Kleine Reminiszenz

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Eine Sache vorweg: Wer nicht ohnehin schon bei dergl liest, schaue doch hier und dort. Es geht um das Recht auf selbstbestimmtes Leben, das wir alle so dringend wollen und das vielen Menschen verwehrt wird.

Hier im Nest wird zurzeit viel gekrächzt, gegrummelt und liegen gelassen (und darum, liebe dergl, musstest du auch erst deutlich werden). Das haben sie im Moment alle wochenlang, versichert die Hausärztin und seufzt.

Im Februar müssen wir aber wieder richtig gesund sein, versichern wir uns gegenseitig. Im Februar wird der Große Fundevogel volljährig.

Als der Student der Geowissenschaften volljährig wurde, freute er sich aufrichtig, an der bald darauf folgenden Bundestagswahl teilnehmen zu dürfen und keine Unterschriften für alles mögliche mehr zu brauchen. Sonst blieb eigentlich alles wie es war, ach ja, die Kindergeldkasse brauchte eine Schulbescheinigung, er arbeitete damals ja noch auf sein Abi hin.

Der Verwaltungsaufwand, den es darstellt, wenn ein Pflegekind volljährig wird, ein Pflegekind mit besonderem Förderbedarf, stellt alles was ich an Pflegefamilienbürokratie in den 15 Jahren zuvor erlebt habe, in den Schatten. Theoretisch wäre unsere Beziehung in drei Wochen beendet, Vertragsende erreicht, vielen Dank auch und tschüß. Liebes Kind, nein, lieber Jung-Erwachsener, sieh zu, wie du klar kommst. Die Praxis hat sich zum Glück der gelebten Realität angenähert, vieles ist möglich, aber auf Antrag, mit Gesprächen, Gutachten hier, Hausbesuch dort und bloß nicht den Überblick verlieren zwischen Hilfe für junge Volljährige, gesetzliche Betreuung, Jugend-Psychiatrischer-Dienst, Volljährigen HPG und, und, und …

So wäre es ganz und gar zuviel gewesen, am Wochenende nach Berlin zu fahren, um wie jedes Jahr (letztes Jahr hat es auch schon nicht sollen sein) an der Wir haben es satt- Demo teilzunehmen, langvermisste Menschen wiederzutreffen, besonders die von FIAN und sich einen Tag lang der Illusion hinzugeben, ein politisch aktiver Mensch zu sein. Stattdessen rumgeräumt, in alten Texten gestochert und diesen für bedenkenswert befunden :

Nachruf auf ein Huhn

Am Morgen lag ein gefiederter Hauch von Nichts im Stall. Kalt. In der Hand ein kaum wahrnehmbares Gewicht. Trotzdem wiegt für mich der Tod der kleinen, unberingten, schon ewig nicht mehr legenden Antwerpener-Bartzwerghenne schwer. Ich weine um ein kleines Huhn, während in Syrien Menschen von Fassbomben zerfetzt werden, und die Schergen Assads Dorfgemeinschaften systematisch verhungern lassen. Die Überlebenden des Terrors fliehen zu Zehntausenden über Meere und Kontinente hinweg und ich wiege totes Federvieh.

Das ist wahrscheinlich ziemlich daneben.

Wie zur Verteidigung meiner Gefühle stelle ich mir eine vor, die ihre kleine Henne in Aleppo zurücklassen musste und die dieser Verlust schmerzt, obwohl er in der Masse der Verluste nicht mehr auffallen dürfte. Es ist ein Schmerz, den man noch zulassen kann; schmerzhafter Schmerz, aber kein vernichtender. Fast Luxusschmerz. Den leiste ich mir, egal wie peinlich mancher das finden wird, weinen wegen einer toten Henne – bei Katzen, Hunden und Pferden ist Schluchzen gesellschaftlich noch irgendwie anerkannt.

Bei Hühnern …

Wie eine kleine geschäftige Hausfrau wuselte Ginny durch den Auslauf, meckerte lauthals, wenn ihr etwas nicht passte, machte sich nie mit den anderen Hennen gemein. Winzig war sie, prädestiniert die Letzte, die Allerletzte in der Hackordnung zu sein. Sie dachte nicht daran. Listig eroberte sie die Nische, die Charles Darwin nicht auf der Rechnung gehabt hatte. Sie wandte sich den Menschen zu, fraß aus der Hand, sprang Sitzenden auf die Knie, als sie noch jung war auch Stehenden auf die Schulter. So eroberte sie Leckerbissen, die das Hühnervolk ihr niemals zugestanden hätte. So eroberte sie mein Herz.

