Anderer Blick

Die Auszubildende der Kita fragt, ob sie den Kleinen Fundevogel zum Objekt einer Hausarbeit machen darf. Und ob sie dafür Fotos machen darf.

Sie darf.

„Gucken Sie mal, voll süß geworden“, strahlt sie und schenkt mir Abzüge der Fotos. Liebevoll fotografiert, denke ich.

Ein paar Wochen später strahlt sie noch mehr: Bestnote! Ob ich ihre Hausarbeit vielleicht lesen möchte?

Es sind bis ins kleinste Detail beschriebene und analysierte Spielsituationen: Wie der Kleine Fundevogel ein Seil aufhebt, es betrachtet, es befühlt und beschließt eine „Absperrung“ zwischen Zaun und Baum zu spannen, wie er den Baum inspiziert, fasziniert die Borke betastet, versucht das Seil um den Baum zu wickeln und schließlich nach ein paar Fehlschlägen, ausgiebigen Selbstgesprächen und mit der Unterstützung eines anderen Jungen seine Absperrung fertig hat.

Von interessiert sein schreibt die Auszubildende, von Engagement, Standhalten bei Herausforderungen und Schwierigkeiten, von sprachlichen und sozialen Kompetenzen und vom Mitwirken in einer Lerngemeinschaft.

Dem Kind selbst hat sie einen Brief dabei gelegt, in dem sie das Ganze noch einmal kindgerecht beschreibt, ihn fragt, ob er sich noch mehr mit Bäumen befassen will, seine Ausdauer und Eigeninitiative lobt.

Ich hefte die Hausarbeit und den Brief in den Ordner des Kleinen Fundevogels. Auf gut 5 cm Aufzählungen von Defiziten, notwendigen Maßnahmen und wie diese bitte zu finanzieren seien hefte ich ihn.

Ganz oben auf.

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9 Gedanken zu “Anderer Blick

    • fundevogelnest November 25, 2018 / 9:10 pm

      Wobei natürlich 5cm nur Defizite eine gewisse literarische Übertreibung ist, es sind auch so neutrale Dinge wie Geburtsurkunde, Sorgerechtsbeschlüsse und Korrespondenz mit der Kibdergeldkasse mit dabei. Aber wirklich Positives fehlte bislang.

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      • Elke H. Speidel November 26, 2018 / 8:16 am

        Schon klar. Aber trotzdem deprimierend, dass bisher etwas Positives fehlte. Und ermutigend, dass es jetzt nicht mehr fehlt!

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  1. gkazakou November 24, 2018 / 2:45 pm

    So ist es richtig: die Stärken zeigen, denn nur sie helfen zu wachsen Ist übrigens ein Grundsatz der Waldorf-Pädagogik. Meinem Neffen, der im ersten Schuljahr den Mund nicht aufbekam, schrieb der Lehrer ins Zeugnis: kann sehr gut zuhören. ,

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    • fundevogelnest November 25, 2018 / 9:14 pm

      Oh, die Frühförderung ist eine Waldorf-Einrichtung, ich fand sogar eine sehr gute. Der Fairness halber sei gesagt, dass der Kleine Fundevogel mit vier noch keine Zeignisse bekommt, sondern es sind Berichte, die auf weitere Finanzierung der Förderung abzielen, aber auch wenn man das weiß, machen sie etwas mit einem.

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  2. charlotteweiss November 24, 2018 / 10:10 pm

    Ach da geht mir so richtig das Herz auf!! Wie wunderschön und wunderbar! Möge die Auszubildende im Kindergarten sich diesen Blick auf ihrem weiteren Weg bewahren. Und der kleine Fundevogel lernen, dass die 6mm wunderbarer Einblicke und Beobachtungen mehr in seinem Leben wiegen als die 5cm Defizit orientierter Berichte…

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  3. puzzleblume November 28, 2018 / 9:19 pm

    Sehr schön zu lesen, dieser liebevolle Umgang ist wirklich vorbildlich und hat sicher allen gut getan.

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