Denken an D.

Seit ein paar Tagen muss ich wieder an D. denken. Unsere letzte Begegnung liegt an die 40 Jahre zurück und ich hätte ich ihn gern längst vergessen.

D. war eine Pestilenz, ein Quälgeist, eine wandelnde Demütigung.

Ich kann nicht mehr richtig klein gewesen sein, denn der Weg, auf dem er mir auflauerte, war nicht der von der Grundschule, sondern der vom Gymnasium.

Ich war klein, sehr klein für mein Alter, das Adjektiv zart traf damals in fast jeder seiner Bedeutungen auf mich zu, allerdings nicht zart wie ein graziles Reh, eher unbeholfen. D. war fast einen Kopf kleiner als ich, ziemlich kompakt und vermutlich ein paar Jahre jünger.

Ich lief immer allein. Er auch.

War ich ausnahmsweise nicht allein, war er nicht da.

Er schubste. Ich fiel hin. Immer.

Wenn ich weglief, holte er mich ein. Wenn ich einen Umweg ging, fand er mich trotzdem. Wenn ich zurückschubsen wollte, wich er aus. Wenn ich mich im Gebüsch oder hinter Müllcontainern versteckte, war er schon da und ich zerriss mir die Strumpfhose an stachligen Zweigen.

Vorfrühling war es, Streusplit lag noch auf den Wegen und es war schwer nicht zu heulen, wenn die bloßen Hände über den Split ratschten, aber ich verkniff es mir, Hosen gingen kaputt, Knie bluteten. Wenn er endlich weg war, heulte ich doch.

„Bin hingefallen“, murmelte ich zu Hause, wenn ich gefragt wurde, wegen der mit Blut verschmierten Jacke, den Hosen, den Schrammen.

War es mir peinlich mit einem kleineren Jungen nicht fertig zu werden?

Was wäre schon der Rat gewesen? Geh‘ ihm aus dem Weg. Hau zurück. Lass‘ dir das nicht bieten.

Dass mir nichts davon gelang, blieb mein schmutziges Geheimnis.

Ich wusste nicht wie D. mit Nachnamen hieß, nicht wo er wohnte oder in welche Klasse er ging. Erstaunlich, dass ich den Vornamen weiß. Vielleicht hieß er gar nicht D., vielleicht habe ich ihm diesen Namen verpasst, weil er hässlich ist, klanglos, kurz, fast wie ein Würgen.

Ein einziges Mal war D. nicht allein. Da ging er an der Hand seiner Oma, deutlich bemüht ein lieber Junge zu sein.

Ich war allein.

Ich stellte mich an den Zaun und fing leise an zu reden, schaute ihn nicht an, schaute die Oma nicht an, leierte bloß: Du schubst mich immer, du hast meine Hose kaputt gemacht …

Ich fand mich widerwärtig. Aber ich war meinen Peiniger los.

Nicht nur, dass er mich in Ruhe ließ. Ich habe ihn nie wieder gesehen, kein einziges Mal, nicht einmal von hinten, obwohl ich die Siedlung erst Jahre später verließ. Vielleicht versteckte er sich jetzt hinter Müllcontainern, wenn er mich sah. Ich habe nicht nachgesehen. Oder er hatte längst ein neues Opfer. Oder die Oma hatte ihn doch totgeschlagen.

Die Methode, mit der ich D. losgeworden bin, wurde mein allerschmutzigstes Geheimnis.

Ich, die Petze.

Menschen, die in Schulen und Kitas mit Kindern arbeiten, verabscheuen Petzen meist. Petze, Petze ging in Laden… dieser Spruch scheint unsterblich zu sein. Irgendwie ist es auch bequemer, wenn die Kids das unter sich ausmachen. Selbst auf Spielplätzen hört man: „Nun petz‘ mal nicht“, wenn die Gehauenen und Geschubsten in die Arme ihrer Mütter flüchten wollen. Kaum ein Wort kann so verächtlich, so vernichtend hingerotzt werden wie Petze.

