Brilles Abwege

Am Samstagmorgen nun ist Brille weg, irgendwie zwischen gemütlichem Wochenendmorgenvorlesen und Aufstehen verschwunden. Das ist nicht besonders aufregend, Brille ist die geborene Abenteurerin. Solange wir wissen, wo Ersatzbrille ist, die zwar veraltet und nicht optimal ist, aber den Kleinen Fundevogel vor Kollisionen mit dem Türrahmen bewahrt – das passiert wirklich – , ist alles gut. Ich schüttel ein bisschen am Bettzeug herum und schlüpfe für alle Fälle in einen Gummihandschuh, nein in den Abflussrohren der Toiletten ist Brille dieses Mal nicht gelandet und wenn doch, ist es schon zu spät.

Meistens taucht Brille so unvermutet wieder auf, wie sie verschwindet, bevorzugt an Plätzen, an denen man schon dreimal nach ihr gesucht hat.

Sonntagmorgen genießen der Kleine Fundevogel, Ersatzbrille und ich wieder das vorlesende Faulenzerglück, bis mir plötzlich etwas einfällt.

Fundevogel, sage ich, Brille muss wieder her, wir haben morgen einen Termin beim Augenarzt.

Wir nehmen Ersatzbrille mit, meint er gelassen.

Nein, das habe ich schon mal versucht und die Dame in der Sehschule war so etwas von unerbaut, so kann sie ja die Sehschärfe überhaupt nicht testen und wie so etwas denn überhaupt passieren kann, diese unfähigen Eltern immer und überhaupt.

Trotzdem bekamen wir anstandslos ein Rezept für eine Nachfolgerin jener Brille, die vom Fahrrad gesprungen war und hernach offensichtlich entführt wurde, denn trotz intensiver Suche fanden wir sie weder tot noch lebendig wieder.

Wir rufen: Brille, Brillchen. Wir schütteln das Bettzeug etwas intensiver, lupfen die Matratze, schielen zwischen Wand und Bett – Brille ziert sich.

Ich kontrolliere die bekannten Verstecke, kunstvoll verbogen hinter der Heizung, vergessen am Rand der Dusche, im Gewühl auf dem Dielenregal – heute leider nicht.

Das Internet quillt über vom neuen Minimalismus, Feng Shui und fliegenden, magisch putzenden Ladies, die das Haushaltschaos bannen. Ich lese von ihnen wie von Prinzessinnen und Drachen, von fernen Welten und verwunschenen Seen. Wunderschön, aber nicht meine Welt. Im Fundevogelnest sieht es aus wie bei Pettersson und Findus, falls Sie die kennen sollten. Überall lagern die Spuren der vielfältigen Interessen der Nestbewohner, Äpfel, Blumensamen und eine gebastelte Salzlampe trocknen gerade vor sich hin, von der Krippe möchte sich noch keiner trennen, diese Bücher harren der Bücherhalle, dieses Spiel des gespielt Werdens, Stifte, Schnipsel, Frau Fundevogels Notizen und Fundevogelspielzeug sind allgegenwärtig, Kastanien auch noch immer und nie werde ich den Verdacht los, dass es hier wie in Petterssons Haus auch Mucklas gibt, jene Wesen, die durch ihr geheimnisvolles Tun das Leben der Menschen begleiten und kommentieren, wie könnte ich sie magisch putzend zur Haustür herausfeudeln ?

Ärmlich erschien mir mein Zuhause ohne Spalten und Nischen, in denen neben Wollmäusen Geschichten wohnen

Und neben irgendeiner Geschichte hockt nun Brille.

Bett abziehen, Möbel rücken, zur Hilfe, wie sieht es hier schon wieder aus, die Spinnen müssen Überstunden gemacht haben. Her mit dem Staubsauger, dem feuchten Lappen. Es lohnt sich auf jeden Fall. Ich finde einen Holzengel. Einen Chip für 4-gewinnt. Die Handarbeitsnadel der Babysitterin, nach der wir doch so gründlich gesucht hatten. Eine Bibel. Wie um Himmels willen kommt eine Bibel in die Mechanik unseres Ausziehsofas? (Äh, ich glaube ich habe bei der Lektüre von Joseph und seine Brüder etwas drin nachgesehen.)

Gegen Mittag setze ich eine Belohnung aus, eine Tafel Schokolade für die Ergreifung von Brille, tot oder lebendig.

Unter dem Kinderzimmerteppich liegt ein erstaunlich platt getretenes Unterhemd, Brille liegt da zum Glück nicht.

Eine Freundin rät, den Heiligen Antonius um Hilfe zu bitten, alternativ mein höheres Selbst. Der Heilige Antonius scheint gerade mit Wichtigerem als Brille beschäftigt zu sein und ob ich überhaupt ein höheres Selbst habe? Was ist das eigentlich?

Wenn ich sein Bett zwecks Suchen und Saugen verschiebe, kann der Kleine Fundevogel auf die höchsten Möbel klettern, wir könnten das doch so stehen lassen, meint er, aber Brille weilt weder in der Höhe noch in der Tiefe.

In der Waschmaschine auch nicht und ist es nicht doch zu albern den Müll zu durchwühle?  Überhaupt sollte man sich nicht als erwachsener Mensch von einer Augenärztin ins Bockshorn jagen lassen, oder?

Am Ende des Tages fällt Brille feixend aus einem Schlafanzugoberteil. Moment mal, Brille verschwand Samstagmorgen, in der Nacht von Samstag auf Sonntag war dieser Schlafanzug an seinem Besitzer. Das geht doch gar nicht.

Irgendwie doch.

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5 Gedanken zu “Brilles Abwege

  1. Elke H. Speidel Januar 14, 2019 / 6:33 am

    Das klingt sehr lebendig. Als mein Mann noch lebte und unser Kind noch nicht aus dem Haus war, sah es bei mir/bei uns auch so ähnlich aus. Jetzt nicht mehr, die Spielsachen der Enkelkinder verschwinden Abend für Abend in ihren Regalen und Schränkchen. Denn dann sind die Kinder weg und zerren nicht alles wieder heraus. Und was an erwachsenem Zeugs herumliegen darf, bestimme ich allein und muss mit keinem anderen Menschen darüber diskutieren. Nur die Wollmäuse hinter den Möbeln … hust, die warten mehr oder weniger geduldig auf den nächsten Umzug, der bisher meist VOR dem nächsten großen, aber umzugsfreien Putztag fällig wurde. Ja, ich weiß, anständige Hausfrauen machen das mindestens zweimal pro Jahr, aber einmal in zwei Jahren reicht auch, sagen meine Wollmäuse.

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  2. Myriade Januar 14, 2019 / 11:36 am

    Wunderbar lebendig ist es bei dir, mit oder ohne Wollmäuse (die bei uns Lurch heißen und bei mir immer wieder zu Besuch kommen) und Spinnen und abenteuerlustigen Brillen

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  3. violaetcetera Januar 14, 2019 / 9:33 pm

    Ach herrjeh… Ich habe neulich zum ersten Mal in vierzig Jahren mein Hörgerät so gründlich verlegt, dass es erst wieder aufgetaucht ist, als ich schon Ersatz im Ohr hatte. Gut, dass es bei euch schneller ging 🙂

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