsaugers und ein kleiner Spielzeugkran wurde überdreht, die Elektronik von Spül- und Waschmaschine liegt eh seit Wochen wimmernd am Boden. Dazu Geschrei, Beleidigungen, beworfen werden, getreten werden. Und wie ich nun mal bin, fange ich in diesem häuslichen Hagelschauer selbst an Fehlleistungen zu produzieren, fünf die Stunde mindestens, laufe ohne Schlüssel aus dem Haus, ohne Handy, Geld, Einkaufskorb und Hühnerfutter. Dreimal ließ ich diesen Sommer meine EC-Karte sperren, gestohlen war sie nicht ein einziges Mal.

„Beantragen Sie jetzt endlich den Pflegegrad und den Schwerbehindertenausweis“, sagt die Frau vom Sozialpädiatrischen Zentrum und meine Zweifel kuschen vor meiner Ergebenheit und diese Ergebenheit fühlt sich wie Mühlsteine an.

Aus zu vielen Töpfen hat die Schwere dieses Jahr gefressen, vieles hatte nichts mit den Kindern zu tun, aber am Ende war die Schwere wohlgenährt.

Und dann entstehen von selbst Liebeserklärungen, die Lesende berühren. Ich habe inwendig lächelnd geschrieben, in diesen Tagen der Schwere und jedes Wort ist wahr, denn da steht das Eigentliche, das was in den Hagelschauern aus dem Blick zu geraten drohte, bin von der Schwere zurückgetreten und das mit dem Staubsauger hat nicht mehr aufgeregt, als es so ein kleines Ärgernis verdient. Ein gewärmtes Herz wird auch wieder weit und Nacktschnecken schrumpfen auf das normale Format.

Schreibend die Großherzigkeit wiederfinden, dass das geht, hat was von Zauberei. Öffentlich schreibend, denn im vor der Welt verschlossenen Tagebuch lauert die Gefahr ungenau zu sein, ungerecht, sich im Selbstmitleid zu suhlen. Lesende verlangen Haltung und sei da nur ein einziger Mensch, der sich die Mühe des Lesens macht. Vielleicht waren in früheren Zeiten deshalb anspruchsvolle Briefwechsel so beliebt.

Als ich meine ersten neugierigen Streifzüge durch die Blogwelt machte, fiel mir auf wieviel Menschen in schwierigen Lebenssituationen bloggen und es verwunderte mich, bis ich merkte, wie das Ordnen der Gedanken und Buchstaben klärt. Und wie sehr so ein kleines selbst geschriebenes Lagerfeuer am Wegesrand wärmt.

Schreiben ist die irdische Schwester der Zauberei.

Und darum ist es manchmal gar nicht so schlimm dem Schreiben etwas Schlaf zu opfern.

Nur übertreiben sollte man es damit nicht.

Ich freue mich immer über Likes und Kommentare zu meinen Texten, muss aber darauf hinweisen, dass WordPress.com – ohne dass ich daran etwas ändern könnte — E-Mail und IP-Adresse der Kommentierenden mir mitteilt und die Daten speichert und verarbeitet. Ich selbst nutze die so erhobenen Daten nicht (näheres unter Impressum und Datenschutz). Sollte das Löschen eines Kommentars im Nachhinein gewünscht werden, bitte eine Mail an fundevogelnest@posteo.de, meistens werde ich es innerhalb von 48 Stunden schaffen dieser Bitte nachzukommen.

6 Gedanken zu “Die kleine Schwester der Zauberei

  1. violaetcetera November 22, 2018 / 8:07 am

    Es stimmt, dass es gut tun kann, manchmal einfach den Blickwinkel zu ändern. Ich schreibe einmal wöchentlich zehn Dinge auf, für die ich in der vergangenen Woche dankbar war. Und egal, wie bescheiden die Woche war, es findet sich immer etwas. Also, Kampf der Nacktschnecke!