In der Kinderliteratur sind sie der Abschaum. Nur liest, wer ein wenig genauer liest, nicht von denen, die hauen, schubsen, mobben, sondern von denen, die ein Kind verpfeifen, das etwas versehentlich kaputt gemacht hat und nun Strafe fürchtet (der Klassiker von der mit dem Ball eingeschossenen Scheibe) oder ein Kind das vielleicht in einer (vermeintlichen) Notsituation Geld genommen hat.

Das Nicht-Petzen erfolgt hier nicht aus Prinzip, sondern aus Mitgefühl.

Wenn eines meiner Kinder sich zu Taten vom Kaliber D. hinreißen lassen würde, hoffte ich auf Petzen. Ich würde das nach Kräften unterbinden, würde diese Entwicklung rechtzeitig korrigieren wollen.

Und natürlich würde ich sie schützen wollen, wenn sie selbst Opfer würden. Schützen muss nicht bedeuten kindliche Täter bloßzustellen und nun ihrerseits durch Strafen zu demütigen. Darum geht es nicht. Manchmal brauchen Kinder einfach nur etwas Hilfe, um aus der nervigen der hat aber … nein, die hat zuerst… Situation herauszufinden.

Manchmal brauchen sie handfesten Schutz.

Viel Schlimmeres als ein paar Schubser ist Kindern passiert, die durch das Gebot du sollst nicht petzen, gefesselt waren. Gewalt, sexuelle Gewalt, rassistische Übergriffe, Übergriffe wegen Behinderungen, Erpressungen… Auch Erwachsene haben Angst zu petzen, manche trauten es sich Jahre später bei MeToo.

Ich verfolge die Berichte über den Krankenpfleger Niels H., der wohl zum Massenmörder wurde, weil er Wiederbeleben geil fand, ich arbeite ja in einem ähnlichen Bereich. Seine Taten entziehen sich meinem Verstehen, aber beunruhigend gut kann ich mir vorstellen, was in den Kollegen vorgegangen ist, die wohl vieles ahnten und nicht handelten. Wenn ich mir das nun doch nur einbilde … man kann ja nicht einfach jemanden in Schwierigkeiten bringen … wie stehe ich dann da …

Du sollst nicht petzen, nicht einmal, wenn es um Leben oder Tod geht.

Das kann doch kein Erziehungsziel sein.

Besser wäre es, es gelänge zu lehren umsichtig für sich und für andere zu sorgen. Benennen zu dürfen, was oder wer einen quält, ohne mit einem Klumpen Scham in der Brust dafür gestraft zu werden und noch Jahre an D. zu denken,  der vielleicht gar nicht D. hieß. Wenn die Oma ihn damals nicht totgeschlagen hat, geht er nun auf die fünfzig zu. Denkt auch er noch manchmal an mich? Ist er ein Widerling geblieben? Oder war das eine Phase, vielleicht gar eine Zeit innerer Not, die er lange schon hinter sich gelassen hat? Was gibt er seinen Kindern mit auf den Weg?

Ja, es würde mich interessieren.

Begegnen möchte ich ihm nicht.

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12 Gedanken zu “Denken an D.

  1. gkazakou Februar 10, 2019 / 10:05 am

    Ein schwieriges Thema hast du da angerissen. Deine differenzierenden Gedanken dazu geben gute Ansätze zum Weiterdenken.
    Oft „verpetzen“ Erwachsene ihre Nachbarn auch deshalb nicht, weill sie „keine Scherereien“ haben wollen. Und wenn dann ein Verbrechen an den Tag kommt, von dem sie längst „ahnten“, dass es geschehen würde, „fallen sie aus allen Wolken“.So jedenfalls ist hier im Land der normale Ablauf.
    Grad wird ein Prozess zum soundsovielten Male verschoben, über einen Fall brutalen Mobbings, der zum Selbstmord des Opfers, eines sensblen Gymnasiasten, führte. Vier Jahre ist es her, und die Eltern und Zeugen der Täter versuchen, alles zu vertuschen und zu verschleppen.

