Wie der Januar roch (inspiriert von Fräulein Read On)

Der Februar ist schon eine Woche alt und ich hoffe das Fräulein Read On sieht es mir nach, wenn ich erst jetzt dazu komme meinen Beitrag zu ihrer monatlichen Gerüchesammlung zu verfassen.

Fräulein Read On hat ihren Schnupperjahreskreis im Januar vollendet, so erscheint dieses mir lieb gewordene Format zum letzten Male.

Richtig viel gerochen habe ich diesen Januar nicht, ein besonders hartnäckiges Exemplar von Infekt traf pünktlich zum Altjahrsabend ein und hat sich erst in den letzten Ausläufern des Januar verzogen, aber manche Gerüche sind zäh z.B. die von Erkältungsbädern, Salbei zum Gurgeln und Salzwasser zum Inhalieren.

Niemals frisch, sondern nach Pulver und Qualm riecht der Januar an seinem Beginn. Viel zu viel Feuerwerk starten sie hier. Am Ende ist vor lauter Qualm keines mehr sehen. Immer sehne ich mich in der Silvesternacht nach frischer Luft.

Als ich noch Silvesternächte im Krankenhaus arbeitete, roch es öfter als sonst nach Erbrochenem, weil schon Jugendliche nicht wissen, wann Schluss sein sollte. Nach zuviel Blut können Neujahrsnächte auch riechen, nach miesem Ende und schlechtem Beginn.

Da niemand in der Silvesternacht Kinder hütet, arbeite ich nun in dieser Nacht nicht mehr.

Am Neujahrsmorgen streicht das Kind durch die Straßen, freut sich unbändig über so manchen Fund aus Plastik und verkohlter Pappe, jault wie eine Rakete und trägt den Silvesternachtspulvergeruch glücklich ins Haus.

Nach auf der Heizung trocknenden Handschuhen und Jacken riecht es im Januar, nach feuchten Mänteln an Garderoben vieler Ämter, in denen ein junger Mensch diesen Monat wieder und wieder beäugt wurde. Als müssten sie nur dicht genug auf die Pelle rücken, um es zu riechen: Behindert oder nicht? Jugendhilfe oder Eingliederungshilfe? Gesetzliche Betreuung ja oder nein oder vielleicht nicht jetzt, sondern später.

Vielleicht braucht ein junger Mensch genau deshalb eine Rüstung aus Deo.

Nach Grünkohl auf dem Herd riecht es, habe ihn zu kochen gelernt, jetzt da die, die ihn sonst kochte, alt geworden ist, von der Mühe überwältigt und dankbar den Stab des Kochens weiter geben zu dürfen. Grünkohl vom Markt ist es, denn der aus dem Garten verschwand in hungrigen Kohlweißlingsraupen, die einzigen Falter, die uns im letzten heißen Sommer noch beehrten. Wolkengleich flatterten sie über die Beete.

Im Haus hängt schwer und träg der Hyazinthenduft, mächtiger noch ist er als die kleistrige Deorüstung des großen Kindes. Immer atmet der Januar Hyazinthen ein und aus, weil ich es nicht lassen kann die kleinen Plastiktöpfe mit den Zwiebeln ins Haus zu holen, Tische und Fensterbänke damit vollzustellen. Bilde mir sonst ein, es nicht mehr auszuhalten ohne Pflanzen, ohne Säen, ohne Bienen und Blütenduft.

Januar ist der Monat, der versucht mich Geduld zu lehren mit seinem Geruch nach Warten auf Aufbruch. Der Januarhyazinthenduft begleitet mich wie der Adventskalender ein Kind durch die Vorweihnachtszeit trägt.

Meist sind es blaue Hyazinthen. So blau wie der Klang des Wortes Januar.

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7 Gedanken zu “Wie der Januar roch (inspiriert von Fräulein Read On)

  1. puzzleblume Februar 7, 2019 / 1:40 pm

    Der Schnupperkurs durchs Jahr des von dir genannten Blogs ist mir leider entgangen, aber dein Beitrag über die begleitenden Geruchswahrnehmungen im Alltagsverlauf finde ich ganz grossartig, weil ich selbst so ein „Nasentier“ bin und mich mit solchen Beobachtungen manchmal schon sehr exotisch finden musste, weil niemand verstanden hat, dass dies zum Erleben dazu gehört, nicht nur das Duftende, sondern auch das Belastende, Belästigende, Befremdliche, Nichtentrinnbare und das Erinnern.

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest Februar 9, 2019 / 8:24 pm

      Liebe Puzzleblume, es lohnt sich auf jeden Fall sich einmal durch Fräulein Read On Jahreskreis zu lesen. Die Texte sind bezaubernd.
      Erinnerungen sind oft stark an Gerüche gekoppelt undan Nichtenrrinnbare erinnere ich mich auch, sie können die Hölle sein.
      Liebe Grüße
      Natalie

      Gefällt 1 Person

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