Weihnachten – nichts für Weicheier

Weihnachten ist weitgehend vorbei. Ganz vorbei wird es sein, wenn der Weihnachtsbaum meinen Schreibtisch verlässt und keine Schokoladenweihnachtsmänner mehr als morgendlicher Brotbelag zur Verfügung stehen. Und wenn der Kleine Fundevogel wieder schläft.

Er wirkt so unbekümmert, Hänschen klein ging allein die weite Welt hinein, keinen Blick zurück wirft er, wenn eine Schiebetür sich auftun könnte, ein Schalter lockt, eine Fahrstuhltür, ein Hund. Völlig unbefangen geht er auf Wildfremde zu, erzählt ihnen was ihm gerade durch den Kopf geht, fordert ohne eine Spur des Unbehagens im Bus Fahrgäste auf, ihm diesen, ja genau diesen von ihm erwünschten Platz freizugeben (nein, das erlaube ich nicht).

Rennt, rennt, fällt, fällt oft, aufgeschürfte Handflächen, zerissene Hosen, einmal Pusten, wenn überhaupt, weiter geht die rasende Fahrt, ist gar wohlgemut. Wehe die Welt oder die Erziehungsgewalt wagt sich dem in den Weg zu stellen, dann kennt der Zorn über die Grenze keine Grenze mehr.

Und dann kommt Weihnachten.

Wie ein Wetter ballt Weihnachten sich am Horizont zusammen. Adventskalender tauchen auf. Ihre willkommene Süße weist auf etwas hin, das da kommen wird. Ich weiß, dass die Fundevögel im Grunde ihres Herzens nichts kommen lassen wollen, in ihren Leben kam schon zuviel. Die Adventskalender sind ein Fehler im System Fundevogelnest. Mit drei oder vier bekam der Student der Geowissenschaften seinen ersten Adventskalender und fand ihn toll. Und mehr auch nicht.

Mit drei bekam auch der Große Fundevogel seinen ersten Adventskalender, gegen mein Gefühl, aber ein Kind mit und ein Kind ohne, das geht ja nun gar nicht. Und dem Achtjährigen, der im ersten Fundevogeljahr wirklich viel erdulden musste, den Kalender vorenthalten ging erst recht nicht.

Der Adventskalender wurde zum Vierundzwanzigtage-Vierundzwanzigstunden-Dauerthema. Was wohl drin? Wieviel? Heute nicht doch noch mal? Das Falsche drin (nicht essbar)!

Echte Gelassenheit herrscht da bis heute nicht, aber so groß ist das Thema nicht mehr

Aber nun wieder: Ein Kind mit, ein Kind ohne – das geht nicht.

Wenn es nur die Adventskalender wären. Nachbarn, Verwandte, Freunde, all‘ die unterwegs Angequatschten: Freust du dich auf Weihnachten? Bald kommt der Weihnachtsmann? Was wünschst du dir denn vom Weihnachtsmann?

Und wenn ich wieder auf offener Straße vom Fundevögelchen getreten und beleidigt werde oder es kreischend auf dem Boden liegt: Oh, das sieht der Weihnachtsmann aber gar nicht gerne. Dann gibt es diese Jahr keine Geschenke. Den Satz habe ich so oft gehört, dass ich eine Standardantwort auf Lager habe: Meine Kinder bekommen keine Geschenke, weil sie lieb sind, sondern weil sie geliebt werden. Danach darf man die offensichtlich komplett erziehungsunfähige Mutter, der man doch nur helfen wollte, gern kopfschüttelnd stehen lassen.

Weihnachten bringt Unruhe und mit der Unruhe kommen die Nachtgespenster, einschlafen dauert Stunden und durchschlafen geht gar nicht. Dabei versuche ich schon jede Überraschung im Keim zu ersicken, die Oma kommt. Ja bestimmt. Die Beste Freundin und ihr Freund auch. Ja, gewiss. Der Advenskalender ist dann leer. Sicher. Es gibt Geschenke. Ja! Bestimmt mit Schalter. Es gibt weder einen Fernseher noch eine Popcornmaschine, keinen Mixer, keine Bohrmaschine und nein, auch keine Steinschneidemaschine! Bestimmt nicht, verlass dich drauf.