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    • fundevogelnest Februar 15, 2019 / 11:13 pm

      Eine sehr bedrückende Geschichte erzählst du da, liebe Gerda.
      „Keine Scherereien“ sind gewiss ein sehr mächtiges und bei der Belastung, die auf so vielen lastet, sogar nachvollziehbares Motiv.
      Dazu kommt nocht, dass ich es auch nicht immer leicht finde der eigenen Wahrnehmung zu trauen, habe ich diese Ungeheuerlichkeit wirklich gesehen, hat dieser Mensch seine Worte wirklich so gemeint oder sich nur blöd ausgedrückt etc.

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  2. puzzleblume Februar 10, 2019 / 10:43 am

    So sehr gut beschrieben und in das Jetztleben übertragen!

    Einen ähnlichen Peiniger hatte ich auch, und die Beweggründe, nichts zu sagen, waren teils ähnlich, teils kleinstädtischen Verbindlichkeiten untergeordnet, denn bis dahin hatte ich selbst in den paar Jahren Grundschule durch verschiedene Ereignisse schon gelernt, das meine Lehrer-Eltern im Zweifel niemals die Partei ihrer Kinder ergriffen, sondern sofort Schuld bei uns fanden.

    Mein „D“ ging in dieselbe Schulklasse und war Sohn eines Ladens, in dem meine Eltern Kunden waren. Wir hatten denselben Schulweg, und wenn er mich traf, riss er mich gern am Schulranzen herum oder piesackte, wie es ihm je nach Jahreszeit gerade einfiel, mit Schnee und Dreck. Wegen ihm hatte ich kaputte Sachen, kam zu spät, weil ich ihn von weitem schon sah und deshalb lieber „bummelte“ statt mit ihm zusammen zu treffen, musste wegen Zettelchen an die Freundin stundenlang „nachsitzen“ und bekam entsprechenden Ärger mit den Eltern.
    Meine Mitschüler, die gerade auf demselben Schulweg waren, fanden das völlig ok, dass ich den Jungen eines Tages so wegschubste, dass er selbst in den Dreck fiel.

    Als dessen Mutter am Nachmittag zu meiner kam, um sich zu beschweren und Reinigung seiner Sachen zu verlangen – nach Gründen gefragt hatte das Müttertribunal nicht – musste ich mich bei dem scheinheilig grinsenden Widerling entschuldigen und ihm brav die Hand geben. Wahrscheinlich um der guten Geschäftsbeziehungen und gemeinsamen kleinstädtischen Vereinslebens willen, denke ich heute. Damals verstand ich gar nichts, ich hatte nur das Gefühl, allein zu sein.

    „Petzen“ wird von manchen als Intrige verwendet und wird von denjenigen, denen eine solche Meldung vorgetragen wird, aus persönlichen und hierarchischen Gründen willkürlich beantwortet. ist mein Fazit. Ein Glücksspiel für Opfer, die reden, ein Klassiker, vor allem bei Missbrauch.

    Wenn so die Erfahrung vieler Kinder ist, dass sie persönliche Sanktionen zu erwarten gelernt haben, wo eigentlich sachliche Aufmerksamkeit für die Umstände sein sollte, sind solche „Das-geht-mich-nichts-an“-Menschen die Folge-Erscheinung.

    Mir scheint ausserdem, dass die institutionalisierten Erziehungseinrichtungen, die eigentlich neutralisierend wirken könnten, dieses Verhalten nicht aushebeln, denn wenn im Kindergarten einer den anderen geschubst hat, dass der mit dem Kopf aufschlägt, hat es von den Kleinen seltsamerweise auch schon „keiner gesehen“, weil sie eine Abneigung dagegen haben, von Erziehern in einem ernsten Ton befragt zu werden. Sie reagieren auf den Ton, die Ernsthaftigkeit der Situation, als hätten sie eigene Schuld zu verantworten.