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    • fundevogelnest November 22, 2018 / 8:14 pm

      Ja, das habe ich eine Zeitlang mit dem Großen Fundevogel gemacht: Jeden Abend die „fünf wunderbaren Dinge“ (aus irgendeinem Roman geklaut) zu suchen. War für dieses Kind, das ja bis heute das Gefühl hat, wenn es ein Viertelpfund Käse kauft, nur das Loch bekommen zu haben, eine gute Übung.
      Vielleicht sollte ich bei meinen bekannten Faible für allgemein verhasste Tiere mit den Nacktschnecken Freundschaft schließen.
      Danke, Natalie

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  2. gkazakou November 22, 2018 / 3:40 pm

    Es ist gut, dass du beides aufschreibst: das Wesentliche (Gute) und das schier Unerträgliche (Negative). Das eine und das andere existiert ja gleichzeitig, aber wie im griechischen Altertum in die Pause der Tragödie ein Satyrstück (eine Satire) eingeschoben wurde, damit sich die Zuschauer ein bisschen von der Identifikation mit dem tragischen Geschehen befreien konnten, so ist es gut, die beiden Seiten der Wirklichkeit auch mal getrennt aufzunotieren.

    In etwas schematischer Form gehört es zur Grundausstattung meiner Therapien: Liegt die Ratsuchende in schwerem Clinch mit ihrem Partner, ihrem Vater, ihrer Mutter, ihrem Kind, ihrem Kollegen etc, soll sie auf einem Blatt zehn positive Eigenschaften des anderen notieren, Nein, keine negative Eigenschaft! die darfst du dann aufschreiben, wenn du mit den positiven fertig bist.
    Das ist heilsam, denn zunächst fallen keine positiven Dinge ein, dann kommen sie langsam zum Vorschein, und wenn es dann an die auflistung des Negativen geht, wundert sich die Ratsuchende und sagt: Als ich kam, dachte ich, ich würde ein ganzes Buch mit Negativem füllen können, aber jetzt fällt mir nichts Wichtiges mehr ein. .Nur lauter Kleinkram. …

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  3. fundevogelnest November 22, 2018 / 8:46 pm

    Das Einschieben einer Satire oder meinetwegen auch richtigen Klamauks empfinde ich auch als SEHR heilsam.
    Leider fällt es mir häufig erst im Nachhinein auf, wie durchaus unterhaltsam mein Alltag ist, der ja gar nicht „schier unerträglich“, und auch keine Tragödie, sondern einfach anstrengend ist.
    Also nicht nur auf das Schöne, sondern auch auf das Lustige achten.
    Diese Aufgabe stelle ich mir jetzt mit großer Wonne mal selbst.

    Und dass du auch noch Therapeutin bist, habe ich gar nicht gewusst …
    Einen schönen Abend wünscht
    Natalie

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  4. ullistein November 23, 2018 / 7:52 pm

    “Als ich meine ersten neugierigen Streifzüge durch die Blogwelt machte, fiel mir auf wieviel Menschen in schwierigen Lebenssituationen bloggen und es verwunderte mich, bis ich merkte, wie das Ordnen der Gedanken und Buchstaben klärt. Und wie sehr so ein kleines selbst geschriebenes Lagerfeuer am Wegesrand wärmt.
    Schreiben ist die irdische Schwester der Zauberei.” – Mit diesen Sätzen sprichst Du mir sehr aus dem Herzen. Beginne gerade erst meinen Streifzug durch die Blogwelt, inspiriert durch eine liebenswerte Frau. Schreiben als Heilmittel, als Trost in schweren Stunden oder als Ausdruck von Freude ist etwas Wunderbares, Befreiendes und Gedankenordnendes. Deine Sicht auf das Leben gefällt mir, nachdem ich nun bereits drei Deiner Beiträge gelesen habe. Es erscheint für mich selbst im Moment als ein toller Ansatz, meine eigene, neue schwere Lebensituation mit Kreativität und Schreiblust in der Blogwelt aufzuarbeiten und daraus Mut und Zuversicht für die Zukunft zu schöpfen. Weiterhin alles Gute für Dich und ich werde Deinem Blog gerne folgen. LG und ein schönes Wochenende wünscht Thoralf.

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    • fundevogelnest November 23, 2018 / 8:39 pm

      Lieber Thoralf,
      Vielen Dank für diesen schönen Kommentar.
      Schreiben kann einen vielleicht nicht aus jedem Sumpf ziehen, aber doch aus ziemlich vielen. Undich finde es so herrlich unaufwendig. Bloggen ist ja eher die de luxe Version, aber Zettel und Stift geht fast immer.
      Ich habe mir die schönen Fotos auf Ihrem Blog angesehen und komme für die Texte gern mit etwas mehr Zeit als gerade jetzt vorbei.
      Alles Gute zum Arrangement mit der Schwere, worin immer sie bestehen mag (habe wie gesagt nur kurz reingeschaut )
      Natalie

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