Ihre Küken lehrte sie, sich bestniedlich vor fütternden Kinderhänden aufzustellen. Nie wirkte sie kriecherisch dabei, sie gestattete gnädig ein paar Streicheleinheiten, die waren Teil des Deals, abhängig wurde sie davon nicht. Sie vermittelte Unabhängigkeit, Unbestechlichkeit. He du, du Menschenberg, schien sie zu sagen, du passt mir ziemlich gut in den Kram, aber werde bloß nicht eitel darüber. Ich bin und bleibe Tier.

Auf Spanisch wird das Wort Haustier differenziert, zum einen gibt es das animal doméstico, das nützliche Tier, das homo sapiens sich untertan gemacht hat, auf dass es ihn mit Eiern, Milch, Fleisch, Leder und Dienstleistungen versorge. Dem gegenüber steht das mascota, das volkswirtschaftlich allenfalls der Heimtierindustrie nutzende Wesen, das so glücklich machen kann. Ginny hatte das große Talent, beides zu sein.

In jungen Jahren war sie eine vorzügliche Legehenne, eine gute, fürsorgliche Glucke, auch ihre Töchter sind gute Eierlegerinnen, kurzum: ein vorbildlich nützliches Tier. Gleichzeitig war sie das Maskottchen meines Pseudokleinbäuerinnendaseins, ach‘ was sage ich, meines Alltags.

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Ginny

In dieser Hinsicht hatte sie etwas von „Hedwig“, der geliebten Posteule des Zauberlehrlings Harry Potter. Zwar verließ Ginny in ihrem ganzen Leben so gut wie nie den Auslauf, in dem sie geschlüpft war, was ihr eine Karriere als Postbotin vermasselte. Aber dieser manchmal fürchterlich hektische Flederwisch hatte seine eigene Magie: Immer wieder in den neun Jahren, die sie bei mir war, stieß sie durch ihre pure Existenz wunderbare Denkprozesse an: Über Tierhaltung als solche, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier, Tierhaltung als Gewinnmaximierung, Luxus oder pure Notwendigkeit, Tierrechte, Menschenrechte, veganes Leben und den beklemmenden Akt des Schlachtens.

Nicht dass sie sich dafür interessiert hätte, aber die Gedanken des Menschenbergs wurden direkt von der Theorie in die Praxis geschubst. Jeden Tag füttern und Kacke wegräumen diszipliniert das Denken.

Mein Traum war immer mit meiner magischen Henne auf der Schulter an der jährlichen „Wir haben es satt“-Demo in Berlin teilzunehmen. Ich habe ihr die Verwirklichung dieses Traumes erspart. Eine Woche vor der diesjährigen Demo ist sie gestorben. Halten Sie mich nun für endgültig durchgeknallt (wer einen Nachruf auf ein Huhn schreibt, hat nichts zu verlieren), aber ihr Geist saß am 16. Januar in Berlin auf meiner Schulter. Mit im Demozug war eine große Gruppe tanzender und musizierender Syrer, die gegen die grauenhafte Hungerpolitik Assads protestierten.

Wir winkten ihnen zu.


Ziemlich genau drei Jahre sind seit diesem Text vergangen. Ginny ist längst zu einer zarten Geschichte geworden, die ich meinen Enkeln erzählen werde, wenn ich mal welche haben sollte und sonst werden da andere Kinder sein.

Der Krieg in Syrien ist nur anders geworden, jeden Tag entstehen dort neu traurige und schreckliche Geschichten. Oder das Leid wird so überwältigend, dass es keine Worte dafür geben kann, dass es fortgeschoben werden muss und wortlos weitergegeben wird an Kinder und Kindeskinder.

In welcher Welt wollen wir leben?, steht gern auf diesem und jenem auf Demos getragen Transparenten.

Meine Antwort lautet, in einer, in der ein totes Huhn ein spürbares Gewicht haben darf.

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3 Gedanken zu “Kleine Reminiszenz

  1. Myriade Januar 23, 2019 / 3:17 pm

    So ein schöner Nachruf! Wenn Menschen überall so gut leben könnten, wie bei dir die Hühner wäre die Welt eine andere…

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    • fundevogelnest Januar 28, 2019 / 8:32 pm

      Ja und wenn ich dann an die diplomatischenVerhandlungen mit dem Hausherrn denke, erschließt sich eine Ahnung , warum es auf Erden nicht so einfach ist.
      (ich mag den Hausherrn sehr, sehr gern und er mag auch die Hühner, trotzdem ist manches seher kompliziert:)

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  2. violaetcetera Januar 23, 2019 / 8:30 pm

    „Jeden Tag füttern und Kacke wegräumen diszipliniert das Denken.“ Oh ja, das tun unsere Tiere für uns, egal ob Huhn, Katze oder Hund. Interessant finde ich diese sprachliche Unterscheidung im Spanischen.

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