    Diese zweite eigene Geschichte aus dem Familienleben geht noch weiter: auch die Erzieherin rief mich erst an, weil das Kind auf einmal „so komisch schielt“ und schwindelig war, aber keiner gesehen hatte, was passiert war. Na klar. Unter 15 eineinhalb- bis knapp sechsjährigen Kindern und drei Erziehern: niemand.

    So hört das nie auf.

    Gefällt 3 Personen

    • fundevogelnest Februar 15, 2019 / 11:24 pm

      Das sind ja auch unerfreuliche Erinnerungen .
      MMir kommt es immer vor, als gäbe es zwei große Elternfraktionen. Die eine: „Mein Kind hat nie schuld“
      Die andere: „Mein Kind wird schon irgendwie schuld haben“
      Ein sachlicher Umgang fällt oft schwer, mir auch, aber ich bemühe mich wenigstens drum. Wichtig und gleichfalls schwierig scheint mir auch vom ewigen „der hat aber“ wegzukommen zu einer Lösung mit der alle irgendwie leben können.
      Liebe Grüße
      Natalie

      Gefällt 1 Person

      • puzzleblume Februar 16, 2019 / 3:23 pm

        Mir hat es gute Resultate bei den eigenen Kindern gebracht, das Wort „Schuld“ aus dem Vokabular zu streichen und durch das Hinterfragen von Beweggründen zu ersetzen.

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  3. Myriade Februar 10, 2019 / 1:32 pm

    Dein „schmutziges Geheimnis“ ist ja nun nie schmutzig gewesen noch ist es ein Geheimnis geblieben und das ist wohl auch gut so. Das Thema kenne ich sehr gut aus meinem beruflichen Umfeld: es gibt die eine oder andere Kollegin, die es als verpetzen betrachtet, berechtigte Kritik an Kollegen zu üben. Es ist eine Begriffsverwirrung, die zu viel Leid führt. Ebenso wie die Einstellung, dass es unhöflich, unfreundlich, ja geradezu gegen alle Wertvorstellungen ist, eine andere Meinung zu vertreten als der/die Gesprächspartner*in. „Positiv denken“ wird mit Lobhudelei und Kriechen verwechselt.

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    • fundevogelnest Februar 15, 2019 / 11:29 pm

      Ja, aber all‘ die Jahre, in denen ich mein Verhalten als schäbig und schmutzig empfand, habe ich die (letztlich harmlose) Geschichte auch für mich behalten.

      Sachliche, nicht verletzende Kritik zu üben, ist eine sehr hohe Kunst.

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  4. violaetcetera Februar 10, 2019 / 9:47 pm

    Ich hätte mir auch immer gewünscht, dass petzen nicht so negativ bewertet wird, denn oft steckt wirkliches Leid dahinter. Als behindertes Kind war ich auch oft Gegenstand vieler kleiner Grausamkeiten, und damals stand auch hoch im Kurs, dass die Kinder das am besten unter sich regeln sollen. Es war nur leider nie eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe, deswegen hätte ich mir schon manchmal mehr Unterstützung von Erwachsenen gewünscht.

    Gefällt 2 Personen

    • fundevogelnest Februar 15, 2019 / 11:39 pm

      Mir kommt es so vor, als stecke hinter diesem „das sollen die Kinder doch unter sich ausmachen“ sehr viel Bequemlichkeit der Erwachsenen, auch das von Gerda erwähnte „keine Scherereien “ haben wollen,
      Aber was lernen Kinder draus, wenn man sie nicht unterstützt? Die einen: „Ich kann meine Machtphantasien ausleben, wann immer mir danach ist“
      Die anderen : „Mir hilft eh keiner“……
      Erziehen ist eben auch Aufwand.
      Gruß
      Natalie

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  5. Stephanie Jaeckel März 3, 2019 / 5:22 pm

    Hm, ich finde gar nicht, dass Du gepetzt hast. Es war eine grandiose Art, diesen Typen loszuwerden, ohne in eine für alle peinliche Konfrontation zu gehen. Du hast gesagt, was zu sagen war. Ohne Anklage. Wenn Du mich fragst: Cool!

    Gefällt 1 Person

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