Aber als ich Heiligabend von der Arbeit komme, da schlafen die Jungs ganz fest, Arm in Arm in meinem Bett wie die Weihnachtsengel. Und der Große Fundevogel, der seit Tagen hauptsächlich fluchte und Türen knallte, hat allein den Tannenbaum üppig geschmückt.

Aber der Stern, der Stern, den der Opa gemacht hat, der muss noch dran, befinde ich und schon fallen klackerdiklack, klirr, klirr die goldenen Kugeln vom Baum wie überreifes Fallobst, es waren keine Bänder dran, also wurden sie praktisch und schnell einfach über die Nadeln geschoben … Zum Glück haben wir dank der Haushaltauflösungen der letzten Jahre Weihnachtskugeln im Übermaß.

Keine perfekte Weihnacht, Geschenke verlegt, die Rose von Jericho vergessen, aber mit lieben Menschen zusammen gewesen. Post von längst verloren geglaubten Menschen (die Antwort ist unterwegs …). Der Student der Geowissenschaften hat Stollen gebacken, der Große Fundevogel Makronen, die Kinder Plätzchen gestochen und ich Elisenlebkuchen gemacht. Natürlich gibt es Geschenke, schrille Weihnacht ist es, weil der gute Weihnachtsmann Wünsche mit Batterie, Schalter und Soundeffekt erfüllt.

Der Erzählvogel schlägt vor Freude Saltos, weil der Kleine Fundevogel mit seiner Mama eine Weihnachtsgeschichte geschrieben hat, von einem Wichtel, der auf der Baustelle in den Mörtel fällt, Rumpelquietsch hat natürlich auch ihren Auftritt.

Aber Schlafen geht nicht, nicht mehr als zwei Stunden am Stück. Und Essen am Tisch geht auch nicht, noch weniger als sonst, da fliegen die Teller, flutet die Milch, zermatscht das Obst. Zerissene Bücher, getretene Hühner und das rote Autochen hat nur noch die Hälfte seiner Wunderfähigkeiten parat. Alles wie immer, aber im gleichen Übermaß wie die Süße zur Weihnachtszeit.

Aber gestern, gestern da schlief er. Jauchzet. Frohlocket.

Lange waren wir draußen unterwegs, Seite an Seite Feuerholz sägen ist seine neue Leidenschaft. Schnell noch ins Bad und Mama Fundevogel, die schon wieder hustet und schnieft — 2018 das Rekordjahr der Infekte- sinkt noch immer müde aufs Sofa, hört ihr Vöglein ja. Hört es, stutzt und sieht dann mal hin. Soll das ganze Haus ersaufen? Seh ich über jede Schwelle doch schon Wasserströme laufen. Nur dass wir keine Schwellen haben dafür Holzfußböden. Welch‘ entsetzliches Gewässer in Diele, Küche und Kinderzimmer und welch dummer, dummer  Fehler, man darf dieses Kind nicht aus den Augen lassen, außer wenn es schläft, wenn es nicht schläft, eben nicht.

Das weiß ich doch. Ich habe eigentlich keine Zeit für Weihnachten

Nackt, nass, zornbebend ist das Fundvögelchen. So ein schönes Spiel so rüde unterbrochen. Verflucht seien wir alle mit unseren Handtüchern, die wir zum Glück auch im Übermaß haben. Zur Hölle mit unseren Flüchen und Wischern. Sein Schlafhemd zerreißt er vor Wut.

Egal. 361 Tage weihnachtsfreie Tage liegen vor uns.

Jauchzet. Frohlocket.

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11 Gedanken zu “Weihnachten – nichts für Weicheier

  1. Elke H. Speidel Dezember 30, 2018 / 4:25 am

    Oha. Da waren meine Enkekinder sehr harmlos daneben, obwohl zeitweise auch überdreht. Starke Nerven wünsche ich euch allen. Nach christlicher Auffassung hat Gott sich uns übrigens auch geschenkt, weil er uns liebt und eben nicht, weil wir lieb sind, denn das sind wir nicht. Dass Gott uns diese Tatsache verzeiht, ist ja gerade das Geschenk. In diesem Sinne auf ein gesegnetes Jahr 2019!

    Gefällt 5 Personen

    • fundevogelnest Dezember 30, 2018 / 11:25 pm

      Überdreht sind wohl fast alle Kinder zu Weihnachten, gehört irgendwie dazu.
      Aber überdreht ist steigerbar.
      Ich weiß von Pflegefamilien, die quasi gar kein Weihnachten mehr feiern.
      Ich finde Weihnachten eigentlich eine positive Gelegenheit den Umgang mit Abweichungen vom Alltag zu lernen.
      Ich glaube meine Kinder fanden weihnachten gut wiees war

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  2. Geschichten und Meer Dezember 30, 2018 / 6:40 am

    „Meine Kinder bekommen keine Geschenke, weil sie lieb sind, sondern weil sie geliebt werden.“ Das ist ein schöner Satz, und ich wünschte, meine Mutter hätte ihn gesagt oder zumindest gedacht.

    Gefällt 4 Personen

    • fundevogelnest Dezember 30, 2018 / 11:07 pm

      Die erste Adressatin dieses Satzes war meine Mutter, als sie ihren ältesten Enkel wegen irgendwelcher Unartigkeiten maßregeln sollte.
      Ich muss so vehement rüber gekommen sein, dass sie die letzten zwanzig Jahre nichts mehr in dieser Richtung von sich gegeben hat.
      Ich habe übrigens immer Weihnachtsgeschenke bekommen,ihnen haftete aber der gefühlte Makel an, sie irgendwie widerrechtlich in Empfang genommen zu haben, weil ich natürlich nicht immer brav war
      Wenn nur brave Kinder Geschenke bekämen, könnte man diesen Brauch gleich ganz einstellen.

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      • Geschichten und Meer Dezember 31, 2018 / 6:02 am

        Ja, Geschenke habe ich auch immer bekommen, mitsamt dem gefühlten Makel. Im Nachhinein betrachtet, war ich ein braves Kind, aber nie brav genug für meine Eltern.

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  3. Myriade Dezember 30, 2018 / 11:37 am

    Ja, diese ewige Erpresserei, die dann Erziehung genannt wird ….
    Langweilig ist es bei euch aber wirklich nie 🙂

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    • fundevogelnest Dezember 30, 2018 / 11:11 pm

      Mmh, ich erpresse meine Kinder auch ganz schön oft „bevor das hier nicht weggeräumt ist, du nicht angezogen bist …“
      Fällt für mich eher unter Alltagsbewältigung als Erziehung …
      Immerhin erpresse ich selbst und schiebe weder den Weihnachtsmann noch den lieben Gott vor, beiden ist wahrscheinlich herzlich egal, dass man unsere Diele oft nur wie ein Storch durchstelzen kann

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      • Myriade Dezember 31, 2018 / 10:41 am

        Diesen beiden, wie immer man zu ihnen stehen mag, ist deine Diele wohl wirklich so ganz herzlich egal 🙂
        Diese Art von Erpressungen finde ich nicht schlimm. Grauslich sind nur die emotionalen: ich hab dich nur lieb wenn du das und das machst und so und so bist. Einen guten
        Rutsch in ein lebendiges, liebevolles Neues Jahr wünsche ich dir, mit viel Gesundheit, Gelassenheit und Ruhe ❤

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  4. violaetcetera Dezember 30, 2018 / 6:55 pm

    Puh, ich ziehe den Hut vor dir, wie du damit umgehst. Ich ahne ja, dass es auch ohne Weihnachten bei euch hoch hergehen wird, aber Weihnachten hat zum Glück ja erst einmal Sendepause…

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    • fundevogelnest Dezember 30, 2018 / 11:21 pm

      Sagen wir es so, in Zeiten wieWeihnachten bräuchten die Fundevögel meine volle Präsenz.
      Aber gerade Weihnachten zieht unheimlich viele Kräfte ab, mit Geschenke besorgen, schmücken, Weihnachtsfeiern.
      Wenn man alte Bücher liest oder Bilder z.B. von Larsson anguckt, wird einem klar, dass die idealisierte bürgerliche Weihnacht immer mit – mindestens einem ! – Hausmädchen realisiert wurde. Heute eifern Berufstätige, Alleinerziehende und alle anderen diesem Sehnsuchtsbild nach und wundern sich, dass sie am Ende völlig fertig sind.
      Ich habe Weihnachten schon ziemlich abgespeckt, aber es bleibt genug.
      Immerhin habe ich jetzt eine komplett gewischte Wohnung, da hätte ich mich mit meiner dicken Erkältung sonst bestimmt nich zu aufgerafft—

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